Unter dem Joch der Mutter
Mit ihren fünfunddreißig Jahren war Gudrun eine eher zurückhaltende und wie man sagt in sich gekehrte junge Frau. Sie hatte noch nie mit Männern ausgegangen, obwohl sie seit ihrem Abschluss als Buchhalterin in derselben Firma arbeitete.
Besonders achtete Gudrun nicht auf ihr Äußeres, trug weite Kleidung, war etwas rundlich, und ihr Blick wirkte stets traurig mit nach unten gezogenen Mundwinkeln. Ihre Mutter, Ingrid, hatte Gudrun mit achtzehn Jahren bekommen von wem, blieb ungeklärt, Gudrun kannte ihren Vater nie. Aufgewachsen ist sie bei ihrer Großmutter auf dem Land, wo sie auch die Schule beendete. Erst als sie in die Fachhochschule kam, zog sie zur Mutter in die Stadt.
Während Gudrun von der Großmutter erzogen wurde, verbrachte Ingrid ihr Leben in München, immer in Feierlaune, auch wenn sie arbeitete. Sie wechselte die Männer und war dafür bekannt, attraktiv und temperamentvoll zu sein. Nur einmal im Monat, manchmal seltener, kam sie ins Dorf, brachte Gudrun ein kleines Geschenk und verschwand wieder. Die Großmutter war streng, sodass Gudrun weder von ihr noch von ihrer Mutter je Zärtlichkeit oder Liebe erfuhr.
Bis heute lebte Gudrun gemeinsam mit ihrer Mutter in der Wohnung. Ingrid über fünfzig, sah blendend aus, war jugendlich und schlank, nutzte teure Kosmetik, besuchte regelmäßig das Kosmetikstudio und verabredete sich gelegentlich. Die Tochter war ihr Gegenstück.
Gudrun hatte gerade am Feierabend die Unterlagen an die Kollegin übergeben, die sie während des Urlaubs vertreten sollte, und verließ das Büro.
Nun ist wieder Urlaub, dachte Gudrun, Die Urlaubsgelder liegen in meiner Tasche. Wie schade gleich wird Mutter mir wieder das Geld nehmen. Und den Urlaub verbringe ich dann wieder zuhause. Ich hab es satt. Warum kann ich mich nicht endlich behaupten? Ich bin doch längst kein Kind mehr, aber sie hält mich fest. Verlangt immer alles Geld, bis auf den letzten Cent, selbst über mein Gehalt darf ich nicht bestimmen. Kein Lichtblick in meinem Leben
Als sie die Wohnungstür öffnete, wartete die Mutter schon im Flur.
Na, da bist du ja endlich, sagte Ingrid, Nun, hast du das Urlaubsgeld bekommen? Her damit.
Ja, habe ich, antwortete Gudrun. Warte kurz, ich zieh mich zumindest aus.
Das kannst du später machen…
Gudrun öffnete ihre Tasche und suchte nach dem Portemonnaie.
Ach du meine Güte, läufst du mit dieser alten Tasche herum wie eine Oma. Abgenutzt, ist dir das nicht peinlich?, stichelte die Mutter.
Gudrun war perplex, ihr kamen die Tränen.
Ich hab doch kein Geld für eine neue Tasche du nimmst mir doch alles weg!, platzte es aus ihr heraus, und sie erschrak selbst, dass sie sich wagte zu widersprechen.
Nicht nur die Tasche ist hässlich schau dich doch an! Ungepflegt und dick! Nimm endlich ab und bring dich in Ordnung, sagte Ingrid provokant. Mit dir kann man sich wirklich nirgends blicken lassen.
Peinlich?, schrie Gudrun, Aber meine Gehalt einzustecken, ist dir nicht peinlich? Ich gehe eh nie mit dir aus, sie schrie immer lauter, drehte sich um und rannte aus der Wohnung.
Mit Tränen in den Augen lief sie die Treppen hinunter, stürzte hinaus und setzte sich auf eine Bank, verbarg das Gesicht in den Händen. Wie viel Zeit verging, wusste sie nicht, bis plötzlich eine Stimme erklang.
Gudrun, warum sitzt du hier draußen? Als sie aufblickte, sah sie die ältere Dame aus dem Nebeneingang, Frau Anna-Maria, die im Erdgeschoss wohnte. Weinst du? Sie setzte sich neben Gudrun und nahm sie an die Hand. Was ist denn passiert, so schlimm, dass du Tränen vergießt?
Gudrun hielt es nicht mehr aus und erzählte Anna-Maria alles.
Meine Mutter nimmt mir das ganze Geld weg, kauft sich teure Pflegeprodukte und Kleidung, und ich laufe in abgenutzten Sachen rum. Ich bin eben zu weich, konnte nie meiner Großmutter widersprechen und jetzt auch nicht meiner Mutter. Sie ist herrisch und kalt Anna-Maria schüttelte den Kopf, und plötzlich schämte sich Gudrun.
Ach Gott, wie rede ich nur über meine Mutter… Jetzt halten Sie mich für eine Lästerin naja, eine Pechvogel bin ich ja sowieso.
Anna-Maria kannte Ingrid schon lange, respektierte sie nicht und hatte immer Mitleid mit Gudrun. Sie verstand, dass die Tochter unter der Dominanz der Mutter litt.
Jetzt beruhig dich, Gudrun. Du bist erwachsen, du solltest selbst für dich sorgen.
Was bin ich schon für eine Frau, Anna-Maria Niemand hat mich je geliebt, ich selbst auch nicht, ich bin einfach überflüssig…
Hör zu, du musst so schnell wie möglich von deiner Mutter wegziehen. Gudrun schaute erschrocken.
Wohin soll ich denn gehen? Von meinem kleinen Gehalt kann ich keine Wohnung mieten. Und Mutter wird schimpfen! Ich sollte ihr doch das Urlaubsgeld geben, aber ich konnte es einfach nicht sie hat mich angeschrien, das tat so weh… und ich bin einfach rausgelaufen.
Du hast also das Urlaubsgeld bekommen und sie hat es dir diesmal nicht abnehmen können. Glaub mir, um deine Mutter musst du dir keine Sorgen machen, die kommt zurecht, Geld hat sie genug. Denk endlich an dich! Ich kann dir anbieten, auf meinem Gartengrundstück außerhalb der Stadt zu wohnen. Das Haus hat mein verstorbener Mann eigenhändig gebaut, mit dem Gedanken, lange dort zu leben das Leben wollte es anders. Und da du Urlaub hast, kannst du ein paar Wochen dort bleiben, kostenfrei.
Aber Frau Anna-Maria, ist es Ihnen nicht unangenehm, mich allein dort wohnen zu lassen?, fragte Gudrun.
Wieso denn? Ich kenne dich doch seit Jahren. Warte hier, ich bringe dir den Schlüssel und schreib dir die Adresse auf und meine Telefonnummer.
Gudrun fuhr zum Bahnhof, kaufte sich ein Ticket für die S-Bahn und saß bald am Fenster und beobachtete die Mitreisenden. Während der Zug noch am Bahnsteig stand, sah sie den Menschen beim Hin- und Herlaufen zu. Sie war nie aus ihrer Stadt herausgekommen, immer nur Wohnung und Arbeit. Niemand beachtete sie, und langsam wurde sie ruhig und fühlte sich entspannt, als sie die vorbeiziehende Natur betrachtete. Am Ziel hielt sie an und stieg aus. Zum Haus war es nicht weit, sie schloss die Tür auf und trat ein.
Sie war umgeben von tiefer Stille und setzte sich in einen alten Sessel.
Mein Gott, wie ruhig es hier ist, wie schön es ist, allein zu sein, wie fremd diese Freiheit und Stille ist, dachte sie.
Keine Mutter, die ihr im Nacken saß und stichelte. Sie fand die Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein. Es lief eine Talkshow sonst verbot die Mutter solche Sendungen, zappte auf ihre Lieblingsformate, ohne Rücksicht auf Gudruns Wünsche.
Du bist so unbeholfen, und schaust entsprechend schräge Sendungen, lachte Ingrid gern und ließ keine Widerrede zu, wurde dann schnell grob und nannte die Tochter verletzende Namen.
Gudrun traute sich nie, grob zu der Mutter zu sein jedes Wort ließ sie tiefer den Kopf senken. Nie war der Gedanke da, sie in die Schranken zu weisen.
Gudrun ging durch das Haus, schaltete den Kühlschrank ein, legte eine Packung Maultaschen, ein Stück Emmentaler und Joghurt hinein, alles kurz vorm Zug am Bahnhof gekauft.
Sie kochte die Maultaschen, aß sich satt und fühlte sich zum ersten Mal richtig ruhig.
Wie schön allein zu sein, freute sie sich.
Nach einiger Zeit klingelte ihr Handy, ihre Mutter rief an.
Aha, weggelaufen! Ich hab gesehen, wie du mit Anna-Maria auf der Bank saßt. Na warte, du bist schnell wieder zurück. Hör bloß nicht auf fremde Leute. Ohne mich gehst du unter, du bist ja unfähig und unselbstständig!
Gudrun legte auf, bevor die üblichen Tiraden begannen. Doch komischerweise ärgerte sie das gar nicht mehr. Später rief Anna-Maria an.
Gudrun, wie gehts dir hast du dich schon eingewöhnt?
Ja, danke sehr.
Morgen kommt mein Neffe Stefan und bringt dir deine Sachen vorbei.
Welche Sachen?
Ingrid hat eine große Tüte mit deinen Sachen zu mir gebracht und gesagt: Wenn du schon meine Tochter entführt hast, nimm auch ihre Sachen!
Gut, Anna-Maria, wie erkenne ich Stefan?
Ach, der kommt mit dem Auto, kennt mein Gartenhaus, ein großer Mann mit Brille.
Ist das nicht umständlich?
Gudrun! Hör mit den seltsamen Fragen auf, du bist erwachsen jetzt nimm dein Leben selbst in die Hand. Am wichtigsten: Fang an, dich selbst zu lieben! Bring dich in Ordnung, kauf neue Kleider, eigentlich bist du hübsch du hast dich nur vernachlässigt. So, genug gequatscht, mach was draus!
Der Tau glitzerte auf dem Gras, irgendwo bellte ein Hund, und die Vögel zwitscherten.
Gudrun dachte über Annas-Marias Worte nach und trat vor den Spiegel.
Eigentlich stimmts, wenn ich genau hinschaue meine Augen sind schön, wenn auch traurig, das Haar ist dicht warum stecke ich es immer in einen Zopf, wie eine alte Frau? Ich muss abnehmen hier hat Mutter recht.
Gudrun schlief an dem neuen Ort wie ein Stein. Sie wachte keine einzige Nacht auf. Als sie am Morgen die Augen öffnete, fiel Licht durch die Gardinen, draußen schien die Sonne. Sie öffnete das Fenster weit. Der Tau glänzte auf dem Gras, irgendwo in der Ferne bellte ein Hund, die Vögel sangen.
Wundervoll, was für ein schöner Morgen, dachte Gudrun und streckte sich.
Bald saß sie auf der Terrasse, trank Kaffee, den sie im Schrank fand, und schaute ihrem Lieblingsprogramm. Plötzlich kam ihr der Gedanke, sich einen neuen Job zu suchen und eine eigene Wohnung zu nehmen, denn vom Gartenhäuschen in die Stadt zu pendeln war mühsam. An die Mutter dachte sie nicht einmal mehr. Ihr Herz klopfte vor Freude auf ein neues Leben.
Endlich werde ich unabhängig, selbstständig! Doch ihre Träume wurden vom sanften Klopfen an der Tür unterbrochen.
Wer ist das?, dachte sie und öffnete vorsichtig.
Vor der Tür stand ein großer Mann mit Brille und einer großen Tasche.
Hallo, lächelte der Mann freundlich, Ich bin Stefan und Sie sind Gudrun?
Ja, das bin ich, kommen Sie ruhig rein, sagte sie und trat beiseite.
Meine Tante Anna-Maria bat mich, Ihre Sachen zu bringen und Ihnen zu helfen. Falls Sie irgendwo hinwollen, mein Wagen steht draußen, sagte Stefan mit warmem Ton. Nur keine Scheu, Gudrun Anna-Maria meinte, Sie seien sehr zurückhaltend. Ich weiß naja, ich habe einiges über Ihr Leben gehört, durch meine Tante.
So lernte Gudrun ihren späteren Mann Stefan kennen. Stefan verliebte sich aufrichtig in sie, sein erster Eheversuch war unglücklich verlaufen. Auch Gudrun veränderte sich ab diesem Moment ein neues Selbstvertrauen zeigte sich, ihre zurückhaltende Art und trauriger Blick waren verschwunden. Sie nahm ab, wollte für ihren Liebsten schön werden, ging ins Kosmetikstudio und verwandelte sich völlig.
Kann das wirklich ich sein? fragte sie sich glücklich vor dem Spiegel, die Augen funkelten vor Leben.
Stefan holte sie in seine Wohnung in Nürnberg.
Gudrun, ich träumte immer von einer Frau wie dir freundlich, ehrlich, fürsorglich. Lass uns Nägel mit Köpfen machen: Heirate mich.
Natürlich sagte Gudrun ja, sie wusste, was für ein Glück sie mit Stefan hatte, sie waren sich sogar ein wenig ähnlich. Die Hochzeit war klein und bescheiden, aber Ingrid wurde eingeladen. Natürlich machte sie wieder bissige Bemerkungen am Tisch, doch Anna-Maria wies sie gleich zurecht. Ingrid blieb nicht lange und verschwand, es fiel niemandem auf Gudrun war es gleichgültig.
Stefans Familie mochte Gudrun, er sah sie mit verliebtem Blick an und dachte:
Früher oder später kommt das Glück zu jedem Menschen bei uns mit Gudrun ist es endlich da.
Kurze Zeit später erwartete Gudrun ihr erstes Kind und war doppelt glücklich. Auch wenn das Glück spät kam, es war endlich ihres. Sie erinnerte sich kaum noch an die Zeit unter Ingrids harter Kontrolle, fand die Kraft, ihr Leben zu verändern. Nicht nur äußerlich erblühte sie, sondern auch im Herzen, denn endlich hatte sie sich selbst und Stefan lieben gelernt.
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