Tagebuch, 17. Februar München
Wieder so eine sonderbare Nacht. Gegen vier Uhr morgens hörte ich plötzlich lautes, durchdringendes Bellen hinter den Wohnhäusern. Es ließ mich kaum schlafen, und ich war wohl nicht die Einzige: Schon um fünf wurde das Gebell immer eindringlicher. Die ersten Kollegen aus dem Haus traten verschlafen und genervt ins Treppenhaus. Der Weg zur Arbeit beginnt bei uns offenbar meist mit Augenringen und lautem Gemurre.
Gegen halb sechs ging ich selbst hinunter, diesmal gemeinsam mit Herr und Frau Meier aus dem dritten Stock es schien ihnen genauso zugehen. Komm, lass uns nachsehen, was da los ist, schlug Herr Meier vor, und wir liefen kurzentschlossen zum Garagenhof.
Da stand er auch schon: Ein ausgewachsener Deutscher Schäferhund, aufgebracht, den Kopf in Richtung der Häuser gerichtet. Dahinter lag ein Mann reglos auf dem Boden. Wir rannten hin, das Herz pochte mir bis zum Hals. Der Hund wiederum bellte nun noch lauter, als würde er auf uns aufmerksam machen wollen, zugleich aber sehr wachsam.
Frau Meier riet sofort: Wir müssen einen Rettungswagen rufen! Während sie mit dem Handy die 112 wählte, blieb ich ein paar Meter zurück der Schäferhund ließ wirklich niemanden so schnell an sich heran.
Die Sanitäter vom Münchner Rettungsdienst kamen erstaunlich schnell. Ich lief ihnen entgegen. Vorsicht, rief ich, das Tier ist sehr nervös! Doch als sie sich dem verletzten Mann näherten, verstummte das Bellen. Der Hund setzte sich schweigend neben ihn und wich keinen Schritt zur Seite.
Die Rettungssanitäter arbeiteten konzentriert, warfen dabei immer wieder vorsichtige Blicke zum Tier. Es handelte sich um einen jungen Mann vielleicht 35 , er hatte wohl schwer am Bauch geblutet. Beherzt leisteten sie Erste Hilfe. Der Hund wich ihnen keine Sekunde aus den Augen.
Derweil hatten sich trotz der frühen Stunde einige neugierige Nachbarn gesammelt alle hielten gebührenden Abstand. Niemand wagte, näherzutreten.
Als einer der Sanitäter die Trage holte, mussten sie den Hund wortlos zurücklassen. Die Ambulanz fuhr langsam davon. Der Schäferhund jagte dem Wagen noch ein gutes Stück hinterher, blieb schließlich außer Atem am Krankenhaus stehen.
Am Durchgangstor zum Klinikum rechts der Isar wurde die Lage skurril: Der Sicherheitsmann öffnete zwar die Schranke, aber der Hund blieb vor dem Tor stehen. Das ist wohl der Hund des Patienten, erklärte der Fahrer. Und was soll ich jetzt machen?, brummte der Wachmann, bevor er herrisch rief: Sitz! Platz! Der Schäferhund zögerte, folgte dann aber brav und setzte sich, Auge Richtung Tor, wohin die Ambulanz gerade verschwand. Nach einer Stunde hatte er sich am Zaun zusammengerollt und schien auf niemanden zu achten.
Zunächst wurde er von den Sicherheitsleuten kritisch beäugt. Doch bald beobachteten sie ihn nur noch aus der Ferne. Und was machen wir jetzt mit ihm?, fragte einer. Nichts. Wenn er bleiben will, kann er bleiben, meinte der andere gelassen. Und wenn sein Herrchen nicht zurückkommt?, kam die nächste Frage. Nun, der Hund ist schlau. Er geht sicher irgendwann.
Armer Kerl. Müssen wir ihm was zu fressen geben?
Wenn du ihn fütterst, hast du gleich ein neues Problem, seufzte der Wachmann.
Der Hund, noch immer so wachsam, beobachtete alles ganz genau.
Nach etwa vierzig Minuten kam der Wachmann wieder zur Pforte. Der Mann ist operiert worden und liegt auf der Intensivstation. Er ist stabil. Ich bring dem Kleinen hier was zu fressen. Er stellte einen Teller Weißwurst und etwas Wasser unter einen Baum. Der Hund betrachtete alles misstrauisch, bewegte sich jedoch nicht.
Komm’, trau dich. Du darfst essen, sagte der Wachmann freundlich.
Zögerlich kam der Hund schließlich zum Napf und trank ein wenig Wasser.
Eine Woche später lag der Mann Herr Bernhard Schuster, wie ich inzwischen durch die Nachbarschaft erfuhr auf Station und erholte sich. Er machte sich viele Gedanken um seinen Hund. Die beiden verband ein besonderes Band; seit Bernhard bei der Bundeswehr durch eine Verletzung entlassen worden war, waren Schäferhündin Frieda und er unzertrennlich. Sie hatten gemeinsam gedient und waren gemeinsam ins normale Leben zurückgekehrt.
Frieda selbst war unterdessen seit Tagen nicht mehr vom Baum vor dem Seitenportal des Krankenhauses gewichen. Einer der Sicherheitsmänner versorgte sie regelmäßig und kam an diesem Nachmittag mit einer Idee auf die Station.
Guten Abend, Schuster, Bernhard? Ihr Hund wartet draußen, immer noch. Wir versorgen sie, aber sie rührt sich nicht weg.
Bernhard lächelte müde.
Frieda, ja, das ist meine Hündin. Sie ist klug. Wir waren zusammen im Dienst, sie ist mehr als nur ein Hund.
Der Wächter schmunzelte erleichtert. Kann ich ihr etwas ausrichten?
Bernhard rieb mit einem Taschentuch langsam über Hände und Gesicht. Geben Sie ihr das … Sie wird verstehen.
Er überreichte dem Sicherheitsmann ein getragenes Taschentuch in einer Papiertüte. Der Wachmann brachte es zu Frieda, die es ausgiebig beschnupperte, dann mit unter den Baum nahm und sich liebevoll darauf legte.
In den nächsten Tagen wartete Frieda weiter. Als Bernhard endlich das Krankenhaus verlassen durfte, war die Wiedersehensfreude überschäumend. Sie hatten schon Schlimmeres gemeinsam überstanden. Und ich wusste heute: Wahre Treue zahlt sich aus Frieda hatte ihre Sache glänzend gemacht.
Und sie wartete.




