Mein Name ist Heinrich, ich bin 78 Jahre alt.
Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Rat bei Fremden suchen würde, aber hier sitze ich nun. Ich brauche eine ehrliche Meinung.
Die meiste Zeit meines Erwachsenenlebens war ich alleinerziehender Vater. Meine Frau, Gertrud, starb an Krebs, als unsere Tochter, Annegret (heute 35), gerade zehn Jahre alt war.
Diese Zeit war für uns beide sehr schwer, aber wir haben sie gemeinsam durchgestanden. Von da an waren wir nur noch wir zwei gegen den Rest der Welt. Ich gab alles, um Annegret sowohl Mutter als auch Vater zu sein, arbeitete unermüdlich, damit sie jede erdenkliche Chance im Leben bekam.
Annegret wuchs zu einer guten jungen Frau heran. Natürlich hatte sie ihre Trotzphasen, aber sie war grundsätzlich freundlich, fleißig und vernünftig. In der Schule lief es gut, später bekam sie ein Teilstipendium fürs Studium und nach dem Abschluss einen guten Job in einer Bank.
Ich war immer sehr stolz auf sie und habe beobachtet, wie sie zu einer erfolgreichen Erwachsenen wurde. Wir blieben uns nah, auch nachdem sie auszog wir telefonierten regelmäßig und aßen mindestens einmal die Woche zusammen zu Abend.
Papa, sagte sie eines Abends und schaute mich dabei nicht einmal an. Es tut mir leid. Ich weiß, ich habe dir gesagt, es sei ein Häuschen, aber Das hier ist besser für dich. Hier wird sich jemand um dich kümmern.
Um mich kümmern? Ich brauche wirklich keine Hilfe, ich bin völlig selbstständig! Warum hast du mich angelogen?
Bitte, Papa. Endlich sah sie mir in die Augen, ihr Blick voller Flehen.
In letzter Zeit vergisst du öfter mal etwas. Ich mache mir Sorgen, weil du alleine lebst. Hier gibt es alles, was du brauchst, falls mal etwas passiert.
Jeder vergisst doch mal was!, schrie ich, und mir liefen die Tränen vor Wut übers Gesicht.
Das stimmt nicht, Annegret. Bring mich sofort nach Hause!
Annegret schüttelte den Kopf, und dann kam der schwerste Schlag des Tages:
Das geht nicht, Papa. Ich ich habe das Haus schon verkauft.
Mir wurde regelrecht der Boden unter den Füßen weggezogen.
Klar, ich hatte zugestimmt zu verkaufen, aber gedacht, dass noch viel mehr Zeit bleibt. Ich wollte die neuen Eigentümer kennenlernen, sicherstellen, dass eine nette Familie unser Haus übernimmt, ihnen erzählen, wie man die alte Eiche im Garten pflegt.
Deshalb war das, was vor gut einem Jahr passierte, für mich der pure Schock. Es war ein ganz normaler Dienstagabend, als Annegret ganz aufgeregt vor meiner Tür stand.
Papa, sagte sie, ich habe etwas Tolles getan! Ich habe dir ein kleines Häuschen auf dem Land gekauft!
Ein Häuschen? Wovon redest du, Annegret?
Es ist ein perfekter Ort, Papa. Ruhig, friedlich Genau das, was du jetzt brauchst. Du wirst es lieben!
Ich war verblüfft. Einfach so umziehen? So weit weg? Das war mir viel zu viel.
Annegret, das hättest du nicht tun müssen. Mir geht es hier doch gut.
Aber sie blieb hartnäckig:
Doch, Papa. Du hast es verdient. Das Haus hier ist viel zu groß für dich allein. Es ist Zeit für etwas Neues. Vertraue mir, das wird schön.
Ich war skeptisch, das gebe ich zu. Unser Familienhaus war seit über dreißig Jahren mein Zuhause. Hier ist Annegret groß geworden, hier haben Gertrud und ich unser gemeinsames Leben aufgebaut. Aber meine Tochter war so begeistert, so sicher, dass dies richtig für mich sei. Und ich vertraute ihr.
Wir hatten uns schließlich immer aufeinander verlassen.
So ließ ich mich trotz meiner Zweifel darauf ein, packte meine Sachen und verkaufte das Haus. Annegret regelte alles Organisatorische sie war so umsichtig, dass ich meine Bedenken zur Seite legte.
Der große Tag kam. Wir fuhren los, sie sprach begeistert über die Vorteile des neuen Zuhauses. Doch je weiter wir uns von der Stadt entfernten, desto mulmiger wurde mir. Die Landschaft wurde trostloser. Es war nicht das idyllische Land, das ich mir ausgemalt hatte: keine sanften Hügel, keine schönen Aussichten. Statt Nachbarn und dem Trubel Frankfurts gab es nur leere Felder, Monotonie, sogar einen verlassenen Bauernhof.
Die Häuschen, die ich mit Gertrud früher mal in Erwägung gezogen hatte, waren heimelig und lagen mitten im Grünen. Aber das hier war ganz anders.
Annegret, fragte ich, kann es sein, dass wir uns verfahren haben? Das ist doch nicht das Land, das ich mir vorgestellt habe.
Sie versicherte, wir seien auf dem richtigen Weg, wich jedoch meinem Blick aus.
Nach etwa einer Stunde bogen wir auf eine endlose, gewundene Allee ein. Am Ende stand ein riesiges, graues Gebäude. Mein Herz blieb einen Moment stehen, als ich das Schild las: Abendsonne.
Es war kein Häuschen. Es war ein Seniorenheim.




