Maximilian trug den leisen Schmerz in sich, dass er sich zu hastig von seiner Frau getrennt hatte. Klugen Männern gelingt es, aus Geliebten ihr Fest des Lebens zu machen er hingegen hatte seine Geliebte zur Ehefrau erhoben.
Seine gehobene Laune verflog augenblicklich, als er seinen Wagen in München in der Nähe der kleinen Wohnung parkte und das gepflegte Treppenhaus betrat. Zuhause erwartete ihn das gewohnte Bild: die Hausschuhe, die er sofort anzog, der Duft eines deftigen Abendessens, Sauberkeit und frische Blumen in der Vase.
Es berührte ihn kaum. Seine Frau, Lore, war wieder zu Hause was sollte eine ältere Frau auch anderes tun, als Kuchen backen und Socken stricken? Gut, das mit den Socken war übertrieben, aber darum ging es auch nicht.
Lore begegnete ihm mit einem typischen Lächeln und sagte:
Bist du geschafft? Ich habe Apfelstrudel gebacken und Krautkuchen, wie du sie magst
Doch sie verstummte unter Maximilians mürrischem Blick. Sie trug ihr übliches Haus-Outfit, die Haare unter einem Tüchlein, wie die meisten Stunden in der Küche.
Das Aufräumen der Haare war schon immer eine Gewohnheit, sie hatte ihr Leben lang als Köchin gearbeitet. Die Augen leicht geschminkt, die Lippen glänzend Gewohnheiten, die Maximilian inzwischen als beinahe peinlich empfand. Warum musste sie das Alter so betonen?
Vielleicht hätte er nicht so grob sein sollen, doch er schleuderte ihr entgegen:
Deine Schminke ist doch Unsinn in deinem Alter! Das steht dir einfach nicht.
Lores Lippen zuckten, doch sie schwieg und deckte ihm diesmal nicht den Tisch. Na gut, Strudel unter dem Küchentuch, Tee bereit das konnte er auch selbst.
Nach Dusche und Abendessen kam langsam die alte Güte in ihm zurück genau wie die Gedanken an die Ereignisse des Tages. Maximilian kuschelte sich in seinem Bademantel in den Sessel, der ihm ganz allein gehörte, und tat, als würde er lesen. Was hatte die neue Kollegin gesagt?
Sie sind ein wirklich interessanter und attraktiver Mann.
Mit seinen 56 Jahren leitete Maximilian das Rechtsreferat einer großen Münchner Firma. Zwei Mitarbeiterinnen über vierzig und ein junger Absolvent standen unter seiner Führung. Eine Kollegin war kürzlich in Elternzeit gegangen ihren Platz nahm jetzt Anneliese ein.
Da Maximilian während des Einstellungsprozesses auf Dienstreise war, sah er Anneliese erst heute zum ersten Mal.
Er bat sie ins Büro zum Kennenlernen. Mit ihr zog ein Hauch feiner Parfüms und Frische ins Zimmer. Das zarte Gesicht umrahmt von hellen Locken, die blauen Augen blickten klar und offen. Sinnliche Lippen, ein kleines Muttermal auf der Wange. War sie wirklich schon 30? Er hätte ihr 25 gegeben.
Geschieden, Mutter eines kleinen achtjährigen Jungen. Ohne zu wissen warum, dachte Maximilian: Das klingt gut.
Im Gespräch flirtete er ein wenig, scherzte, dass sie nun einen alten Chef habe. Anneliese klimperte mit den langen Wimpern und widersprach charmant diese Worte klangen ihm nach und beschäftigten ihn.
Lore brachte später wie jeden Abend den Kamillentee an den Sessel. Er runzelte die Stirn: Immer zur falschen Zeit.
Trotzdem trank er ihn gerne. Plötzlich fragte er sich, was Anneliese wohl gerade machte und spürte das altvertraute Stechen der Eifersucht.
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Anneliese kaufte nach Feierabend in einem Supermarkt am Sendlinger Tor ein. Käse, Brot, für sich Kefir zum Abendessen. Zu Hause wirkte sie neutral, ohne Lächeln. Sie umarmte ihren Sohn Valentin eher routiniert als liebevoll, als er ihr entgegenlief.
Ihr Vater werkelte in der kleinen Kellerwerkstatt, ihre Mutter bereitete das Abendessen. Nachdem Anneliese die Einkäufe eingeräumt hatte, erklärte sie, dass sie Kopfschmerzen habe und heute bitte in Ruhe gelassen werden wollte. Die Wahrheit war: Sie fühlte sich einsam.
Seit der Trennung von Valentins Vater war Anneliese nie wirklich zur wichtigsten Frau im Leben eines Mannes geworden.
Alle netten Männer entpuppten sich als verheiratet und wollten nur Affären.
Auch der letzte, ein Kollege er schien hin und weg von ihr, mietete ihr sogar eine Wohnung (wohl aus praktischen Gründen). Doch kaum wurde es ernst, schlug er vor, sie solle nicht nur ihn, sondern besser auch die Firma verlassen.
Sogar einen neuen Job suchte er ihr und so lebte Anneliese wieder mit Eltern und Kind. Die Mutter zeigte Mitleid, der Vater war überzeugt, dass das Kind wenigstens bei der Mutter und nicht nur bei den Großeltern aufwachsen sollte.
Lore, Maximilians Frau, merkte schon lange, dass ihr Mann eine Lebenskrise hatte. Alles war da, nur das Wesentliche fehlte. Sie fürchtete sich davor zu denken, was das Wesentliche für ihn sein könnte. Sie versuchte, die Situation zu entschärfen. Sie kochte, was er liebte, war gepflegt, drängte ihn nicht zu Gesprächen, obwohl ihr selbst das fehlte.
Sie versuchte, sich mit ihrem Enkel und dem kleinen Garten draußen abzulenken. Doch Maximilian wirkte immer gelangweilt.
Vielleicht war es genau diese Sehnsucht nach Veränderung, die die Romanze zwischen Maximilian und Anneliese auslöste. Schon kurz nach ihrem Dienstantritt lud er sie zum Mittagessen ein und fuhr sie nach der Arbeit nach Hause.
Er berührte ihre Hand, sie blickte ihn mit geröteten Wangen an.
Ich will mich heute nicht trennen. Wollen wir zu meinem Gartenhäuschen bei Garching? fragte er rau. Anneliese nickte, und sie fuhren los.
Freitabends war Maximilians Arbeitstag kürzer, aber erst um neun abends erhielt Lore die SMS: Morgen reden wir.
Er ahnte nicht, wie wahr dieser Satz die kommende und im Grunde überflüssige Diskussion traf. Lore wusste, dass man nach 32 Ehejahren kein loderndes Feuer mehr hatte.
Doch ihr Mann war ihr so vertraut, dass sein Verlust ihr wie der Verlust eines Teils von sich selbst vorkäme. Sie wünschte sich, er würde einfach weiter an ihrem Tisch sitzen, atmen, mit ihr sein.
Lore suchte nach Worten, um das Leben oder wohl eher ihr eigenes vor dem Zusammenbruch zu bewahren, und blieb bis zum Morgen wach.
Aus Verzweiflung holte sie das Hochzeitsalbum hervor. Auch sie war einmal so schön gewesen!
Viele Männer hätten sie gerne geheiratet. Das müsste ihr Mann sich wieder ins Gedächtnis rufen. Vielleicht, so hoffte sie, würde Maximilian beim Anblick der alten Glücksmomente erkennen, dass nicht alles im Leben einfach entsorgt gehört.
Doch er kam erst am Sonntag zurück; sie spürte: Es war vorbei. Vor ihr stand ein anderer Maximilian voller Adrenalin, ohne Scham, ohne Unsicherheit.
Anders als Lore, die Veränderungen fürchtete, ersehnte er sie. Alles war geregelt und vorbereitet:
Er erklärte ihr sachlich, dass sie ab sofort frei sei. Die Scheidung werde er morgen selbst einreichen. Nach guter deutscher Ordnung sollte der Sohn mit seiner Familie zu Lore umziehen, denn die Zweizimmerwohnung gehörte Maximilian, geerbt von seinem Vater.
Wohnen würde die junge Familie in Lores Dreizimmerwohnung, so bliebe alles fair, und sie hätte jemanden, um den sie sich kümmern konnte. Das Auto selbstverständlich er. Das Wochenendhäuschen da beanspruchte er weiter Erholungsrechte.
Lore fühlte sich traurig und unscheinbar, aber die Tränen liefen gegen ihren Willen. Sie bat ihn, innezuhalten, sich zu erinnern, an Gesundheit zu denken, wenigstens an ihre Das rief seine Wut hervor.
Er kam ganz nah, flüsterte aufgebracht:
Zieh mich nicht in dein Altern hinein!
Es wäre albern zu behaupten, Anneliese habe Maximilian aus Liebe geheiratet, als er ihr in jener ersten Nacht im Gartenhaus den Antrag machte.
Vielmehr lockte sie der Status: Endlich nicht mehr von strengen Vätern und beengenden Wohnungen abhängig sein. Sicherheit. Das konnte Maximilian bieten. Nicht der schlechteste Weg, fand sie.
Auch mit Mitte Fünfzig war er kein typischer Großvater gepflegt, sportlich, clever, angenehm im Umgang. Und im Bett sogar rücksichtsvoll. Sie mochte, dass nun keine Geldsorgen, Mietwohnungen oder Unsicherheiten gab. Fast nur Vorteile? Nur das Alter ließ sie ab und zu etwas zögern.
Nach einem Jahr wurde Annelieses Enttäuschung größer. Sie fühlte sich eigentlich noch jung und sehnte sich nach lebendigen Eindrücken, am liebsten regelmäßig. Konzerte, Badeausflüge, Grillabende mit Freundinnen, Spaziergänge am Eisbach im frechen Bikini.
Dank ihrer Lebensfreude und Energie bekam sie all das meist unter selbst Valentin störte ihr aktives Leben nicht.
Doch Maximilian ließ nach. Im Beruf war er noch brillant, aber zuhause begegnete sie einem müden Mann, der seine Ruhe wollte. Gäste, Theater, selbst Strand alles in Maßen, bitte.
Er widersprach Körperlichem nicht, aber direkt nach dem Akt wollte er schlafen, gern schon um neun Uhr.
Sein empfindlicher Magen war auch ein Thema: Kein Gebratenes, keine Wurst, keine Fertiggerichte. Lore hatte ihn zu sehr verwöhnt.
Manchmal schwärmte er sogar von ihren dampfgegarten Köstlichkeiten. Anneliese kochte alltags für Valentin und verstand nicht, wie Schweinekoteletts Bauchweh machen sollten.
Sie führte weder eine Tablettenliste noch hielt sie es für ihre Aufgabe, sich um Maximilians Medikamente zu kümmern. Er war schließlich ein erwachsener Mann.
Mit der Zeit verbrachte sie viele Stunden ohne ihn.
Sie nahm ihren Sohn als Partner für Freizeit, plante mit Freundinnen. Seltsam das Altersunterschied schien sie dazu zu treiben, das Leben zu beschleunigen.
Bald arbeiteten sie nicht mehr gemeinsam die Geschäftsleitung hielt das für nicht angemessen, und Anneliese wechselte ins Münchner Notariat. Sie war fast erleichtert, nicht täglich mit dem Mann konfrontiert zu sein, der immer mehr wie ihr Vater wirkte.
Respekt das war, was sie für Maximilian empfand. Reichte das für Glück?
Sein sechzigster Geburtstag stand bevor, und Anneliese wünschte sich ein großes Fest. Doch er bestellte einen Tisch in einem kleinen, altbekannten Restaurant. Es war klar er war irgendwie traurig, aber das war in seinem Alter wohl normal. Sie akzeptierte es.
Die Kollegen feierten ihn. Freunde aus alten Tagen, mit denen er einst mit Lore verkehren hatte, lud er nicht ein. Die Familie war weit weg, und Verständnis für die Ehe mit der jungen Frau gab es kaum.
Zu seinem Sohn hatte er kaum Kontakt. Aber sollte ein Vater nicht selbst über sein Leben bestimmen? Die Vorstellung der Selbstbestimmung erschien nach der Heirat mit Anneliese jedenfalls anders, als er gehofft hatte.
Das erste Jahr mit Anneliese war wie Flitterwochen. Er liebte das Leben mit ihr, erlaubte ihr alle kleinen Extras, unterstützte ihre Hobbys. Konzerte, Kino das alles hielt er aus. Sie und Valentin machten die Wohnung zu ihrem Zuhause. Später übertrug er ihr sogar seine Gartenhausanteile.
Doch Anneliese setzte sich bei Lore durch drohte ihr, den Anteil des Hauses an Fremde zu verkaufen, wenn sie nicht mitmachte. Am Ende kaufte Maximilian auch Lores Hälfte alles zugunsten von Anneliese und Valentin. Sie argumentierte, es sei für das Kind, der See, der Wald ideal für den Sommer.
So lebten Annelieses Eltern und Valentin jetzt im Sommer im Gartenhaus. Für Maximilian war das auch bequem: Mit Valentin wurde er nie warm. Er hatte aus Liebe geheiratet, nicht um einen fremden, lauten Jungen zu erziehen.
Die alte Familie war verletzt. Nach dem Verkauf ihrer Wohnung trennten sie sich. Der Sohn zog um, Lore bezog eine kleine Einzimmerwohnung. Wie es ihnen jetzt ging, interessierte Maximilian nicht.
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Nun war der sechzigste Geburtstag da. Viele Menschen wünschten ihm Glück, Gesundheit, Liebe doch er spürte lange keinen Schwung mehr. Jahr für Jahr wurde die Unzufriedenheit stärker.
Er liebte seine junge Frau, ohne Zweifel. Er kam nur einfach nicht mehr mit ihr mit. Sie lachte, lebte ihr eigenes Leben, erlaubte sich nichts Unpassendes er erkannte das und war doch genervt.
Ach, hätte er nur Lores Seele in Annelieses Körper legen können! Dann würde sie ihm Tee bringen, ihn zudecken, wenn er schlief. Gemeinsam spazieren gehen, abends leise sprechen doch Anneliese konnte mit seinen langen Themen nichts anfangen. Sie schien sich sogar im Bett zu langweilen. Maximilian wurde nervös, und das machte alles schwieriger.
Tief in sich spürte er den Kummer, dass er mit der Scheidung vielleicht zu schnell war. Klug sind jene Männer, die Geliebte als das Fest ihres Lebens behalten er aber hatte aus seiner das Alltägliche gemacht!
Mit Anneliese, temperamentvoll wie sie war, würde er noch mindestens zehn Jahre mithalten können. Aber selbst mit vierzig der Altersunterschied würde wachsen. Das war ein Abgrund, der immer tiefer werden würde. Wenn das Schicksal gnädig ist, ende das Leben schnell. Aber wenn nicht?
Diese nicht-jubilarischen Gedanken klopften dumpf in seinen Schläfen, trieben sein Herz aus dem Takt. Er suchte Anneliese, die beim Tanzen strahlte. Schön, die glitzernden Augen. Es war natürlich ein Glück, morgens neben ihr aufzuwachen.
Er nutzte einen Moment und verließ das Restaurant. Eigentlich wollte er nur frische Luft schnappen, den Trübsinn los werden. Doch schon folgten ihm Kollegen und Gäste hinaus. Unsicher, wohin mit all dem Druck, sprang er in ein Taxi und bat, einfach loszufahren. Den Weg würde er später klären.
Maximilian sehnte sich nach einem Ort, wo nur er zählte wo man ihn erwartete, ihn wertschätzte, wo er schwach sein durfte, ohne sich alt zu fühlen.
Er rief seinen Sohn an, bat fast flehentlich um Lores neue Adresse. Nach einem beleidigt-kühlen Gespräch erfuhr er endlich: Heute sei sein Geburtstag, bräuchte dringend zu sprechen.
Der Sohn gab die Adresse an, warnte aber, die Mutter sei nicht allein. Kein Mann, nur ein Freund von früher.
Mama meinte, sie hätten zusammen studiert. Der Name war irgendwie lustigBrotewitz?
Brotke, heißt der, korrigierte Maximilian und fühlte den Stich der Eifersucht. Er erinnerte sich, wie er Lore einst von genau diesem Manne abgeworben hatte. Das fühlte sich realer an als seine neue Ehe.
Der Sohn fragte:
Warum willst du das, Papa?
Maximilian erschrak beim Wort Papa und merkte, wie sehr er sich nach ihnen allen sehnte. Die Antwort gab er ehrlich:
Ich weiß es nicht, mein Junge.
Der Fahrer stoppte vor der Adresse. Maximilian stieg aus, er wollte Lore nicht vor fremden Ohren treffen. Fast neun Uhr aber Lore war eine Nacht-Eule, für ihn immer Lerche gewesen.
Er klingelte.
Doch es meldete sich ein älterer Mann, erklärte, Lore sei beschäftigt.
Was ist los? Ist sie gesund? fragte Maximilian nervös. Der Mann wollte seinen Namen.
Maximilian rief ärgerlich:
Ich bin ihr Mann, übrigens! Und Sie, Sie sind wohl Herr Brotke.
Der Mann korrigierte trocken, als ehemaliger Mann habe Maximilian kein Recht, Lore zu stören. Die Freundin nehme gerade ein Bad, mehr müsse nicht erklärt werden.
Mit einer Mischung aus Eifersucht und Sarkasmus fragte Maximilian:
Was ist? Alte Liebe rostet nicht, oder?
Der andere entgegnete kurz:
Nein, sie wird silbern.
Die Tür blieb verschlossen.
Und so erkannte Maximilian, was im Leben wirklich zählt:
Liebe und Nähe, die nicht festgehalten werden, sondern sich in Respekt und Dankbarkeit verwandeln. Wer im Rausch der Veränderung alles hinter sich lässt, merkt womöglich erst zu spät, dass die wahren Schätze des Lebens die tiefen, vertrauten Beziehungen unwiederbringlich sind.




