12. Juni
Zurück in Deutschland, wieder Konstanz am Bodensee. Die Stadt war ruhig, als ich spätabends heimkehrte. Wie immer machte ich zuerst Halt bei meiner Mutter. Frau Ingrid nahm mich fest in die Arme:
Ach Erik, mein Junge! So lange habe ich dich nicht mehr gesehen! Ich hatte so eine Sehnsucht. Und? Hast du etwas Geld beiseitelegen können?
Das Übliche, entgegnete ich mit einem vorsichtigen Lächeln. Auf dem Heimweg fragte ich mich: Warum eigentlich eine fremde Wohnung mieten, wenn ich ohnehin den Großteil des Jahres im Ausland bin? Da zahle ich lieber auf meine eigene, auch wenn es noch auf Kredit läuft.
Du hast recht, nickte meine Mutter. Mit siebenundzwanzig ist es Zeit, ans eigene Zuhause zu denken. Und dann kommen vielleicht Kinder Ohne eigene Wohnung kommt man im Leben nicht voran.
Zwei Monate später kaufte ich eine kleine Eigentumswohnung in einem modernen Neubau, ein schönes Einzimmerapartment mit allem, was mir gefällt. Die Schlüssel ließ ich vorsichtshalber bei meiner Mutter zurück, bevor ich erneut für die Arbeit nach Österreich fuhr.
Kaum hatte ich den Bodensee hinter mir gelassen, gab Ingrid die Schlüssel an meine Schwester, Annegret. Sie ist ein paar Jahre älter, hatte nie einen festen Job, lebte immer am Rande des Bankrotts und wartete noch auf den deutschen Traumprinzen.
Sie bleibt ein Weilchen dort, spart ein bisschen, kommt endlich auf die Beine, dachte meine Mutter. Was soll schon passieren?
Ein Irrtum. Statt ihre Situation zu verbessern, häufte Annegret weitere Schulden an. Und als es Zeit war auszuziehen, wechselte sie einfach das Schloss. Niemand, nicht einmal ich, konnte sie fortweisen.
Als ich zurückkam, passte mein Schlüssel nicht mehr. Schock.
Was zum Teufel? murmelte ich und lief gleich zu meiner Mutter.
Verlegen gestand sie, dass Annegret dort gewohnt habe, wusste aber nichts von dem Schlosswechsel. Ich explodierte:
Eines ist, dass du sie einziehen lässt, ohne mir Bescheid zu geben. Aber sie tauscht das Schloss aus! Und jetzt will sie nicht raus?
Ich habe ihr angeboten, wieder bei mir zu wohnen, verteidigte sich Ingrid. Aber sie weigert sich
Am nächsten Tag holte ich die Polizei, die die Tür öffnete. Ich stellte keine Anzeige; das Gespräch mit Annegret war trotzdem hart.
Du hättest auch bei Mama wohnen können, meinte sie kühl. Du bist eh bald wieder weg im Ausland. Ich brauche mein eigenes Leben.
Dafür habe ich die Wohnung nicht gekauft, sagte ich entschieden. Nimm deine Freunde in eine Mietwohnung, such dir eine Arbeit und begleiche deine Schulden.
Ich komme auch ohne dich klar! Heirate erstmal selbst, bevor du mir Ratschläge gibst.
Sie packte ihre Sachen und zog aus. Das Verhältnis zwischen uns war dahin. Es schmerzte nicht; ich hatte längst begriffen: Sie will von der Familie nur Geld.
Monate später half ich meiner Mutter im Schrebergarten außerhalb von Konstanz. Eigentlich war es Erholung, aber plötzlich stand Annegret da, frech wie eh und je.
Na, Bruderherz, grinste sie, Fühlst du dich schuldig und hilfst beim Kartoffeln ausgraben?
Die bessere Frage: Was machst DU hier? Brauchst du wieder Geld?
Mama hat mir eine eigene Wohnung gekauft, verkündet sie, als wäre es selbstverständlich. Für meine Mühen.
Was? Welche Wohnung?
Ein zwei-Zimmer-Apartment, Neubau, auf Mamas Namen, finanziert und voll möbliert.
Mir wurde übel. Ich dachte an die Nächte auf den Baustellen in Wien, an das Sparen für meine eigene Wohnung Für Annegret? Einfach geschenkt!
Ich schwieg. Half noch beim Unkrautjäten und ging. Mein Herz war schwer.
Wenig später erhielt ich eine Nachricht von ihr: Die Balkontür sei kaputt, ob ich sie reparieren könne. Ich sagte zu, war neugierig auf ihr Palast. Es war eine ganz normale Wohnung, nicht besser als meine.
Der Riegel ist abgebrochen, stellte ich fest. Da muss eine neue Komponente her.
Kauf du die doch. Und frag Mama nach Geld, blaffte sie gleichgültig.
Im Ernst? Mama kauft dir ein Zuhause, richtet alles ein, und nicht einmal das erledigst du selbst?
Du bist nur neidisch. Mama liebt mich sowieso mehr. Mach, dass du wegkommst!
Ohne ein weiteres Wort verließ ich die Wohnung. Noch am selben Tag blockierte ich ihre Nummer. Keine Anrufe, kein Kontakt mehr.
Sollen sie machen, was sie wollen, beschloss ich. Ich kenne meinen Platz. Und meine Schlüssel gebe ich nie wieder aus der Hand.
Manchmal lehrt einen die Familie, dass Liebe nicht nach dem beurteilt werden sollte, was man bekommt, sondern wie ehrlich man lebt. Und dass es manchmal besser ist, auf Abstand zu gehen, um seine eigene Ruhe zu bewahren.





