Das Herz des Katers schlug dumpf in seiner Brust, Gedanken wirbelten umher, seine Seele schmerzte. Was konnte nur passiert sein, dass die Besitzerin ihn fremden Menschen übergeben und verlassen hatte? Als Olesja zur Einweihung ihrer bescheidenen Altbau-Einzimmerwohnung, die sie mühsam zusammengespart hatte und die noch kaum eingerichtet war, einen pechschwarzen British-Kurzhaarkater geschenkt bekam, stand sie minutenlang unter Schock. Andere Probleme forderten ihre Aufmerksamkeit und nun plötzlich auch dieser Kater. Nachdem Olesja sich gefasst hatte, blickte sie in die bernsteinfarbenen Augen des schwarzen Katerchens, seufzte, lächelte und fragte denjenigen, der ihr den Gast gebracht hatte: – Ist das ein Kater oder eine Katze? – Ein Kater! – Na gut, Kater, ab jetzt bist du Barsek, – sagte sie zum Kätzchen. Das öffnete brav das kleine Mäulchen und krächzte leise „Miau“… ***** Bald stellte sich heraus, britische Katzen sind ganz unkomplizierte Wesen. Und so lebten Olesja und Barsek bereits drei Jahre lang harmonisch zusammen. Im Alltag schenkte Barsek Trost, Wärme und Freude – vom Begrüßen nach Feierabend über gemeinsame Filmabende bis zum sanften Schnurren neben dem Bett. Das Leben erstrahlte in neuen Farben. Es ist schön, jemanden zuhause zu haben, mit dem man lachen und sich auch mal ausweinen kann, vor allem wenn man verstanden wird, ohne viele Worte. Doch das Glück wurde getrübt. Olesja bemerkte Schmerzen in ihrer rechten Seite, erst dachte sie an Muskelzerrung oder schweres Essen. Als die Beschwerden stärker wurden, ging sie zum Arzt. Nach der Diagnose weinte sie sich in ihr Kissen, Barsek kuschelte sich an sie und versuchte sie mit melodischem Schnurren zu beruhigen. Unbemerkt schlief Olesja ein. Am Morgen beschloss sie, ihrer Familie nichts zu sagen, um mitleidige Blicke und hilflose Ratschläge zu vermeiden. Ein Rest Hoffnung auf Heilung blieb. Die Frage blieb: Was sollte mit Barsek geschehen? Im Innersten, im Angesicht des drohenden Schicksals, beschloss Olesja, ein neues gutes Zuhause für Barsek zu suchen. Sie stellte eine Anzeige ins Internet: „Purer British Kurzhaarkater in gute Hände abzugeben.“ Als der erste Anrufer nach dem Grund fragte, warum sie sich von ihrem ausgewachsenen Tier trennt, erfand Olesja aus Versehen die Geschichte, sie sei schwanger und hätte überraschend eine Katzenhaarallergie entwickelt. Drei Tage später zog Barsek samt Zubehör zu seinen neuen Besitzern, Olesja wurde ins Krankenhaus eingeliefert… Nach zwei Tagen rief sie die neuen Besitzer an und fragte nach Barsek. Mit hundertfachen Entschuldigungen teilten sie ihr mit, dass der Kater noch am selben Abend entlaufen war und bis heute nicht gefunden wurde. Ihr erster Impuls war, aus dem Krankenhaus auszubüxen, um den Kater zu suchen – doch die diensthabende Schwester nahm sie streng in die Pflicht. Ihre Zimmernachbarin, eine zarte ältere Dame, bemerkte Olesjas Unruhe und fragte nach. Olesja brach in Tränen aus und erzählte alles. – Warte noch mit der Trauer, mein Kind, – sagte die Frau, – morgen kommt ein Spezialist aus Berlin. Mein Sohn, das ist ein erfolgreicher Unternehmer, wollte mich sowieso in eine bessere Klinik bringen, aber ich habe abgelehnt. Wie er das durchgesetzt hat, weiß ich nicht. Ich bitte ihn, dass der Spezialist dich auch untersucht. Vielleicht ist doch alles halb so schlimm, – sprach sie und streichelte Olesja liebevoll über die Schulter. **** Barsek, der sich aus der Transportbox befreit hatte, realisierte schnell, dass er sich in einer fremden Wohnung befand. Als eine fremde Hand nach ihm griff, knallten die Nerven durch: Er schlug mit der Pfote zu und raste in eine dunkle Ecke. – Pavel, lass ihn in Ruhe, er muss sich erstmal eingewöhnen, – sprach eine Frauenstimme, doch sie gehörte nicht seiner Besitzerin. Das Herz des Katers schlug dumpf in seiner Brust, die Gedanken wirbelten, die Seele schmerzte. Was konnte geschehen sein, dass die Besitzerin ihn fortgab, warum hat sie ihn verlassen? Mit angstvollen bernsteinfarbenen Augen suchte er das Zimmer ab – bis er ein offenes Fenster entdeckte. Wie ein schwarzer Blitz schoss er hinaus! Sein Glück: Das war nur der zweite Stock, und darunter lag ein gepflegter Rasen. Dort begann Barseks Rückweg nach Hause… ***** Der Spezialist entpuppte sich als gutaussehende Frau um die Vierzig, die sich als Dr. Maria Paulsen vorstellte. Nach eingehender Untersuchung und Auswertung sämtlicher Befunde erklärte sie Olesja freundlich, die Krankheit sei gut behandelbar; zwei Wochen Klinikaufenthalt und Therapie, und sie würde wieder gesund. Als die Ärztin gegangen war, sagte die Nachbarin lächelnd: – Na, siehst du! Ich bin froh, vor meinem Abschied noch einer jungen Frau helfen zu können. Sei glücklich, mein Kind! ***** Barsek hatte keinen Leitstern, er folgte einfach seinem Kater-Instinkt zurück nach Hause. Seine Reise voll Hindernissen, Gefahren und skurrilen Zwischenfällen verwandelte den einstigen Luxus-Kater in einen Überlebenskünstler. Nie zuvor die Straßen gesehen, verwandelte sich der noble Brite innerhalb eines Tages in einen furchtlosen Straßenkater. Barsek mied lärmende Straßen, schlich sich voran, sprintete, kletterte auf Bäume und verfolgte nur ein Ziel: heimkehren. In einem kleinen stillen Hinterhof, benommen vom Verkehrslärm, traf er auf einen erfahrenen Kater-Boss. Der machte mit lautem Miauen klar, wer hier das Sagen hatte, doch Barsek ließ sich nicht einschüchtern – eine kurze, aber energische Auseinandersetzung besiegelte den Sieg für den Heimat suchenden Kater. Sein Weg ging weiter. Wie seine Vorfahren schlief Barsek zwischen Astgabeln auf Bäumen. Oh je, wie peinlich: Barsek lernte, aus Mülltonnen zu fressen und anderen Straßenkatzen Futter zu stibitzen, das von mitfühlenden Nachbarn ausgelegt wurde. Einmal traf er auf eine Gruppe Straßenhunde, die ihn auf ein schwankendes Bäumchen jagten und versuchten, ihn zu erwischen. Menschen verscheuchten die Hunde; eine Frau lockte Barsek mit leckerer Wurst. Hunger und Angst ließen ihn sogar auf den Arm nehmen. Nachdem er sich gestärkt und etwas erholt hatte, erinnerte er sich wieder an sein Ziel und nutze eine günstige Gelegenheit, um aus der Wohnung herauszuwitschen und seinen Weg nach Hause fortzusetzen… ***** Nach der Entlassung fuhr Olesja nach Hause. Die Worte der alten Frau im Krankenhaus hallten noch nach: „Sei glücklich!“ Sie war unsäglich erleichtert, dass der schlimme Verdacht ausgeräumt war. Dennoch schmerzte ihr das Herz wegen Barsek. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie sie in ihre leere Wohnung zurückkehren sollte, ohne ihren schwarzen Gefährten. Kaum über die Schwelle getreten, rief sie die früheren Besitzer an, holte deren genaue Adresse ein und fuhr direkt dorthin. Sie fand heraus, wie Barsek entlaufen war und beschloss, auf seiner Spur weiterzusuchen. Man sagte ihr, dass das unrealistisch sei, zwei Wochen seien vergangen, vermutlich hätte ein Wohnungskater draußen nicht überlebt. Doch Olesja wollte das nicht glauben. Sie lief von Hof zu Hof, durchsuchte Parks, Garagen, dachte wie eine Katze, die niemals zuvor auf der Straße war. Sie rief Barsek, spähte in dunkle Kellerfenster. Als sie schon fast zuhause war, begriff sie: der Kater blieb verschwunden. Wie sollte er, der die Stadt nicht kannte, bis hierher finden? Mit traurigem Blick betrat sie ihren Hof, Tränen stiegen auf, ihr Herz war schwer. Durch den Schleier der Tränen erkannte sie auf der anderen Seite des Gehwegs einen schwarzen Kater auf sie zukommen. „Ein schwarzer Kater“ – fuhr es durch ihren Kopf. Olesja hielt inne, sah genauer hin – es war Barsek. Sie stürzte mit einem Aufschrei „Barsek!“ los. Doch der Kater lief nicht auf sie zu, er hatte keine Kraft mehr und setzte sich, blinzelte vor Glück und krächzte leise: „Geschafft.“

Das Herz des Katers schlug dumpf in seiner Brust, seine Gedanken wirbelten durcheinander und die Seele schmerzte. Was ist passiert, dass seine Besitzerin ihn Fremden übergeben hat? Warum hat sie ihn verlassen?

Als Helene zu ihrem Einzug in die neue Wohnung einen völlig schwarzen Britisch Kurzhaar-Kater geschenkt bekam, war sie zunächst sprachlos.

Die schlichte, renovierungsbedürftige Einzimmerwohnung in Berlin, die Helene mühsam zusammengespart hatte, ist noch kaum eingerichtet. Es gibt noch viele andere Sorgen, die ihre Aufmerksamkeit verlangen.

Und jetzt ein Katzenbaby. Nach den ersten Schreckmomenten blickt sie in die bernsteinfarbenen Augen des Katers, seufzt, lächelt und fragt die Person, die ihr das Tier gebracht hat:

Ist das ein Kater oder eine Katze?

Ein Kater!

Gut, dann heißt du Max, wendet sie sich an das Kätzchen.

Max öffnet sein kleines Mäulchen und bringt ein gehorsames Miau hervor.
*****
Schnell stellte sich heraus, dass Britisch Kurzhaar-Katzen angenehme Mitbewohner sind. Im dritten Jahr leben Helene und Max nun Seite an Seite. Mehr noch, mit der Zeit entdeckt Helene, dass Max ein rührendes Herz und eine große Seele besitzt.

Mit Freude begrüßt er Helene nach der Arbeit, wärmt sie nachts im Schlaf, schaut mit ihr Filme, eng an sie geschmiegt und läuft ihr bei der Hausarbeit hinterher.

Das Leben mit Max wurde bunt und lebendig. Schön, wenn Zuhause jemand wartet, mit dem man lachen und manchmal auch weinen kann. Und das Beste: Er versteht sie ohne viele Worte.

Man könnte meinen, das Glück bleibt, doch

Seit einiger Zeit bemerkt Helene Schmerzen auf der rechten Seite. Erst dachte sie, sie habe sich nur verlegen, dann schob sie es auf das deftige Essen. Als die Schmerzen schlimmer wurden, geht sie zum Arzt.

Als der Arzt die Diagnose stellt und ihr die Prognose erklärt, verbringt Helene den ersten Abend weinend im Kissen. Max spürt ihre Trauer, schmiegt sich leise an sie und versucht, sie mit seinem schnurrenden Gesang zu beruhigen.

Unbemerkt schläft Helene bei Max Schnurren ein. Am nächsten Morgen, gefasst, beschließt sie, ihrer Familie nichts von der Krankheit zu erzählen, um sich mitleidige Blicke und hilflose Gesten zu ersparen.

Ein wenig Hoffnung bleibt, dass die Ärzte sie doch heilen können. Ein Therapieangebot besteht, das ihre Genesung verbessern könnte.

Nun steht sie vor der Frage, was aus Max wird. Tief in ihrem Inneren sich mit dem schlimmsten Ausgang ihrer Krankheit abfindend beschließt sie, für Max ein neues Zuhause zu suchen.

Im Internet gibt sie eine Anzeige auf: Reinrassigen Kater in liebevolle Hände abzugeben.

Der erste Anrufer fragt nach dem Grund, weshalb sie das erwachsene Tier abgibt. Überrascht von der eigenen Antwort erfindet Helene, sie sei schwanger und habe eine plötzliche Katzenhaarallergie entwickelt.

Nach drei Tagen reist Max samt Zubehör im Transportkorb zu neuen Besitzern, während Helene ins Krankenhaus geht…

Zwei Tage später ruft sie bei den neuen Besitzern an und fragt nach Max. Zaghaft und entschuldigend berichten sie, dass Max noch am selben Abend entwischt ist und bisher nicht wiedergefunden wurde.

Ihr erster Impuls ist, das Krankenhaus zu verlassen und Max zu suchen. Sie bittet die zuständige Schwester um Entlassung, doch diese weist sie streng zurück.

Ihre Zimmernachbarin bemerkt Helenes Verzweiflung und fragt nach. Weinend erzählt Helene ihr alles.

Hab etwas Geduld, mein Mädchen, spricht die zierliche ältere Frau, morgen kommt eine Ärztin aus München, ein echtes Ass. Mein Sohn, ein Geschäftsmann, wollte mich in eine Privatklinik verlegen, aber ich habe abgelehnt. Er hat sich durchgesetzt, sie kommt hierher. Ich frage, ob sie dich auch anschauen kann. Vielleicht ist doch alles nicht so schlimm, sagt sie sanft und streichelt Helenes Schulter.
****
Aus dem Transportkorb gestiegen, begreift Max, dass er in einem fremden Haus ist. Eine unbekannte Hand will ihn streicheln…

Max Nerven gehen durch, er schlägt wild zu und flüchtet in eine dunkle Ecke.

Paul, lass ihn lieber erst einmal, er muss sich an alles gewöhnen, hört Max eine sanfte Frauenstimme. Doch es ist nicht die Stimme seiner Helene.

Das Herz des Katers schlägt dumpf in seiner Brust, die Gedanken jagen und die Seele schmerzt. Was konnte passieren, dass seine Besitzerin ihn weggegeben hat?

Mit ängstlichen, bernsteinfarbenen Augen durchsucht Max das Zimmer. Da entdeckt er ein geöffnetes Fenster. Wie ein schwarzer Schatten schießt er hindurch und springt ins Freie!

Glücklicherweise ist es nur der zweite Stock und unter dem Fenster liegt ein gepflegter Rasen. Von hier aus beginnt Max Heimreise…
*****
Die Ärztin erscheint als freundliche Frau um die vierzig und stellt sich als Dr. Maria Pauline vor. Sorgfältig prüft sie Helenes Befund, bittet sie, sich auf die Liege zu legen, sich auf die linke Seite zu drehen.

Sie tastet und klopft lange ab, fragt, wo es schmerzt, wie stark der Schmerz ist, liest erneut die Karte. Dann folgen weitere Untersuchungen mit medizinischen Geräten.

Helene erwartet nichts Gutes. Zurück im Zimmer liegt ihre Nachbarin bereits im Bett.

Und, was haben sie gesagt? fragt sie.

Sie schauen noch einmal vorbei, antwortet Helene.

Bei mir wurde der Befund leider bestätigt, seufzt die alte Frau.

Es tut mir sehr leid. Danke Ihnen für alles, erwidert Helene hilflos.

Eine halbe Stunde später erscheint Dr. Maria Pauline mit weiteren Ärzten.

Helene, ich habe gute Nachrichten. Ihre Krankheit ist bestens behandelbar. Ich habe bereits eine Therapie veranlasst. Sie bleiben zwei Wochen hier und werden gesund, verkündet sie mit einem Lächeln.

Als die Ärzte gehen, spricht die Nachbarin:

Das ist doch wunderbar. Ich freue mich, dass ich vor meinem Abschied noch etwas Gutes tun konnte. Sei glücklich, mein Mädchen.
*****
Max hat keinen Leitstern er weiß nichts davon. Der Kater folgt einfach seinem eigenen Instinkt nach Hause. Sein Weg durch Dornen und Abenteuer ist voller Gefahren und komischer Begegnungen.

Die Straßen sind ihm fremd, und doch verwandelt sich der einstige Stubentiger in nur einem Tag zum schlauen Straßenjäger mit geschärftem Instinkt.

Er meidet laute Straßen und läuft im Zickzack, springt und klettert auf Bäume jedenfalls meint er das, wenn ihn Hunde hetzen. Immer weiter kämpft er sich Richtung Zuhause.

In einem kleinen stillen Hof, von Straßenlärm abgeschirmt, trifft er auf einen alten Kater.

Der erkennt den fremden Briten sofort. Mit lautem Fauchen stürzt er sich auf Max, doch der wird vom Aristokraten zum furchtlosen Streuner und weicht nicht zurück.

Der Kampf ist schnell vorbei. Der Hofboss flüchtet in die nächsten Büsche, mit einem angeknabberten Ohr als Erinnerung.

Er wollte nur sein Revier verteidigen, doch Max zieht weiter nichts hält ihn von seinem Heimweg ab.

Die Reise geht weiter. Instinktiv schläft Max auf starken Astgabeln, wie seine Vorfahren es taten.

So peinlich es klingt: Er lernt sogar, aus Mülleimern zu fressen und Futter bei anderen Hofkatzen zu stehlen, die von Mitleidigen Bewohnern gefüttert werden.

Einmal trifft er auf ein Rudel Straßenhunde. Sie treiben ihn auf einen schwankenden Baum und bellen, springen und stoßen den Stamm.

Menschen eilen herbei, verscheuchen die Hunde. Eine Frau lockt Max mit einer Scheibe Wurst.

Hunger und Angst trüben Max Erinnerung, und er lässt sich streicheln und auf den Arm nehmen. Doch sobald er sich im Warmen ausgeruht hat, erinnert Max sich an sein Ziel, springt der Frau hinterher durchs Treppenhaus und schlüpft durch die zufällig offene Haustür weiter auf dem Weg nach Hause…
*****
Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus fährt Helene zurück nach Hause. Die Worte der alten Frau klingen ihr noch im Ohr. Natürlich ist ihre Erleichterung groß: Der Befund hat sich nicht bestätigt, sie ist gesund.

Doch ihr Herz schmerzt wegen Max. Sie kann sich nicht vorstellen, ihre Wohnung zu betreten, ohne von ihm begrüßt zu werden.

Kaum in ihrer Wohnung ruft Helene die Leute an, die Max damals nahmen, und erfragt die genaue Adresse. Sie fährt dorthin und erfährt, wie Max entwischt ist. Jetzt folgt sie seiner Spur.

Man sagt ihr, es sei aussichtslos. Zwei Wochen sind vergangen, und ein Wohnungskater kann auf der Straße kaum überleben. Doch sie will das nicht glauben.

Zu Fuß geht Helene durch jeden Hof, durchkämmt Nachbarsgärten und Garagen. Sie versucht, wie ein Kater zu denken, der nie draußen war. Sie ruft nach Max und späht in dunkle Kellerfenster.

Nahe ihrem Haus versteht sie: Max scheint spurlos verschwunden. Und wie sollte er, so unerfahren, den Weg schaffen, den sie erst nach Stunden Fußmarsch gefunden hat?

Mit müdem Schritt betritt Helene ihren Innenhof. Die Augen sind voller Tränen, die Seele schwer. Doch im Nebel vor ihren Augen bemerkt sie am Gehweg gegenüber einen schwarzen Kater.

Irgendein schwarzer Kater, schießt es ihr durch den Kopf. Sie bleibt stehen, erkennt und ruft mit aller Kraft: Max!

Doch Max läuft nicht zu ihr, er hat keine Kraft mehr. Er setzt sich, blinzelt aus Glück und kratzt mit schwacher Stimme: Geschafft!Helene stürzt zu ihm, kniet nieder und streichelt vorsichtig sein verfilztes Fell. Max schmiegt sich an sie, das Herz pocht wild in seiner kleinen Brust, und tief aus ihm steigt ein kräftiges, erleichtertes Schnurren empor. Helene lacht und weint zugleich, und die Welt um sie herum scheint einen Moment stillzustehen.

Sie trägt Max in die Wohnung, legt ihn auf seine alte Lieblingsdecke und bringt ihm eine Schale mit Futter und frisches Wasser. Max blickt mit müden, aber glücklichen Augen zu Helene auf. Zum ersten Mal seit Wochen schläft er tief und friedlich ein, während Helene die Hand nicht mehr von ihm nimmt.

Im Morgenlicht erwachen beide gemeinsam, vereint in einem Zuhause, das nun wirklich vollständig erscheint. Die leeren Ecken füllen sich wieder mit Wärme, und das Glück kehrt zurück, leise und beständig.

Und wenn Helene ihn leise beim Namen nennt, hebt Max den Kopf, legt die Pfote auf ihre Hand und schnurrt ihren Namen zurück als ob er sagen würde: Ich bin zuhause. Und du auch.

So geht alles wieder seinen guten Lauf, und draußen, hinter dem Fenster, blüht der Sommer in vollen Farben.

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Homy
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Das Herz des Katers schlug dumpf in seiner Brust, Gedanken wirbelten umher, seine Seele schmerzte. Was konnte nur passiert sein, dass die Besitzerin ihn fremden Menschen übergeben und verlassen hatte? Als Olesja zur Einweihung ihrer bescheidenen Altbau-Einzimmerwohnung, die sie mühsam zusammengespart hatte und die noch kaum eingerichtet war, einen pechschwarzen British-Kurzhaarkater geschenkt bekam, stand sie minutenlang unter Schock. Andere Probleme forderten ihre Aufmerksamkeit und nun plötzlich auch dieser Kater. Nachdem Olesja sich gefasst hatte, blickte sie in die bernsteinfarbenen Augen des schwarzen Katerchens, seufzte, lächelte und fragte denjenigen, der ihr den Gast gebracht hatte: – Ist das ein Kater oder eine Katze? – Ein Kater! – Na gut, Kater, ab jetzt bist du Barsek, – sagte sie zum Kätzchen. Das öffnete brav das kleine Mäulchen und krächzte leise „Miau“… ***** Bald stellte sich heraus, britische Katzen sind ganz unkomplizierte Wesen. Und so lebten Olesja und Barsek bereits drei Jahre lang harmonisch zusammen. Im Alltag schenkte Barsek Trost, Wärme und Freude – vom Begrüßen nach Feierabend über gemeinsame Filmabende bis zum sanften Schnurren neben dem Bett. Das Leben erstrahlte in neuen Farben. Es ist schön, jemanden zuhause zu haben, mit dem man lachen und sich auch mal ausweinen kann, vor allem wenn man verstanden wird, ohne viele Worte. Doch das Glück wurde getrübt. Olesja bemerkte Schmerzen in ihrer rechten Seite, erst dachte sie an Muskelzerrung oder schweres Essen. Als die Beschwerden stärker wurden, ging sie zum Arzt. Nach der Diagnose weinte sie sich in ihr Kissen, Barsek kuschelte sich an sie und versuchte sie mit melodischem Schnurren zu beruhigen. Unbemerkt schlief Olesja ein. Am Morgen beschloss sie, ihrer Familie nichts zu sagen, um mitleidige Blicke und hilflose Ratschläge zu vermeiden. Ein Rest Hoffnung auf Heilung blieb. Die Frage blieb: Was sollte mit Barsek geschehen? Im Innersten, im Angesicht des drohenden Schicksals, beschloss Olesja, ein neues gutes Zuhause für Barsek zu suchen. Sie stellte eine Anzeige ins Internet: „Purer British Kurzhaarkater in gute Hände abzugeben.“ Als der erste Anrufer nach dem Grund fragte, warum sie sich von ihrem ausgewachsenen Tier trennt, erfand Olesja aus Versehen die Geschichte, sie sei schwanger und hätte überraschend eine Katzenhaarallergie entwickelt. Drei Tage später zog Barsek samt Zubehör zu seinen neuen Besitzern, Olesja wurde ins Krankenhaus eingeliefert… Nach zwei Tagen rief sie die neuen Besitzer an und fragte nach Barsek. Mit hundertfachen Entschuldigungen teilten sie ihr mit, dass der Kater noch am selben Abend entlaufen war und bis heute nicht gefunden wurde. Ihr erster Impuls war, aus dem Krankenhaus auszubüxen, um den Kater zu suchen – doch die diensthabende Schwester nahm sie streng in die Pflicht. Ihre Zimmernachbarin, eine zarte ältere Dame, bemerkte Olesjas Unruhe und fragte nach. Olesja brach in Tränen aus und erzählte alles. – Warte noch mit der Trauer, mein Kind, – sagte die Frau, – morgen kommt ein Spezialist aus Berlin. Mein Sohn, das ist ein erfolgreicher Unternehmer, wollte mich sowieso in eine bessere Klinik bringen, aber ich habe abgelehnt. Wie er das durchgesetzt hat, weiß ich nicht. Ich bitte ihn, dass der Spezialist dich auch untersucht. Vielleicht ist doch alles halb so schlimm, – sprach sie und streichelte Olesja liebevoll über die Schulter. **** Barsek, der sich aus der Transportbox befreit hatte, realisierte schnell, dass er sich in einer fremden Wohnung befand. Als eine fremde Hand nach ihm griff, knallten die Nerven durch: Er schlug mit der Pfote zu und raste in eine dunkle Ecke. – Pavel, lass ihn in Ruhe, er muss sich erstmal eingewöhnen, – sprach eine Frauenstimme, doch sie gehörte nicht seiner Besitzerin. Das Herz des Katers schlug dumpf in seiner Brust, die Gedanken wirbelten, die Seele schmerzte. Was konnte geschehen sein, dass die Besitzerin ihn fortgab, warum hat sie ihn verlassen? Mit angstvollen bernsteinfarbenen Augen suchte er das Zimmer ab – bis er ein offenes Fenster entdeckte. Wie ein schwarzer Blitz schoss er hinaus! Sein Glück: Das war nur der zweite Stock, und darunter lag ein gepflegter Rasen. Dort begann Barseks Rückweg nach Hause… ***** Der Spezialist entpuppte sich als gutaussehende Frau um die Vierzig, die sich als Dr. Maria Paulsen vorstellte. Nach eingehender Untersuchung und Auswertung sämtlicher Befunde erklärte sie Olesja freundlich, die Krankheit sei gut behandelbar; zwei Wochen Klinikaufenthalt und Therapie, und sie würde wieder gesund. Als die Ärztin gegangen war, sagte die Nachbarin lächelnd: – Na, siehst du! Ich bin froh, vor meinem Abschied noch einer jungen Frau helfen zu können. Sei glücklich, mein Kind! ***** Barsek hatte keinen Leitstern, er folgte einfach seinem Kater-Instinkt zurück nach Hause. Seine Reise voll Hindernissen, Gefahren und skurrilen Zwischenfällen verwandelte den einstigen Luxus-Kater in einen Überlebenskünstler. Nie zuvor die Straßen gesehen, verwandelte sich der noble Brite innerhalb eines Tages in einen furchtlosen Straßenkater. Barsek mied lärmende Straßen, schlich sich voran, sprintete, kletterte auf Bäume und verfolgte nur ein Ziel: heimkehren. In einem kleinen stillen Hinterhof, benommen vom Verkehrslärm, traf er auf einen erfahrenen Kater-Boss. Der machte mit lautem Miauen klar, wer hier das Sagen hatte, doch Barsek ließ sich nicht einschüchtern – eine kurze, aber energische Auseinandersetzung besiegelte den Sieg für den Heimat suchenden Kater. Sein Weg ging weiter. Wie seine Vorfahren schlief Barsek zwischen Astgabeln auf Bäumen. Oh je, wie peinlich: Barsek lernte, aus Mülltonnen zu fressen und anderen Straßenkatzen Futter zu stibitzen, das von mitfühlenden Nachbarn ausgelegt wurde. Einmal traf er auf eine Gruppe Straßenhunde, die ihn auf ein schwankendes Bäumchen jagten und versuchten, ihn zu erwischen. Menschen verscheuchten die Hunde; eine Frau lockte Barsek mit leckerer Wurst. Hunger und Angst ließen ihn sogar auf den Arm nehmen. Nachdem er sich gestärkt und etwas erholt hatte, erinnerte er sich wieder an sein Ziel und nutze eine günstige Gelegenheit, um aus der Wohnung herauszuwitschen und seinen Weg nach Hause fortzusetzen… ***** Nach der Entlassung fuhr Olesja nach Hause. Die Worte der alten Frau im Krankenhaus hallten noch nach: „Sei glücklich!“ Sie war unsäglich erleichtert, dass der schlimme Verdacht ausgeräumt war. Dennoch schmerzte ihr das Herz wegen Barsek. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie sie in ihre leere Wohnung zurückkehren sollte, ohne ihren schwarzen Gefährten. Kaum über die Schwelle getreten, rief sie die früheren Besitzer an, holte deren genaue Adresse ein und fuhr direkt dorthin. Sie fand heraus, wie Barsek entlaufen war und beschloss, auf seiner Spur weiterzusuchen. Man sagte ihr, dass das unrealistisch sei, zwei Wochen seien vergangen, vermutlich hätte ein Wohnungskater draußen nicht überlebt. Doch Olesja wollte das nicht glauben. Sie lief von Hof zu Hof, durchsuchte Parks, Garagen, dachte wie eine Katze, die niemals zuvor auf der Straße war. Sie rief Barsek, spähte in dunkle Kellerfenster. Als sie schon fast zuhause war, begriff sie: der Kater blieb verschwunden. Wie sollte er, der die Stadt nicht kannte, bis hierher finden? Mit traurigem Blick betrat sie ihren Hof, Tränen stiegen auf, ihr Herz war schwer. Durch den Schleier der Tränen erkannte sie auf der anderen Seite des Gehwegs einen schwarzen Kater auf sie zukommen. „Ein schwarzer Kater“ – fuhr es durch ihren Kopf. Olesja hielt inne, sah genauer hin – es war Barsek. Sie stürzte mit einem Aufschrei „Barsek!“ los. Doch der Kater lief nicht auf sie zu, er hatte keine Kraft mehr und setzte sich, blinzelte vor Glück und krächzte leise: „Geschafft.“
Nach der Schicht