Züchtet man aus ihm einen Schwächling
Warum hast du ihn denn in die Musikschule geschickt?
Hannelore Schneider kam an der Schwiegertochter vorbei und zog sich dabei energisch die Handschuhe aus.
Guten Tag, Hannelore. Kommen Sie herein. Ich freue mich auch sehr, Sie zu sehen.
Mein sarkastischer Ton verfehlte sein Ziel. Meine Schwiegermutter warf die Handschuhe aufs Sideboard und drehte sich zu mir.
Mirko hat mir am Telefon alles berichtet. Er war ganz aus dem Häuschen hat gesagt, er wird jetzt Klavier spielen! Was ist das für ein Unsinn? Was hast du denn mit ihm vor, ist er etwa ein Mädchen?
Ich schloss die Wohnungstür langsam, bedacht. Nur um nicht jetzt loszubrüllen.
Ihr Enkel wird Musikunterricht bekommen. Es macht ihm richtig Spaß.
Spaß? Hannelore schnaubte, als hätte ich die dümmste Sache der Welt gesagt. Er ist sechs, der weiß doch selbst nicht, was ihm Spaß macht. Du musst ihn führen. Ein Junge, mein Enkel, unser Stammhalter und was machst du aus ihm?
Sie marschierte in die Küche und stellte routiniert den Wasserkocher an. Ich folgte ihr, biss mir so fest auf die Zähne, dass ich es im Kiefer spürte.
Ich will, dass er ein glückliches Kind ist.
Du ziehst aus ihm eine Memme und ein Weichei! Hannelore stemmte die Hände in die Hüften. Du hättest ihn zum Fußball schicken sollen! Oder zum Ringen! Damit er ein richtiger Mann wird und nicht… irgendein Pianist!
Ich lehnte mich gegen den Türrahmen, zählte bis fünf. Es half nichts.
Mirko hat es sich selbst ausgesucht. Er liebt Musik.
Ach was! Sie winkte ab. Günther hat in dem Alter mit den Jungen auf dem Bolzplatz gespielt und Eishockey sogar! Und deiner? Der sitzt und klimpert Tonleitern? Peinlich!
Irgendwas in mir riss. Ich schob mich weg vom Rahmen und trat einen Schritt näher.
Sind Sie fertig?
Nein, ich bin nicht fertig! Ich wollte dir längst mal sagen…
Und ich wollte Ihnen schon lange deutlich machen Mirko ist mein Sohn. Mein. Und ich entscheide allein, wie ich ihn erziehe. Da werden Sie sich nicht einmischen.
Hannelore wurde rot im Gesicht.
Wie redest du mit mir?!
Gehen Sie.
Was?!
Ich ging an ihr vorbei in den Flur, riss ihren Mantel von der Garderobe und drückte ihn ihr in die Arme.
Verlassen Sie bitte meine Wohnung.
Du wirfst mich raus?! Mich?!
Ich öffnete die Tür. Packte sie am Ellenbogen und zog sie Richtung Ausgang. Hannelore sträubte sich, versuchte sich loszumachen, aber ich ließ sie nicht. Ich schob sie energisch vor die Tür.
Ich werde mich durchsetzen! Hannelore drehte sich auf dem Treppenabsatz um, ihre Wut spiegelte sich im ganzen Gesicht. Hörst du?! Ich lasse nicht zu, dass du meinen einzigen Enkel ruinierst!
Auf Wiedersehen, Hannelore.
Günther wird alles erfahren! Ich werde ihm alles sagen!
Ich schloss die Tür hinter ihr, lehnte mich dagegen und atmete alles langsam aus.
Noch eine Weile drangen gedämpfte Schreie durch die Tür, dann dumpfe Schritte die Treppe hinab. Nach ein paar Minuten war Ruhe.
Sie hatte mich endgültig geschafft. Diese ewigen Einmischungen, Ratschläge, Belehrungen wie ich erziehen soll, was er essen oder tragen soll. Und Mirko sah das alles nicht wirklich als Problem. Mama meint es doch gut, Die ist erfahren, Hör sie dir halt an. Seine Mutter idealisierte er, jedes Wort von ihr war Gesetz. Und ich musste alles einstecken. Tag für Tag, Besuch für Besuch.
Aber heute nicht.
Mirko kam kurz nach acht aus dem Büro nach Hause. Als ich das Klick vom Schloss hörte, wusste ich gleich: Hannelore hatte ihn angerufen. Er warf die Schlüssel auf das Sideboard, ging schwer in die Küche, ignorierte den Raum, in dem unser Sohn, Emil, Cartoons schaute.
Emil, mein Schatz, bleib mal hier, sagte ich, hockte mich zu ihm und setzte ihm die großen Kopfhörer auf. Auf dem Tablet startete die Lieblingsserie mit Robotern. Wir müssen reden, Papa und ich.
Emil nickte, vertieft in den Bildschirm. Ich schloss leise die Kinderzimmertür und ging in die Küche.
Mirko stand am Fenster, die Arme verschränkt. Drehte sich nicht um, als ich reinkam.
Du hast meine Mutter rausgeworfen.
Keine Frage. Eine Feststellung.
Ich habe sie gebeten zu gehen.
Du hast sie rausgeschmissen! Mirko drehte sich um, die Kiefermuskeln spielten unter der Haut. Zwei Stunden hat sie mir ins Telefon geweint! Zwei Stunden, Jana!
Ich setzte mich an den Tisch. Die Beine schwer vom Tag im Büro, und jetzt das…
Findest du es normal, dass sie mich verletzt hat?
Er stockte, blinzelte, dann zuckte er mit der Hand abwehrend.
Sie macht sich halt Sorgen um ihren Enkel. Was ist daran schlimm?
Sie hat unseren Sohn als Schwächling und Weichei bezeichnet. Sechs Jahre ist er alt, Mirko.
Sie hat sich da einfach im Ton vergriffen, kommt mal vor. Aber in einem Punkt hat meine Mutter recht, Jana. Jungs brauchen Sport. Teamgeist, ein bisschen Härte…
Ich sah ihm lange schweigend in die Augen, bis er wegschauen musste.
Ich wurde als Kind zur Turnerin gemacht. Meine Mutter hat entschieden: Du wirst das! Punkt. Fünf Jahre, Mirko. Fünf Jahre habe ich vor jeder Stunde geweint. Spagat gequält, abgenommen, gefleht, mich da rauszuholen.
Mirko schwieg.
Bis heute kann ich keine Sporthallen sehen. Und genau das wünsche ich meinem Kind nie. Wenn Emil Fußball spielen will gern. Aber nur, wenn er es selbst möchte. Zwingen auf keinen Fall.
Mama meinte es nur gut…
Dann soll sie sich noch einen Sohn bekommen und ihn nach ihren Vorstellungen formen. Bei Emil lasse ich sie nicht mehr reinreden. Und auch dir nicht, falls du ihre Seite wählst.
Mirko wollte wohl widersprechen, aber ich verließ schon die Küche.
Den restlichen Abend sprachen wir kein Wort. Ich brachte Emil ins Bett und saß noch lange im dunklen Zimmer, hörte ihn ruhig atmen.
Die nächsten zwei Tage waren angespannt und schweigend. Erst am Donnerstag lockerte Mirko beim Abendbrot die Stimmung mit einem Scherz, ich musste lächeln das Eis begann zu brechen. Am Freitag sprachen wir wieder normal, aber das Thema Schwiegermutter vermieden wir beide.
Am Samstagmorgen wachte ich plötzlich auf. Blinzelte auf die Uhr acht Uhr. Früh. Zu früh für ein Wochenende. Mirko schlief noch vollkommen ruhig, Emil sicherlich auch.
Was hatte mich geweckt?
Und dann hörte ich es dieses leise, metallische Geräusch aus dem Flur. Das Schloss drehte sich.
Mir klopfte das Herz bis zum Hals. Einbrecher? Am helllichten Tag? Ich schnappte das Handy, schlich barfuß raus.
Die Tür öffnete sich.
Auf der Schwelle stand Hannelore Schneider, in der Hand ein Schlüsselbund, im Gesicht ein selbstzufriedenes Lächeln.
Guten Morgen, Jana.
Ich stand in ausgeleierten T-Shirt und Schlafhose barfuß auf den Fliesen, während sie mich ansah, als hätte sie jedes Recht, samstags um acht einzubrechen.
Woher haben Sie den Schlüssel?
Hannelore winkte das Bund vor meiner Nase.
Mirko hat ihn gebracht. Vorgestern war er da, hat’s mir überreicht. Hat gemeint Mama, entschuldige sie, sie wollte dich nicht kränken. So hat er deine Schuld ausgebügelt.
Ich blinzelte, zweimal, sortierte im Kopf.
Was machen Sie hier? So früh?
Ich hole meinen Enkel ab, sagte sie, als sie bereits den Mantel an die Garderobe hängte. Emil, zieh dich an! Oma hat dich beim Sportverein angemeldet, heute ist die erste Fußball-Probe!
Meine Wut explodierte sofort, heiß und drückend. Ich rannte ins Schlafzimmer.
Mirko lag zur Wand gewendet da, tat so als schliefe er ich sah, wie seine Schultern unter der Decke angespannt waren.
Aufstehen!
Jana, lass uns später reden…
Ich riss ihm die Decke weg, griff ihn am Arm und zerrte ihn ins Wohnzimmer. Mirko stolperte, versuchte sich zu lösen, aber ich ließ nicht los.
Hannelore saß auf dem Sofa, das Bein über das andere geschlagen und blätterte in einer Fernsehzeitschrift.
Du hast ihr den Schlüssel gegeben, ich blieb in der Mitte des Raumes stehen, die Hand noch an seinem Handgelenk , zu meiner Wohnung.
Mirko schwieg. Stand auf heißen Kohlen.
Das ist meine Wohnung, Mirko. Meine. Ich habe sie vor der Hochzeit gekauft. Von meinem Geld. Wie konntest du deiner Mutter den Schlüssel geben?
Ach, wie kleinlich! Hannelore warf die Zeitung weg. Meins, deins… Immer nur an dich denken! Mirko hat an den Sohn gedacht und mir den Schlüssel gegeben, damit ich endlich normalen Kontakt zu Emil habe, wenn du mich schon nicht reinlässt.
Halten Sie den Mund!
Hannelore schnappte nach Luft, aber ich sah nur Mirko an.
Emil geht nicht zum Fußball. Nicht, solange er es nicht selbst will.
Das entscheidest du nicht allein! Hannelore sprang auf. Du bist doch niemand! Ein Vorübergehender im Leben meines Sohnes! Denkst du, du bist unersetzlich? Mirko ist nur wegen Emil noch mit dir zusammen!
Stille.
Ich drehte mich langsam zu Mirko. Er stand da, senkte den Kopf. Sagte kein Wort.
Mirko?
Nichts. Kein einziges Wort für mich.
Gut, ich nickte. Eisige Klarheit durchströmte mich. Dann bin ich eben die Vorübergehende. Das ist spätestens jetzt vorbei. Nehmen Sie Ihren Sohn, Hannelore. Mirko ist nicht mehr mein Mann.
Das wagst du nicht! Hannelore wurde ganz bleich. Du hast kein Recht, ihn so vor die Tür zu setzen!
Mirko, ich sagte ruhig und sah ihm in die Augen. Du hast eine halbe Stunde. Pack deine Sachen und geh. Oder ich setz dich im Schlafanzug raus das ist mir gleich.
Jana, warte, wir müssen reden…
Wir haben alles gesagt.
Ich drehte mich zur Schwiegermutter und lächelte schief.
Den Schlüssel können Sie behalten. Ich wechsel heute die Schlösser.
…Die Scheidung hat vier Monate gedauert. Mirko wollte zurück, rief an, schrieb Nachrichten, kam mit Blumen. Hannelore drohte mit dem Familiengericht, dem Jugendamt, mit Anwälten und Bekannten. Ich holte mir einen guten Rechtsanwalt und nahm keine Anrufe mehr entgegen.
Zwei Jahre vergingen wie im Flug…
…Der Konzertsaal der Musikschule summte vor Stimmen. Ich saß in Reihe drei und drückte das Programmheft: Emil Schneider, 8 Jahre. Beethoven, Ode an die Freude.
Emil trat auf die Bühne, ernst, konzentriert, in weißem Hemd und schwarzen Hosen. Setzte sich ans Klavier, legte die Hände auf die Tasten.
Die ersten Töne erfüllten den Saal, und ich hielt den Atem an.
Mein Junge spielte Beethoven. Mein achtjähriger Sohn, der selbst in die Musikschule wollte, stundenlang übte und dieses Stück ausgesucht hatte.
Als der letzte Akkord verklang, tobte der Applaus. Emil erhob sich, verbeugte sich und suchte meine Augen im Saal und strahlte über das ganze Gesicht.
Ich klatschte gemeinsam mit allen, die Tränen liefen mir übers Gesicht.
Alles war richtig. Ich habe alles richtig gemacht. Ich habe meinen Sohn über alles gestellt über Meinungen anderer, über die Ehe, über die Angst, allein zu sein.
Genau so muss eine Mutter handeln.





