“Natja, ich habe etwas Unglaubliches gehört!” rief Irina mit bebender Stimme, was ganz untypisch für ihre sonst so gelassene Art war.
“Was ist denn passiert?” fragte Natalie erstaunt, während sie ihre Freundin verwundert ansah.
“Nein, am Telefon geht das nicht. Ich komme vorbei ich bin eh gerade in der Nähe.”
“Klar, komm rein”, sagte Natalie, noch neugieriger geworden.
***
“Also, erzähl schon!” drängte Natalie, während sie ihre Gastgeberin an den Tisch führte, auf dem ein frischer Apfelkuchen, zwei feine Porzellantassen und eine gläserne Kanne mit dampfendem Kräutertee standen.
“Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll”, murmelte Irina abwesend.
“Dann fang einfach von vorne an”, riet Natalie.
“Von vorne? Gut…”
Irina sammelte einen Augenblick ihre Gedanken und fragte dann:
“Erinnerst du dich noch an Dr. Luise Schneider aus unserer Kinderklinik?”
“Die Prochorowa? Natürlich! Eine wunderbare Ärztin! Sie hat meinen Sohn gerettet”, schwärmte Natalie. “Und nicht nur ihn! Ich könnte dir hundert Geschichten erzählen, wie genau sie Diagnosen stellte, wie viele Kinder sie vor schlimmen Komplikationen bewahrt hat! Viele riefen sie sogar privat an, baten um Hausbesuche. Niemandem sagte sie nein! Ein herzensguter Mensch, eine Ärztin mit Berufung!”
“Genau”, nickte Irina. “Ich bin ihr auch unendlich dankbar wenn sie damals nicht so aufmerksam gewesen wäre, wer weiß, was aus meiner Tochter geworden wäre. Eine Behinderung drohte.”
“Und warum denkst du jetzt plötzlich an sie?”, fragte Natalie. “Sie ist doch längst in Rente. Ich weiß, dass sie im Kirchenchor gesungen hat hab sie dort mal gesehen.”
“Gesungen”, seufzte Irina traurig. “Sie ist tot.”
“Was? Das kann nicht sein! Ich habe sie doch erst kürzlich gesehen so freundlich wie immer, mit diesem warmen Lächeln… Krank sah sie nicht aus. Obwohl… in ihrem Alter…”
“Fast achtzig. Und kerngesund.”
“Dann wie…?”
“Du wirst es nicht glauben”, sagte Irina bitter. “Ihre eigenen Kinder haben sie ins Grab gebracht. Buchstäblich.”
“Unmöglich!”, rief Natalie entsetzt.
“Doch”, erwiderte Irina mit fester Stimme. Ihr Gesicht erstarrte, und in ihren Augen lag ein Ausdruck ohnmächtiger Fassungslosigkeit.
***
Luise Schneider, damals noch Luise Meier, hatte ihren Mann kennengelernt, als sie frisch als Ärztin aus der Uni kam. Er war Offiziersanwärter, und natürlich folgte sie ihm nach seinem ersten Dienstposten. Sie fing sofort an zu arbeiten, half, wo sie konnte.
Die nächsten Jahre waren geprägt von ständigem Umziehen von einer Garnison zur nächsten , bis sie sich schließlich in einer größeren Stadt niederließen. Luise arbeitete unermüdlich, denn Ärzte wurden in den kleinen Orten dringend gebraucht.
Und dann, endlich, eine größere Stadt. Eine Klinik. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie bereits zwei Kinder: Die ältere Tochter Johanna, ganz der Vater, und den jüngeren Sohn Walter, ein Abbild der Mutter.
Während ihr Mann, Wilhelm, diente, kümmerte sich Luise um die Familie und behandelte die Kinder der Stadt.
Was es heißt, die Frau eines Offiziers zu sein, wissen nur die Frauen von Offizieren. Auch Luises Leben war kein leichtes. Die Kinder, der Haushalt, alles lastete auf ihren Schultern. Dazu der stressige Beruf. Und ihr Mann hatte keinen einfachen Charakter…
Kurz gesagt: Sie hatte viel zu tragen.
Doch Luise jammerte nie. Sie meisterte alles mit Leichtigkeit, lächelte immer, sah blendend aus. Niemand, nicht einmal ihre Freundinnen, ahnte, dass zu Hause nicht alles glatt lief. Nach außen wirkte die Familie harmonisch. Sie lebten in einer großen Wohnung, hatten ein Auto, es fehlte an nichts. Die Kinder waren immer gut gekleidet.
Luise war nicht nur eine begabte Ärztin, sondern auch eine hervorragende Hausfrau. Kurzum: Sie war im Militärstädtchen beliebt bei Erwachsenen wie Kindern. Ihr Sohn Walter galt als lebensfroher Tunichtgut, der lieber Gitarre spielte und Mädchen nachjagte, als zu lernen.
Johanna dagegen… eine Musterschülerin, erwachsen für ihr Alter. Sie verstand sich nicht mit ihrem Bruder, hatte kaum Freundinnen, zog die Einsamkeit vor. Luise machte sich Sorgen sie fürchtete, ihre Tochter würde später Schwierigkeiten haben, mit Menschen klarzukommen.
Und genau so kam es.
***
Das Familienidyll zerbrach an einem einzigen Tag. Eines Morgens verließ Wilhelm, ohne ein Wort der Erklärung, Frau und Kinder. Die beiden waren bereits Teenager.
Dass ihr Mann sie betrog, hatte Luise geahnt. Doch sie schwieg, wollte keine Szene machen. Wegen der Kinder. Sie waren alt genug, um alles zu verstehen. Die Scham, die Vorstellung, wie sie darüber reden würden… Nein, das konnte sie nicht zulassen. Also tat sie so, als sähe sie nichts.
Und Wilhelm fühlte sich unantastbar. Er hörte nicht einmal auf, seine Affären zu verheimlichen. Bis er eines Tages seine Sachen packte, ein lapidares “Tschüss!” hinterherwarf und in… das Nachbarhaus zog. Zu einer Witwe mit kleinem Kind. Ob es wahre Liebe war oder etwas anderes niemand wusste es genau. Ein Militärstädtchen ist wie ein Dorf: Alle reden, aber keiner kennt die Wahrheit. Schon bald ging Wilhelm in Rente, nahm seine neue Frau samt Kind und verschwand in unbekannte Richtung…
***
Luise litt furchtbar. Verständlich zwanzig gemeinsame Jahre sind kein Pappenstiel.
Sie hatten bei Null angefangen, waren ständig umgezogen, hatten sogar mal in der Kaserne gewohnt. Besonders schwer war es mit den Kindern geworden. Er war unterwegs, sie allein mit zwei Kleinkindern der Altersunterschied zwischen Johanna und Walter betrug gerade mal zwei Jahre. War er auf Übung, blieb sie zurück. Etwas leichter wurde es, als die Kinder in den Kindergarten kamen. Trotzdem blieb Luise nicht zu Hause wie andere Offiziersfrauen. Sie arbeitete weiter, half, wo sie konnte.
Dass Wilhelm sie betrügen würde, hätte sie sich in jungen Jahren nie träumen lassen. Nicht einmal im Traum. Doch dann, als beide bereits graue Haare hatten, spürte sie plötzlich, wie zwischen ihnen eine Mauer wuchs.
Und dann sah sie diese Mauer mit eigenen Augen…
Doch sie zerschlug die Familie nicht. Nicht für sich selbst. Wegen der Kinder. Und später warfen genau diese Kinder ihr vor, dass der Vater sie verlassen hatte.
Der Vater…
Ein seltener Gast, deshalb der Beste, der Tollste, der Größte…
Die Mutter hatte es ihnen so beigebracht.
***
Und so begann in Luises Haus ein unsichtbarer Krieg.
Die Kinder respektierten sie nicht mehr. In ihren Augen war sie “unterste Schublade”. Egal, was Luise sagte oder tat es wurde ignoriert oder aggressiv abgeblockt.
Sie ertrug alles, versuchte jeden Konflikt zu glätten. Sie hoffte, die Kinder würden mit der Zeit erwachsen werden.
Doch vergeblich…
Johanna zog nach dem Abitur in die Hauptstadt, studierte, heiratete bald einen Geschäftsmann. Lebte im Überfluss. Irgendwann kaufte sie eine Wohnung in der Heimatstadt nicht für sich, sondern als Anlage. Vermietet.
Sie kam selten, höchstens ein-, zweimal im Jahr. Manchmal besuchte sie nicht einmal die Mutter. Den Bruder ignorierte sie völlig.
So lebten sie.
Wie Fremde.
***
Die Jahre vergingen. Langsam gewöhnte sich Luise daran, dass ihre Tochter irgendwie da war und doch nicht.
Stattdessen kümmerte sie sich um fremde Kinder, gab ihnen ihre ganze Liebe.
Davon lebte sie.
Bis ihr der “liebe” Walter das Leben zur Hölle machte. Der Jüngste…
Mit vierzig hatte er bereits zwei gescheiterte Ehen und zwei Kinder hinter sich. Seine “zickigen” Ex-Frauen hatten genug von dem Taugenichts, der lieber Gitarre spielte als zu arbeiten und dazu noch trank. Beide warfen ihn raus.
Und wo landete er? Natürlich bei Mutti…
Als Schmarotzer.
Eine andere Mutter hätte dem erwachsenen Sohn vielleicht die Leviten gelesen nicht Luise. Sie glaubte fest, an seinem Scheitern schuld zu sein. Dass er ohne Vater aufgewachsen war, ohne männliche Führung… Deshalb war er “verloren”…
Und Walter drehte völlig am Rad. Erst soff er sich die Seele aus dem Leib, dann haute er ab, um keinen Unterhalt zahlen zu müssen…
“Unglaublich”, murmelte Natalie, als Irina ihr davon erzählte. “Ich wusste gar nicht, dass Luise solche Probleme mit ihrem Sohn hatte.”
“Das ist noch nicht alles”, fuhr Irina bedeutungsschwer fort. “Nach Walters Flucht vor den Unterhaltszahlungen ging Luise die ihre Enkel über alles liebte und zudem ein extrem pflichtbewusster Mensch war zum Gerichtsvollzieher und übernahm die Zahlungen. Stell dir das vor! Sie zahlte den Unterhalt für ihre Enkel!”
“Warum?”, fuhr Natalie auf.
“Damit die Enkel nicht benachteiligt würden. Und um ihren Sohn vor Strafe zu bewahren.”
“Das ist doch Wahnsinn…”
“Ja. Aber Luise konnte nicht anders. Bis zuletzt schuftete sie in der Klinik früh morgens, spät abends. Wenn jemand einen Hausarzt brauchte, war sie zur Stelle, obwohl es genug jüngere Kollegen gab… Als sie dann in Rente ging, tauchte Walter plötzlich wieder auf. Mit einer neuen Freundin. Und wo landeten sie? Richtig! Bei Luise. Sie konnte nicht nein sagen. Und wurde prompt zur Putzfrau und Köchin degradiert. Die beiden Drückeberger hatten keine Lust zu arbeiten, aber umso mehr zu saufen. Mit allen Konsequenzen…”
“Ein Albtraum!”
“Und wie! Und dabei sah jeder nur das Bild der strahlenden Luise: lächelnd, gepflegt, freundlich zu allen… Nie beschwerte sie sich. Bis ihr Sohn sie ein Jahr später auf Druck seiner Freundin hinauswarf. ‘Du störst unser Leben’, hieß es.”
“Unmöglich!”, rief Natalie entsetzt.
“Doch. Die Nachbarn hörten sein Gebrüll. Dann fanden sie Luise auf der Treppe sitzen. Sie boten ihr Hilfe an, doch sie lehnte ab. ‘Walter wird sich beruhigen und mich wieder reinlassen’, sagte sie. Er tat es nicht. Tagelang lebte sie im Treppenhaus. Sie ging zu niemandem. Warum? Das weiß nur sie selbst. Schließlich riefen die Nachbarn Johanna an, erzählten ihr alles. Die kam zwei Tage später (die Hauptstadt war nur 200 km entfernt). Sie brachte ihre Mutter in ihre Wohnung, warf ihr verächtlich hin: ‘Hier. Die Miete zahlst du selbst’, und verschwand.”
“Einfach so? Nicht mal einen Tag blieb sie bei ihr?”
“Ja. Einfach so. Schlüssel in die Hand gedrückt und weg.”
***
Einige Monate lebte Luise wie im Paradies. Allein. In Stille. Kein Geschrei, keine Besäufnisse.
Sie begann, in die Kirche zu gehen.
Irgendjemand hörte sie singen, und bald war sie Teil des Kirchenchors.
Langsam fand sie zurück ins Leben.
Bis…
Eines Abends klingelte es. Walter stand vor der Tür. Betrunken. Verlangte Geld. Luise, die wusste, dass Diskutieren sinnlos war, gab ihm alles, was sie hatte. Doch es war ihm nicht genug. Er nahm ihr auch die Karte mit der Rente… und ihren bescheidenen Ersparnissen.
“Walter, wovon soll ich denn leben?”, fragte sie leise.
“Mach dir keinen Kopf”, grunzte er. “Du hast doch sicher was zurückgelegt. Und wenn nicht dann lass dich halt im Altersheim durchfüttern…”
Es gab keine Rücklagen. Luise schämte sich, Geld zu borgen womit hätte sie es zurückzahlen sollen? Also lebte sie von dem, was im Haus war. Jeden Krümel zählte sie… Drei Monate hielt sie so durch.
Dann tauchte Johanna auf.
“Warum hast du die Miete nicht bezahlt?”, fauchte sie. “Jetzt kommen noch Strafgebühren dazu!”
“Johanna, es tut mir leid, es ist nur… Walter hat meine Karte, und…”
“Was?!”, unterbrach Johanna. “Du hast ihm alles gegeben? Wenn du ihn so sehr liebst und ihn wie ein Baby verwöhnst, dann lebt doch zusammen. Pack deine Sachen!”
Luise kam nicht mehr dazu, etwas zu sagen…
Johanna warf ihre Sachen in eine Tasche, nahm den Mantel vom Haken:
“Worauf wartest du? Das ist kein Witz. Ich habe dir geholfen, und du dankst es mir so. Walter ist dir wichtiger. Mir ist es lieber, die Wohnung zu vermieten, als wegen dir Strafen zu zahlen.”
Sie brachte ihre Mutter zurück zu Walters Wohnung, klingelte, stellte die Tasche ab und ging.
Ohne sich umzudrehen…
***
Ein verschlafener Walter öffnete. Als er seine Mutter sah, knallte er die Tür wieder zu…
Luise sank auf die Treppe und weinte.
Genau in diesem Moment kam eine alte Bekannte vorbei:
“Luise! Endlich treffe ich dich mal an! Warum weinst du denn? Was ist passiert?”
Luise konnte nicht mehr. Sie erzählte alles.
“Komm mit zu mir”, bot die Freundin an. “Ich wohne allein, habe Platz. Zusammen ist es schöner.”
Luise willigte ein. Was blieb ihr anderes übrig?
“Gott sei Dank”, seufzte Natalie erleichtert. “Wenigstens eine gute Seele hat sich gefunden…”
“Ja”, nickte Irina. “Doch auch das hielt nicht lange. Nach einem halben Jahr wurde Luise ihr zur Last. Ohne Skrupel rief sie Johanna an: ‘Hast du kein Gewissen? Ich muss deine Mutter nicht durchfüttern! Hol sie ab. Sofort.'”
Johanna kam eine Woche später. Sie brachte Luise in ein Pflegeheim genauer gesagt, in die geschlossene Abteilung einer psychiatrischen Klinik.
Doch damit nicht genug.
Sie ließ ihr nicht einmal ein Telefon da. Dem Personal befahl sie, nur im äußersten Notfall anzurufen…
Der Notfall ließ nicht auf sich warten. Vier Monate später starb Luise. Man sagt, in ihren letzten Tagen wusste sie nicht mehr, wo sie war.
Johanna wurde verständigt. Sie kam, ließ ihre Mutter einäschern und nahm die Urne mit. Ohne ein Wort zu sagen…
Walter wusste nicht, wo seine Mutter geblieben war. Und interessierte sich auch nicht dafür. Nur manchmal, in betrunkenen Gesprächen, mault er noch immer, dass es schöner sei, wenn einem alles serviert wird…
***
Wo die hoch angesehene Ärztin Luise Schneider begraben liegt, weiß niemand.
Doch man erinnert sich an sie. Spricht mit Respekt von ihr.
Die Geschichte ihres traurigen Endes geht von Mund zu Mund, erschüttert die Herzen.
Einige geben ihrem Mann die Schuld sein Verrat sei der Anfang gewesen.
Viele verurteilen die Kinder…
Manche sagen, Luise habe es selbst verschuldet: Hätte sie sich früher von ihrem Mann getrennt, ihre Kinder besser erzogen, nicht so viel Zeit in fremde Kinder gesteckt…
Nur wenige schweigen lange und sagen dann: “Was soll man sagen? Nichts geschieht ohne Grund. Alles hat seine Ursache.”





