Verzeiht, dass ich eure Erwartungen nicht erfüllt habe!
Es ist schon viele Jahre her, doch ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen. Unser Alltag glich damals einer Szene aus einem alten deutschen Volksstück oder einem melancholischen Fernsehfilm: Abends saß mein Mann vor dem Computer, während ich noch im Hauswirtschaften vertieft war. Plötzlich schlug das Autoalarm draußen an und mein Mann stürmte, so wie er gerade war (zum Glück war es Sommer!), in den Hof hinaus. Ich putzte gerade den Esstisch ab und schob dabei zufällig die Computermaus an. Der Bildschirm, der eben noch dunkel gewesen war, flammte wieder auf.
Nie war es meine Art, das Handy meines Mannes zu kontrollieren, in seinen Taschen zu wühlen oder ihm über die Schulter zu schauen, wenn er am Computer war so etwas fand ich immer unanständig. Alles geschah wirklich zufällig und nicht aus Vorsatz.
So warf ich nur einen flüchtigen Blick auf den Bildschirm und entdeckte einen Chatverlauf, einen Dialog auf einer unbekannten Internetseite. Verlegen wollte ich wegsehen, da fiel mein Blick jedoch auf das Wort Liebling. Ich schämte mich und dachte bei mir, dass es sicherlich ein harmloser Satz wie meine liebe Frau hat gesagt… sein könnte, oder vielleicht sogar nur das ist meine Lieblingswurst!. Trotzdem blickte ich nochmals auf den Monitor.
Ja, Liebling, schrieb mein Mann. Er war nicht einmal verlegen, sein eigenes Foto auf einer Partnerbörse zu nutzen. Natürlich, morgen sehen wir uns wie abgemacht. Jede Stunde denke ich an unser letztes Treffen. Du bist einfach der Wahnsinn! Und du bist mein wilder Bär, antwortete ihm eine schmächtige Rothaarige. Mir tut noch der ganze Körper weh.
Kaum war mein Mann also, in der Eile wegen des Alarms, hinausgelaufen, folgten schon nervöse Nachrichten: Bärchen, bist du da? Ich vermisse dich schon! Wo bleibst du?
Mit dem Staubtuch noch in der Hand, ließ ich mich auf das Sofa sinken. Nun ergab plötzlich alles einen Sinn. Mein Mann hatte angekündigt, dass am nächsten Tag in der Firma ein wichtiger Termin stattfinde, bei dem alle anwesend sein müssten. Ich hatte am Abend zuvor seine Anzughose sorgfältig gebügelt, den passenden Schlips ausgesucht, das Hemd gebügelt und dabei extra darauf geachtet, dass keine Falten im Stoff blieben. Jetzt war klar, zu welchem Ereignis ich den geliebten Ehemann vorbereitet hatte…
Später kehrte mein Mann zurück, schimpfte empört über Jugendliche, die mit ihrem Ball gegen unser Auto gestoßen seien. Er regte sich auf, gestikulierte ausladend, während ich ihm zuhörte und an den richtigen Stellen nickte, aber innerlich ganz weit weg war.
Zum Glück war er an diesem Abend nicht in romantischer Stimmung und wir gingen einfach schlafen. Darüber denke ich morgen nach, nahm ich mir vor, wie eine Heldin aus einer alten Erzählung, aber die ganze Nacht drehte ich mich schlaflos hin und her.
Früh am Morgen fuhr mein Mann zur Arbeit, und ich begann mit der Hausarbeit, denn heute sollte meine Mutter unseren kleinen Sten mitbringen, der eine Woche bei den Großeltern auf dem Land verbracht hatte. Ich putzte mit großer Wut, schrubbte Fliesen und Böden. Doch immer wieder kam die gleiche Frage auf: Was tun?
Ganz war mir das Geschehene noch nicht bewusst; ich konnte es kaum glauben, doch mein Gedächtnis förderte immer neue Erinnerungen, Worte meines Mannes, sein Verhalten alles bekam jetzt eine neue Bedeutung. Meine Welt war zusammengebrochen und ich stand vor den Trümmern.
Eines aber wusste ich ganz sicher: Verzeihen würde ich meinem Mann nie. Nicht einmal, wenn er um Verzeihung bat, wenn er schwor, es sei ein Versehen oder niemals würde sich etwas derart wiederholen. Irgendwann würde der Schmerz nachlassen, das wusste ich. Aber der Verrat bliebe unauslöschlich.
Und doch wusste ich um Stens Situation: Er war erst zweieinhalb, einen Platz im Kindergarten gäbe es frühestens im Herbst. Arbeiten konnte ich also noch nicht. Sollte ich meinen alten Eltern zur Last fallen? Mich um das Sorgerecht und den Unterhalt schlagen?
Jetzt, im ersten Schock, alles beenden? Hätte ich die Kraft? Hielt ich dem Druck stand, wenn mein Mann anfinge zu betteln: Denk nach, lass dir Zeit, versteh mich, vergib? Würde ich nachgeben und mir später alles vorwerfen? Nein, der Entschluss war gefasst: Scheidung aber nicht sofort.
So verhielt ich mich ruhig. Ich kümmerte mich um Haushalt und Kind, bügelte weiterhin die Hemden meines Mannes, wählte jeden Morgen die Krawatte zum Anzug aus. Ich lachte sogar über seine Witze, wenn er in seltenen Momenten meine Nähe suchte ansonsten war ich Luft für ihn, bloß die Haushälterin, die zu funktionieren hatte.
Nur eines konnte ich nicht überwinden: Der Ekel. Ich mied jede Nähe, machte Ausreden, und mein Mann schien fast erleichtert zu sein. Überhaupt blühte er förmlich auf: Er lächelte, summte leise Melodien, brachte mir Blumen ohne Grund. Er schwärmte von Geschäftsreisen, von Fortbildungen, von Sitzungen und ich tat so, als glaubte ich ihm.
Im Oktober schließlich bekam Sten einen Kindergartenplatz. Am selben Tag begann ich wieder zu arbeiten und reichte die Scheidung ein. Mein Mann war mehr als überrascht; er war überzeugt, dass ich von seinen Abenteuern nichts wusste. Als er endlich die Wahrheit erfuhr, brach Zuhause ein Sturm los.
Du geldgierige Frau! Wie tief bist du gesunken! Kein Wunder, dass solche Frauen wie dich Haushalts-Huren nennen! Hast auf meine Kosten gelebt, gewartet, bis das Kind groß wird, und jetzt, wo ich ihn aufgezogen habe, willst du gehen? Ich dachte, meine Frau sei anders, dabei bist du wie alle anderen auch!
Die gemeinsamen Freunde hielten zu ihm und wandten sich von mir ab; für sie hatte eine kalte, berechnende Frau keinen Platz unter anständigen Leuten. Selbst meine Mutter blickte mich tadelnd an: Wie konntest du nur? Wenn du dich scheiden lassen wolltest, dann hättest du es gleich tun sollen. Aber so verborgen, abgewartet, dich verstellt… Ich hätte nie gedacht, dass meine Tochter so kleinlich und berechnend ist.
Verzeiht, dass ich eure Erwartungen nicht erfüllt habe, entgegnete ich allen, doch meine Entscheidung habe ich nie bereut.




