Mensch, du glaubst nicht, was mir letztens passiert ist ich muss es dir einfach erzählen! Also, Katharina hatte ein Vorstellungsgespräch für einen richtig guten Job in Frankfurt, aber alles lief komplett anders als geplant. Sie war gerade dabei, ihre Geldbörse aufzumachen, zählte die paar zerknitterten Euro-Scheine, die noch übrig waren, und seufzte richtig tief. Es wurde immer knapper mit dem Geld und einen vernünftigen Job zu finden, war in Frankfurt viel schwieriger, als sie es sich jemals vorgestellt hatte. Sie wälzte im Kopf eine Liste durch: Der Gefrierschrank hatte noch ein bisschen Hähnchenschenkel und ein paar eingefrorene Frikadellen. Im Vorratsschrank lag noch Reis, Nudeln und eine Schachtel Teebeutel. Für den Moment würde es wohl reichen, wenn sie bei Rewe um die Ecke nur ein Päckchen Milch und ein Brot holt.
Mama, wo gehst du hin? rief die kleine Anneliese und lief mit großen braunen Augen aus ihrem Zimmer. Man sah ihr die Sorge regelrecht an.
Mach dir keine Sorgen, Schatz, sagte Katharina mit einem aufgesetzten Lächeln, das ihre Aufregung verbergen sollte. Mama versucht nur, einen Job zu bekommen. Und weißt du was? Tante Friederike und ihr Sohn Jonas kommen gleich vorbei und passen auf dich auf.
Jonas kommt? strahlten Annelieses Augen, sie klatschte begeistert in die Hände. Bringt er auch Felix mit?
Felix ist Friederikes getigerter Kater, eine wahre Kuschelmaschine, und Anneliese liebt ihn über alles. Friederike wohnt ein Stockwerk tiefer und hatte sofort angeboten, auf Anneliese aufzupassen, während Katharina ins Zentrum zum Vorstellungsgespräch bei einer Lebensmittelgroßhandlung musste. Der Weg ins Büro in Frankfurt bedeutete eine halbe Weltreise mit S-Bahn und U-Bahn fast länger als das Gespräch selbst.
Es waren jetzt schon über zwei Monate vergangen, seit Katharina und Anneliese nach Frankfurt gezogen waren. Sie machte sich manchmal richtig Vorwürfe wegen ihrer spontanen Entscheidung: Mit Kind die Zelte abzubrechen, mit den letzten Ersparnissen die Miete und die Einkäufe zu stemmen, alles auf die Hoffnung gesetzt, schnell Job zu finden. Aber der Arbeitsmarkt hier war gnadenlos. Dabei hatte sie zwei Studienabschlüsse eigentlich hätte es doch einfacher laufen müssen! In ihrer kleinen Heimatstadt im Harz, bei ihrer Mutter Ingrid und ihrer Schwester Lena, war sie immer die, die alles am Laufen gehalten hat. Die beiden kamen kaum alleine zurecht, wenn sie nicht da war.
Felix bleibt leider zuhause, Maus, erklärte Katharina ihr leise. Er ist kein Fan von Busfahrten. Aber wenn wir bald die Tante besuchen, kannst du ihn so viel knuddeln, wie du möchtest.
Ich will auch einen Kater!, schmollte Anneliese und verschränkte die Arme.
Katharina musste grinsen Anneliese war einfach immer so, wenn es um Haustiere ging. Im Harz, bei Oma Ingrid, hatten sie ihren schlanken schwarzen Kater Moritz und den kleinen, kläffenden Hund namens Hugo zurückgelassen. Bei jedem Besuch spielte Anneliese mit den beiden und sie vermisst sie natürlich jetzt riesig.
Schatz, wir mieten diese Wohnung nur, versuchte Katharina ihr zu erklären. Der Vermieter will keine Tiere hier.
Nicht mal ein Goldfisch?, fragt Anneliese überrascht und zieht ihre kleine Augenbraue hoch.
Nicht mal ein Goldfisch, leider.
Haustiere waren gerade wirklich das kleinste Problem. Katharina drehte sich alles ums Geld und einen Job. Die letzten Ersparnisse schwanden und jeden Tag wurde die Sorge größer. Wenigstens hatte sie schon sechs Monate Miete vorausgezahlt, aber ehrlich jetzt war das Konto fast geplündert.
Da klingelte es plötzlich an der Tür Katharina erreichte die Realität wieder. Friederike und ihr fünfjähriger Jonas standen davor, und Friederike, wie immer, brachte ein Döschen selbst gebackene Schokokekse und ein Stück von ihrem berüchtigten Zitronenkuchen von ihrer Mutter mit. Sie ist auch alleinerziehend, aber sie wohnt mit ihren Eltern im Nachbarhaus in einer recht kleinen Wohnung. In Frankfurt ein eigenes Zuhause zu finden, fühlt sich manchmal an wie ein Sechser im Lotto.





