Der Tag, an dem meine Oma den 67-jährigen Sohn des Mannes heiratete, der sie einst vor dem Altar sitzen ließ: Wie meine 89-jährige Großmutter zur Hauptfigur im größten Dorfskandal seit dem Diebstahl der Kirmeskasse wurde

Der Tag, an dem meine Oma den Sohn des Mannes heiratete, der sie einst vor dem Altar stehen ließ.

Meine Oma ist 89 und wurde neulich zur Protagonistin des größten Skandals, den das kleine bayerische Dorf je erlebt hat und dabei hat der Ort schon einiges gesehen. Da war mal die Sache, als der Bürgermeister die Einnahmen vom Kirchweihfest veruntreute, oder der legendäre Treppensturz beim Tanz in den Mai. Doch nichts hat je die Leute so aufgeregt wie diese Begebenheit.

Alles fing ganz harmlos an, als Oma im Seniorenclub einen älteren Herrn kennenlernte.

Ein wirklicher Herr, mein Schatz, meinte sie und tupfte sich dabei einen Hauch rosafarbenen Lippenstift auf. Und er fährt noch Auto.

Oma, er ist 91. Soll er denn wirklich noch fahren?

Ach, Kind, wenigstens hat er einen Wagen.

Es funkte ganz schnell. Nach drei Wochen hielt er um ihre Hand an nicht mit einem echten Diamantring, aber immerhin. Die Geste zählte.

Ich heirate am Samstag, verkündete Oma beim Sonntagsessen.

Meine Mutter verschluckte sich fast an ihrer Semmelknödel.

Samstag? Das sind fünf Tage!

Ja, aber in meinem Alter zählt jeder Tag. Was, wenn ich am Freitag schon tot bin?

Also besorgten wir ein elegantes, aber schlichtes Kleid in Perlmutttönen, reservierten das Vereinsheim der Kirche, bestellten eine prächtige Torte. Die Tanten bastelten Girlanden aus Krepppapier.

Der große Tag kam. Oma sah hinreißend aus in ihrer Perlenkette, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte, strahlend wie seit Jahren nicht mehr.

Das Vereinsheim brummte vor Menschen. Musik, der Pfarrer übte den Segen. Alles schien zu passen.

Nur der Bräutigam fehlte.

Wir warteten zwanzig Minuten.

Dann vierzig.

Nach einer Stunde schickten wir unseren Cousin rüber.

Er kam allein zurück. Sein Gesicht aus Stein.

Er sagt, er kann nicht.

Ein Raunen ging durch den Saal. Oma wurde kreidebleich.

Wie, er kann nicht?

Er meint, er hat Angst. Ist zu alt, könnte krank werden und dir zur Last fallen. Es sei besser so.

Oma saß einfach da, den Rosenstrauß im Schoß.

Da ging die Tür auf. Ein Mann, vielleicht Mitte sechzig, gepflegt, mit vollem silbernem Haar, stürmte herein. Wütend schaute er in die Runde.

Wo ist die Braut?

Und Sie sind?, fragte mein Onkel.

Der Sohn desjenigen, der diese Dame hier eben hat sitzen lassen!

Stille.

Er trat auf Oma zu, nahm den Hut ab.

Ich komme, um mich im Namen meiner Familie zu entschuldigen. Es ist unverzeihlich.

Oma schaute ihn lange an.

Wie alt sind Sie, junger Mann?

Siebenundsechzig.

Verheiratet?

Witwer. Seit vier Jahren.

Kinder?

Drei. Alle aus dem Haus.

Arbeiten Sie noch?

Bin Rentner. Habe meine Altersversorgung, ein kleines Haus.

Oma dachte kurz nach, stemmte sich mit dem Stock in die Höhe und trat näher.

Sagen Sie haben Sie auch Angst vor Bindungen wie Ihr Vater?

Nein. Ich war 35 Jahre glücklich verheiratet. Die beste Zeit meines Lebens.

Und was halten Sie von der Ehe?

Das Schönste, was es für Menschen geben kann. Mein Vater hat einen Riesenfehler gemacht.

Oma schaute in die Runde.

Das Vereinsheim ist bezahlt, Essen bestellt, der Pfarrer da. Die Torte hat mich einen Haufen Euro gekostet…

Oma, du meinst doch nicht wirklich…

Hätten Sie die Ehre?

Die Halle explodierte. Lachen, Rufe, jemand schmiss sein Glas um, die ersten Handys wurden gezückt, keiner begreift noch irgendwas.

Aber… wir

Sie sind gekommen, um meine Ehre zu retten. Außerdem bin ich schon aufgebrezelt. Das Kleid ziehe ich kein zweites Mal an. Ja oder nein?

Er lachte laut, herzlich.

Meine Frau hat immer gesagt, eines Tages drehe ich mal komplett durch. Heute ist dieser Tag. Ja, ich will!

Und so heirateten sie.

Direkt vor Ort.

Der Pfarrer musste sich erstmal sammeln. Eine Tante weinte so sehr, dass die Mascara über die Wangen lief. Meine Mutter war zwischen Tränen und Lachen.

Sie heirateten wirklich.

Beim Essen dann: Auf der Torte stand noch der Name des ursprünglichen Bräutigams, den wir einfach mit einem Zettel und Filzstift überklebten. Ich fragte meine Oma:

Oma, du hast eben einen Mann geheiratet, den du seit zwei Stunden kennst?

Sie strahlte.

Mit 89 bleibt keine Zeit für große Romanzen. Der hat Manieren, eine gute Rente und die Gallenblase ist auch noch intakt. Denkst du, mit so einer Gelegenheit fackel ich lange?

Er ist 22 Jahre jünger als du!

Na klar! Der lebt mich allemal aus. Jemand muss schließlich auf meine Katzen aufpassen.

Drei Wochen sind vergangen. Der Mann, der sie sitzen ließ, rief an, wollte sich entschuldigen. Ihr neuer Mann ging ran und legte auf.

Er kocht übrigens besser als Oma auch wenn sie das nie zugeben würde und fährt sie zu jeder Untersuchung mit seinem alten, aber tipptoppen Mercedes.

Gestern habe ich sie im Park gesehen. Er schob ihren Rollstuhl und sie rief:

Langsamer! Das ist kein Formel-1-Rennen!

Wie meine Königin befiehlt!

Der Ex-Verlobte schickte einen Standmixer als Hochzeitsgeschenk. Oma verloste das Ding kurzerhand beim Seniorennachmittag.

Jetzt frage ich mich: Welche Oma heiratet mit 89 den 67-jährigen Sohn jenes Mannes, der sie einst vorm Altar hat stehen lassen und welcher Sohn sagt Ja zu einer Frau, die gerade noch beinahe seine Stiefmutter geworden wäre?

Ich habe eines dabei gelernt: Im Leben findet das Glück nicht immer den erwarteten Weg aber Mut und eine Portion Verrücktheit bringen es garantiert gelegentlich zur Tür herein.

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Homy
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Der Tag, an dem meine Oma den 67-jährigen Sohn des Mannes heiratete, der sie einst vor dem Altar sitzen ließ: Wie meine 89-jährige Großmutter zur Hauptfigur im größten Dorfskandal seit dem Diebstahl der Kirmeskasse wurde
Eine geheimnisvolle Fremde veränderte alle Herzen, als sie den Saal betrat