Mein Name ist Leonie Hoffmann und ich lebe in Heidelberg, wo die alten Mauern und verwinkelten Gassen vom Lauf der Geschichte flüstern. Als ich mich auf meinen Kollegen Matthias einließ, war mein Herz so voller Hoffnung, dass ich kaum zu atmen wagte. Im Stillen träumte ich davon, seine Einzige, seine Herzdame zu werden. Dieser Traum ging für kurze Zeit in Erfüllung, aber mit einem bitteren Beigeschmack ich musste ihn mit seiner Ehefrau, Friederike, teilen.
Gerade erst war ich in die Firma eingetreten. Kaum hatte ich mich eingelebt, da wurde ich zusammen mit Matthias zu einer Geschäftsreise nach Frankfurt am Main geschickt. Wir standen vor einem wichtigen Vertragsabschluss. Der Erfolg war unser, und Matthias schlug vor: Lass uns darauf anstoßen! Einen solchen Vertrag unterzeichnet man nicht jeden Tag. Begeistert stimmte ich zu. Wir setzten uns in die Hotellounge und bestellten einen Riesling. Der Wein öffnete unsere Seelen; das Gespräch strömte wie der Neckar an Heidelberg vorbei, bis plötzlich seine Lippen sich auf meine legten. Ich war wie erstarrt und doch ließ ich es geschehen. Im Fahrstuhl hielt er mich mit einer Intensität, die mich überrollte sein Atem wirkte berauschender als der Wein. Die Nacht in seinem Zimmer war schwebend, voller Leidenschaft und Wärme.
Zurück in Heidelberg, hielt ich dieses Geheimnis nicht lange aus. Ich vertraute mich Johanna, meiner Kollegin, an, die ich wie eine Schwester betrachtete. Verlieb dich nicht in ihn!, unterbrach sie mich mit Nachdruck. Warum nicht?, fragte ich, verwundert. Er ist verheiratet. Diese Worte schlugen ein wie ein Gewitter. Matthias war erst 27 ich konnte kaum fassen, dass er schon einen Ehering trug; heutzutage heiraten Männer doch erst viel später. Ich stellte ihn zur Rede, und er antwortete offen: Ja, ich bin seit über einem Jahr verheiratet. Das hielt uns aber nicht auf. Wir wurden ein Paar, heimlich. Die Treffen in seiner von den Großeltern geerbten Wohnung wurden zum Ritual, ein Versteck für unsere Sehnsucht.
Eines Sonntagmorgens, als ich neben ihm lag, wagte ich es: Matthias, lass dich scheiden. Mit mir könntest du viel glücklicher sein. Er sah mich betrübt an. Ich liebe dich, Leonie, aber ich kann nicht. Warum?, wollte ich wissen. Sie ist ernsthaft krank. Die Worte ließen mich verstummen. Was fehlt ihr? Warum hast du mir das verschwiegen? Meine Stimme zitterte. Bei Friederike wurde ganz überraschend Brustkrebs festgestellt. Ich kann sie in dieser Zeit nicht verlassen. Seine Aussage schmerzte, aber ich verstand: Sie braucht ihn jetzt. Ich empfand Mitleid für Friederike. Als ihre Operation am Donnerstag anstand, betete ich für sie wirklich, voller Tränen. Als sie wieder zuhause war, brachen Matthias und ich den Kontakt ab ich wusste, dass sein Platz bei ihr war.
Vier Monate vergingen. Matthias meldete sich nicht, und ich fragte irgendwann: Warum treffen wir uns nicht mehr? Er wirkte erschöpft: Friederike ist immer noch sehr schwach, vielleicht muss sie nochmals operiert werden. Ich verstehe deinen Kummer, aber vergiss mich nicht, flüsterte ich. Er nickte: Du hast recht Wir überlegen uns etwas fürs Wochenende. Am Samstag trafen wir uns wieder in der alten Wohnung. Die Nacht war voller Glut und Sehnsucht. Als ich ging, sprach ich erneut das Thema Scheidung an. Sein Gesicht verfinsterte sich: Das kommt nie infrage. Sie ist die Schwester meines Chefs. Mir blieb der Atem weg. Das ist der Grund? War das mit dem Krebs auch eine Lüge? Matthias schwieg, nahm seine Jacke und verschwand, ohne ein weiteres Wort.
Ein paar Tage später betrat eine elegante, dunkelhaarige Frau unser Büro und fragte nach Matthias. Johanna führte sie zu seinem Schreibtisch. Wer ist das? raunte ich später. Das ist seine Frau. Ich suchte nach einem Vorwand und trat in das Büro, um Unterlagen zu holen in Wahrheit, um Friederike zu sehen. Ihr Anblick raubte mir die Fassung: Anstatt von Krankheit gezeichnet, strahlte sie Selbstbewusstsein und Würde aus. Ich fühlte mich winzig neben ihr. Bei Johanna erkundigte ich mich nach der Krankheit. So ein Unsinn! Dann wüsste es doch jeder, sagte sie knapp. Die Wahrheit war grausam er hatte mich von Anfang an belogen.
Bald darauf fühlte ich mich schwach, mir war ständig übel. Johanna meinte: Vielleicht bist du schwanger? Ich hielt das für ausgeschlossen, aber der Test war positiv. Der Frauenarzt bestätigte es zweiter Monat. Ich war wie gelähmt. Mir fiel wieder jene Nacht ein, als wir ungeschützt waren. Die Gedanken überschlagen sich: Sollte ich das Kind bekommen oder nicht? Ich rief Matthias an. Geh zum Arzt, lass es wegmachen!, sagte er kalt. Auf keinen Fall!, erwiderte ich. Dann sorge ich dafür, dass du deinen Job verlierst, drohte er. Das kannst du versuchen, entgegnete ich ihm trotzig. Aus Trotz gegen ihn entschied ich mich für das Kind. Ich glaubte nicht an seine Drohungen. Doch ich wurde tatsächlich gekündigt. Eine Freundin half mir, als Verkäuferin im Buchladen ihres Bruders unterzukommen. Eigentlich wollte er keine Schwangeren einstellen, aber er hatte Mitleid.
Meine Tochter kam im siebten Schwangerschaftsmonat zur Welt winzig und zerbrechlich, aber voller Leben. Ich nannte sie Mathilda, nach ihrem Vater Matthias. Ihm selbst erzählte ich nichts. Vielleicht werde ich es nie tun er hat mich verraten, im schlimmsten Augenblick alleine gelassen, als ich alles verloren hatte. Sein Gesicht taucht in meinen Träumen auf gutaussehend und doch verlogen und mein Herz brennt vor Schmerz. Er traf seine Wahl: Frau, Karriere und das bequeme Leben. Mich strich er aus seinem Dasein wie einen Fehler auf weißem Papier. Aber ich gebe nicht auf. Jeden Tag kämpfe ich für Mathilda, jeden Tag gegen das Schicksal und ich lasse mich nicht unterkriegen. Er soll mit seinen Lügen leben. Ich lebe für Mathilda mein Licht im deutschen Grau.





