Deine Verwandtschaft ist nicht unser Problem, erklärte der Mann, während er seinen Koffer packte.
Lina, hast du ihnen wieder Geld geschickt? Markus stand im Schlafzimmereingang, ein Bankbeleg in der Hand, sein Gesicht von Unmut gezeichnet.
Mama brauchte Medikamente, und ihre Rente reicht nicht, antwortete Lina leise, ohne vom Bügeln aufzublicken. Das Bügeleisen glitt gleichmäßig über sein weißes Hemd, doch ihre Hände zitterten leicht.
Wie lange soll das noch so gehen? Jeden Monat das Gleiche! Mal Medikamente, mal die Renovierung bei deiner Schwester, mal das Studium deines Neffen! Markus warf den Beleg auf die Kommode. Wir kommen selbst kaum über die Runden, und du unterstützt die ganze Familie!
Lina stellte das Bügeleisen ab und drehte sich zu ihm um. Tränen standen ihr in den Augen, doch ihre Stimme blieb ruhig:
Markus, sie ist meine Mutter. Sie hat mich allein großgezogen, nachdem mein Vater ging. Arbeitete zwei Jobs, damit ich studieren konnte. Soll ich ihr jetzt nicht helfen?
Helfen ist eine Sache, aber das hier Er stieß mit dem Finger auf den Beleg. Das ist zu viel. Fünfhundert Euro in einem Monat! Damit könnten wir uns einen richtigen Urlaub leisten, statt jedes Wochenende zu deiner Familie zu fahren.
Lina nahm das Hemd und hängte es auf. Drei Jahre waren sie nun verheiratet, und immer wieder dasselbe. Am Anfang hatte er Verständnis gezeigt, sogar selbst geholfen. Doch dann hatte sich etwas verändert.
Sie erinnerte sich, wie ihre Mutter letztes Jahr ins Krankenhaus kam. Die Ärzte sagten, sie brauche eine OP. Auf Kassenkosten hätte sie ein halbes Jahr warten müssen. Privat kostete es zehntausend Euro. Lina verkaufte ihren Schmuck, den sie vor der Hochzeit gespart hatte, und nahm einen Kredit auf. Markus erfuhr es erst später und es folgte ein Streit.
Du hast nicht einmal mit mir gesprochen!, hatte er geschrien. Bin ich nicht dein Mann? Oder zählt meine Meinung nichts?
Sie hätte sterben können, war alles, was sie erwidern konnte.
Deine Verwandtschaft ist nicht unser Problem, wiederholte er jetzt, während er seinen Koffer packte. Wenn sie dir wichtiger sind als ich, dann leb doch bei ihnen.
Damals war er für eine Woche zu seinen Eltern gefahren. Als er zurückkam, war Lina am Verzweifeln sie dachte schon, sie hätte ihn für immer verloren. Er entschuldigte sich, sagte, er verstehe, dass ihre Mutter alles für sie sei, bat aber, solche Ausgaben künftig mit ihm abzusprechen.
Lina, hörst du mir überhaupt zu? Seine Stimme riss sie zurück in die Gegenwart.
Ich höre. Sie nickte. Was willst du von mir?
Ich will, dass du endlich begreifst: Wir sind die Familie. Mann und Frau. Nicht du mit deiner Mutter, Schwester und dem ganzen Clan. Ich habe auch Träume. Ein neues Auto, ein Haus am See. Und alles geht für andere drauf.
Lina setzte sich auf die Bettkante, die Hände im Schoß gefaltet. Markus war attraktiv, erfolgreich, Manager in einem großen Unternehmen. Als sie sich kennenlernten, war er wie ein Märchenprinz Blumen, teure Restaurants, Komplimente. Und vor allem schien er sie so zu akzeptieren, wie sie war, mit allem, was dazugehörte.
Erinnerst du dich noch, als du sagtest, Familie sei heilig? Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Ja. Aber ich meinte unsere Familie, nicht Er winkte ab. diesen Haufen.
In diesem Moment klingelte das Telefon. Lina sah auf den Bildschirm ihre Schwester Anja.
Hallo, sagte sie vorsichtig, während Markus sie beobachtete.
Lina, es ist schrecklich, schluchzte Anja. Ben hatte einen Unfall. Zum Glück ist er okay, aber das Auto ist Schrott. Er hat es erst vor Kurzem auf Kredit gekauft. Jetzt ist es weg, und die Schulden bleiben.
Mein Gott. Lina wurde blass. Aber ihm geht es gut?
Nur ein paar blaue Flecken. Aber er ist völlig am Ende. Redet davon, zur Bundeswehr zu gehen, weil er ein Versager sei.
Beruhige dich. Wir finden eine Lösung. Hauptsache, er ist unverletzt.
Lina, könntest du du weißt schon. Wenn du uns etwas leihen könntest, würde er wenigstens einen Teil abbezahlen.
Lina spürte Markus Blick, der sie durchbohrte. Sie wandte sich zum Fenster.
Lass uns morgen reden, ja? Jetzt ist nicht der richtige Moment.
Natürlich. Entschuldige die späte Störung. Er ist einfach völlig aufgelöst.
Lina legte auf und drehte sich langsam um. Markus stand da, die Arme verschränkt, sein Gesicht eine einzige Warnung.
Und denk nicht dran, sagte er eisig. Ich meine es ernst, Lina. Vergiss es.
Markus, er ist mein Neffe. Ich habe ihn als Baby auf dem Arm gehalten, als Anja arbeiten musste.
Mir egal. Ich habe genug davon. Jede Woche ist es was Neues. Zähne, Dach, Studiengebühren. Und wann kümmern wir uns um uns?
Lina trat ans Fenster. Untern im Hof spielten Kinder, ihr Lachen drang durch die Scheiben. Sie dachte an ihre eigene unbeschwerte Kindheit, bevor die Mutter krank wurde, bevor Anjas Ehe zerbrach und sie mit zwei Kindern allein dastand.
Weißt du noch, als wir das erste Mal zu Mama gefahren sind?, fragte sie, ohne sich umzudrehen. Sie hat den ganzen Tag gekocht. Schnitzel, Salat, Kuchen. Du hast gesagt, so gute Bratkartoffeln hättest du noch nie gegessen.
Lina, lenk nicht ab.
Ich lenk nicht ab. Ich erinnere mich nur. Mama war so glücklich, dass ich einen guten Mann gefunden hatte. Sie sagte: Lina, er sieht dich an wie ein Heiligenbild. Haltet zusammen. Und als wir gingen, packte sie dir Erdbeermarmelade ein die, die du so mochtest.
Das ist lange her, murmelte Markus.
Drei Jahre. Ist das lange?
Sie sah ihn an. Er vermied ihren Blick, starrte auf die Wand.
Markus, was hat sich verändert? Warum bist du nicht mehr derselbe?
Ich bin derselbe. Ich habe nur gemerkt, dass wir ausgenutzt werden. Deine Mutter, deine Schwester sie wissen, dass du nie Nein sagst.
Ausgenutzt? Ihr war, als würde sich alles in ihr zusammenziehen. Meine Mutter hat zwanzig Jahre lang allein für mich geschuftet. Als ich im Studium eine Lungenentzündung hatte, blieb sie unbezahlt drei Wochen im Krankenhaus. Nennst du das ausnutzen?
Lina
Und Anja? Als ihr Mann sie für eine andere verließ, wer half ihr dann? Ich. Und Mama. Wir haben die Kinder betreut, Geld gegeben, sie aufgebaut, als sie verzweifelte. Auch das Ausnutzen?
Markus schwieg. Lina hob den Beleg auf.
Fünfhundert Euro, sagte sie leise. Weißt du, wofür? Mama brauchte ein EKG. Auf Kasse Termin in einem Monat. Privat: hundert Euro. Medikamente: zweihundert. Und Anja habe ich zweihundert für Lebensmittel gegeben, weil ihr Kleiner krank war und sie eine Woche unbezahlt zu Hause bleiben musste.
Hör auf, seufzte er. Am Ende bin ich wieder der Böse. Der Geizhals, der nichts versteht. Vielleicht will ich einfach ein normales Leben? Nur für uns?
Und haben wir das nicht?
Nein! Er wurde lauter. Jedes Wochenende bei deiner Mutter. Jeder Urlaub mit deiner Familie. Die Hälfte unseres Geldes geht an sie. Wann leben wir für uns?
Lina setzte sich wieder. Alles, was er sagte, stimmte. Doch wie sollte sie sich von den Menschen abwenden, die ihr immer beistanden?
Ich kann Mama nicht im Stich lassen, flüsterte sie. Sie ist allein, krank, alt. Sie hat nur uns.
Und du hast einen Mann. Oder hattest einen.
Die Worte trafen sie wie ein Urteil. Lina sah zu Markus. Er packte Hemden in den Koffer.
Du gehst?
Ich denke darüber nach. Ich will mich nicht mehr wie ein Fremder fühlen.
Markus, lass uns einen Kompromiss finden.
Was für ein Kompromiss? Dass du nur jeden zweiten Monat hilfst? Dass wir jedes zweite Wochenende für uns haben? Das löst nichts.
Was schlägst du vor?
Dass wir unser eigenes Leben leben. Wir könnten Kinder haben, ein Haus, Pläne. Stattdessen stopfen wir Löcher für andere.
Andere? Ihre Stimme brach. Das ist meine Familie, Markus. Meine Mutter, Schwester, Neffen. Sie sind nicht andere.
Für mich schon. Deine Verwandtschaft ist nicht unser Problem.
Lina stand auf, trat ans Fenster. Eine Leere breitete sich in ihr aus. Sie liebte ihn doch konnte sie die opfern, die immer für sie da waren? Und er schien das nie zu verstehen.
Mama hat gestern gefragt, wann wir kommen, sagte sie zum Fenster hinaus. Sie vermisst uns. Und sie dankt dir, dass du mich sie unterstützen lässt. Sie hält dich für einen guten Menschen.
Markus erstarrte kurz, packte dann weiter.
Gute Menschen sind selten, fügte Lina hinzu. Mama sagt immer, Familie heißt, füreinander da zu sein. Die Starken helfen den Schwachen. Vielleicht hat sie unrecht. Vielleicht gelten heute andere Regeln.
Andere Zeiten, stimmte er zu. Und andere Menschen.
Er schloss den Koffer, hob ihn hoch.
Wohin gehst du?
Zu meinen Eltern. Ich muss nachdenken. Du auch. Über uns. Über das, was wirklich zählt.
Markus, warte. Lass uns reden. Vielleicht
Worüber? Du wirst dich nicht ändern. Ich auch nicht. Wir sind einfach zu verschieden.
An der Tür drehte er sich noch einmal um.
Wenn du entscheidest, dass wir deine Familie sind und nicht dein ganzer Clan dann ruf an.
Die Tür fiel ins Schloss. Lina hörte, wie sein Auto anfuhr, dann Stille.
Sie setzte sich, nahm das Handy. Eine Nachricht von Anja: *Lina, wie gehts? Ben macht sich schreckliche Sorgen. Können wir morgen vorbeikommen?*
Lina antwortete nicht. Sie ging in die Küche, stellte den Wasserkocher an. Draußen wurde es dunkel, die Wohnung leer und still.
Sie dachte an die Mutter, die auf sie wartete. An Anja mit ihren Sorgen. An Ben, der sich fürchtete, zu versagen. An Markus, der nur für sich leben wollte.
Und sie wusste nicht, was richtig war. Ihr Herz zerriss in zwei Hälften eine zog zu denen, die immer für sie da waren. Die andere zu dem Mann, den sie liebte.
Der Wasserkocher pfiff. Lina goß den Tee auf, setzte sich. Eine neue Nachricht kam von der Mutter: *Lina, mein Schatz, alles gut? Ich vermisse dich.*
Lina wählte die Nummer.
Mama, hallo. Wie geht es dir?





