Wie schön du es doch hast, Leni, mit deinem Mann seufzte Nadine verträumt. Jeden Tag holt er dich mit dem Auto von der Arbeit ab. Die Wohnung wurde gerade renoviert. Und dann noch die Beförderung. Da kann man schon neidisch werden, aber weißt du, im guten Sinne
Lena packte ihre Tasche. Andreas würde sie in fünf Minuten abholen. Ihn warten zu lassen, kam nicht in Frage.
Ach, Nadine. Bei uns ist auch nicht alles perfekt. Fast hätten wir uns getrennt, während der Renovierung. Und für die Beförderung habe ich fünf Jahre geschuftet. Du warst noch nicht mal im Unternehmen, als ich davon träumte. Jeder Topf hat seinen Deckel, aber manchmal klapperts halt.
Nadine verzog kindisch das Gesicht.
Du siehst dein Glück nicht, Leni. Mein Mann? Ein fauler, schlampiger Verschwender! Seit einem halben Jahr versuche ich, ihn zu einem ordentlichen Job zu bewegen. Und weißt du, was er sagt? *”Ich bin es leid, für andere zu buckeln.”* Er will sein eigenes Business gründen. Mit welchem Geld? Dem, das er jeden Monat für seine Videospiele verpulvert? Ein Geschäftsmann
Lena betrachtete ihre Freundin. Sie kannten sich erst seit einem Jahr, doch Lena hing an der Kollegin und kannte jede dunkle Ehegeschichte. Michael nervte seine Frau wirklich täglich. Und das würde wohl nie aufhören.
Es wird schon werden, Nadine Lenas Handy vibrierte auf dem Tisch. Oh, Andreas ist da. Ich muss los. Bis Montag, Schatz.
Nadine nickte, verfolgte Lena mit einem seltsam abwesenden Blick, den diese nicht bemerkte.
Schon saß Lena im Auto. Als sie das Büro verließen, bemerkte Andreas ihren besorgten Gesichtsausdruck.
Irgendwas passiert?
Lena schüttelte den Kopf.
Nein, aber Nadines Mann macht sie fertig. Ich glaube nicht, dass sie das noch lange aushält.
Andreas zuckte nur mit den Schultern.
Das müssen die beiden selbst klären.
Lena starrte ihn an. Manchmal nervte seine Kälte. Aber sie ließ es gut sein. Nadines Probleme waren kein Streit wert.
Lena behielt recht. Nur einen Monat später kam Nadine mit verweinten Augen zur Arbeit.
Wir lassen uns scheiden platzte es aus ihr heraus. Und Michael hat mich rausgeworfen! Mich! Wie ein Stück Dreck! Aus unserer Wohnung! Wo soll ich jetzt wohnen?
Lena umarmte sie sofort.
Beruhige dich, Naddel. Komm erst mal zu uns. Du kannst in Ruhe nach einer Wohnung suchen, die Scheidung regeln.
Nadine brach in Tränen aus laut, schluchzend, wie ein Kind.
Leni, ich weiß nicht, was ich ohne dich tun würde!
Lena strich ihr beruhigend über den Rücken, während sie sich fragte, wie sie das Andreas beibringen sollte
Wie erwartet, war ihr Mann nicht begeistert vom Gast. Doch er schwieg beim gemeinsamen Abendessen. Nadine plapperte ununterbrochen mal jammerte sie über Michael, dann lobte sie die Wohnung.
Michael hat in fünf Jahren keinen Finger krumm gemacht. Aber hier ist alles perfekt! Man sieht, dass ihr eure Seele in die Renovierung gesteckt habt. Großartig!
Lena errötete. Das Design der Wohnung war ihr Werk. Das Lob tat gut.
Nadine war der perfekte Gast. Leise, ordentlich. Am dritten Tag bot sie an, zu kochen, damit Lena sich nach der Arbeit ausruhen konnte.
Heute mache ich Eintopf verkündete Nadine vom Rücksitz. Alles ist da, ich habe heute Morgen nachgesehen. Ach, wie schön ist es, mit dem Auto nach Hause zu fahren statt mit dem Bus. Ein himmelweiter Unterschied.
Lena lächelte. Nadine hatte sich schnell eingelebt, doch sie betonte oft, dass sie nicht lange bleiben wollte. Schon suchte sie eine neue Wohnung.
Die Abende wurden lebendiger. Nadine und Andreas teilten denselben Musikgeschmack. Sie diskutierten stundenlang über Alben, kritisierten Texte, schwärmten von Sängern.
Lena beobachtete, wie ihr introvertierter Mann langsam auftaute. Normalerweise mied er Menschen. Doch Nadine durchbrach seine Eiswand.
*Und nicht nur die*, dachte Lena, als sie ihre beste Freundin und ihren Mann eines Abends leidenschaftlich auf dem Parkplatz küssen sah
Ihr hättet euch wenigstens einen diskreten Ort suchen können sagte sie kühl.
Andreas und Nadine fuhren auseinander wie ertappte Schulkinder. Er fand als Erster die Sprache wieder.
Lena, hör mal Das ist nicht, was es aussieht Wir nur
Habt eure Füllungen mit der Zunge überprüft? spottete Lena. Von dir, Nadine, hätte ich das nie erwartet. Ich nehme dich bei mir auf, helfe dir durch die Scheidung und du stichst mir ein Messer in den Rücken. Dabei nanntest du dich meine Freundin.
Nadine warf stolz den Kopf zurück.
Was ist schon dabei? Zwischen uns ist einfach etwas passiert! Andreas hat selbst gesagt, dass er sich mit mir lebendig fühlt! Mit dir schon lange nicht mehr!
Andreas erbleichte.
Nadine, was redest du da? Lena, Schatz, ich
Lena schnitt ihm das Wort ab.
Spar dir die Ausreden. Ich bleibe heute bei Mutti. Ihr packt inzwischen eure Sachen. Und nehmt die Bettwäsche mit ich will mir gar nicht vorstellen, was ihr darauf getrieben habt. Schlüssel!
Gehorsam drückte Andreas ihr die Autoschlüssel in die Hand. Lena startete den Motor.
*Nicht weinen. Zeig keine Schwäche. Gib ihnen keinen Grund, dich auszulachen.*
Noch hörte sie Nadines empörte Stimme:
Warum sollen *wir* die Sachen packen? Warum?
Bei ihrer Mutter trank Lena mindestens einen Liter Tee. Die Tränen wollten nicht versiegen. Ihre Mutter tröstete sie, doch es half wenig. Lena gab sich selbst die Schuld. Andreas. Nadine. Dem Leben.
Warum habe ich ihr überhaupt geholfen? Mutti, ich bin selbst schuld!
Die Mutter strich ihr über den Rücken.
Mein Kind, mach dir keine Vorwürfe. Du konntest nicht wissen, wie es endet. Du wolltest nur helfen.
Und jetzt habe ich Mann und Freundin verloren schluchzte Lena.
Alles wird gut murmelte die Mutter.
Lena glaubte es nicht, nickte aber. Ihre Mutter noch trauriger zu machen, wollte sie nicht.
Am nächsten Morgen rappelte sie sich mühsam aus dem Bett. Am liebsten hätte sie sich für immer unter der Decke verkrochen. Kein Nadine. Kein Andreas. Keine Scheidung. Einfach vergessen.
Als der Wecker zum dritten Mal klingelte, warf sie die Decke zur Seite.
Genug Selbstmitleid! Ich bin stark. Ich schaffe das.
Irgendwie schaffte sie es zur Arbeit. Dort wartete Nadine schon an ihrem Schreibtisch.
Guten Morgen grüßte Lena neutral.
Wir müssen reden! Warum sollen *wir* ausziehen? *Du* musst verschwinden! Wir sind zu zweit, du allein! Andreas packt einfach seine Sachen! Warum? Antwort mir!
Lena betrachtete Nadine kühl. Gestern noch ihre Freundin. Heute
Nadine, hier im Büro diskutiere ich keine Privatsachen.
Den ganzen Tag wich sie Nadine aus. Doch abends, als sie mit dem Taxi nach Hause kam, gab es kein Entrinnen. Andreas packte die letzten Sachen. Die Wohnung wirkte leer, verlassen.
Lena, ist es zu spät, alles wieder gutzumachen? Ich schwöre, so etwas passiert nie wieder.
Lena musterte ihn kalt.
Nein, Andreas. Betrug vergebe ich nicht. Und hast du überhaupt an die Zukunft gedacht? Ich würde dich ständig hinterfragen. Ob du mich betrügst. Ob du eine andere ansiehst. Willst du so leben?
Andreas senkte den Kopf. Die Klingel ertönte. Lena ließ eine wütende Nadine ein.
Jetzt läufst du nicht mehr weg! Warum sollen *wir* ausziehen? Das ist eure gemeinsame Wohnung! Andreas hat Anspruch auf die Hälfte! Warum gehst *du*?
Nadine drehte sich zu Andreas um.
Wir haben doch davon geträumt, zusammen zu leben!
Lena lachte bitter. Die Situation war absurd.
Jetzt verstehe ich. Von Anfang an hast du mir mein Leben neidisch betrachtet: den Mann, die renovierte Wohnung, das Auto. Also nahmst du dir wenigstens die Hälfte indem du mir meinen Mann ausspanntest. Stimmts, Naddel?
Nadines Schweigen war Antwort genug.
Nur ein kleines Problem in deinem Plan: Die Wohnung gehört mir. Das Auto auch gekauft mit meinem Erbe. Andreas fuhr damit, weil ich nicht gerne fahre. Dir bleibt also nur Andreas und sein Kram. Nimm deinen Gewinn ich halte dich nicht auf.
Nadine trat zurück. Sie starrte Andreas an.
Das ist nicht eure gemeinsame Wohnung? Ihr Blick wanderte zu Lena. Aber du sagtest immer *unsere Wohnung*. Hast du mich belogen?
Nein. Für mich war es unser Zuhause. Deshalb erwähnte ich die Details nie plötzlich kam Lena eine Erkenntnis. Moment Du hast dich gar nicht von Michael getrennt, um Andreas zu kriegen, oder?
Nadine wurde rot vor Wut.
Du bist selbst schuld! Immer hast du mit deinem Leben geprahlt! Natürlich wollte ich auch so einen Mann, so eine Wohnung! Was hast du erwartet?
Lena lachte heiser.
Schatz, du hättest dich besser informieren sollen. Da liegt dein Fehler. Aber egal. Verschwindet beide aus meiner Wohnung. Genug Drama für heute.
Nadine fluchte, während Andreas sie hinauszerrte. Einen letzten Blick warf er auf Lena darin lag ein stummes *Es tut mir leid*. Doch es war zu spät. Von ihrer Ehe blieb nur Asche.





