Alex kam zu seinen Eltern zu Besuch. Er nahm von seiner Mutter einen großen Stoffbeutel und machte sich auf den Weg zum Wochenmarkt, um Lebensmittel zu kaufen.
Bring noch etwas von der frischen Hausmacherwurst mit!, rief ihm seine Mutter nach. Am Markt gibts immer frische!
Mach ich, Mama!, antwortete er und trat auf die Straße hinaus…
Alex hatte fast alles eingekauft und wollte sich bereits auf den Heimweg machen, als ihm plötzlich eine Frau auffiel. Er starrte sie an und blieb wie angewurzelt mit dem Beutel stehen. Das kann nicht sein…, murmelte er nur leise.
Lieselotte war eine Schönheit gewesen. Aber sie gehörte zu jener Art Frauen, deren Ausstrahlung dazu führte, dass man gar nicht über Schönheit nachdachte. Man wollte einfach nur in ihrer Nähe sein.
So war Lieselotte: Sanftes, glattes, hellbraunes Haar, das sie zu einem Knoten gebunden hatte, angenehme Umgangsformen und eine ruhige, weiche Stimme. Ihre blauen Augen blickten aufmerksam und sogar zärtlich auf ihr Gegenüber.
Lieselotte konnte zuhören und Mut zusprechen, und selbst wenn sie keinen Rat wusste, seufzte sie bloß und in ihrer Nähe wurde vieles leichter.
Alex war zwei Jahre jünger als Lieselotte, beide wuchsen im selben Wohnblock in Heidelberg auf. In der Kindheit schien ihm dieser Altersunterschied riesig.
Lieselotte war die Seele der Clique in der Nachbarschaft. Die Jahre vergingen wie im Flug. Und Alex bemerkte erst später, dass Lieselotte, seine wunderbare Lieselotte, geheiratet hatte. Wann war das passiert? Wie hatte sie das geschafft?
Was hast du erwartet?, lachte die Großmutter. Dass sie auf dich wartet? Die Jungs waren immer hinter ihr her. Sie ist gut und klug. Nun Du solltest dir auch eine Frau suchen. Aber schau genauer hin.
So eine wie sie gibt es nicht mehr…, seufzte Alex.
Er ging zu Tanzabenden, lernte Frauen kennen, doch es war nie das Richtige. Auf der Hochzeit eines Freundes begegnete er Verena.
Groß, entschlossen, auffällig sie war die Extravagante unter den Brautjungfern. Ehe Alex sichs versah, hatte sich Verena ihn als Tanzpartner ausgesucht. Der Sekt lockerte die Stimmung.
…Alex erwachte am nächsten Morgen in Verenas Armen, in ihrer Wohnung. Er erinnerte sich kaum an den Abend. Auch die Freunde kamen vorbei, machten Witze, deuteten auf eine bevorstehende Hochzeit…
Alex blieb noch eine Nacht bei Verena, dann eine Woche. Und so begann es. Verena bestand darauf, die Ehe offiziell beim Standesamt anzumelden.
Ich will dich heiraten, Alex! Glaubs mir oder nicht, aber ich hab mich gleich beim ersten Mal verliebt!, erklärte sie.
Einerseits schmeichelte Alex diese Offenheit, andererseits machte sie ihm Angst.
So hat er sich Liebe und Ehe nie vorgestellt. Doch als Verena schwanger wurde, heirateten sie schließlich.
Eine große Feier gab es nicht. Verena war noch Studentin, ihre Eltern billigten die übereilte Ehe nicht, ebenso wenig wie die von Alex.
Bald wurde beiden klar, wie fremd sie einander waren.
Sie hielten nicht einmal ein halbes Jahr durch. Verenas kompromissloser und bestimmender Charakter ließ Alex kaum Raum, sich als Mann und Familienoberhaupt zu fühlen. Verena führte in allem das Wort und machte ihm regelmäßig Vorwürfe.
Alex floh, sobald er im nahen Mannheim einen Job mit Wohnheim gefunden hatte. Die Scheidung erfolgte erst später, als Verena die Bitten aufgab, er solle zurückkommen.
Alex nahm seine Tochter aus der Klinik mit nach Hause, zahlte verlässlich Unterhalt in Euro und besuchte sie, wann immer er an Feiertagen ins heimatliche Heidelberg kam.
Vier Jahre später heiratete Alex wieder. Diesmal entschied er sich für eine ruhige, bescheidene Frau Helga, die schon einen Sohn aus erster Ehe hatte. Helga erinnerte ihn in Vielem an Lieselotte, war aber doch anders, und Alex spürte stets diese Differenz als wäre ihm klar, dass Lieselottes Ideal nicht zu übertreffen sei.
Wenn seine Mutter ihn zu seinem Familienleben befragte, antwortete Alex stets:
Es geht, Mama. Es passt schon alles…
Es passt? Mehr nicht?, seufzte die Mutter und schüttelte traurig den Kopf. Denkst du immer noch an Lieselotte?
Was gibts da zu denken?, wich Alex aus. Zwischen uns war nie etwas. Nur…
Nur was? Kinderfreundschaft ist das eine. Liebe was anderes. Jetzt träumst du ewig davon, bringst andere damit um ihr Glück… Leb im Heute und schätze, was du hast, mein Junge.
Mach dir keine Sorgen, Mama, es passt schon., wiederholte Alex und fuhr davon…
Aber auch mit der zweiten Frau fand Alex kein Glück. Es gab nichts auszusetzen, alles war in Ordnung und doch fehlte das Feuer.
Ganz genau es fehlte die Leidenschaft. Als lebten sie nur der Form halber als Familie.
Vielleicht deswegen ging Helga nach zehn Jahren Ehe fremd etwas, womit Alex nie gerechnet hatte.
So ist das also, dabei warst du doch so still und ruhig…, sagte er nur zu ihr, als er die Scheidung einreichte. Helga, eine Verräterin bist du. Ich hab deinen Sohn Martin großgezogen, er nennt mich Papa. Und du…
Die Scheidung verlief ruhig, ohne weitere Worte. Den Kontakt zu Martin und zu seiner Tochter Lena aus erster Ehe hielt Alex stets aufrecht.
Eines Tages besuchte Alex wieder seine Eltern. Er nahm den großen Beutel seiner Mutter und wollte zum Markt.
Vergiss die Hausmacherwurst nicht!, rief seine Mutter ihm nach. Da gibts immer frische am Markt!
Ja, Mama!, rief Alex und ging.
Er hatte schon fast alles besorgt und wollte nach Hause, als ihm eine Frau auffiel.
Alex blieb wie angewurzelt stehen.
Das kann nicht sein…, dachte er.
Es war Lieselotte!
Alex war völlig aufgeregt. Sie war noch genau so bezaubernd und liebenswert.
Guten Tag, Lieselotte, flüsterte er, als er zu ihr trat. Warum trägst du Schwarz?
Lieselotte blickte ihn ruhig an. Guten Tag, Alex, schön dich zu sehen. Ich habe meinen Mann beerdigt… Es sind schon acht Monate. Ich kann das schwarz noch nicht ablegen. Es ist schwer…
Wollen wir gemeinsam nach Hause gehen? Unser Weg ist doch derselbe?, fragte Alex, nahm Lieselotte ihren Beutel aus der Hand.
Nicht ganz, ich wohne schon lange auf der anderen Seite der Stadt, im Neubauviertel, sagte sie.
Ich kann dich auch dorthin begleiten, wenn du magst. Ein bisschen reden, hm?, bot Alex an.
Sein bittender Blick ließ Lieselotte zustimmen.
Alex erfuhr, dass Lieselotte jetzt mit ihrer Studentin-Tochter zusammenlebte.
Nach diesem Treffen war Alex wie aufgeblüht. Er war wieder verliebt in Lieselotte und hatte nur noch Angst, sie wieder zu verlieren.
Nach zwei Wochen kam er zu den Eltern in die Küche und sagte zur Mutter:
Mama, ich will Lieselotte heiraten. Denkst du, sie will?
Die Mutter sah ihn an und wusste, es war ernst. Ihr Sohn war blass, bemerkbar aufgeregt und abgemagert.
Setz dich erst mal hin, iss meine Suppe, dann reden wir. Mensch Junge, was ist los mit dir?, erwiderte sie streng.
Alex aß mit Appetit und blickte seine Mutter hoffnungsvoll an.
Du hast dich schon oft geirrt, da kannst du ruhig das Glück nochmal versuchen. So ein treuer Kerl wie du… Geh zu Lieselotte. Aber sei ihr zuerst Freund, sie trauert sehr. Halte dich im Hintergrund, sei für sie einfach da. Findet sie Platz für dich in ihrem Herzen, werdet ihr glücklich. Aber dräng sie nicht…
Ohne ein Wort umarmte Alex seine Mutter und machte sich auf zu Lieselotte. Er rief sie an und bat um ein Treffen im Stadtpark.
Lieselotte erschien, sie verstand seine Absichten sofort. Es stand in seinem Blick. Als er ihr, nervös und mit Blumen in der Hand, von seiner Einsamkeit erzählte, unterbrach sie ihn:
Alex, ich verstehe dich. Es ist nur so überraschend…
Alex wurde blass. Trotz aller Schüchternheit sah er ihr entschlossen in die Augen und flüsterte:
Bitte lass mich ausreden. Wenn ichs jetzt nicht sage… du wirst mich nicht verstehen.
Lieselotte setzte sich auf eine Bank und schwieg.
Damals, in unserer Jugend, war ich zu dumm, dich zu verlieren. Ich war nicht reif. Aber ich habe dich immer geliebt. Nur dich. Glaubs ruhig oder nicht. Meine erste Ehe war nur ein Versuch, dich zu vergessen. Doch es gelang mir nicht.
Mit Helga hat es auch nicht funktioniert sie hat meine Gleichgültigkeit nicht ertragen. Bei ihr gab es keine Liebe. Alle Frauen habe ich mit dir verglichen. Es ist niemandes Schuld nur du bist einzigartig. Ich kann dich kein zweites Mal verlieren. Lieselotte, heirate mich!
Eine Weile schwiegen sie beide. Alex setzte sich neben sie. Er hatte sich alles von der Seele geredet und wartete auf ein einziges Wort von ihr.
Lieselotte blickte ihn an, sie spürte, wie er sich fühlte.
Hätte ich dich nicht von Kindheit an gekannt, würde ich dir das nicht glauben, Alex. Du bist ein guter, feinfühliger Mensch. Schüchtern und bescheiden immer gewesen.
Was heißt das?, fragte Alex leise, ohne sie anzusehen.
Es heißt, ich brauche Zeit. Das ist alles.
Ich warte. Wie lang?, fragte er.
Ich weiß es nicht…, flüsterte sie und seufzte. Aber es ist noch zu früh. Trotzdem danke. Jetzt weiß ich wenigstens, dass ich jemandem wichtig bin. Das bedeutet mir viel.
Aber wir können doch zusammenbleiben? Zumindest als Freunde? Ich halte es nicht aus, wenn sich ein anderer für dich interessiert…
Das will ich auch nicht. Bleib geduldig…, sagte sie ehrlich.
Sie gingen auseinander. Alex musste zurück nach Mannheim zur Arbeit. Doch er dachte nicht daran, Lieselotte lange allein zu lassen.
Ab jetzt besuchte er sie jedes freie Wochenende, kam mit Aufmerksamkeiten und Geschenken. Lieselotte war verlegen über den Eifer ihres Verehrers.
Alex, lass uns nicht vor dem Haus treffen. Die Nachbarn würden reden. Lass wenigstens ein Jahr vergehen…, bat sie.
Wenn du magst. Ich möchte dich nur sehen. Komm zu mir, ich zeig dir unsere Katze Leni. Sie ist wunderschön. Zwei Wochen Urlaub hab ich noch. Die Eltern sind in der Kur. Die Katze braucht Gesellschaft und der Flur ist fertig renoviert, das kannst du gleich sehen.
An dem Abend blieb Lieselotte bei Alex.
Als seine Eltern zurückkehrten, fiel ihnen die Veränderung bei ihrem Sohn sofort auf.
Alex renovierte den Flur weiter, summte vor sich hin, in der Wohnung war es ordentlich, in zwei Vasen standen Blumen.
Auf die Frage der Mutter erklärte Alex strahlend:
Ja, Mama! Wir leben zusammen, Lieselotte und ich. Es läuft wunderbar!
Kaum sind wir weg, schon bist du wieder verheiratet!, witzelte der Vater.
Nein, Papa, sie will derzeit keine Heirat. Aber ich bleibe dran.
Sie hat recht, meinte die Mutter. Lasst euch Zeit. Wenns passt, ergibt sich alles.
Das hoffe ich, sagte Alex. Wichtig ist: Sie zieht jetzt zu mir. Übermorgen schon.
Gut gemacht, Alex, lobte der Vater. Still und zurückhaltend, aber beharrlich. Findest du eine gute Frau, darfst du nicht zögern.
Ach, seit Jahren schwärmt er schon für sie, winkte die Mutter ab.
Vor dem Umzug gab es noch ein gemeinsames Mittagessen mit beiden Familien, wie ein Elternsegen.
Viele Jahre sind seither vergangen. Alex und Lieselotte sind noch immer ein Paar voller Zuneigung und Respekt, als hätten sie nie getrennt voneinander gelebt. Kinder und Enkel gibt es von beiden Seiten, doch sie spalten niemanden. Alle kommen gern zu Besuch.
Alex nennt seine Frau nur liebevoll Liselottchen.
Beide scheinen nicht zu altern. Lieselotte geht oft in die Kirche.
Ich stelle Kerzen auf, bete und danke Gott für mein Leben, erzählte sie Alex Mutter. Obwohl mir das Schicksal den ersten Mann nahm, hat mir Gott einen würdigen und liebevollen Partner geschickt. Einen, den ich seit Kindertagen kannte. So spielt das Leben…
Und so zeigt das Schicksal, dass manchmal das Glück zu denen zurückkehrt, die geduldig und ehrlich lieben. Man sollte nie aufhören, Hoffnung für ein neues Glück zu haben und erkennen, wie wichtig es ist, Menschen zu schätzen, die wirklich bedeuten.





