Danke, Mama, – sagte Roman und stand vom Esstisch auf, während er sich dehnte. – Ich gehe noch ein bisschen spazieren, mit dem Auto eine Runde drehen. Mach dir keine Sorgen, ich fahre vorsichtig, nachts sind ja kaum noch Autos unterwegs. – Seitdem du dir das Auto gekauft hast, bist du ständig nur damit beschäftigt! Und es wird Zeit, dass du endlich heiratest! – Ach Mama, fang nicht schon wieder damit an, – Roman ging zu seiner Mutter und schloss sie in die Arme. – Du weißt doch, wie lange ich mir ein eigenes Auto gewünscht habe. Lass mich erst ein bisschen fahren, das genießen – und dann denke ich an Familie, versprochen. – Na schön. Bald wirst du dreißig und spielst immer noch mit deinen Autos, – die Mutter strich ihm liebevoll übers Haar. – Nun geh schon. Roman verließ das Treppenhaus, ging zu seinem Wagen und wischte die frischen Schneeflocken von der Windschutzscheibe. Den Führerschein hatte er schon lange, durfte oft das alte Familienauto fahren. Fahrpraxis war da – nur hatte er das Gefühl, mit dem eigenen Wagen noch nie so richtig auskosten können. Lange hat er dafür gespart und noch länger das richtige Modell gesucht. Jetzt fuhr er jeden Abend durch die Stadt, manchmal auch raus auf die Autobahn. Traf er jemanden am Straßenrand, nahm er ihn mit und weigerte sich, Geld dafür zu nehmen. Er setzte sich ans Steuer, drehte den Zündschlüssel und lauschte mit Freude dem Brummen des Motors. Dann drehte er das Autoradio auf und fuhr langsam vom Hof. Im Scheinwerferlicht glitzerten die Schneeflocken. Dieser Winter hatte früh und kräftig eingesetzt – schon nach wenigen Tagen lag reichlich Schnee. Ziellos fuhr Roman durch die Straßen. Auf einer davon sah er eine Frau mit einem Kind. Er stellte das Radio leiser, hielt an und ließ die Fensterscheibe auf der Beifahrerseite runter. – Können Sie uns bis zur Bauarbeiterstraße mitnehmen? – fragte die Frau durchs Fenster. Sie war jung und sehr sympathisch. – Steigen Sie ein, – Roman nickte auf den Sitz neben sich. – Was verlangen Sie denn dafür? Es ist ja nicht gerade nah, – hakte sie vorsichtig nach. – Keine Sorge. Schöne Frauen fahren bei mir umsonst mit, – doch als er merkte, dass sie erschrocken zurückwich, beeilte er sich, sie zu beruhigen: – Fünf Euro wären okay? Steigen Sie bitte ein, – lachte er. Die junge Frau öffnete die hintere Tür, ließ ihren etwa fünfjährigen Sohn zuerst einsteigen und setzte sich dann dazu. Roman bog auf die Hauptstraße ein. – Wie viele Pferdchen hat dein Auto? – fragte der Junge hinter Romans Rücken. – Pferdchen? – wiederholte Roman und schmunzelte. – Weiß ich gar nicht genau… – Wie, das weißt du nicht? – beharrte der kleine Passagier. – Weißt du, als ich mein Auto gekauft habe, war mir wichtig, dass es hübsch aussieht und man bequem sitzt. Die Motorleistung war mir eigentlich egal. Aber du scheinst dich ja auszukennen. – bemerkte Roman ernst. – Klar kenn ich mich aus, – erklärte der Junge geschäftig. – Und wie heißt du, Autokenner? – lachte Roman. – Slava. Und du? – Na, du bist mir ja einer! Ich bin Roman. Sorry, einhändig kann ich dir grad nicht die Hand geben, – Roman amüsierte sich über die Unterhaltung mit dem Jungen. – Jetzt ist aber gut, Slava, nicht so neugierig, – sagte die Mutter. – Ach, lass ihn ruhig. Was für ein toller Sohn, – Roman warf einen Blick in den Rückspiegel und traf dort den Blick der jungen Frau. Plötzlich wurde es ganz warm in seiner Brust. Die nächtliche Stadt glänzte im Licht der Schaufenster und Laternen. Weihnachten lag zwar noch einen Monat entfernt, aber die festliche Stimmung war überall schon zu spüren. – Bitte halten Sie vor diesem Haus, – rief die Frau von hinten. – Soll ich Sie nicht lieber ganz bis zum Eingang bringen? – Roman blickte wieder in den Rückspiegel, doch diesmal schaute sie zur Seite. Er hielt am Anfang des langen Neunstockwohnhauses. Die Frau stieg aus und hielt die Tür für ihren Sohn auf. – Slava, beeil dich ein wenig! – drängte sie sanft. – Kommst du morgen wieder? – fragte der Junge mit zittriger Stimme. – Ich hole dich am Sonntag ab. Und jetzt nicht weinen, ich habe es eilig. Also los, – antwortete sie. Slava rutschte nur zögernd und sehr langsam aus dem Sitz zu den geöffneten Türen. Roman stieg aus. – Hier, – reichte ihm die Frau fünf Euro. Roman steckte das Geld als Talisman in seine Jackentasche. – Ich werde es als Glücksbringer aufheben, – sagte er ernst und gab Slava die Hand. – Mach’s gut! – Mach’s gut, – antwortete Slava und drückte Romans große, warme Hand. – So, jetzt komm. Die Oma wartet schon, – die Mutter zog den Jungen weiter. Nach ein paar Schritten drehte sich Slava noch einmal um, Roman winkte ihm nach. Da sah er, wie ein Mann aus einem der geparkten Autos auf die beiden zukam. Er küsste Slavas Mutter und streckte dann dem Jungen die Hand entgegen, aber Slava wandte sich plötzlich ab. – Aha, die Mutter hat eine Verabredung und der Junge ist eifersüchtig. Mit dem neuen Freund kommt er offenbar nicht klar, – dachte Roman und der Gedanke beruhigte ihn sogar ein wenig. Roman stieg wieder ins Auto und drehte die Musik lauter auf. Der Duft eines Parfüms lag noch in der Luft – kaum wahrnehmbar, aber sehr angenehm. Kurz blickte Roman in den Rückspiegel, als säße die junge Frau noch dort, aber natürlich war niemand zu sehen… Die Lust aufs Fahren war ihm vergangen. Die Musik begann zu nerven und er stellte das Radio auf einen anderen Sender. Der Blick der jungen Frau ließ ihn nicht los. Ganz normal und sympathisch – und doch hatte sie ihn berührt. …Vor ein paar Jahren hatte er sich in eine ältere Frau verliebt, die bereits eine fast erwachsene Tochter hatte. Roman machte ihr einen Antrag, nahm sie mit nach Hause, um sie seiner Mutter vorzustellen. – Sie ist älter als du. Und hat schon ein Kind. Junge, du bist so attraktiv – findest du denn gar keine jüngere? Mach das bloß nicht, – flüsterte die Mutter ihm nach Darinas Weggang zu. Später machte sich die Mutter schwere Vorwürfe, das Glück des Sohnes zerstört zu haben. Mit anderen Frauen wollte es bei Roman auch nicht klappen. Sie mochten ihn – keine bewegte jedoch sein Herz wie Darina. Zu ihr kehrte der frühere Mann zurück und Darina heiratete noch einmal. Und heute… Roman fuhr oft an dem Haus vorbei, in das er Slava und dessen Mutter gebracht hatte. Sogar die Straße, an der er sie einst mitnahm, steuerte er manchmal an. Doch nie wieder traf er sie… Immer wieder musste er an die Zufallspassagierin und ihren Sohn denken. Er kannte die Hausnummer, könnte im Hof fragen, sicher hätte jemand einen Tipp, in welcher Wohnung Slavas Oma wohnt. Sollte er einfach auftauchen und fragen? Vielleicht lief doch alles gut mit dem Mann, der sie damals erwartete… Und so fuhr Roman weiter durch die Stadt, hielt Ausschau nach der jungen Frau und hoffte auf ein glückliches Wiedersehen… …Schließlich stand Silvester vor der Tür. Die Mutter wirbelte seit dem Morgen in der Küche, im Fenster funkelte schon der schöne Tannenbaum. Roman schlief aus, half beim Zubereiten der Salate und holte das Festgeschirr aus dem Schrank. Als es dunkel wurde, hatte er das Gefühl, eine unsichtbare Kraft ziehe ihn hinaus ins Freie. – Mama, es schneit! Märchenhaftes Wetter. Ich dreh noch kurz ne Runde, sonst penne ich ein und verschlafe das Fest. – Wohin willst du denn jetzt noch? – erschrak die Mutter. – Nur noch drei Stunden bis Mitternacht… – Bin schnell zurück, keine Sorge, – beruhigte er sie beim Anziehen. Das Auto war zugeschneit, Roman stieg in den eiskalten Wagen und stellte die Heizung an. Es war still in der Stadt, die Straßen wie leergefegt, nur verspätete Passanten eilten noch nach Hause. Das Licht brannte in den Fenster, überall liefen die letzten Vorbereitungen für die Silvesternacht. Am Straßenrand winkte ein großer Mann im offenen Mantel. Roman hielt an, der Mann stieg prustend auf den Rücksitz. Etwas klirrte in seiner Einkaufstüte. Am Ziel gab er Roman 20 Euro, obwohl der Weg nicht weit gewesen war. – Zu Feiertagen sind die Menschen plötzlich großzügig. Feiertagstarif eben, – Roman lachte, steckte das Geld aber ein. Ein weiteres Paar nahm er ebenfalls mit. Die beiden stritten sich die ganze Strecke. Ihr Geld lehnte Roman ab. Glücklich und dankbar, fast ungläubig, verabschiedeten sie sich und verschwanden Arm in Arm. Roman fuhr die ruhige Nebenstraße entlang, wo Slava und seine Mutter eingestiegen waren. Er schaute auf die erleuchteten Fenster und dachte, dass hinter einem von ihnen die beiden gerade mit dem anderen Mann am Tisch saßen… Doch dann, an Slavas Oma’s Haus, sah er sie! Die beiden kamen ihm auf dem Gehweg entgegen. An dem beigefarbenen Mantel und der weißen Bommelmütze erkannte er sie sofort. Daneben trottete ein bedrückter Slava. Roman wurde ganz warm ums Herz. Er stieg aus dem Auto aus. Auch die beiden blieben stehen und schauten ihn misstrauisch an. – Sie erinnern sich nicht an mich… – dachte Roman. – Steigen Sie ein. Ich bringe Sie wohin Sie wollen. Heute gilt mein Feiertagstarif – kostenlos, – sagte er. Sie kamen zum Auto, Roman reichte Slava die Hand. – Hallo Slava. Er schaute erst zu seiner Mutter – dann legte er seine kleine Hand endlich in Romans große. – Handschuhe zu Hause vergessen? Schnell rein ins Warme! Slava und seine Mama setzten sich hinten rein. – Erinnern Sie sich nicht? Ich habe Sie vor einem Monat schon mal hierher gebracht, – Roman warf der Frau einen Blick in den Spiegel zu. Sie hatte rote, verweinte Augen. – Wohin soll ich Sie bringen? – Zum Bahnhof, – sagte sie. Diesmal schwieg Slava, wirkte ganz still. – In weniger als einer Stunde ist Silvester. Sie fahren jetzt nirgendwo hin! Und warum denn auch? Ich weiß nicht, was passiert ist, aber so eine Nacht darf man nicht weinend verbringen. Stimmt’s, Slava? – wandte sich Roman an den Jungen. – Wir kamen zu Oma fürs Fest, aber dann hat Mama sich mit ihr gestritten… – antwortete Slava leise. – Slava! – fuhr sie ihm dazwischen. – So ist das halt manchmal. Wissen Sie was? Zum Bahnhof gehen wir heute nicht. Warten Sie doch! – hielt er sie auf, denn sie wollte schon aussteigen. – Denken Sie an Ihren Sohn. Ihm ist kalt. Lassen Sie ihm das Fest nicht entgehen. – Was geht Sie das denn an!? Bringen Sie uns einfach zum Bahnhof, – wiederholte sie. – Meine Mutter hat so viel gekocht, damit könnte man eine ganze Kompanie satt kriegen. Alles sehr lecker, glauben Sie mir. Kommen Sie doch einfach mit zu uns und feiern gemeinsam. Kommst du mit, Slava? – Ja! – rief Slava aufgeregt. – Mama, komm, bitte, – sah er sie hoffnungsvoll an. – Machen Sie es doch. Wohin wollen Sie in der Nacht auch noch? Meine Mutter freut sich. Tränen und Kummer lassen wir im alten Jahr, ins neue starten wir mit einem Lächeln! Roman stellte das Radio lauter. – Es ist wohl Schicksal. Was auch sonst? Und wieder läuft dasselbe Lied. Und dann sagen sie, Wunder passieren nicht… – dachte er. Vor dem Haus hielt Roman an. – So, schnell raus. Wir haben nicht mehr viel Zeit, – sagte er. – Na das ist ja was! – rief Slava und rannte gleich voraus. Roman schloss mit seinem Schlüssel die Wohnung auf und ging in den Flur. – Mama! Wir haben Gäste! Und sie haben richtig Hunger! In der Küche klapperte Geschirr. – Los, zieht eure Mäntel aus – zehn Minuten noch! Nach einem Moment kam Romans Mutter in den Flur. Sie erstarrte beim Anblick der Fremden! – Wer ist das, mein Sohn? – brachte sie raus. Roman schmunzelte. – Das ist meine Mutter, Antonia, – stellte er vor, – und das sind Slava und… – Roman sah die junge Frau an, ohne Mantel, ohne Mütze, zierlich, jung, sehr hübsch… – Nastja, – murmelte sie verlegen. – Mama, lade Nastja und Slava zum Tisch ein! – sagte Roman fröhlich und lud sie ins Wohnzimmer. Als alle saßen, drehte Roman den Fernseher auf. – Ich habe irgendwie gespürt, ich muss noch ein Gedeck mehr hinstellen, – in Antonias Augen glänzten Tränen. – Ich werde einfach nicht dran gewöhnt, dass Romans Vater nicht mehr da ist… – Mama, jetzt du auch noch? Warum weinen heute alle? Los, probieren wir lieber deine sagenhaften Gerichte! Roman öffnete den Sekt, schenkte ein, stand auf. Alle anderen folgten, sogar Slava, mit einer schönen Kristallgolas in der Hand. – Frohes neues Jahr! – sagte Roman feierlich und hob das Glas. – Auf neue Freunde! – piepste Slava, und alle mussten lachen… …In dieser Silvesternacht brachte das Schicksal vier Menschen an einen Tisch. Noch wusste keiner von ihnen, dass sich von diesem Moment an ihre Wege untrennbar verbinden würden. Und jeder von ihnen fand an diesem Abend, was er gesucht hatte…

Danke, Mama, murmelte Sebastian und stand träumend vom Esstisch auf. Seine Glieder fühlten sich seltsam leicht, als würde die Lampe über ihm ihn gleich an ihren Lichtfäden nach oben ziehen. Ich gehe ein Stück durch München fahren. Mach dir keine Sorgen, so spät sind kaum noch Autos unterwegs.

Seitdem du das Auto gekauft hast, sieht man dich nur noch draußen. Du bist fast dreißig ist es nicht Zeit für mehr als nur dieses Spielzeug? Die Stimme seiner Mutter, Erika Vogel, klang wie von weit her, als käme sie aus einem Nachbarzimmer und doch auch aus seinem Kopf.

Ach, Mama, fang nicht wieder damit an. Er ging hinüber, umarmte sie fest und spürte, wie ihre Hände wie warme Schmetterlinge durch sein Haar streiften. Du weißt doch, wie lange ich mir so ein Auto erträumt habe. Ich muss erst die ganze Freude ausschöpfen, und dann dann denke ich übers Heiraten nach. Versprochen.

Na gut. Du bist wie ein Junge mit seiner Modelleisenbahn. Aber geh schon.

Sebastian verließ die Altbauwohnung im regennassen Schwabing, stapfte durch Matsch und gestreutes Salz bis zu seinem Volkswagen draußen am Bordstein. Draußen tanzten Schneeflocken, dick und schwer wie Daunenfedern, und er strich sie vom Windschutz herunter, als wären es kleine Tiere.

Den Führerschein hatte er schon ewig. Früher durfte er Papas alten Mercedes fahren. Doch jetzt jetzt war es sein Auto, sein eigenes. Dieses Gefühl vibrierte seltsam in seinem Bauch, als würde ein Orchester kleiner Vögel darin spielen.

Jahrelang hatte er dafür gespart. Dann Monate damit verbracht, den richtigen zu finden. Und jetzt drehte er Abend für Abend endlose Schleifen durch die Stadt, manchmal sogar auf die Autobahn hinaus, wo die Straßen sich auflösten und zu Träumen zerflossen. Traf er unterwegs jemanden, hielt er an und nahm ihn mit. Sebastian nahm nie Geld.

Er ließ sich in den Sitz sinken, drehte den Schlüssel und genoss das leise Blubbern des Motors. Das Radio spielte einen alten Schlager; die Stimmen darin wirbelten mit dem Schneestaub durch die Nacht.

Die Straßen Münchens waren leer, die Schneeflocken glitzerten im Scheinwerferkegel wie winzige Kristallfische, die im Wasser schwimmen.

Sebastian fuhr ziellos, bis er auf einer verlassenen Allee eine junge Frau mit einem Kind an der Hand stehen sah.

Er drehte das Radio leiser, hielt an und kurbelte die Scheibe runter.

Fahren Sie zur Osterwaldstraße? Die Frage klang wie aus einer anderen Zeit.

Sie hatte große, braune Augen und ein Lächeln, das wie die Erinnerung an ein vergessenes Lied war.

Kommen Sie, steigen Sie ein. Er deutete auf den Beifahrersitz.

Was wird die Fahrt denn kosten? Sie sah ihn mit gemischtem Misstrauen und Hoffnung an.

Keine Sorge. Für hübsche Mädchen nehme ich kein Geld. Er bemerkte, wie sie leicht zurückzuckte, und beeilte sich, zu lachen: Oder vielleicht doch zehn Euro? Na los, steigen Sie ein.

Sie öffnete die Hintertür, ließ ihren Sohn er war vielleicht fünf auf den Sitz klettern und setzte sich dazu. Sebastian rollte wieder an, hinaus auf den Ring.

Ein kleines Stimmchen trat aus dem Halbdunkel: Wie viele Pferdchen hat dein Auto?

Pferdchen? Sebastian griff nach Worten, die plötzlich schwer waren. Weiß ich ehrlich gesagt nicht.

Wie kannst du das nicht wissen? forschte sein junger Beifahrer weiter.

Weißt du, ich hab ihn gekauft, weil er schön aussieht und man gut drin sitzt. Wie stark der Motor ist, war mir nie so wichtig. Aber du kennst dich wohl aus? fragte Sebastian nun ganz ernst.

Der Junge nickte ernst: Natürlich.

Wie heißt du denn, Autoprofi? schmunzelte Sebastian.

Fritz. Und du?

Sebastian. Entschuldige, ich kann dir die Hand nicht schütteln beim Fahren!

Fritz, jetzt lass den Herrn fahren, sagte seine Mutter, deren Stimme wie das Klingen von Schneeglöckchen war.

Er ist ein guter Junge, sagte Sebastian in den Rückspiegel, wo sich ihre Blicke trafen. Für einen Moment war da Wärme in seiner Brust, unwirklich und weit als hätte er den Himmel berührt.

Vorbei an erleuchteten Schaufenstern und Straßenlaternen, die wie Gasballons in der Luft schwebten, fuhren sie durch das vorweihnachtliche München. Die Stadt roch nach Mandarinen, Schnee und Kerzenwachs und Silvester war noch fern.

Halten Sie bitte hier am Eck, sagte sie leise.

Soll ich Sie nicht direkt bis zum Eingang bringen? Doch sie sah nicht zurück, ihr Blick glitt über die Schneedecke.

Sebastian hielt am Anfang des endlosen Wohnblocks. Sie stieg aus, wartete auf ihren Sohn.

Komm, Fritz, ein bisschen schneller! rief sie.

Kommst du mich morgen abholen? fragte Fritz kläglich.

Am Sonntag. Und jetzt beeil dich! Die Oma wartet, los.

Zögernd kroch Fritz aus dem Auto. Sebastian stieg aus. Sie reichte ihm zehn Euro.

Er nahm den Schein, faltete ihn sorgfältig und steckte ihn in seine Jackentasche. Den behalte ich als Talisman, sagte er und gab Fritz die Hand.

Tschüss! rief Fritz, seine kleine warme Hand verschwand in Sebastians großer.

Nach ein paar Schritten bog Fritz sich um, und Sebastian winkte ihm. Im dämmrigen Hof trat ein Mann aus einem anderen Auto auf die Frau zu, küsste sie, reichte Fritz die Hand aber Fritz wandte sich ab.

Ach, die Mama hat einen Freund, und der Junge fremdelt, dachte Sebastian, und in seinem Traumherzen war das tröstlich.

Im Auto blieb der Duft ihres Parfums, süß wie der Winterhimmel. Sebastian blickte in den Rückspiegel, als säße sie noch immer hinten doch da war nur Schatten.

Die Fahrt verlor ihren Reiz, die Musik wurde zu schneidendem Wind, und Sebastian suchte eine andere Frequenz.

Das Bild ihrer Augen ließ ihn nicht los einfach, nett, und doch hatte sie ihn ins Herz getroffen.

Vor Jahren hatte er sich in eine ältere Frau verliebt, sie hieß Gisela, hatte bereits eine große Tochter. Sebastian machte ihr sogar einen Antrag und brachte sie zu seiner Mutter.

Sie ist älter als du. Sie hat ein Kind. Findest du denn keine jüngere? hatte Erika ihn gebeten, als Gisela schon wieder fort war.

Danach hatte Erika sehr gelitten, überzeugt, das Glück ihres Sohnes zerstört zu haben. Andere Frauen mochten Sebastian, doch keine berührte sein Herz wie Gisela. Am Ende war Gisela zu ihrem Ex-Mann zurückgekehrt.

Und heute?

Sebastian fuhr immer wieder durch die Straße, wo er Fritz und dessen Mutter aufgelesen hatte. Er kannte die Hausnummer, hätte im Hof fragen können, wo Fritzens Oma wohnte.

Was würde er sagen? War sie nun glücklich mit dem Mann von damals?

Sebastian fuhr durch das nächtliche München und hoffte seltsam sehnsüchtig auf ein Wiedersehen

Die Tage vor Silvester waren voller Zauber. Die Mutter wirbelte in der Küche, ein kleiner Baum glitzerte im Fenster.

Sebastian schlief aus, bereitete mit Erika Salate zu, trocknete mit den Ärmel das beste Porzellan ab. Doch als es dunkel wurde, packte ihn eine merkwürdige Rastlosigkeit, als zöge ihn ein Magnet auf die verschneite Straße.

Mama, draußen ist Märchenschnee! Ich drehe noch eine Runde mit dem Auto, sonst schlafe ich nachher beim Essen ein.

Sebastian!, rief Erika erschrocken. Nur noch drei Stunden

Ich bin bald zurück. Mach dir keine Sorgen. Er streifte sich Mantel und Schal über.

Draußen war der Volkswagen unter einer flauschigen Schneeschicht verschwunden. Die Stadt war erstarrt selbst die Straßenlaternen schienen müde. In den Fenstern ein goldener Schein und hier und da Schatten von Menschen, die sich auf das große Fest vorbereiteten.

Ein schmaler Mann mit offenem Mantel winkte am Straßenrand. Sebastian hielt, und der Mann ließ sich schnaufend auf die Rückbank fallen. Eine Plastiktüte klirrte. Als er ausstieg, drückte er Sebastian zwei Fünfzigeuroscheine in die Hand für die kurze Fahrt beinahe unglaublich.

In Festzeiten sind alle großzügig Festtarif!, lachte Sebastian, steckte das Geld ein.

Dann nahm er noch ein Pärchen mit, das sich lautstark zankte. Ihr Geld wollte er nicht sie stiegen aus, wie verzaubert, lachend und Arm in Arm ihrem Silvester entgegen.

Jetzt lenkte Sebastian das Auto in die schmale Straße, wo alles begonnen hatte. Hinter den erleuchteten Fenstern stellte er sich vor, dass die junge Frau und ihr Sohn zusammensaßen und der andere Mann vielleicht auch.

Sebastian fuhr weiter zum Haus von Fritzens Oma. Plötzlich, wie aus einer Nebelwolke, tauchten die beiden auf dem Gehweg auf!

Er erkannte sie an ihrem beigen Mantel, der wie eine Sanddüne an ihr hing, und ihrer weißen Wollmütze mit Bommel. Neben ihr trottete Fritz wie ein trauriges Kätzchen mit nach unten gezogenen Mundwinkeln. Sebastians Herz machte einen Satz.

Er bremste, öffnete die Tür. Sie sahen ihn irritiert an, aus großen dunklen Augen.

Sie erinnern sich bestimmt nicht aber steigen Sie ein. Die Silvesternacht hat heute einen Gratis-Tarif!

Fritz sah erst seine Mutter, dann Sebastian an, dann streckte er endlich die kleine Hand aus. Vergessen die Handschuhe? Kurz darauf saßen Fritz und seine Mutter hinten.

Sie erkennen mich nicht? fragte Sebastian im Rückspiegel.

Tränen glänzten in ihren Augen.

Wohin möchten Sie?

Zum Hauptbahnhof, kam die Antwort, wie durch einen Wattebausch.

Fritz schwieg, still und erschöpft im Kindersitz.

Wissen Sie, in weniger als einer Stunde ist Neujahr. Sie können unmöglich abreisen! Was auch immer Sie bedrückt heute Nacht darf man nicht traurig sein, oder Fritz? sagte Sebastian zu dem Jungen.

Wir waren bei Oma. Aber Mama und sie haben gestritten, murmelte Fritz.

Fritz! Die Mutter zog ihn an sich.

So ist das manchmal. Wissen Sie was? Wir fahren auf keinen Bahnhof. Warten Sie!, rief Sebastian, als sie schon fast aussteigen wollte. Denken Sie an Ihren Jungen. Er friert, und ohne Fest bleibt das neue Jahr traurig.

Was geht Sie mein Sohn an? Fahren Sie uns bitte einfach, bat sie erschöpft.

Meine Mutter hat so viel gekocht, sie könnte ein halbes Dutzend Leute satt machen. Kommen Sie zu uns, feiern wir gemeinsam! Was meinen Sie, Fritz?

Ja!, rief Fritz und sah seine Mutter hoffnungsvoll an. Bitte, Mama?

Stimmen Sie zu. Wohin sollen Sie jetzt? Meine Mutter freut sich sicher. Lassen wir all den Kummer in diesem alten Jahr und gehen mit Lachen ins neue.

Sebastian drehte das Radio auf. Ein Titel, der klang, als hätte er ihn schon vor Jahren im Traum gehört, schenkte dem Moment eine seltsame Bedeutung.

Er parkte vor dem Haus.

Los, beeilen wir uns, die Zeit rennt!

Geht das wirklich?, fragte Fritz, aber lief schon voraus.

Sebastian öffnete mit seinem Schlüssel die alte Eichenhaustür. Mama! Wir haben Gäste und sie sind hungrig!

Aus der Küche klirrte es. Erika kam heraus, starrte überrascht auf die Fremden. Ihre Schürze war noch voller Mehl.

Wer ist das, Sebastian?

Sebastian lächelte und sagte: Mama, das ist Fritz und er blieb stehen, sah die junge Frau so verletzlich und schön, dass ihm der Atem stockte und Lieselotte.

Lieselotte, sagte sie leise, mit gebrochener Stimme.

Mama, setz schon einen Teller mehr, hol Fritz und Lieselotte rein!

Alle setzten sich an den festlich gedeckten Tisch. Sebastian drehte den Fernseher lauter.

Erika strich sich verstohlen eine Träne aus dem Gesicht. Ich hab wie immer einen Teller zu viel hingestellt. Für deinen Vater ich kann es nicht lassen

Mama, lass gut sein! Wir kosten jetzt deine wunderbaren Gerichte. Keine Tränen heute!

Sebastian öffnete den Apfelwein, schenkte ein und erhob sich. Fritz hielt eine bunte Kinder-Tasse mit Saft.

Prost Neujahr!, rief Sebastian.

Auf neue Freunde!, quietschte Fritz und alle lachten.

In jener Silvesternacht saßen plötzlich vier Menschen an einem Tisch, als habe ein Traum sie dahin geweht.

Keiner von ihnen wusste, dass von diesem Moment an ihre Leben eng miteinander verwoben sein würden.

Und jeder von ihnen bekam, wonach er sich immer gesehnt hatteDraußen begann langsam das Neujahrsfeuerwerk, Lichtkaskaden spiegelten sich in den Fensterscheiben, bunte Farben tanzten über die Gesichter am Tisch. Erika lachte leise, während sie Sebastian auf die Schulter klopfte. Lieselotte lächelte zum ersten Mal richtig, und selbst Fritz Augen glänzten mehr als der Winterschnee.

Sebastian betrachtete die drei seine Mutter, diese fremde und doch vertraute Frau, und den Jungen, der plötzlich in seiner Familie saß und fühlte, wie sich in seinem Innersten eine Tür öffnete, hinter der es hell war und warm. Vielleicht war dies der Anfang von etwas Unerwartetem, etwas, das ihm kein Auto, kein Geld der Welt je hätte schenken können.

Als Mitternacht kam, standen sie alle am Fenster, Gläser in der Hand. Die Stadt jubelte unter dem funkelnden Himmel. Fritz saß auf Sebastians Schultern, reckte die Arme aus und rief: Mehr Raketen, mehr Licht, noch mehr!

Sebastian lachte, blickte zu Lieselotte. Sie erwiderte seinen Blick, voller Dankbarkeit und mit einer Möglichkeit darin, so neu wie das Jahr.

Draußen löschte der Schnee langsam das Feuerwerk, aber drinnen loderten Geschichten, die erst begonnen hatten. Und als Sebastian später das Fenster schloss, war ihm, als würde in jener Nacht ein Wunsch wahr, den er nie ausgesprochen, aber immer schon heimlich geträumt hatte.

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Homy
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Danke, Mama, – sagte Roman und stand vom Esstisch auf, während er sich dehnte. – Ich gehe noch ein bisschen spazieren, mit dem Auto eine Runde drehen. Mach dir keine Sorgen, ich fahre vorsichtig, nachts sind ja kaum noch Autos unterwegs. – Seitdem du dir das Auto gekauft hast, bist du ständig nur damit beschäftigt! Und es wird Zeit, dass du endlich heiratest! – Ach Mama, fang nicht schon wieder damit an, – Roman ging zu seiner Mutter und schloss sie in die Arme. – Du weißt doch, wie lange ich mir ein eigenes Auto gewünscht habe. Lass mich erst ein bisschen fahren, das genießen – und dann denke ich an Familie, versprochen. – Na schön. Bald wirst du dreißig und spielst immer noch mit deinen Autos, – die Mutter strich ihm liebevoll übers Haar. – Nun geh schon. Roman verließ das Treppenhaus, ging zu seinem Wagen und wischte die frischen Schneeflocken von der Windschutzscheibe. Den Führerschein hatte er schon lange, durfte oft das alte Familienauto fahren. Fahrpraxis war da – nur hatte er das Gefühl, mit dem eigenen Wagen noch nie so richtig auskosten können. Lange hat er dafür gespart und noch länger das richtige Modell gesucht. Jetzt fuhr er jeden Abend durch die Stadt, manchmal auch raus auf die Autobahn. Traf er jemanden am Straßenrand, nahm er ihn mit und weigerte sich, Geld dafür zu nehmen. Er setzte sich ans Steuer, drehte den Zündschlüssel und lauschte mit Freude dem Brummen des Motors. Dann drehte er das Autoradio auf und fuhr langsam vom Hof. Im Scheinwerferlicht glitzerten die Schneeflocken. Dieser Winter hatte früh und kräftig eingesetzt – schon nach wenigen Tagen lag reichlich Schnee. Ziellos fuhr Roman durch die Straßen. Auf einer davon sah er eine Frau mit einem Kind. Er stellte das Radio leiser, hielt an und ließ die Fensterscheibe auf der Beifahrerseite runter. – Können Sie uns bis zur Bauarbeiterstraße mitnehmen? – fragte die Frau durchs Fenster. Sie war jung und sehr sympathisch. – Steigen Sie ein, – Roman nickte auf den Sitz neben sich. – Was verlangen Sie denn dafür? Es ist ja nicht gerade nah, – hakte sie vorsichtig nach. – Keine Sorge. Schöne Frauen fahren bei mir umsonst mit, – doch als er merkte, dass sie erschrocken zurückwich, beeilte er sich, sie zu beruhigen: – Fünf Euro wären okay? Steigen Sie bitte ein, – lachte er. Die junge Frau öffnete die hintere Tür, ließ ihren etwa fünfjährigen Sohn zuerst einsteigen und setzte sich dann dazu. Roman bog auf die Hauptstraße ein. – Wie viele Pferdchen hat dein Auto? – fragte der Junge hinter Romans Rücken. – Pferdchen? – wiederholte Roman und schmunzelte. – Weiß ich gar nicht genau… – Wie, das weißt du nicht? – beharrte der kleine Passagier. – Weißt du, als ich mein Auto gekauft habe, war mir wichtig, dass es hübsch aussieht und man bequem sitzt. Die Motorleistung war mir eigentlich egal. Aber du scheinst dich ja auszukennen. – bemerkte Roman ernst. – Klar kenn ich mich aus, – erklärte der Junge geschäftig. – Und wie heißt du, Autokenner? – lachte Roman. – Slava. Und du? – Na, du bist mir ja einer! Ich bin Roman. Sorry, einhändig kann ich dir grad nicht die Hand geben, – Roman amüsierte sich über die Unterhaltung mit dem Jungen. – Jetzt ist aber gut, Slava, nicht so neugierig, – sagte die Mutter. – Ach, lass ihn ruhig. Was für ein toller Sohn, – Roman warf einen Blick in den Rückspiegel und traf dort den Blick der jungen Frau. Plötzlich wurde es ganz warm in seiner Brust. Die nächtliche Stadt glänzte im Licht der Schaufenster und Laternen. Weihnachten lag zwar noch einen Monat entfernt, aber die festliche Stimmung war überall schon zu spüren. – Bitte halten Sie vor diesem Haus, – rief die Frau von hinten. – Soll ich Sie nicht lieber ganz bis zum Eingang bringen? – Roman blickte wieder in den Rückspiegel, doch diesmal schaute sie zur Seite. Er hielt am Anfang des langen Neunstockwohnhauses. Die Frau stieg aus und hielt die Tür für ihren Sohn auf. – Slava, beeil dich ein wenig! – drängte sie sanft. – Kommst du morgen wieder? – fragte der Junge mit zittriger Stimme. – Ich hole dich am Sonntag ab. Und jetzt nicht weinen, ich habe es eilig. Also los, – antwortete sie. Slava rutschte nur zögernd und sehr langsam aus dem Sitz zu den geöffneten Türen. Roman stieg aus. – Hier, – reichte ihm die Frau fünf Euro. Roman steckte das Geld als Talisman in seine Jackentasche. – Ich werde es als Glücksbringer aufheben, – sagte er ernst und gab Slava die Hand. – Mach’s gut! – Mach’s gut, – antwortete Slava und drückte Romans große, warme Hand. – So, jetzt komm. Die Oma wartet schon, – die Mutter zog den Jungen weiter. Nach ein paar Schritten drehte sich Slava noch einmal um, Roman winkte ihm nach. Da sah er, wie ein Mann aus einem der geparkten Autos auf die beiden zukam. Er küsste Slavas Mutter und streckte dann dem Jungen die Hand entgegen, aber Slava wandte sich plötzlich ab. – Aha, die Mutter hat eine Verabredung und der Junge ist eifersüchtig. Mit dem neuen Freund kommt er offenbar nicht klar, – dachte Roman und der Gedanke beruhigte ihn sogar ein wenig. Roman stieg wieder ins Auto und drehte die Musik lauter auf. Der Duft eines Parfüms lag noch in der Luft – kaum wahrnehmbar, aber sehr angenehm. Kurz blickte Roman in den Rückspiegel, als säße die junge Frau noch dort, aber natürlich war niemand zu sehen… Die Lust aufs Fahren war ihm vergangen. Die Musik begann zu nerven und er stellte das Radio auf einen anderen Sender. Der Blick der jungen Frau ließ ihn nicht los. Ganz normal und sympathisch – und doch hatte sie ihn berührt. …Vor ein paar Jahren hatte er sich in eine ältere Frau verliebt, die bereits eine fast erwachsene Tochter hatte. Roman machte ihr einen Antrag, nahm sie mit nach Hause, um sie seiner Mutter vorzustellen. – Sie ist älter als du. Und hat schon ein Kind. Junge, du bist so attraktiv – findest du denn gar keine jüngere? Mach das bloß nicht, – flüsterte die Mutter ihm nach Darinas Weggang zu. Später machte sich die Mutter schwere Vorwürfe, das Glück des Sohnes zerstört zu haben. Mit anderen Frauen wollte es bei Roman auch nicht klappen. Sie mochten ihn – keine bewegte jedoch sein Herz wie Darina. Zu ihr kehrte der frühere Mann zurück und Darina heiratete noch einmal. Und heute… Roman fuhr oft an dem Haus vorbei, in das er Slava und dessen Mutter gebracht hatte. Sogar die Straße, an der er sie einst mitnahm, steuerte er manchmal an. Doch nie wieder traf er sie… Immer wieder musste er an die Zufallspassagierin und ihren Sohn denken. Er kannte die Hausnummer, könnte im Hof fragen, sicher hätte jemand einen Tipp, in welcher Wohnung Slavas Oma wohnt. Sollte er einfach auftauchen und fragen? Vielleicht lief doch alles gut mit dem Mann, der sie damals erwartete… Und so fuhr Roman weiter durch die Stadt, hielt Ausschau nach der jungen Frau und hoffte auf ein glückliches Wiedersehen… …Schließlich stand Silvester vor der Tür. Die Mutter wirbelte seit dem Morgen in der Küche, im Fenster funkelte schon der schöne Tannenbaum. Roman schlief aus, half beim Zubereiten der Salate und holte das Festgeschirr aus dem Schrank. Als es dunkel wurde, hatte er das Gefühl, eine unsichtbare Kraft ziehe ihn hinaus ins Freie. – Mama, es schneit! Märchenhaftes Wetter. Ich dreh noch kurz ne Runde, sonst penne ich ein und verschlafe das Fest. – Wohin willst du denn jetzt noch? – erschrak die Mutter. – Nur noch drei Stunden bis Mitternacht… – Bin schnell zurück, keine Sorge, – beruhigte er sie beim Anziehen. Das Auto war zugeschneit, Roman stieg in den eiskalten Wagen und stellte die Heizung an. Es war still in der Stadt, die Straßen wie leergefegt, nur verspätete Passanten eilten noch nach Hause. Das Licht brannte in den Fenster, überall liefen die letzten Vorbereitungen für die Silvesternacht. Am Straßenrand winkte ein großer Mann im offenen Mantel. Roman hielt an, der Mann stieg prustend auf den Rücksitz. Etwas klirrte in seiner Einkaufstüte. Am Ziel gab er Roman 20 Euro, obwohl der Weg nicht weit gewesen war. – Zu Feiertagen sind die Menschen plötzlich großzügig. Feiertagstarif eben, – Roman lachte, steckte das Geld aber ein. Ein weiteres Paar nahm er ebenfalls mit. Die beiden stritten sich die ganze Strecke. Ihr Geld lehnte Roman ab. Glücklich und dankbar, fast ungläubig, verabschiedeten sie sich und verschwanden Arm in Arm. Roman fuhr die ruhige Nebenstraße entlang, wo Slava und seine Mutter eingestiegen waren. Er schaute auf die erleuchteten Fenster und dachte, dass hinter einem von ihnen die beiden gerade mit dem anderen Mann am Tisch saßen… Doch dann, an Slavas Oma’s Haus, sah er sie! Die beiden kamen ihm auf dem Gehweg entgegen. An dem beigefarbenen Mantel und der weißen Bommelmütze erkannte er sie sofort. Daneben trottete ein bedrückter Slava. Roman wurde ganz warm ums Herz. Er stieg aus dem Auto aus. Auch die beiden blieben stehen und schauten ihn misstrauisch an. – Sie erinnern sich nicht an mich… – dachte Roman. – Steigen Sie ein. Ich bringe Sie wohin Sie wollen. Heute gilt mein Feiertagstarif – kostenlos, – sagte er. Sie kamen zum Auto, Roman reichte Slava die Hand. – Hallo Slava. Er schaute erst zu seiner Mutter – dann legte er seine kleine Hand endlich in Romans große. – Handschuhe zu Hause vergessen? Schnell rein ins Warme! Slava und seine Mama setzten sich hinten rein. – Erinnern Sie sich nicht? Ich habe Sie vor einem Monat schon mal hierher gebracht, – Roman warf der Frau einen Blick in den Spiegel zu. Sie hatte rote, verweinte Augen. – Wohin soll ich Sie bringen? – Zum Bahnhof, – sagte sie. Diesmal schwieg Slava, wirkte ganz still. – In weniger als einer Stunde ist Silvester. Sie fahren jetzt nirgendwo hin! Und warum denn auch? Ich weiß nicht, was passiert ist, aber so eine Nacht darf man nicht weinend verbringen. Stimmt’s, Slava? – wandte sich Roman an den Jungen. – Wir kamen zu Oma fürs Fest, aber dann hat Mama sich mit ihr gestritten… – antwortete Slava leise. – Slava! – fuhr sie ihm dazwischen. – So ist das halt manchmal. Wissen Sie was? Zum Bahnhof gehen wir heute nicht. Warten Sie doch! – hielt er sie auf, denn sie wollte schon aussteigen. – Denken Sie an Ihren Sohn. Ihm ist kalt. Lassen Sie ihm das Fest nicht entgehen. – Was geht Sie das denn an!? Bringen Sie uns einfach zum Bahnhof, – wiederholte sie. – Meine Mutter hat so viel gekocht, damit könnte man eine ganze Kompanie satt kriegen. Alles sehr lecker, glauben Sie mir. Kommen Sie doch einfach mit zu uns und feiern gemeinsam. Kommst du mit, Slava? – Ja! – rief Slava aufgeregt. – Mama, komm, bitte, – sah er sie hoffnungsvoll an. – Machen Sie es doch. Wohin wollen Sie in der Nacht auch noch? Meine Mutter freut sich. Tränen und Kummer lassen wir im alten Jahr, ins neue starten wir mit einem Lächeln! Roman stellte das Radio lauter. – Es ist wohl Schicksal. Was auch sonst? Und wieder läuft dasselbe Lied. Und dann sagen sie, Wunder passieren nicht… – dachte er. Vor dem Haus hielt Roman an. – So, schnell raus. Wir haben nicht mehr viel Zeit, – sagte er. – Na das ist ja was! – rief Slava und rannte gleich voraus. Roman schloss mit seinem Schlüssel die Wohnung auf und ging in den Flur. – Mama! Wir haben Gäste! Und sie haben richtig Hunger! In der Küche klapperte Geschirr. – Los, zieht eure Mäntel aus – zehn Minuten noch! Nach einem Moment kam Romans Mutter in den Flur. Sie erstarrte beim Anblick der Fremden! – Wer ist das, mein Sohn? – brachte sie raus. Roman schmunzelte. – Das ist meine Mutter, Antonia, – stellte er vor, – und das sind Slava und… – Roman sah die junge Frau an, ohne Mantel, ohne Mütze, zierlich, jung, sehr hübsch… – Nastja, – murmelte sie verlegen. – Mama, lade Nastja und Slava zum Tisch ein! – sagte Roman fröhlich und lud sie ins Wohnzimmer. Als alle saßen, drehte Roman den Fernseher auf. – Ich habe irgendwie gespürt, ich muss noch ein Gedeck mehr hinstellen, – in Antonias Augen glänzten Tränen. – Ich werde einfach nicht dran gewöhnt, dass Romans Vater nicht mehr da ist… – Mama, jetzt du auch noch? Warum weinen heute alle? Los, probieren wir lieber deine sagenhaften Gerichte! Roman öffnete den Sekt, schenkte ein, stand auf. Alle anderen folgten, sogar Slava, mit einer schönen Kristallgolas in der Hand. – Frohes neues Jahr! – sagte Roman feierlich und hob das Glas. – Auf neue Freunde! – piepste Slava, und alle mussten lachen… …In dieser Silvesternacht brachte das Schicksal vier Menschen an einen Tisch. Noch wusste keiner von ihnen, dass sich von diesem Moment an ihre Wege untrennbar verbinden würden. Und jeder von ihnen fand an diesem Abend, was er gesucht hatte…
Das Leben geht weiter