Kein Platz für nervige Verwandte – Wie ein Ehepaar in ihrer neuen Münchner Wohnung endlich Ruhe vor unangekündigten Gästen fand und mit Hilfe einer Deutschen Schäferhündin, kreativen Ausreden und vereinten Kräften sogar die widerspenstigsten Familienmitglieder (Tante Olga mit Sohn Konstantin und Cousin Matthias samt Kindern) davon überzeugte, lieber ins Hotel zu ziehen, bis das Wunder der ersehnten Zwillinge endlich eintrat!

Niemand hat sie rausgeworfen, antworteten sie beiden, sie wollten von sich aus nicht bleiben! Sollen sie doch kommen! Wir würden uns freuen.

Bleib sitzen! Wir sind nicht zu Hause!, sagt Paul ruhig.

Aber es klingelt doch!, murmelt Veronika, die vom Sofa aufgestanden ist.

Lass sie, erwidert Paul.

Was, wenn es jemand Wichtiges ist? Oder etwas Geschäftliches?, fragt Veronika.

Es ist Samstag, zwölf Uhr, sagt Paul. Du hast niemanden eingeladen und ich warte auf keinen Besuch! Was folgern wir?

Ich schaue nur schnell durch den Türspion!, flüstert Veronika.

Setz dich!, sein Ton ist unnachgiebig. Wir sind nicht da! Wer auch immer draußen steht, kann wieder gehen!

Weißt du denn, wer das ist?, fragt Veronika.

Ich habe meine Vermutungen. Deshalb sage ich ja, du sollst dich setzen und nicht vor den Fenstern herumhuschen!

Wenn das ist, was ich denke, werden sie nicht einfach so weggehen!, meint Veronika und zuckt mit den Schultern.

Das hängt davon ab, wie lange wir die Tür nicht öffnen, entgegnet Paul gelassen. Irgendwann werden sie schon verschwinden.

Um ehrlich zu sein im Hausflur schlafen werden sie bestimmt nicht. Und wir müssen nirgendwohin. Setz dich, schnapp dir die Kopfhörer und dein Handy, schau einen Film.

Paul, meine Mutter ruft an, zeigt Veronika ihm das Display.

Das heißt, vor der Tür steht deine Tante mit ihrem unfähigen Sohn, schließt Paul.

Woher weißt du das denn?, wundert sich Veronika.

Wenn mein Cousin draußen stünde , und Paul lässt das Wort Cousin besonders abfällig klingen, würde meine Mutter mich anrufen!

Andere Möglichkeiten ziehst du nicht in Betracht?, hakt Veronika nach.

Wenn es Nachbarn sind, habe ich keine Lust zu reden. Und unsere Freunde hätten nach ein paar Mal Klingeln schon aufgegeben. Gut erzogene Leute hätten vorher angerufen und gefragt, ob sie vorbeikommen dürfen und nicht eine halbe Stunde Sturm klingeln! So dreist und aufdringlich plagt nur unsere nervige Verwandtschaft unsere Klingel!

Paul, es ist meine Tante, sagt Veronika leidend. Mama hat geschrieben.

Sie fragt, wo wir bleiben. Tante Nadine möchte ein paar Tage bei uns wohnen, sie hat in der Stadt zu tun!

Schreib ihr, in München gibt es genug Hotels, Paul grinst.

Paul! Das kann ich doch nicht schreiben!, tönt Veronika tadelnd.

Ich weiß. Paul denkt nach. Schreib, dass wir nicht zu Hause sind, wir haben uns im Hotel einquartiert, weil in der Wohnung Schädlingsbekämpfung war!

Genau! Veronika tippt die Nachricht und schickt sie schnell ab.

Paul, sie bittet uns, zwei Zimmer für sie und Konstantin zu buchen, stammelt Veronika verblüfft.

Schreib ihr: Wir haben kein Geld. Und noch besser sag, wir haben zwei Betten im Hostel genommen und teilen das Zimmer mit fünfzehn internationalen Gästen, Paul schmunzelt über seine eigene Geistesgegenwart.

Mama fragt, wann wir zurückkommen, schaut Veronika auf.

Schreib ihr: In einer Woche, winkt Paul ab.

Das Klingeln hört auf. Die beiden atmen auf.

Paul, Mama schreibt, dass Tante Nadine nächste Woche kommt, sagt Veronika entkräftet.

Da sind wir wieder nicht zu Hause, meint Paul trocken.

Paul, du weißt doch, das ist keine Lösung. Wir können doch nicht ewig vor ihnen davonlaufen. Was, wenn sie unter der Woche kommen? Oder uns nach Feierabend auflauern? Deine Tante, mein Cousin die sind zu allem fähig.

Stimmt, gibt Paul missmutig zu. Warum haben wir bloß diese große Wohnung gekauft?

Wir wollten sie für unsere spätere, große Familie, erwidert Veronika.

Wir brauchen endlich ein Kind! Am besten gleich zwei!, sagt Paul entschlossen.

Als ob ich etwas dagegen hätte, empört sich Veronika. Du weißt doch, wir müssten uns durchchecken lassen. Es klappt einfach nicht!

Wenn wir nur den Stress loswerden, dann klappt das schon, sagt Paul ernst. Mal sind es deine Nerven, dann wieder meine diese Familie macht uns ganz verrückt! Am besten würden wir sie alle dahin jagen, wo sie herkommen. Wegen ihnen geht hier gar nichts!

Veronika widerspricht ihm nicht, sie weiß, dass Paul recht hat.

Als sie heiraten wollten, machten sie teure Checks zur genetischen und medizinischen Kompatibilität. Auch die Fruchtbarkeit wurde getestet.

Alles war bestens aber nach der Hochzeit verschoben sie das Thema Kinder, mussten ja erst das Geld für die Wohnung verdienen.

Mit einer Erbschaft war nicht zu rechnen. Bis zur Hochzeit hatten beide jeweils mit ihren Müttern in kleinen Einzimmerwohnungen gewohnt. Sie mussten für alles selbst aufkommen.

Fünf Jahre harter Arbeit und eiserner Sparsamkeit ermöglichten den Kauf der großen Wohnung.

Altbau, nicht neu, sie steckten viel in die Renovierung, kauften Möbel praktisch von Grund auf. Aber als sie einzogen, waren sie überglücklich.

Kaum war die Einweihung vorbei, klopfte schon Veronikas Tante an die Tür natürlich samt Sohn. Und zur Absicherung führte sie ihre Schwiegermutter als Eskorte mit.

Ihr habt es wirklich schön hier viel Platz! Wir haben damals zu zweit in der kleinen Wohnung gelitten!, lobte Tante Nadine.

Sehr praktisch, nickte sie. Da kann ich direkt ein Zimmer bekommen und Konstantin auch eines extra!

Im Wohnzimmer schläft hier aber niemand, sagt Paul. Das ist unser Aufenthaltsraum!

Arbeiten will ich hier eh nicht!, lacht Tante Nadine. Veronika, erklär deinem Mann, dass es mit meinem schnarchenden Sohn doch unpraktisch ist hier! Außerdem: Gäste sind im Haus und der Tisch ist noch nicht gedeckt!

Wir haben mit euch gar nicht gerechnet, sagt Veronika verlegen.

Und der Kühlschrank ist leer, unterstützt Paul seine Frau.

Na gut, Paul geht einkaufen und Veronika ab in die Küche, entscheidet Tante Nadine großzügig.

Worauf wartet ihr denn? So begrüßt man Gäste!, ruft die Schwiegermutter.

Habt ihr nicht doch ein bisschen übertrieben?, ruft Paul, wird aber von Veronika ins andere Zimmer gezerrt.

Als sie endlich seine Hand von ihrem Mund genommen hat, fragt Paul:

Veronika, läuft hier alles richtig ab? Ich wäre imstande, sie alle gleich zur deiner Mutter rauszuschmeißen! Wenn man zu Besuch kommt, sollte man sich auch so benehmen! Und was ist das hier bitte?

Paul, sie ist halt eine einfache Frau vom Land! Das ist bei denen so üblich!

Ich kenne genug vom Land, aber so eine Unverschämtheit ist nirgendwo normal! Das ist einfach dreist!

Liebling, lass uns nicht streiten mit Mama und Tante! Hinterher machen sie mir nur das Leben zur Hölle! Und du wärst dann ihr Feind Nummer eins! Willst du das?

Mir egal, was sie über mich denken! Wenn sie mich so behandeln, kann ich sie auch ignorieren! Sollen sie doch verschwinden, würde keine Träne vergießen!

Paul, bitte! Hab doch Mitleid mit mir! Wenn wir Tante Nadine jetzt rauswerfen, verflucht mich meine Mutter! Und ich habe doch sonst niemanden!

Das zieht. Paul nimmt die Zähne zusammen und geht einkaufen.

Tante Nadine bleibt letztlich nicht drei Tage, sondern zwei Wochen. Paul war schon am zweiten Abend auf Baldrian angewiesen.

Als sie endlich abreisen, feiern Paul und Veronika fröhlich und mit Eifer mit Staubsauger und Wischmopp. Drei Tage putzen sie die Wohnung durch.

Dann wiederholt sich das Schauspiel auf der anderen Seite.

Bruderherz, ich bleibe nur kurz, umarmt Markus ihn so heftig, dass die Knochen knacken. Hab ein paar Termine, dann fahren wir zurück!

Kannst du das nicht allein erledigen?, fragt Paul.

Was denkst du! Ich habe doch Familie! Soll ich sie im Dorf lassen und allein in die Stadt? Denk nach!, lacht Markus. Sonst gerate ich noch auf Abwege meine Frau passt auf mich auf!

Deshalb hast du die Kinder auch mitgebracht?, fragt Paul.

Mit wem soll ich sie denn sonst lassen?, Markus klopft Paul auf den Rücken. Sie wollen ja Spaß haben! Komm, wie früher, beleben wir die Stadt!

Markus!, schreit seine Frau Yvonne. Wenn du nicht gleich aufhörst, gibt’s hier aber richtig Ärger!

Anderthalb Stunden nach Ankunft seines Bruders samt Familie liegt Veronika mit Kopfschmerzen flach.

Die Kinder rasen durch die Wohnung und schreien ohne Pause. Yvonne ist nur laut oder lauter; anders kann sie nicht kommunizieren.

Und Markus will unbedingt nachts ausgehen, was Yvonne nur noch mehr auf die Palme bringt.

Paul, du bist doch Einzelkind?, murmelt Veronika ins Kissen.

Er ist Cousin von meiner Mutterseite, knurrt Paul. Ich nenne ihn halt Cousin.

Mir egal, wie du ihn nennst. Kannst du ihn mal bitte höflich loswerden?

Glaub mir, ich würde es gern, schwört Paul, aber genauso wie bei deiner Tante meine Mutter würde mir das nie verzeihen! Die würde mir das Gehirn mit dem Teelöffel rauspulen!

Kaum sind sie einen Besuch los, tauchen die nächsten Gäste auf. Tante Nadine findet aus unergründlichen Gründen ständig neue Angelegenheiten in der Stadt.

Cousin Markus besucht immer mal wieder, um Termine zu erledigen. Die Mütter kümmern sich um ihre Kinder und Schwiegermütter machen Schwiegersöhnen, Schwiegertöchter das Leben schwer.

Diese ewige Nervosität hat das seelische und psychische Wohlbefinden des jungen Paares völlig untergraben.

Über Kinder brauchte man auf diesem Karussell ständiger Gäste gar nicht erst nachzudenken. Gesundheit dahin und wie hätte es überhaupt gehen sollen?

Lass uns die Wohnung tauschen!, schlägt Veronika vor.

Gegen eine mit Gummiwänden?, lacht Paul. Die bringt uns die Stadt bald von alleine!

Nein, oh je, schmunzelt Veronika. Lass uns unsere Wohnung einfach gegen eine gleiche tauschen es gibt ja Leute, die lieber woanders wohnen. Wir ziehen um, verraten niemandem die Adresse!

Das hält vielleicht kurz, dann erfahren sie von den neuen Bewohnern, wo das alte Zuhause war. Dann stehen sie bei uns auf der Matte. Und dann gibt’s Ärger!

Vielleicht reicht uns die Zeit, ein Kind zu bekommen?, sagt Veronika hoffnungsvoll.

Wir müssten es nicht nur bekommen, sondern auch zur Welt bringen. Sonst hilft das alles nichts!, schüttelt Paul den Kopf.

Vielleicht sollten wir einfach mal ausziehen? Lass uns bei Freunden Unterschlupf suchen! Wenigstens mal verstecken!

Du meinst bei Lars und Katharina?, fragt Paul.

Genau, nickt Veronika. Die haben sogar ein freies Zimmer!

Da wohnt doch Tessa, der Hund, lacht Paul. Vergessen?

Ich lebe lieber mit einem Schäferhund als mit unserer Verwandtschaft!, Veronika lässt den Kopf hängen.

Warte!, ruft Paul und greift zum Telefon.
Lars, leih uns deinen Hund!

Wow, Kumpel! Ich schulde dir ewig was! Wir fahren mit Katharina in den Urlaub und wissen gar nicht, wo wir unsere Tessa lassen sollen! Die mag keine Fremden, aber euch kennt und mag sie sehr!, jubelt Lars. Futter, Decke, Spielzeug, Näpfe bringe ich vorbei! Ich zahle sogar dafür!

Her damit!, sagt Paul hoch erfreut.

Er kehrt zu Veronika zurück und strahlt wie ein Morgen im Mai:

Ruf Mama an, sag ihr, Tante kann morgen kommen! Ich ruf meinen Cousin an, der soll unter der Woche vorbeischauen!

Bist du sicher? fragt Veronika.

Wir nehmen sie gerne in Empfang!, sagt Paul mit Herz. Wir können ja nichts dafür, wenn ihnen unser neuer Mitbewohner nicht gefällt!

Cousin Markus und Familie reicht ein einziges Wuff und sie buchen lieber ein Hotel.

Aber Tante Nadine will sich das Recht aufs Bleiben nicht absprechen lassen.

Sperrt das Tier doch irgendwo ein!, jammert sie und versteckt sich hinter dem schmalen Sohn.

Tante Nadine, Sie machen wohl Witze? lacht Paul. 45 Kilogramm reine Muskeln! Das ist kein Schoßhund, das ist ein deutscher Schäfer! Sie kann jede Tür sprengen!

Warum fletscht sie die Zähne bei mir?, zittert der Ton der Tante.

Sie mag keine Fremden, sagt Veronika lakonisch.

Schafft sie weg! Ich kann mit diesem Tier nicht in einer Wohnung leben!

Wie bitte?, empört sich Paul. Dieser süße Hund gehört jetzt zu uns! Wir haben ja noch keine Kinder, also muss unsere Liebe jemandem gelten! Und wir lieben sie sehr!

Und wir geben sie nie mehr her!, fügt Veronika hinzu.

Danach rufen beide Mütter an und beschweren sich, dass die Verwandten abgewiesen wurden.

Niemand hat sie rausgeworfen, sagen Paul und Veronika zu beiden, sie wollten von selbst nicht bleiben! Sollen sie doch wiederkommen, wir freuen uns!

Und der Hund?

Mama, wir lehnen doch niemanden ab!

Aber auch die Mütter verlieren das Interesse an spontanen Besuchen.

Nach einem Monat kehrt Tessa zurück zu ihren Besitzern und ist jederzeit bereit, wieder vorbeizukommen falls nötig.

Das wurde nicht mehr gebraucht. Veronika ist mittlerweile mit Zwillingen schwanger.

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Homy
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Kein Platz für nervige Verwandte – Wie ein Ehepaar in ihrer neuen Münchner Wohnung endlich Ruhe vor unangekündigten Gästen fand und mit Hilfe einer Deutschen Schäferhündin, kreativen Ausreden und vereinten Kräften sogar die widerspenstigsten Familienmitglieder (Tante Olga mit Sohn Konstantin und Cousin Matthias samt Kindern) davon überzeugte, lieber ins Hotel zu ziehen, bis das Wunder der ersehnten Zwillinge endlich eintrat!
Fünf Minuten auf dem Balkon