Matthias sprang in letzter Sekunde in den Bus. Im Büro hatte er zehn Minuten länger bleiben müssen, um eine eilige Aufgabe zu erledigen. Alle anderen waren schon weg, aber er dachte, er würde den Bus noch rechtzeitig erwischen und tatsächlich, wäre er später gekommen, hätte er Silvester wohl auf der Straße verbringen müssen.
Zusammen mit dem Chefingenieur ihrer Baufirma verließ Matthias das Büro. Auf dem Parkplatz bot ihm der Ingenieur an, ihn zum ZOB zu fahren. Dort verabschiedete sich Matthias, wünschte dem Chef ein frohes neues Jahr und rannte zum Bus. Fast alle Plätze waren belegt, nur eins war noch frei neben einer schwangeren Frau. Er setzte sich und grüßte höflich:
Ich hoffe, ich störe Sie nicht? Sonst kann ich auch stehen, kein Problem.
Nein, nein, alles gut. Bleiben Sie ruhig sitzen, antwortete sie und wandte sich zum Fenster.
Matthias dämmerte schnell weg. Er hatte es nicht weit, und Angst, einzuschlafen, hatte er nicht denn hinterm Steuer saß sein Landsmann, Onkel Ralf, der ihn schon oft im heimischen Aschberg geweckt hatte.
Doch plötzlich begann die Frau neben ihm zu stöhnen. Benommen fragte Matthias:
Ist etwas passiert?
Ach, ich habe ihnen doch gesagt, sie sollen mich da lassen! Aber nein, sie meinten, es wäre noch zu früh. Ich wollte nur heim, und jetzt… Oh, es geht los… Was mache ich jetzt nur… wie soll ich denn zurück ins Krankenhaus, oh je…
Die Fahrgäste drehten sich erschrocken um, und Matthias lief zum Fahrer.
Onkel Ralf, was machen wir denn? Die Frau neben mir… sie… stotterte er aufgeregt und wusste nicht, wie er die Situation erklären soll.
Der Busfahrer reagierte sofort, stellte den Bus quer auf die Straße, sprang hinaus und lief ein Stück vor. Eine Autofahrt kam entgegen. Matthias folgte. Das Auto hielt an.
Die Frau muss ganz dringend ins Krankenhaus, erklärte Onkel Ralf. Matthias, hol sie!
Was, jetzt? Es ist gleich Mitternacht, und ich soll mit einer fremden Frau herumfahren? Hinter mir steht schon eine Schlange, hören Sie doch das Gehupe!
Onkel Ralf zückte sein Handy.
Moment, ich notiere mir Ihr Kennzeichen, dann fahren Sie weiter, mein Guter. Wenn mit der Frau oder dem Kind etwas passiert, dann ist meine Verantwortung klar Zeugen gibt es auch genug. Matthias, du hast die Unterhaltung auch gehört, richtig?
Klar, Onkel Ralf, ich hole sie. Außer mir gibts gerade nur noch einen alten Herrn und einen Jugendlichen, wir kriegen das hin!
Der Autofahrer zögerte, legte dann aber zögerlich eine Decke auf den Rücksitz.
Na dann, los, seufzte er.
Auf der Landstraße Richtung München rasten sie zum Krankenhaus. Matthias rief seine Mutter an:
Mama, das Fest fällt für mich aus, erklärte er ihr die Lage.
Schon gut, Junge. Hol dir lieber die Nummer von ihr und informiere ihre Familie, die werden sie sonst suchen.
Im Auto fragte der Fahrer:
Und Sie sind… was für sie? Für ihren Mann zu jung.
Wir kennen uns gar nicht, saßen bloß im Bus zusammen!
Der Fahrer lachte nervös. Sie kamen am Krankenhaus an; Matthias und der Fahrer halfen der Frau aus dem Auto, der Fahrer zeigte den Weg zur Notaufnahme. Matthias brachte sie hinein und übergab sie dem Personal. Im Flur blieb er stehen nach Hause konnte er nicht. Er wohnte mit einem Kumpel zusammen, und der erwartete seine Freundin zum romantischen Silvesterabend.
Egal, hier wird mich doch niemand rausschmeißen…
Warum sind Sie hiergeblieben? fragte eine Krankenschwester, die zurückkam.
Ich habe einfach keinen Ort, wo ich sonst hin könnte. Vielleicht darf ich noch etwas bleiben?
Und wer sind Sie für die Frau?
Niemand, wir saßen nur zufällig nebeneinander im Bus, unterwegs wurde ihr schlecht.
Die Schwester nickte anerkennend und brachte ihn in einen Nebenraum:
Setz dich, wir sammeln uns gegen Mitternacht hier, komm mit, dann feierst du mit uns Silvester. Sie lachte. Angst brauchst du nicht, bei uns sind heute nur zwei Männer du bist der zweite. Ruh dich bis dahin auf der Liege aus, deine Jacke hänge ich im Flur auf, hier geht nichts verloren, die Tür ist abgeschlossen.
Matthias schlief ein. Im Traum war er auf einer Eisbahn, lachte mit einem fröhlichen Mädchen, beide rannten auf Kufen zur Tanne in der Mitte des Platzes so glücklich war er schon lange nicht mehr.
Dann weckte ihn eine Stimme:
Aufstehen, es ist viertel vor zwölf. Über ihm stand eine sympathische junge Frau und lächelte. Los, wir feiern doch gleich! Im Schwesterzimmer steht ein Bäumchen viel gemütlicher als hier. Alkohol gibts keinen, aber Kindersekt!
Ach, wegen mir, protestierte Matthias.
Doch, komm, wir brauchen dich unser Viktor ist der einzige Mann sonst.
Sie zog ihn mit sich, Matthias dachte:
So verbringt man also Silvester im Krankenhaus. Davon wird mir keiner glauben. Aber immerhin ich habe geholfen, ein Kind zur Welt zu bringen!
Ich heiße Matthias. Und Sie?
Rita, sagte sie lächelnd.
Und wie geht es der Frau von vorhin?
Sie hat einen Jungen bekommen, 3.900 Gramm.
Ist das gut?
Sehr sogar. Ich zeig ihn dir morgen.
Die Nacht wurde richtig fröhlich. Sie prosteten sich mit Kindersekt zu, tanzten sogar, Matthias und der Anästhesist Viktor unterhielten das Krankenhausteam. Früh am Morgen führte Rita ihn zum Neugeborenen so hilflos, so zart. Doch die Mama strahlte:
Junge, können Sie sich vorstellen wir haben zwei Mädchen, mein Mann wünschte sich immer einen Sohn. Wie heißen Sie?
Matthias, antwortete er.
Ich bin Alexandra.
Ich habe gestern Ihren Mann erreicht, er kommt am Vierten zurück.
Und du, verzeih mir, ich habe dir das Fest verdorben.
Ach was, mit der Familie feiere ich noch oft aber so etwas? Das erlebt man nur einmal.
Mit Rita verließ Matthias am folgenden Vormittag das Krankenhaus. Der Neuschnee knirschte unter den Sohlen, Rita lachte:
Endlich Frost, bald kann man im Park wieder Schlittschuh laufen.
Da erinnerte Matthias sich an seinen Traum.
Wollen wir Nummern austauschen? Vielleicht gehen wir mal gemeinsam Schlittschuh laufen?
Sie lachten und speicherten ihre Kontakte.
Er brachte Rita nach Hause, sie wohnte nah beim Busbahnhof, dann machte er sich selbst auf den Weg so glücklich, dass er es kaum glauben konnte. Alles in ihm strahlte.
Im Bus klopfte er Onkel Ralf auf die Schulter:
Frohes neues Jahr, Onkel Ralf wissen Sie, ich hab Silvester dieses Jahr im Krankenhaus gefeiert.
Das war eine Nacht! sagte der Fahrer. Gut, dass du die Frau gebracht hast mein dritter Fall zur Silvesternacht. Beim ersten Mal hat der Ehemann uns noch überholt und selbst ins Krankenhaus gefahren.
Matthias setzte sich ans Fenster und stellte sich vor, wie er mit Rita Eis laufen würde.
Die Feiertage vergingen wie im Flug. Nach einem Anruf stand Matthias wieder vor der Entbindungsklinik, Rita kam freudestrahlend auf ihn zu und lief ihm lachend in die Arme und zum ersten Mal wusste Matthias, dass seine Traumfrau ganz real war.
Fast ein Jahr verging. Matthias und Rita warteten am ZOB auf den Bus nach Aschberg, als ein Auto neben ihnen anhielt.
Hallo, mein Retter! rief eine vertraute Stimme.
Auf dem Rücksitz sah Matthias die Frau von damals sie lächelte.
Na, erkannt? Ich erinnere mich noch an euch beide Rita, oder? Und ich bin Alexandra. Und das hier ist, naja, quasi euer Patenkind.
Ein kleiner Junge im Kindersitz hörte neugierig zu.
Du siehst toll aus! Damals hattest du Angst, und alles tat weh Ich hatte Panik und dann haben Sie mir geholfen. Mein Mann hier, das ist Slava. Das sind meine Retter: Matthias und Rita. Wohin fahrt ihr?
Nach Aschberg, zu meinen Eltern mit tollen Neuigkeiten: Wir haben das Aufgebot bestellt, im Januar ist Hochzeit, sagte Matthias.
Ich freue mich so für euch! Ohne mich hätte es euch als Paar wohl nicht gegeben, lachte Alexandra.
Ihr Mann fragte:
Aschberg? Wo gehts lang, Matthias?
Wenige Minuten später hielt das Auto am Elternhaus.
Alles Glück der Welt! Ihr habt es euch verdient, rief Alexandra zum Abschied.
Matthias nahm Rita sanft an der Hand und führte sie hinein dorthin, wo sie längst voller Vorfreude erwartet wurden.





