– Paul, wir fahren zu Opa, er ist etwas krank geworden, sagte Markus zu seinem Sohn, der sofort strahlte. Er liebte es, Zeit mit Opa zu verbringen.
Werner Schneider lebte allein, seit Markus Mutter vor fünf Jahren gestorben war. Der alte Herr bastelte für sein Leben gern an Radios und anderen elektronischen Geräten herum und erfand allerhand Dinge. Sowohl Markus als auch sein Sohn hatten diese Leidenschaft geerbt, was Werner unheimlich stolz machte.
Markus und Klara sind inzwischen seit zwölf Jahren verheiratet und wohnen zusammen mit Klaras Mutter, Ingrid Meier, in deren großzügiger Altbauwohnung in München. Ingrid fand schon immer, dass Markus zu gutmütig und irgendwie unbeholfen sei und was er da ständig mit seinen Schraubenziehern und Platinen zusammenbastelte, verstand sie sowieso nicht. Markus war ihr nie wirklich sympathisch gewesen.
Das Zimmer von ihrer Tochter und Markus war eigentlich immer voll mit Werkzeug, Drähten und jedem Menge kleiner Teile. Markus arbeitet in einer Reparaturwerkstatt für Elektrogeräte und schraubt auch daheim oft an Geräten herum, doch alles im Haushalt läuft so zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk. Für Ingrid war das nichts Besonderes.
Wenn mal was kaputt ist, kann man ja auch den Kundendienst rufen, Markus muss ja nicht alles selbst machen, schimpfte sie oft zu ihrer Tochter, doch Klara konterte nur:
Mama, du kannst nur deshalb so entspannt leben, weil Markus sich um alles kümmert. Du merkst gar nicht, wie viel er macht.
Markus war immer höflich zu seiner Schwiegermutter und schwieg lieber, als auf ihre Sticheleien einzugehen. Mit Klara und dem Sohn verstand er sich blendend und war sehr glücklich. Nur Ingrid war selten zufrieden:
Markus, warum machst du dich nicht selbstständig? Du könntest eine eigene Werkstatt eröffnen!
Irgendjemand muss ja auch für den Staat arbeiten, sonst läuft hier gar nichts, konterte Markus trocken und beendete damit jede weitere Diskussion.
So verstrichen die Jahre. Eines Tages aber traf Ingrid vor dem Hauseingang auf einen attraktiven, jungen Mann, der gerade mit seinem Schlüssel die Haustür aufsperrte und sie freundlich vorließ.
Danke sehr! Wohnen Sie auch hier im Haus?, fragte sie neugierig.
Ja, ich habe vor ein paar Tagen die Wohnung im dritten Stock gekauft. Wir sind also Nachbarn.
Im dritten Stock? Ist das die Wohnung von Frau Baumann, direkt gegenüber von uns?
Kann sein, Nummer 57 ist es.
Ja klar! Sie ist zu ihrem Sohn nach Hamburg gezogen. Dann sind wir also wirklich Nachbarn. Ingrid betrachtete ihn wohlwollend, nickte zufrieden.
Vor ihr stand ein großer, sportlicher Mann mit blauen Augen und einem umwerfenden Lächeln.
So jemanden hätte ich mir als Schwiegersohn gewünscht, nicht so einen wie Markus, dachte sie still. Dann sagte sie: Ich bin Ingrid Meier.
Und ich bin Lukas, gab er freundlich zurück. Kommen Sie gerne mal auf einen Kaffee vorbei. Ich wohne ja allein. Und Sie?
Ich lebe mit meiner Tochter, ihrem Mann und meinem Enkel hier.
Am nächsten Morgen stand Lukas vor dem Haus, als Ingrid zur Arbeit musste.
Guten Morgen, Frau Meier! Soll ich Sie zur Arbeit fahren? Würde mich freuen.
Lange überzeugen musste er sie nicht. Sie stieg sofort ein und die Fahrt verging wie im Flug. Sie erfuhr, dass Lukas irgendwie im Business-Bereich arbeitete Genaueres ließ er offen.
Am Abend schwärmte Ingrid Klara die Ohren voll: Mensch, Klara, dieser Lukas ist ein echter Traummann. Gutes Auto, eigene Wohnung, sieht toll aus und macht was im Geschäft.
Klara winkte ab zunächst. Doch das sollte sich ändern. Als irgendwann am Abend an der Tür geklingelt wurde und Klara öffnete, stand da Lukas barfuß, in Shorts, bloß mit T-Shirt.
Sorry, ich bin ganz privat, aber ich bräuchte ein bisschen Salz. Hab leider vergessen es einzukaufen und mag nicht mehr zum Supermarkt.
Klara brachte ihm rasch ein Tütchen Salz.
Danke, das bring ich Ihnen zurück, sagte er, doch Klara winkte ab.
Jetzt kam auch Ingrid in den Flur.
Ah, unser neuer Nachbar! Klara, lass ihn doch nicht im Flur stehen Markus und Paul sind heute ja beim Großvater.
Nee, danke, wirklich, ich wollte nur das Salz, sagte Lukas und verschwand wieder rasch.
In den nächsten Tagen gab es zu Hause zwischen Mutter und Tochter fast nur noch ein Thema: Lukas. Ingrid erzählte begeistert, wie Lukas ihr half, schwere Einkäufe hochzutragen, und Klara berichtete, dass er sie zur Arbeit gefahren hatte. Es dauerte nicht lange und Klara fand sich tatsächlich in seiner Wohnung wieder und alles, was passieren konnte, passierte auch. Sie hatte keinerlei schlechtes Gewissen. Ingrid deckte ihre Tochter bestmöglich vor Markus.
Eines Tages kam Paul aus der Schule und wundert sich: Mama, hast du dich verlaufen? Du kommst ja von Lukas aus der Wohnung!
Nein, mein Schatz, der hat mir schnell Salz gegeben ich hatte vergessen, dass wir noch welches da haben
Paul aber lief direkt in die Küche, zog die Schublade auf: Mama, wir haben doch drei Packungen Salz da!
Ganz kindlich erzählte Paul seinem Vater von der Szene. Markus hatte ohnehin schon geahnt, dass sich etwas verändert hatte. Klara benahm sich anders, achtete mehr auf ihre Kleidung, hatte ein neues Parfüm. Es dauerte nicht lange bis er sicher war: Seine Frau hat sich auf Lukas eingelassen. Ingrid hielt zu ihrer Tochter. Markus wusste nicht, was er tun sollte.
Soll ich einen riesigen Krach anzetteln? Was ist mit Paul? Nein, ich muss jetzt erstmal für ihn stark sein. Vielleicht merkt Klara ja, dass es ein Fehler war und es geht vorbei
Ingrid jedoch spottete nun offen: Wenn du damals deine eigene Firma gegründet hättest, würdest du deinen Sohn zur Schule fahren und nicht Lukas!
Dann kam der Moment, vor dem Markus sich am meisten gefürchtet hatte. Klara suchte abends das Gespräch.
Markus, wir müssen uns scheiden lassen.
Und was ist mit Paul?
Lukas ist ein guter Mann, die beiden werden sich verstehen. Er wird Paul wie seinen eigenen Sohn behandeln.
Wie!? Paul hat einen Vater, nämlich mich. Er bleibt bei mir!
Am nächsten Tag prahlte Paul ganz stolz: Papa, schau mal, was für ein neues Spiel Lukas mir geschenkt hat! Markus schlug ihm vor:
Du, Paul, hättest du nicht Lust, ein bisschen bei Opa und mir zu wohnen?
Klar, Papa! Sehr gerne!
Klara war entsetzt: Markus, spinnst du? Paul bleibt hier zu Hause!
Markus tat sich schwer, seinem Sohn die Situation zu erklären, aber Paul ahnte längst, was los war. Er nahm Markus das Versprechen ab, ihn regelmäßig zu besuchen.
Am Wochenende ging Markus mit Paul in den Englischen Garten, um zu reden. Du weißt, manchmal läuft das mit den Eltern nicht so doll…, begann Markus stockend.
Ist schon okay, Papa. Ich weiß schon alles. Lukas ist dran schuld. Der hat uns die Mama weggenommen
Markus wusste nicht, was er dazu sagen sollte.
Am Wochenende drauf erzählte Paul plötzlich: Papa, ich hab das Spiel wieder zu Lukas gebracht. Ich mag da nicht mehr hin. Er hat mich geschubst und mir eine Kopfnuss verpasst, als Mama nichts sah und meinte, ich soll zu meiner Oma gehn.
Markus konnte kaum glauben, was er hörte.
Ehrlich, Sohn? Und Mama?
Hab ich ihr noch nicht gesagt. Aber eigentlich wünsche ich mir nur, dass du wieder zurückkommst.
Markus umarmte seinen Sohn. Komm, Paul, wir gehen nach Hause und reden Klartext. Lukas hat kein Recht, dich so zu behandeln.
Sie kamen in die Wohnung, Ingrid saß in der Küche beim Tee, Klara war nicht da.
Na schau einer an, mein Ex-Schwiegersohn. Könntest du mal die Waschmaschine anschauen? Lukas blickt da ja nicht durch…
Markus platzte: Wie konntet ihr das nur zulassen? Dieser Lukas schlägt meinen Sohn!
Was? Das kann doch nicht sein! Paul, was soll das?
Paul erzählte ehrlich, was vorgefallen war: Schubs, Kopfnuss und die fiesen Worte er sei hier nur im Weg.
Ingrid war entsetzt Markus stürmte sofort zu Lukas Wohnung.
Lukas öffnete und staunte. Klara kam aus dem Wohnraum.
Was willst du?
Du hast kein Recht, meinen Sohn anzufassen!
Ach, na und? Mal kurz geschüttelt das hält ein Junge aus! Der gehört eh lieber zu seinem Vater, ich mag ihn nämlich nicht besonders. Lass ihn doch da wohnen!
Klara war fassungslos. Ihre Mutter ebenfalls.
Markus verpasste Lukas eine saftige Rechte, schnappte sich seinen Sohn und ging. Im nächsten Moment standen Ingrid und Klara in Tränen hinter ihm.
Markus, verzeih mir!, weinte Klara. Warum hast du mir das nicht gleich gesagt?
Mama, du hättest mir ja sowieso nicht geglaubt
Das Gespräch dauerte lange, Ingrid flehte Markus an, seiner Frau zu vergeben. Klara schluchzte:
Bitte, Markus, ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Bitte, bleib. Für unseren Sohn, bitte!
Markus schaute Paul an. Der hatte Tränen in den Augen. Markus konnte nicht einfach gehen.
Ich bleibe. Lass es uns nochmal versuchen. Paul warf sich ihm glückselig in die Arme.
Danke, Papa, du bist der Beste. Verzeih Mama, ja?
Ingrid trat dazu: Auch von mir eine Entschuldigung. Wahrscheinlich habe ich alles kaputt gemacht. Ich gebe mein Bestes, es wieder gut zu machen.
Nach einigen Wochen kehrte wieder Ruhe in die Wohnung ein. Die Waschmaschine lief, Ingrid war froh, ihre Lektion gelernt zu haben. Klara setzte alles daran, ihren Fehler gutzumachen und merkte im Stillen, dass Markus der Beste für sie ist weit besser als Lukas.
Danke, dass du mir zugehört hast. Halt die Ohren steif!





