Wem gehörst du, Kleine? Komm, ich bringe dich nach Hause, dann wirst du wieder warm.
Ich nahm sie auf den Arm. Brachte sie in mein Haus, und wie das bei uns im Dorf so ist die Neuigkeiten verbreiten sich wie ein Lauffeuer. Kaum war ich da, standen die Nachbarn schon vor der Tür.
Ach herrje, Hildegard, wo hast du das Kind her?
Und was willst du jetzt mit ihr machen?
Bist du denn ganz verrückt, Hildegard? Willst du dir ein Kind aufhalsen? Wovon willst du sie ernähren?
Der Boden knarrte unter meinen Füßen ich dachte mal wieder, dass ich die Dielen dringend reparieren sollte, aber wie das so ist: Die Zeit fehlt immer. Ich setzte mich an den alten Küchentisch und zog mein Tagebuch hervor. Die Seiten waren vergilbt wie Herbstlaub, doch die Tinte bewahrte meine Gedanken. Draußen wirbelte der Schnee; die Birke klopfte mit ihrem Ast ans Fenster, als wolle sie zu Besuch kommen.
Was machst du da für einen Radau? sagte ich zu ihr. Geduld, der Frühling kommt schon noch.
Ja, es mutet seltsam an, mit einem Baum zu sprechen. Aber wenn man jahrzehntelang allein lebt, wird alles um einen herum lebendig. Nach jener schlimmen Zeit blieb ich als Witwe zurück mein Hans war im Krieg gefallen. Seinen letzten Brief bewahre ich heute noch; vergilbt, die Kanten abgenutzt von häufigem Lesen. Er schrieb, er komme bald nach Hause, liebe mich, und dann würden wir endlich glücklich sein Eine Woche später kam die Nachricht.
Kinder hatte mir der liebe Gott nicht geschenkt; vielleicht war es in jenen Jahren ein Segen es herrschte oft Mangel und Hunger. Der Vorarbeiter unseres Dorfkollektivs, Herr Müller, versuchte mich stets aufzuheitern:
Kopf hoch, Hildegard. Du bist noch jung, findest bestimmt wieder einen Mann.
Ich heirate nie wieder, antwortete ich eisern. Einmal habe ich geliebt, das genügt mir.
Im Kollektiv arbeitete ich vom frühen Morgen bis Sonnenuntergang. Der Brigadier, Herr Schäfer, rief abends oft:
Hildegard, geh doch nach Hause, es ist schon spät!
Ich schaff das noch, solange meine Hände arbeiten, bleibt meine Seele jung.
Mein kleiner Hof war bescheiden eine Ziege namens Lotte, so stur wie ich selbst. Fünf Hühner, die mich morgens besser als jeder Hahn weckten. Die Nachbarin, Frau Klara, scherzte mindestens einmal pro Woche:
Sag mal, bist du vielleicht ein Truthahn? Warum krähen deine Hühner immer früher als alle anderen?
Das Gemüse zog ich selbst Kartoffeln, Möhren, Rüben. Alles aus eigenem Anbau. Im Herbst machte ich Einmachgläser voll eingelegte Gurken, Tomaten, Pilze. Im Winter öffnet man ein Glas davon, und es ist, als käme der Sommer zurück ins Haus.
Jenen Tag erinnere ich noch sehr genau. Es war März, feucht und trüb, am Morgen Nieselregen, abends fror es wieder. Ich ging in den Wald, um Holz zu sammeln der Ofen wollte schließlich geheizt werden. Nach den Winterstürmen lag reichlich Totholz herum nur eine Frage des Einsammelns. Als ich mit meinem Bündel zurück zum Dorf ging, kam ich an der alten Brücke vorbei. Da hörte ich plötzlich ein weinendes Kind. Erst dachte ich, der Wind spielt mir einen Streich, doch nein das waren eindeutig kindliche Schluchzer.
Ich stieg hinunter zum Bach und sah ein kleines Mädchen, nass und schmutzig, das Kleid zerrissen, die Augen groß und verängstigt. Als sie mich erblickte, wurde sie ganz ruhig, zitterte aber am ganzen Leib wie ein Eschenblatt.
Wem gehörst du denn, Kleine? fragte ich behutsam, um sie nicht noch mehr zu erschrecken.
Sie schwieg und blinzelte nur mit ihren blauen, eiskalten Lippen; die Hände waren rot vor Kälte.
Du bist ja ganz durchgefroren, murmelte ich. Komm, ich bring dich heim, dann bekommst dus wieder warm.
Ich hob sie hoch sie war so leicht wie eine Feder. Wickelte sie in mein Kopftuch und drückte sie an meine Brust. Ich dachte dabei immerzu: Was für eine Mutter kann ihr Kind denn so unter der Brücke lassen? Es wollte mir nicht in den Kopf.
Das Holz ließ ich liegen das Kind war jetzt wichtiger. Den ganzen Weg schwieg sie, klammerte sich nur mit ihren klammen Fingern an meinen Hals.
Daheim dauerte es nicht lange, bis die ersten Nachbarn kamen bei uns dauert es nie lang, bis das Dorf Bescheid weiß. Klara war die Erste:
Um Himmels Willen, Hildegard, wo hast du die Kleine her?
Unter der Brücke gefunden, sagte ich. Ausgesetzt.
Oh je, was für ein Unglück Und was machst du jetzt mit ihr?
Was wohl? Sie bleibt erst mal bei mir.
Bist du verrückt, Hildegard? mischte sich die alte Frau Mathilde ein. Was willst du mit einem Kind? Wovon willst du sie großziehen?
Was Gott gibt, reicht immer aus, erwiderte ich.
Als Erstes heizte ich den Ofen ordentlich an, erhitzte Wasser. Das Kind war übersät mit blauen Flecken, abgemagert, die Rippen traten hervor. Ich badete sie im warmen Wasser, zog ihr meine alte Strickjacke an andere Kindersachen hatte ich ja nicht.
Hast du Hunger? fragte ich.
Sie nickte scheu.
Ich gab ihr den gestrigen Gemüseeintopf, schnitt ihr Brot dazu ab. Sie aß schnell, aber manierlich; man sah, sie war kein Straßenkind, sondern hatte einmal ein Zuhause gehabt.
Wie heißt du denn?
Nichts. Ob sie sich nicht traute oder nicht sprechen konnte, wusste ich nicht.
Zum Schlafen legte ich sie in mein eigenes Bett, richtete mich selbst auf der Bank ein. Nachts wachte ich immer wieder auf und sah nach ihr. Sie schlief zusammengerollt, schluchzte im Traum.
Am nächsten Morgen ging ich zuerst zum Bürgermeister um zu melden, dass ich das Kind gefunden hatte. Herr Schuster zuckte nur die Schultern:
Es gab keine Vermisstenanzeige wegen eines Kindes. Vielleicht hat jemand aus der Stadt sie hierher gebracht
Und was soll ich jetzt tun?
Rechtlich müsste das Kind ins Waisenhaus. Ich rufe heute im Kreisamt an.
Mir krampfte das Herz:
Warte noch, Herr Schuster. Gib mir etwas Zeit vielleicht melden sich die Eltern noch. Bis dahin bleibt sie bei mir.
Überleg gut, Hildegard
Es gibt nichts zu überlegen. Die Sache ist entschieden.
Ich nannte sie Margarete nach meiner Mutter. Ich dachte, vielleicht tauchen die Eltern noch auf, aber sie kamen nie. Gott sei Dank; ich hatte sie längst ins Herz geschlossen.
Anfangs war es schwer sie sprach kein Wort, schaute mit großen Augen durch die Stube, als suche sie etwas. Nachts wachte sie schreiend auf. Ich nahm sie zu mir, strich ihr übers Haar:
Es ist gut, meine Kleine, alles wird gut.
Aus alten Kleidern nähte ich ihr neue Sachen. Ich färbte sie bunt blau, grün, rot. Es war schlicht, aber fröhlich. Klara rief gleich:
Ach Hildegard, du hast wirklich goldene Hände! Ich dachte, du kannst nur mit dem Spaten umgehen.
Das Leben lehrt einen alles, Schneiderin genauso wie Amme, antwortete ich. Und insgeheim freute ich mich über das Lob.
Doch nicht alle im Dorf waren so verständig. Besonders Frau Mathilde wenn sie uns sah, bekreuzigte sie sich:
Das bringt kein Glück, Hildegard. Ein Findelkind ins Haus holen das ist Unglück! Sicher war die Mutter nichts wert, sonst hätte sie das Kind nicht fortgegeben. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm
Sei ruhig, Mathilde! unterbrach ich sie. Es steht dir nicht zu, fremde Sünden zu richten. Das Kind ist jetzt meines, und damit basta.
Der Vorarbeiter vom Kollektiv war anfangs auch skeptisch:
Denk darüber nach, Hildegard, sollte das Kind nicht besser ins Heim? Dort wird es satt und ordentlich angezogen.
Und wer liebt es dann? fragte ich zurück. Im Waisenhaus gibt es genug Waisen.
Er winkte ab, doch schon bald half er brachte Milch, schickte Grütze vorbei.
Langsam taute Margarete auf. Anfangs kamen die Worte nur zögerlich, dann ganze Sätze. Ich erinnere mich gut, wie sie zum ersten Mal lachte ich fiel damals vom Stuhl, weil ich Gardinen aufhängte. Saß am Boden und stöhnte, da lachte sie so hell und unbeschwert. Sofort war mein Schmerz vergessen.
Im Garten half sie. Ich gab ihr eine kleine Hacke, und sie stolzierte neben mir her und imitierte mich trat aber meistens mehr Unkraut in die Beete, als dass sie es rupfte. Aber ich schimpfte nie; ich war nur froh, dass so viel Leben in ihr steckte.
Dann, eines Tages, wurde Margarete krank hohes Fieber, sie phantasierte. Ich rannte zum Dorfarzt, Herrn Simon:
Um Gottes willen, hilf uns!
Er hob die Hände:
Medikamente? Hildegard, ich habe für das ganze Kollektiv nur drei Aspirintabletten. Vielleicht bringen sie nächste Woche was.
Nächste Woche? schrie ich. Sie überlebt den Morgen vielleicht nicht!
Ich lief also bis in die Kreisstadt, neun Kilometer durch Matsch. Die Schuhe waren ruiniert, die Füße voller Blasen. Im Krankenhaus wurde ich vom jungen Arzt, Herrn Fuchs, begrüßt. Er sah mich, dreckig und nass, und sagte bloß:
Warten Sie hier.
Er brachte Medikamente und erklärte mir das Dosieren:
Bezahlen müssen Sie nichts, sagte er, aber sorgen Sie dafür, dass das Mädchen wieder gesund wird.
Drei Tage wich ich nicht von Margaretes Seite. Ich flüsterte alte Gebete, wechselte Kompressen, tat alles. Am vierten Tag sank das Fieber, sie öffnete die Augen und sagte leise:
Mama, ich habe Durst
Mama Zum ersten Mal nannte sie mich so. Ich musste weinen vor Glück, vor Erschöpfung, vor allem zusammen. Sie wischte mir mit ihrer kleinen Hand die Tränen ab:
Mama, warum weinst du? Tuts weh?
Nein, sagte ich, das ist vor Freude, mein Mädchen.
Nach jener Krankheit wurde sie ein ganz anderes Kind verschmust und gesprächig. Bald ging sie zur Schule die Lehrerin war voll des Lobes:
Eine so begabte Schülerin sie versteht alles sehr schnell!
Auch die Dorfbewohner gewöhnten sich an uns; keiner tuschelte mehr hinter meinem Rücken. Selbst Mathilde taute auf brachte uns gelegentlich Kuchen vorbei. Besonders liebte sie Margarete nach jenem Winter, als das Mädchen ihr half, bei der Eiseskälte den Ofen anzuschüren. Die alte Frau lag mit Hexenschuss danieder und hatte kein Holz parat. Margarete bot sich von sich aus an:
Mama, lass uns zu Mathilde gehen. Sie friert doch allein.
So entstand eine Freundschaft die alte Grantlerin und mein Kind. Mathilde erzählte ihr Märchen, brachte ihr das Stricken bei, und nie sprach sie mehr von Findelkindern oder schlechter Herkunft.
Die Jahre gingen dahin. Margarete war neun, als sie zum ersten Mal von der Brücke sprach. Wir saßen abends zusammen, ich stopfte Socken, sie wiegte ihre Stoffpuppe die ich ihr genäht hatte.
Mama, erinnerst du dich, wie du mich gefunden hast?
Es stach mir ins Herz, aber ich ließ mir nichts anmerken:
Ich erinnere mich, mein Kind.
Ich erinnere mich auch ein wenig. Es war kalt. Und ich hatte Angst. Eine Frau hat geweint, dann ist sie gegangen.
Ich ließ die Stricknadeln fallen. Margarete fuhr fort:
Ich kann mich an ihr Gesicht nicht erinnern. Nur an ein blaues Kopftuch. Und sie wiederholte immer: Verzeih mir, verzeih
Margarete
Mach dir keine Sorgen, Mama. Ich bin nicht traurig. Manchmal denke ich einfach daran. Weißt du was? sie lächelte plötzlich. Ich bin froh, dass du mich damals gefunden hast.
Ich umarmte sie fest, und mir schnürte sich die Kehle zu. Wie oft habe ich nachgedacht wer war die Frau mit dem blauen Kopftuch? Was hat sie gezwungen, ihr Kind unter der Brücke zu lassen? Vielleicht hungerte sie selbst, oder ihr Mann trank Das Leben kennt viele Abgründe. Es steht mir nicht zu, zu richten.
In jener Nacht konnte ich lange nicht schlafen. Ich dachte: Das Leben wendet sich oft anders, als man glaubt. Ich hatte geglaubt, das Leben habe mich benachteiligt, zur Einsamkeit verdammt. Doch vielleicht hat es mich einfach vorbereitet damit ich bereit war, ein verlassenes Kind aufzunehmen und zu wärmen.
Nach jener Nacht fragte Margarete oft nach ihrer Vergangenheit. Ich verschwieg ihr nichts, versuchte jedoch, ihr alles so zu erklären, dass es ihr nicht weh tat:
Weißt du, manchmal geraten Menschen in Umstände, die keinen Ausweg lassen. Vielleicht litt deine Mama sehr, als sie diese Entscheidung traf.
Du würdest mich niemals verlassen, oder? fragte sie und schaute mir tief in die Augen.
Niemals, sagte ich bestimmt. Du bist mein Glück, meine Freude.
Die Jahre vergingen wie im Flug. Margarete wurde in der Schule zur besten Schülerin. Sie kam nach Hause und strahlte:
Mama, Mama! Ich durfte heute ein Gedicht vortragen, und Frau Meier meinte, ich hätte Talent!
Unsere Lehrerin, Frau Meier, sprach oft mit mir:
Hildegard, Ihre Tochter muss unbedingt weiter zur Schule gehen. So ein heller Kopf ist selten. Sie hat ein besonderes Händchen für Sprachen und Literatur. Sie sollten mal ihre Aufsätze lesen!
Wo soll sie denn weiterlernen? seufzte ich. Wir haben doch kaum Geld
Ich helfe beim Vorbereiten. Ohne Bezahlung. Es wäre eine Sünde, so ein Talent verkümmern zu lassen.
So bereitete Frau Meier Margarete nachmittags vor. Sie saßen bei uns in der Stube, die Köpfe über die Bücher gebeugt. Ich brachte ihnen Tee mit Himbeermarmelade und lauschte, wie sie über Goethe und Schiller, Storm und Fontane diskutierten. Mein Herz wurde weit mein Mädchen verstand alles, lernte fleißig.
Im neunten Schuljahr verliebte sich Margarete das erste Mal in den neuen Jungen, der mit seiner Familie ins Dorf gezogen war. Sie litt schrecklich, schrieb Gedichte in ein Heft, das sie unter dem Kopfkissen versteckte. Ich tat, als würde ich nichts merken, aber als Mutter ahnt man alles die erste Liebe, das ist nie leicht, oft schmerzlich.
Nach dem Abschluss bewarb sich Margarete am Pädagogischen Institut. Ich gab ihr alles Geld, das ich hatte, verkaufte sogar die Kuh es tat mir weh um Liesel, aber was sollte ich tun?
Mama, das musst du nicht tun, protestierte Margarete. Wie sollst du ohne die Kuh klarkommen?
Das schaff ich schon, mein Kind. Kartoffeln und Eier hab ich genug. Du musst lernen.
Als der Brief vom Institut kam, war das ganze Dorf aus dem Häuschen. Selbst Herr Müller, der Vorarbeiter, kam zum Gratulieren:
Hilde, du hast ein Kind großgezogen, ihm Bildung ermöglicht. Jetzt haben wir eine richtige Studentin!
Ich erinnere den Tag der Abreise noch gut. Wir standen an der Haltestelle, warteten auf den Bus. Sie umarmte mich, die Tränen liefen ihr die Wangen herunter.
Ich schreib dir jede Woche, Mama. Und komme in den Ferien heim.
Natürlich schreibst du, sagte ich. Und mir brach beinahe das Herz.
Als der Bus am Horizont verschwand, blieb ich einfach stehen. Klara kam, legte mir die Hand auf die Schulter:
Komm, Hilde. Daheim wartet Arbeit.
Weißt du, Klara, sagte ich, ich bin glücklich. Die anderen haben eigene Kinder, ich habe mein Gotteskind.
Sie hielt Wort schrieb regelmäßig. Jede ihrer Briefe war für mich wie ein Feiertag. Ich las sie immer wieder, kannte jeden Satz auswendig. Sie erzählte vom Studium, von neuen Freundinnen, der Stadt. Zwischen den Zeilen spürte ich ihre Sehnsucht nach Zuhause.
Im zweiten Studienjahr lernte Margarete ihren Georg kennen auch Student, ein Historiker. Sie erwähnte ihn zuerst nur beiläufig, aber ich spürte es sofort sie verliebte sich erneut. In den Sommerferien brachte sie ihn zum Kennenlernen mit.
Ein fleißiger und bodenständiger Kerl war das! Half mir das Dach reparieren, setzte den Zaun instand. Mit den Nachbarn war er sogleich auf gutem Fuß. Abends saß er auf der Veranda, erzählte von Geschichte man kam aus dem Staunen nicht heraus. Klar war: Er liebte Margarete innig, schaute sie glücklich an.
Wenn sie während der Semesterferien nach Hause kam, schaute das ganze Dorf, wie aus dem Mädchen eine schöne junge Frau geworden war. Mathilde, inzwischen sehr alt, bekreuzigte sich jedes Mal:
Mein Gott, ich wollte dich damals abhalten, das Kind zu behalten. Verzeih mir, du alte Närrin. Schau, was für ein Glück du aufwachsen ließest!
Heute ist sie selbst Lehrerin, unterrichtet an einer Schule in der Stadt. Erzieht ihre eigenen Kinder, wie einst Frau Meier sie. Mit Georg ist sie glücklich verheiratet, hat mir ein Enkelkind geschenkt Hildegard, nach mir benannt.
Die kleine Hildegard ist Margarete wie aus dem Gesicht geschnitten, nur mutiger. Wenn sie zu Besuch kommen, ist kaum Ruhe im Haus alles muss erkundet, überall muss hineingeklettert werden. Und ich freue mich so muss es sein, Kinderlachen gehört ins Haus wie die Glocken in die Kirche.
Jetzt sitze ich hier, schreibe ins Tagebuch; draußen wirbelt wieder der Schnee. Der Boden knarrt wie eh und je, die Birke klopft noch immer ans Fenster. Aber die Stille bedrückt nicht mehr wie früher. In ihr liegt Frieden und Dankbarkeit für jeden gelebten Tag, für jedes Lachen meiner Margarete, dafür, dass das Schicksal mich damals zur alten Brücke geführt hat.
Auf meinem Tisch steht ein Foto Margarete, Georg und die kleine Hildegard. Daneben das alte blaue Kopftuch, in das ich sie damals gewickelt habe. Ich bewahre es als Andenken. Ab und zu hole ich es hervor, streiche darüber und spüre die Wärme von damals.
Gestern kam ein Brief Margarete schreibt, dass sie wieder schwanger ist. Einen Jungen erwarten sie. Georg hat den Namen schon ausgesucht Hans, zu Ehren meines Mannes. So geht die Familie weiter, und unsere Erinnerungen leben fort.
Die alte Brücke gibt es schon lange nicht mehr, sie wurde durch einen Betonbau ersetzt. Ich gehe heute selten dorthin, aber jedes Mal halte ich einen Moment inne. Und denke darüber nach wie viel ein einziger Tag, eine Begebenheit, ein kindlicher Ruf an einem feuchten Märzabend verändern kann
Die Leute sagen, das Schicksal prüft uns durch Einsamkeit, um uns den Wert der Nähe beizubringen. Aber ich glaube, es bereitet uns auf Begegnungen mit den Menschen vor, die uns am meisten brauchen. Ob leiblich oder nicht, zählt am Ende wenig allein das Herz entscheidet. Und mein Herz, damals unter der alten Brücke, hat den richtigen Weg gewiesen.





