Das zweite Mal zählt
Mama, ich will nicht zur Oma gehen! rief die kleine Greta, sieben Jahre alt, während sie versuchte, sich aus den Armen ihrer Mutter zu winden. Sie mag mich nicht! Sie mag nur Onkel Michael!
Greta, erzähl doch keinen Unsinn antwortete Elisabeth erschöpft, während sie ihrer Tochter den Mantel zuknöpfte. Die Oma liebt alle Enkelkinder gleich.
Stimmt nicht! stampfte das Mädchen mit dem Fuß auf. Gestern hat sie der Anna, Onkel Franz Tochter, Eis gegeben, und ich habe gar nichts bekommen!
Hattest du vielleicht Halsschmerzen? versuchte Elisabeth zu erklären.
Nein! Sie mag mich einfach nicht, weil ich nicht die Tochter ihres Sohnes bin!
Elisabeth hielt inne und blieb mit der Bürste in der Hand stehen. Woher wusste ein siebenjähriges Kind von solchen Dingen? Wer hatte das Greta erzählt?
Greta, wer hat dir das gesagt?
Niemand das Mädchen wandte sich zum Fenster. Ich habe es gemerkt. Anna sagt, ihr Papa und mein Papa sind Brüder. Und ich weiß, dass mein Papa nicht mein wirklicher Papa ist. Mein richtiger Papa wohnt weit weg.
Elisabeths Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Sie setzte sich neben ihre Tochter aufs Sofa.
Greta, hör mir mal zu. Papa Johann IST dein Papa. Er liebt dich und sorgt für dich, seit du zwei bist. Und Oma Margarete liebt dich auch.
Warum lobt sie dann immer Anna und schimpft nur mit mir? die Augen des Mädchens füllten sich mit Tränen.
Elisabeth wusste keine Antwort. Denn sie wusste, dass Greta recht hatte. Die Schwiegermutter behandelte Greta anders als die Enkelin ihres ältesten Sohnes.
Wir kommen zu spät! rief Johann, als er das Wohnzimmer betrat. Greta, zieh dich schnell an, sonst wartet die Oma.
Ich will nicht dahin! schluchzte Greta erneut. Sie mag mich nicht!
Johann warf seiner Frau einen ratlosen Blick zu.
Was ist los?
Ich erkläre es dir später flüsterte Elisabeth. Greta, zieh dich bitte an. Wir gehen alle zusammen.
Sie schlenderten schweigend durch den Hamburger Stadtpark. Greta trottete hinterher und wischte sich immer wieder über die Nase. Johann trug eine schwere Einkaufstasche für seine Mutter, und Elisabeth fragte sich, wie dieser Besuch wohl werden würde.
Margarete war schon immer eine schwierige Frau. Als Johann damals Elisabeth mit der zweijährigen Greta vorstellte, begrüßte die Schwiegermutter beide mit spürbarer Kühle.
Warum ein Kind, das nicht von dir ist? hatte sie zu Johann gesagt. Such dir ein anständiges Mädchen und bekomme deine eigenen Kinder.
Doch Johann war stur. Er liebte Elisabeth und Greta wie seine eigene Tochter. Sie heirateten, und Johann adoptierte Greta, die fortan auch seinen Nachnamen trug.
Margarete akzeptierte die neue Familie, doch ihr Herz blieb Greta stets verschlossen und erst recht, nachdem ihr ältester Sohn, Richard, ihr ein echtes Enkelkind schenkte: Anna.
Ist sie da? fragte Johann und klopfte an die Tür.
Ja, ja tönte es von drinnen. Kommt rein.
Margarete öffnete, umarmte stürmisch ihren Sohn.
Ach Johann, ich hab dich so vermisst! Sie drückte ihm einen Kuss auf die Backe und nickte Elisabeth knapp zu. Hallo Elisabeth.
Guten Tag, Frau Margarete.
Und wo steckt meine kleine Enkelin? Die Oma entdeckte Greta, die sich hinter dem Vater versteckte.
Ich bin hier murmelte das Mädchen.
Kommt, setzt euch Margarete führte sie ins Wohnzimmer. Na, wie gehts euch? Johann, hast du abgenommen?
Nein, Mutter, alles gut lachte er. Elisabeth kocht hervorragend.
Das freut mich. Und Greta, wie läufts in der Schule? Gute Noten?
Ganz okay brummte das Mädchen.
Greta, antworte höflich mahnte Elisabeth.
Lass nur winkte Margarete ab. Kinder sind halt so. Anna hat gestern in Mathe eine Drei geschrieben. Richard hat den ganzen Nachmittag mit ihr gelernt.
Greta schreibt immer nur Einsen in Mathe meinte Johann stolz.
Sehr schön lobte die Oma trocken. Richard kommt heute mit Anna vorbei. Ihr vermisst euren Onkel bestimmt.
Elisabeth sah, wie Gretas Gesicht sich verdunkelte. Sie wusste, dass sich die Oma immer mehr freute, wenn Anna da war.
Mutter, erinnerst du dich noch an den letzten Monat, als Greta dir ein Gedicht vorgetragen hat? fragte Johann. Sie war so aufgeregt.
Ja, ich erinnere mich bestätigte Margarete. Das war ganz hübsch.
Soll ich Ihnen noch eins aufsagen? bot sich Greta leise an.
Ja, gern, mach mal.
Das Mädchen stellte sich mitten ins Wohnzimmer und trug ein Frühlingsgedicht vor. Elisabeth sah den Eifer ihrer Tochter, das Bemühen, zu gefallen.
Schön gemacht klatschte die Oma, als das Gedicht zu Ende war. Jetzt geh dir mal die Hände waschen, gleich gibts Mittagessen.
Greta gehorchte und Elisabeth blieb in der Küche, um beim Tischdecken zu helfen.
Frau Margarete, darf ich Sie was fragen? flüsterte sie.
Was denn?
Wegen Greta. Sie merkt, dass Sie sie anders behandeln.
Die Schwiegermutter knallte einen Teller auf den Tisch.
Wovon reden Sie denn?
Sie wissen es. Kinder fühlen das. Sie hat heute früh geweint und wollte nicht herkommen.
Was soll ich denn machen? Margarete drehte sich um. Ich gebe ihr zu essen, lade sie ein.
Ja, aber man merkt den Unterschied. Wenn Anna kommt, umarmen und beschenken Sie sie. Bei Greta sind Sie abweisend.
Weil sie nicht von mir ist! platzte es aus der Oma heraus. Sie ist nicht mein Fleisch und Blut! Sie hat ja ihre eigene Oma, die soll sich um sie kümmern!
Frau Margarete, Greta kann nichts dafür. Seit fünf Jahren ist sie Ihre Enkelin. Johann hat sie adoptiert, sie trägt Ihren Namen.
Ach, das sind doch nur Papiere winkte Margarete ab. Blut ist dicker als Wasser. Anna ist meine Enkelin, und Greta… naja, sie ist so etwas wie eine Patentocher.
Elisabeth spürte einen Kloß im Hals.
Lieben Sie meine Tochter denn nie wie Ihre Enkelin?
Warum denn? Wenn ihr richtige Kinder bekommt, reden wir weiter.
In diesem Moment kam Greta in die Küche.
Mama, warum sagt Oma, ich sei Patentochter? fragte sie mit zitternder Stimme. Ich bin auch Enkelin!
Elisabeth merkte, dass Greta alles gehört hatte. Margarete wurde rot.
Greta, geh zu Papa bat Elisabeth.
Nein! Ich will wissen, warum Oma mich nicht mag!
Greta, ich mag dich doch versuchte Margarete.
Stimmt nicht! Sie hat gesagt, ich sei Patentochter! Ich bin aber Papas Johanns Tochter!
Das Mädchen rannte weinend davon. Elisabeth blickte Margarete zornig an und folgte Greta.
Im Wohnzimmer saß Greta an Johann gekuschelt auf dem Sofa und schluchzte. Johann strich ihr über den Kopf, sichtlich ratlos.
Was ist passiert?
Deine Mutter hat Greta Patentochter genannt sagte Elisabeth eisig. Und sie schämt sich nicht mal.
Johann wurde blass.
Mama, stimmt das?
Margarete trat verlegen aus der Küche.
Mein Sohn, ich so war das nicht gemeint.
Die Oma sagt, ich bin nicht ihre Enkelin weinte Greta. Ich hätte eine andere Oma.
Johann stand auf, und Elisabeth bemerkte, wie sich sein Kiefer anspannte.
Mama, wie kannst du nur?
Sohn, ich wollte doch nur
Was denn?
Am Ende, nach vielen Tränen und langen Gesprächen, nahm Oma Margarete Greta in den Arm und versprach, sie wie ihr eigenes Enkelkind zu lieben. Von diesem Tag an fühlte sich das Mädchen nie mehr einsam in dieser Familie.



