„Ich brauche kein gelähmtes Kind!“ – sagte die Schwiegertochter und verließ das Haus… Doch sie hatte nicht geahnt, was noch geschehen würde… In einem kleinen deutschen Dorf lebte ein einfacher älterer Herr, der am Wochenende gern einen Korn trank. Er hatte einen Traum: einmal einen reinrassigen Deutschen Schäferhund zu haben, und er wäre dafür sogar bis nach Bayern gefahren, um solch einen Hund zu finden und mit nach Hause zu bringen. Man nannte ihn den Altvater Dietrich – ob das nun sein Name war oder ein Spitzname, das wusste niemand mehr so recht. Alle sprachen ihn als Dietrich an und er ließ sie gewähren. Nach der Arbeit saß Dietrich gern auf der Bank vor seinem Häuschen und dachte an vergangene Zeiten. Ab und zu gesellten sich junge Leute dazu, um seine Geschichten aus dem Dorfleben von früher zu hören. Seine Frau Rosa hatte Dietrich schon vor langer Zeit zu Grabe getragen. Sie litt an einer schweren Herzkrankheit, doch sie wollte unbedingt ein Kind. Sie gebar Dietrich einen Sohn und war danach kaum noch gesund. Dietrich liebte Rosa sehr – er tat alles im Haus, ja selbst den Milchkarton ließ er sie nicht tragen. „Nicht erlaubt! Die Ärzte haben’s verboten!“, mahnte er liebevoll. Er kümmerte sich selbst um das Kind, kochte, erledigte den Haushalt. Rosa sorgte sich stets, dass die Leute tuscheln würden: „Du machst mich ja ganz lächerlich, Dietrich! Die Frauen lachen mich noch aus, weil ich nichts im Haus mache – alles bleibt an dir hängen!“ Doch die Frauen lachten nicht, sie waren eher neidisch: „Rosa, leihe uns doch deinen Dietrich mal aus – nur für einen Tag, um so zu leben wie du!“ Rosa antwortete nur mit einem Lächeln. Mit diesem Lächeln ging sie auch aus dem Leben. Dietrich fand sie früh morgens – sie war schon kalt. Er weinte wie ein Schlosshund, drei Tage lang, dann kümmerte er sich um den Sohn. Der Junge kam gerade ins schwierige Alter, mit vierzehn. Nach dem Bund heiratete er früh und blieb in der Gegend, wo er stationiert war. So lebte Dietrich ganz allein. Doch er ließ sich nicht hängen – er plauderte gern mit der Dorfjugend auf seiner Bank. Der Sohn bekam eine Tochter, und Dietrich wartete immer auf Besuch von ihnen, aber aus irgendeinem Grund kamen sie nie. Mal war es die Arbeit, mal fehlte die Zeit, mal dies, mal das. Die Enkelin kannte er nur von Fotos. Plötzlich bemerkten die Dorfbewohner, wie Dietrich immer griesgrämiger durch die Straßen ging, als hätte er einen Sack voller Sorgen zu tragen. Kein Lachen, kein Scherz, er saß nicht mehr auf seiner Bank. Sie erkundigten sich und erfuhren: Dietrich hatte ein Telegramm bekommen. Ein Unfall: Der Sohn war ums Leben gekommen, die Enkelin lag im Krankenhaus und die Schwiegertochter meldete sich kaum. „Ach, Dietrich, so ein Unglück – so viel Kummer!“ – das ganze Dorf sprach ihm sein Mitgefühl aus. Was sollte man auch in solchen Momenten sagen? Die Trauer wurde nicht leichter. Er vermisste seinen Sohn, wusste, dass er nicht zurückkommen würde, und noch mehr tat ihm die Enkelin leid – ein fünfzehnjähriges Mädchen, das nach dem Unfall im Koma lag. Sie hätte ihr Leben noch vor sich… Dietrichs ganze Seele schmerzte. Und von der Schwiegertochter kam gar nichts. Sie schrieb keine Briefe, reagierte auf keine Nachrichten, ging nie ans Telefon. Wie sollte er etwas über den Zustand der Enkelin erfahren? Er hatte sie zwar nie gesehen, aber trotzdem liebte er sie. Laut Fotos sah sie Rosa als jung sehr ähnlich. Dietrich wollte schon aufbrechen in die Stadt, in der sein Sohn gelebt hatte, als plötzlich eines Abends ein Auto vorfuhr. Ohne großes Klopfen stürmte eine elegante Dame ins Haus – erst im Nachhinein merkte Dietrich: das war seine Schwiegertochter. Hinter ihr trugen Helfer eine Liege, darauf lag die Enkelin. Sie legten das Mädchen wortlos auf Dietrichs Sofa und verschwanden. „Sie ist von Kopf bis Fuß gelähmt. So ein Kind brauche ich nicht! Ich finde bestimmt noch mal einen Mann und bekomme ein gesundes Kind!“, sagte die Schwiegertochter. „Aber ich bin doch kein Arzt!“, entgegnete Dietrich. „Ein Arzt kann ihr sowieso nicht helfen. Sie braucht nur noch eine Pflegerin. Wenn du dich nicht kümmerst, kannst du sie lebendig begraben, ich jedenfalls verschwende mein Leben nicht! Ich bin keine Pflegerin!“, rief die Frau und schlug die Tür hinter sich zu. „Du bist wohl keine richtige Mutter!“, rief Dietrich ihr nach. Da wurde ihm klar, warum der Sohn nie mit Frau und Kind zu Besuch gekommen war. Mit so einer Frau wollte man lieber auf dem Wochenmarkt streiten als Gäste besuchen. Was hatte den Sohn bloß dazu gebracht, so eine Hexe zu heiraten? Jetzt konnte er ihn nicht mehr fragen. Hätte Dietrich gewusst, dass seine Schwiegertochter das eigene Kind beim Älteren ablädt, hätte er sich wohl im Grab umgedreht. So blieben Dietrich und die Enkelin allein zurück. Das Mädchen war wirklich völlig gelähmt, doch Dietrich kannte sich schon mit Pflege und Haushalt aus. Nun hatte er wieder einen Sinn im Leben – sein Ziel war, das Mädchen gesund zu pflegen. Die Ärzte hatte sie schon aus dem Krankenhaus entlassen; sie verstanden nicht, wie das Mädchen den Unfall überhaupt überlebt hatte. Es blieben nur Hausmittel und Dorfheiler. Eine Heilerin gab es erst im Nachbardorf, weit entfernt. Ein gelähmtes Kind konnte man kaum dorthin bringen, sie selbst reiste auch nicht mehr – zu alt und gebrechlich. Dietrich fuhr fast jede Woche zu ihr, holte Kräuter und Tinkturen, damit behandelte er die Enkelin. Über ein Jahr lang blieb das Mädchen bewegungslos wie ein Brett unter der Decke. Nicht einmal sprechen konnte sie – sie produzierte laute, unverständliche Laute. Manchmal sah Dietrich eine Träne über ihre Wange laufen; sein Herz wurde ihm schwer. Er glaubte, die Enkelin vermisse Vater und Mutter. Er sprach lange mit ihr, las ihr Geschichten vor, aber antworten konnte sie nicht. Für beide war es schwer. Eines Abends geschah etwas Unerwartetes. Dietrich saß wie immer am Krankenbett, da polterte eine betrunkene Jugendgruppe ins Haus – er hatte versehentlich vergessen, die Haustür zu schließen. Die Jugendlichen kamen von der Dorfdisco und sahen das Licht im Fenster. Sie wussten, dass hier eine gelähmte Jugendliche wohnte. Da schlug einer vor, mal „Spaß zu haben“ – sie könne sich ja ohnehin nicht wehren. „Na los, Opa! Zieh die Decke weg, mach die Beine frei! Wir losen aus, wer zuerst drankommt!“, stänkerte der Betrunkenste. „Habt Mitleid! Sie ist doch erst 15!“, bat Dietrich. „Warte mal kurz, ich putze eben noch die Zähne!“, sagte Dietrich und eilte zur Küche, öffnete die Kellertür und rief: „Los!“ Da sprang ein riesiger Schäferhund heraus – Max! Er schnappte nach den Hosen der Eindringlinge und verscheuchte sie, einem hätte er fast die Kronjuwelen abgebissen, den anderen zerfetzte er die Hosen am Hintern. So rannten die Jungs mit blanken Hintern durchs Dorf – alle lachten, und Max jagte sie bis zum Feldrand. Dietrich kam ins Zimmer – da saß die Enkelin aufrecht auf dem Bett und rief zum Fenster hinaus: „Max! Max! Schnell, Opa, halt ihn fest, damit er nicht wegläuft!“… Da kamen Dietrich die Tränen. Von diesem Tag an ging es bergauf mit dem Mädchen – bald lernte sie wieder zu laufen. Ob nun die Kräuter der Heilerin halfen oder der Schock, den der Hund ausgelöst hatte – jedenfalls kam die Sprache zurück und bald plapperte sie unaufhörlich. So viel wie nie zuvor. Und wie kam eigentlich der Hund ins Haus? Ganz einfach: Max war der Hund von Dietrichs Sohn, und als die Schwiegertochter die Tochter abgeladen hatte, brachte sie Max gleich mit, verschwieg aber alles dem Alten. Als sie ging, sah Dietrich, dass bei seinem Gartentor ein Hund saß – mager, erschöpft, traurig wie eine kranke Kuh mit Tränen in den Augen. Er wusste nicht einmal, dass sein Sohn einen Hund hatte. Aber Dietrich konnte den Hund nicht abweisen. Max war fortan ein treuer Begleiter, und als die Halbstarken kamen, saß er gerade im Keller – im heißen Sommer ließ Dietrich den Schäferhund dort untertags ruhen. An jenem Abend hatte er Max noch nicht rausgelassen. Wäre der Hund schon draußen gewesen, hätten die Jungs sich gar nicht erst reingetraut. Später erzählte die Enkelin, dass sie anfangs gar nicht wegen der Eltern geweint hatte, sondern weil sie Max so sehr vermisste. Der Opa ließ ihn zwar nie ins Haus, sondern behielt ihn tagsüber draußen, und sagen konnte sie ihm nicht, dass sie so sehr nach dem Hund verlangte. Nachdem Max die Schläger vertrieben hatte, kam er zurück und schleckte glücklich das Gesicht seiner kleinen Herrin. Er hatte sie ebenfalls schmerzlich vermisst. So lebten sie fortan zu dritt: Dietrich, das Mädchen und Max. Von der Mutter hat man nie wieder etwas gehört.

– Ich brauche kein gelähmtes Kind… – sagte die Schwiegertochter und ging einfach davon
Sie konnte nicht ahnen, was noch alles passieren würde

In einem kleinen Dorf lebte einst ein gewöhnlicher alter Mann, der am Wochenende gern ein Glas Weißwein trank. Sein Traum war es, sich einen Hund anzuschaffen, aber nicht irgendeinen, sondern einen reinrassigen Deutschen Schäferhund. Dafür hätte er sogar bis nach Süddeutschland gefahren, um einen echten Schäferhund zu kaufen und ihn mit nach Hause zu bringen.

Die Leute im Dorf nannten ihn stets Heinrich. Ob das sein Vorname oder Nachname war, wusste eigentlich niemand. Heinrich oder einfach Heini, alle sprachen ihn so an, und er selbst verbesserte niemanden. Oft saß Heinrich nach der Arbeit auf der Bank vor dem Haus, sinnierte über vergangene Zeiten und erzählte den jungen Leuten, wie es früher im Dorf war.

Seine Frau, Edelgard, hatte er bereits vor Jahren zu Grabe getragen. Sie hatte ein schwaches Herz. Die Ärzte verboten ihr ausdrücklich, ein Kind zu bekommen, aber Edelgard wollte unbedingt ein Baby. Sie gebar Heinrich einen Jungen und wurde danach immer kränker. Heinrich liebte Edelgard über alles. Für sie erledigte er sämtliche Hausarbeiten, sie durfte nicht einmal einen Liter Milch selbst vom Supermarkt holen. Du darfst nicht! Die Ärzte haben es dir verboten!, sagte er stets.

Um den Jungen kümmerte sich Heinrich ganz allein, er kochte und versorgte ihn. Edelgard war oft besorgt:
– Jetzt blamierst du mich noch, Heini! Die Frauen im Dorf lachen mich aus. Im Haus mache ich gar nichts, alles bleibt an dir hängen!
Doch die Frauen lachten nicht sie waren neidisch:
– Ach Edelgard! Gib uns doch mal deinen Heinrich für einen Tag, damit wir so leben können wie du!
Edelgard lächelte nur verschmitzt zurück. So ging sie auch mit einem Lächeln aus dem Leben. Heinrich fand sie morgens sie war schon kalt. Er weinte wie ein Schlosshund, drei Tage lang, dann kümmerte er sich nur noch um seinen Jungen.

Der Junge kam ins schwierige Alter vierzehn war er etwa. Nach der Bundeswehr heiratete er früh und blieb dort wohnen, wo er während seiner Dienstzeit stationiert war. So blieb Heinrich ganz allein zurück. Trotzdem wurde ihm nie langweilig er liebte den Austausch mit der Dorfjugend auf der Bank.

Von seinem Sohn hatte er mittlerweile eine Enkelin bekommen. Heinrich wartete ständig, dass sie alle zu Besuch kamen, doch irgendetwas war immer Arbeit, keine Zeit, oder dies und jenes. Die Enkelin kannte er nur von Fotos.

Eines Tages bemerkten die Leute, dass Heinrich so niedergeschlagen war wie eine Gewitterwolke, als wäre er ins Wasser gefallen. Er lachte nicht, scherzte selten und saß nicht mehr auf seiner Lieblingsbank. Sie forschten nach und erfuhren: Heinrich hatte ein Schreiben erhalten, in dem ihm seine Schwiegertochter berichtete, dass sie mit der Familie einen Autounfall gehabt hatten. Seine Enkelin lag schwer verletzt im Krankenhaus, sein Sohn war ums Leben gekommen.

Was für ein Unglück! Was für ein Jammer …, sagten alle im Dorf, doch gibt es wirklich Worte, mit denen man in solchem Leid helfen kann?

Heinrich nahm das Mitgefühl der Menschen entgegen, doch es wurde nicht leichter. Den Sohn beweinen ja, aber der kommt nicht zurück. Noch schlimmer war es um seine Enkelin ein junges Mädchen, fünfzehn Jahre alt, lag im Krankenhaus, im Koma. Sie sollte leben, sie hatte ihr ganzes Leben vor sich. Heinrichs Herz war völlig zerrissen.

Hinzu kam, dass die Schwiegertochter sich nicht mehr meldete, keine Briefe, keine Antworten, nahm das Telefon nie ab. Wie konnte er erfahren, wie es der Enkelin ging? Heinrich hatte sie nie persönlich gesehen, aber mochte sie trotzdem sehr. Nach den Bildern zu urteilen, ähnelte sie als Kind seiner Frau Edelgard.

Heinrich wollte schon losfahren, in die Stadt, wo sein Sohn gewohnt hatte, doch direkt am Vorabend fuhr plötzlich ein Auto vor sein Haus. Heraus wurden Tragen gebracht. Fast ohne ein Wort stürmte eine Frau ins Haus erst da begriff Heinrich, dass es die Witwe seines Sohnes war. Gleich darauf brachten Männer die Trage herein, auf der seine Enkelin lag. Sie schmiss das Mädchen regelrecht aufs Sofa und verschwand.

– Sie ist vom Kopf bis Fuß gelähmt. So eine Tochter brauche ich nicht. Ich werde wieder heiraten und ein gesundes Kind bekommen! – sagte die Schwiegertochter.
– Aber ich bin doch kein Arzt!, – entgegnete Heinrich ihr noch.
– Einen Arzt braucht sie nicht. Die können ohnehin nichts tun. Sie braucht eine Pflegerin. Wenn Sie sich nicht kümmern wollen, dann können Sie sie gleich lebendig einbuddeln. Ich werde mein Leben nicht ruinieren. Pflegekraft bin ich nicht! sagte die Frau und knallte die Tür zu.

– Dann sind Sie wohl auch keine Mutter! rief Heinrich ihr noch nach.

Jetzt wurde ihm klar, weshalb sein Sohn nie mit Familie zu Besuch kam. Mit so einer Frau geht man nur zum Markt, um zu streiten, aber nicht zu Freunden oder Familie. Wie konnte sein Sohn bloß an so eine Frau geraten? Leider konnte er ihn das nun nicht mehr fragen. Hätte er gewusst, dass die Schwiegertochter sich einmal vom eigenen Kind abwenden würde, hätte der Sohn sich wohl im Grab umgedreht. So blieben nur Heinrich und seine Enkelin.

Das Mädchen war tatsächlich vollständig gelähmt, aber Heinrich war es gewohnt, sich um andere zu kümmern und Hausarbeit zu machen. Jetzt hatte er einen neuen Sinn im Leben gefunden! Er wollte alles versuchen, um das Mädchen gesund zu machen.

Die Ärzte hatten die Enkelin aus dem Krankenhaus entlassen und ihr keine Hoffnung gegeben. Sie verstanden nicht einmal, wie sie den Unfall überlebt hatte ihre Verletzungen waren eigentlich nicht mit dem Leben vereinbar. Es blieb nur die Hoffnung auf Naturheilmittel und Heiler. Eine Heilerin gab es nicht im Dorf, die nächste war kilometerweit entfernt. Ein gelähmtes Kind dahin zu bringen unmöglich; und sie reiste auch nicht. Was sollte er tun?

Jede Woche fuhr Heinrich zur Heilerin, brachte Kräuter und Tinkturen für seine Enkelin mit. Damit pflegte er sie. Über ein Jahr verging, ohne dass sie irgendeinen Finger oder Zeh bewegen konnte. Sie lag einfach da, unter der Decke, wie ein Stück Holz, konnte auch kaum sprechen, nur undeutlich vor sich hin brummen.

Manchmal bemerkte der Alte, wie einige Tränen über die Wange des Mädchens liefen. In solchen Augenblicken zerriss es ihm fast das Herz. Er glaubte, dass sie sich nach Mutter und Vater sehnte. Stundenlang redete er auf sie ein, las ihr Geschichten vor, doch sie konnte nicht antworten. Für beide war es eine schwere Zeit.

Und dann, eines Abends, passierte das Unerwartete. Heinrich saß wie gewohnt am Krankenbett, als plötzlich eine Gruppe junger, betrunkener Leute ins Haus polterte. Er hatte aus Unachtsamkeit die Haustür offen gelassen. Die Truppe kam gerade von einer Dorfparty und sah Licht im Fenster. Sie wussten, dass dort ein gelähmtes Mädchen lebte. Einer schlug vor, sich Spaß zu machen schließlich könne sie sich nicht wehren, und froh wäre sie ja sowieso über alles.

– Na, Alter! Zieh ihr die Decke weg, breit die Beine, wir losen aus, wer zuerst dran ist, rief der Betrunkenste.
– Habt Erbarmen! Sie ist doch erst fünfzehn! rief Heinrich.
– Moment lass mich nur schnell meine Zähne putzen! sagte Heinrich, rannte in die Küche, öffnete den Keller und schrie: Fass!

Und heraus sprang sofort ein riesiger Deutscher Schäferhund. Der Hund machte kurzen Prozess und schnappte reihum in die Hosen dem einen hätte er fast das beste Stück abgerissen. Anderen riss er die Hosen hinten am Gesäß auf. So rannten sie mit blankem Po durch das Dorf, die Leute lachten, der Schäferhund sprang sogar bis durchs Fenster der Nachbarn und jagte sie bis zur Ortsgrenze.

Als Heinrich ins Zimmer zurückkam, saß seine Enkelin aufrecht im Bett und schrie zum Fenster hinaus:
– Rex! Rex! Komm, Opa, halt ihn fest, damit er nicht fortläuft!

Da liefen dem alten Mann die Tränen. Seit diesem Tag ging es mit dem Mädchen bergauf. Bald lernte sie wieder das Laufen. Ob die Kräuter der Heilerin halfen, oder ob der Schreck durch den Hund half das weiß keiner. Aber quatschen konnte das Mädchen jetzt stundenlang ohne Pause. Sie hatte viel nachzuholen.

Woher der Hund kam? Ganz einfach: Rex, der Schäferhund, gehörte dem Sohn von Heinrich. Als die Tragödie geschah und der Herr starb, wollte die Schwiegertochter sowohl Kind als auch Hund loswerden.

Sie brachte den Hund zusammen mit dem Mädchen ins Haus, sagte aber kein Wort zu Heinrich. Am Tag, an dem sie das Haus verließ, ging der alte Mann noch hinaus, das Gartentor für sie zu schließen, und da saß der Hund mager, erschöpft, mit traurigen Augen, und echte Tränen liefen ihm übers Gesicht. Heinrich hatte nicht gewusst, dass sein Sohn einen Hund hatte. Niemals hätte er das Tier auf der Straße gelassen so nahm er Rex zu sich.

Der Hund war Heinrich ein treuer Kamerad, und als diese Halbstarken kamen, saß Rex tagsüber im Keller, weil es draußen im heißen Sommer zu warm war. Meist ließ der Opa den Hund abends raus an jenem Abend aber war er noch nicht dazu gekommen. Wäre Rex schon draußen gewesen, hätten die Unruhestifter das Haus niemals betreten.

Später erzählte die Enkelin, dass sie immer weinte, weil sie den Hund so vermisste. Der Opa hatte Rex immer auf dem Hof gelassen, nie ins Zimmer. Das Mädchen sehnte sich nach ihm, konnte es ihrem Opa aber damals nicht sagen.

Rex vertrieb die Betrunkenen, kehrte nach Hause zurück und leckte freudig das Gesicht seiner kleinen Herrin. Auch er hatte sie sehr vermisst. So lebten sie fortan zu dritt: Heinrich, das Mädchen und Rex. Von ihrer Mutter hörten sie nie wieder ein Wort.

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Homy
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„Ich brauche kein gelähmtes Kind!“ – sagte die Schwiegertochter und verließ das Haus… Doch sie hatte nicht geahnt, was noch geschehen würde… In einem kleinen deutschen Dorf lebte ein einfacher älterer Herr, der am Wochenende gern einen Korn trank. Er hatte einen Traum: einmal einen reinrassigen Deutschen Schäferhund zu haben, und er wäre dafür sogar bis nach Bayern gefahren, um solch einen Hund zu finden und mit nach Hause zu bringen. Man nannte ihn den Altvater Dietrich – ob das nun sein Name war oder ein Spitzname, das wusste niemand mehr so recht. Alle sprachen ihn als Dietrich an und er ließ sie gewähren. Nach der Arbeit saß Dietrich gern auf der Bank vor seinem Häuschen und dachte an vergangene Zeiten. Ab und zu gesellten sich junge Leute dazu, um seine Geschichten aus dem Dorfleben von früher zu hören. Seine Frau Rosa hatte Dietrich schon vor langer Zeit zu Grabe getragen. Sie litt an einer schweren Herzkrankheit, doch sie wollte unbedingt ein Kind. Sie gebar Dietrich einen Sohn und war danach kaum noch gesund. Dietrich liebte Rosa sehr – er tat alles im Haus, ja selbst den Milchkarton ließ er sie nicht tragen. „Nicht erlaubt! Die Ärzte haben’s verboten!“, mahnte er liebevoll. Er kümmerte sich selbst um das Kind, kochte, erledigte den Haushalt. Rosa sorgte sich stets, dass die Leute tuscheln würden: „Du machst mich ja ganz lächerlich, Dietrich! Die Frauen lachen mich noch aus, weil ich nichts im Haus mache – alles bleibt an dir hängen!“ Doch die Frauen lachten nicht, sie waren eher neidisch: „Rosa, leihe uns doch deinen Dietrich mal aus – nur für einen Tag, um so zu leben wie du!“ Rosa antwortete nur mit einem Lächeln. Mit diesem Lächeln ging sie auch aus dem Leben. Dietrich fand sie früh morgens – sie war schon kalt. Er weinte wie ein Schlosshund, drei Tage lang, dann kümmerte er sich um den Sohn. Der Junge kam gerade ins schwierige Alter, mit vierzehn. Nach dem Bund heiratete er früh und blieb in der Gegend, wo er stationiert war. So lebte Dietrich ganz allein. Doch er ließ sich nicht hängen – er plauderte gern mit der Dorfjugend auf seiner Bank. Der Sohn bekam eine Tochter, und Dietrich wartete immer auf Besuch von ihnen, aber aus irgendeinem Grund kamen sie nie. Mal war es die Arbeit, mal fehlte die Zeit, mal dies, mal das. Die Enkelin kannte er nur von Fotos. Plötzlich bemerkten die Dorfbewohner, wie Dietrich immer griesgrämiger durch die Straßen ging, als hätte er einen Sack voller Sorgen zu tragen. Kein Lachen, kein Scherz, er saß nicht mehr auf seiner Bank. Sie erkundigten sich und erfuhren: Dietrich hatte ein Telegramm bekommen. Ein Unfall: Der Sohn war ums Leben gekommen, die Enkelin lag im Krankenhaus und die Schwiegertochter meldete sich kaum. „Ach, Dietrich, so ein Unglück – so viel Kummer!“ – das ganze Dorf sprach ihm sein Mitgefühl aus. Was sollte man auch in solchen Momenten sagen? Die Trauer wurde nicht leichter. Er vermisste seinen Sohn, wusste, dass er nicht zurückkommen würde, und noch mehr tat ihm die Enkelin leid – ein fünfzehnjähriges Mädchen, das nach dem Unfall im Koma lag. Sie hätte ihr Leben noch vor sich… Dietrichs ganze Seele schmerzte. Und von der Schwiegertochter kam gar nichts. Sie schrieb keine Briefe, reagierte auf keine Nachrichten, ging nie ans Telefon. Wie sollte er etwas über den Zustand der Enkelin erfahren? Er hatte sie zwar nie gesehen, aber trotzdem liebte er sie. Laut Fotos sah sie Rosa als jung sehr ähnlich. Dietrich wollte schon aufbrechen in die Stadt, in der sein Sohn gelebt hatte, als plötzlich eines Abends ein Auto vorfuhr. Ohne großes Klopfen stürmte eine elegante Dame ins Haus – erst im Nachhinein merkte Dietrich: das war seine Schwiegertochter. Hinter ihr trugen Helfer eine Liege, darauf lag die Enkelin. Sie legten das Mädchen wortlos auf Dietrichs Sofa und verschwanden. „Sie ist von Kopf bis Fuß gelähmt. So ein Kind brauche ich nicht! Ich finde bestimmt noch mal einen Mann und bekomme ein gesundes Kind!“, sagte die Schwiegertochter. „Aber ich bin doch kein Arzt!“, entgegnete Dietrich. „Ein Arzt kann ihr sowieso nicht helfen. Sie braucht nur noch eine Pflegerin. Wenn du dich nicht kümmerst, kannst du sie lebendig begraben, ich jedenfalls verschwende mein Leben nicht! Ich bin keine Pflegerin!“, rief die Frau und schlug die Tür hinter sich zu. „Du bist wohl keine richtige Mutter!“, rief Dietrich ihr nach. Da wurde ihm klar, warum der Sohn nie mit Frau und Kind zu Besuch gekommen war. Mit so einer Frau wollte man lieber auf dem Wochenmarkt streiten als Gäste besuchen. Was hatte den Sohn bloß dazu gebracht, so eine Hexe zu heiraten? Jetzt konnte er ihn nicht mehr fragen. Hätte Dietrich gewusst, dass seine Schwiegertochter das eigene Kind beim Älteren ablädt, hätte er sich wohl im Grab umgedreht. So blieben Dietrich und die Enkelin allein zurück. Das Mädchen war wirklich völlig gelähmt, doch Dietrich kannte sich schon mit Pflege und Haushalt aus. Nun hatte er wieder einen Sinn im Leben – sein Ziel war, das Mädchen gesund zu pflegen. Die Ärzte hatte sie schon aus dem Krankenhaus entlassen; sie verstanden nicht, wie das Mädchen den Unfall überhaupt überlebt hatte. Es blieben nur Hausmittel und Dorfheiler. Eine Heilerin gab es erst im Nachbardorf, weit entfernt. Ein gelähmtes Kind konnte man kaum dorthin bringen, sie selbst reiste auch nicht mehr – zu alt und gebrechlich. Dietrich fuhr fast jede Woche zu ihr, holte Kräuter und Tinkturen, damit behandelte er die Enkelin. Über ein Jahr lang blieb das Mädchen bewegungslos wie ein Brett unter der Decke. Nicht einmal sprechen konnte sie – sie produzierte laute, unverständliche Laute. Manchmal sah Dietrich eine Träne über ihre Wange laufen; sein Herz wurde ihm schwer. Er glaubte, die Enkelin vermisse Vater und Mutter. Er sprach lange mit ihr, las ihr Geschichten vor, aber antworten konnte sie nicht. Für beide war es schwer. Eines Abends geschah etwas Unerwartetes. Dietrich saß wie immer am Krankenbett, da polterte eine betrunkene Jugendgruppe ins Haus – er hatte versehentlich vergessen, die Haustür zu schließen. Die Jugendlichen kamen von der Dorfdisco und sahen das Licht im Fenster. Sie wussten, dass hier eine gelähmte Jugendliche wohnte. Da schlug einer vor, mal „Spaß zu haben“ – sie könne sich ja ohnehin nicht wehren. „Na los, Opa! Zieh die Decke weg, mach die Beine frei! Wir losen aus, wer zuerst drankommt!“, stänkerte der Betrunkenste. „Habt Mitleid! Sie ist doch erst 15!“, bat Dietrich. „Warte mal kurz, ich putze eben noch die Zähne!“, sagte Dietrich und eilte zur Küche, öffnete die Kellertür und rief: „Los!“ Da sprang ein riesiger Schäferhund heraus – Max! Er schnappte nach den Hosen der Eindringlinge und verscheuchte sie, einem hätte er fast die Kronjuwelen abgebissen, den anderen zerfetzte er die Hosen am Hintern. So rannten die Jungs mit blanken Hintern durchs Dorf – alle lachten, und Max jagte sie bis zum Feldrand. Dietrich kam ins Zimmer – da saß die Enkelin aufrecht auf dem Bett und rief zum Fenster hinaus: „Max! Max! Schnell, Opa, halt ihn fest, damit er nicht wegläuft!“… Da kamen Dietrich die Tränen. Von diesem Tag an ging es bergauf mit dem Mädchen – bald lernte sie wieder zu laufen. Ob nun die Kräuter der Heilerin halfen oder der Schock, den der Hund ausgelöst hatte – jedenfalls kam die Sprache zurück und bald plapperte sie unaufhörlich. So viel wie nie zuvor. Und wie kam eigentlich der Hund ins Haus? Ganz einfach: Max war der Hund von Dietrichs Sohn, und als die Schwiegertochter die Tochter abgeladen hatte, brachte sie Max gleich mit, verschwieg aber alles dem Alten. Als sie ging, sah Dietrich, dass bei seinem Gartentor ein Hund saß – mager, erschöpft, traurig wie eine kranke Kuh mit Tränen in den Augen. Er wusste nicht einmal, dass sein Sohn einen Hund hatte. Aber Dietrich konnte den Hund nicht abweisen. Max war fortan ein treuer Begleiter, und als die Halbstarken kamen, saß er gerade im Keller – im heißen Sommer ließ Dietrich den Schäferhund dort untertags ruhen. An jenem Abend hatte er Max noch nicht rausgelassen. Wäre der Hund schon draußen gewesen, hätten die Jungs sich gar nicht erst reingetraut. Später erzählte die Enkelin, dass sie anfangs gar nicht wegen der Eltern geweint hatte, sondern weil sie Max so sehr vermisste. Der Opa ließ ihn zwar nie ins Haus, sondern behielt ihn tagsüber draußen, und sagen konnte sie ihm nicht, dass sie so sehr nach dem Hund verlangte. Nachdem Max die Schläger vertrieben hatte, kam er zurück und schleckte glücklich das Gesicht seiner kleinen Herrin. Er hatte sie ebenfalls schmerzlich vermisst. So lebten sie fortan zu dritt: Dietrich, das Mädchen und Max. Von der Mutter hat man nie wieder etwas gehört.
An jenem Abend habe ich den Borschtsch nicht aufgewischt. Ich bin über die Pfütze gestiegen, habe meinen Laptop geöffnet und die letzte Last-Minute-Kurreise für 21 Tage gebucht.