Bleib bei dem Kind. Ich gehe allein zur Hochzeit meines Bruders.
Gestern kam mein Mann von der Arbeit nach Hause und benahm sich ziemlich merkwürdig.
Ich sprach ihn auf die Hochzeit an, und sofort senkte er seinen Blick. Er meinte, er werde wohl alleine zur Feier fahren…
Und ich? fragte ich überrascht.
Mein Mann sagte dann: Liebling, ich habe im Januar nur ein leeres Gehalt bekommen. Also werde ich wohl allein zur Hochzeit fahren. Du kümmerst dich um unsere Tochter. Es wird schon nichts passieren. Ich bin nur drei Tage weg, übernachte im Hotel und brauche natürlich ein Geschenk für das Brautpaar.
Wir waren eine junge Familie, lebten in einer kleinen Einzimmerwohnung in München, die meine Schwiegermutter uns zur Verfügung gestellt hatte. Ich war noch in Elternzeit. Unsere Tochter Klara war fast zwei Jahre alt, und ich hatte es nicht eilig, wieder arbeiten zu gehen es gab ja niemanden, bei dem ich sie lassen konnte. Die Wohnung war ein Geschenk der Schwiegereltern, wofür ich, ehrlich gesagt, dankbar war.
Meine eigene Mutter war recht mit sich selbst beschäftigt; sie hat immer irgendwelche Zusatzjobs angenommen. Sie hat mir klargemacht, dass sie einspringt, wenn es wirklich unbedingt nötig ist und ich arbeiten muss. Aber nein für Kleinigkeiten wie ein neues Kleid für mich kaufen oder Friseurtermine lässt sie sich nicht als Babysitterin einspannen. Das war nicht zu diskutieren.
Ich kannte den Charakter meiner Mutter ganz genau. Übrigens fliegt sie jedes Jahr ins Ausland und verbringt fast jedes Wochenende in einem Wellnesscenter oder bei der Massage.
Krisen gab es bei uns nie. Wenn mein Mann daheim war, konnte ich meine eigenen Sachen erledigen auch wenn er davon selten begeistert war und mir nur ab und zu und für kurze Zeit Ausgänge erlaubte.
Dann kam die Einladung zur Hochzeit.
Der kleine Bruder meines Mannes, Tobias, wollte heiraten. Die Hochzeit war in Hamburg geplant, die Reise sollte drei Tage dauern. Also bat ich meine Mutter, auf ihre Enkelin aufzupassen. Es sind ja nur drei Tage und außerdem ist Klara ein ruhiges Kind, sie schreit und quengelt selten.
Meine Mutter lehnte erst lange ab, seufzte dann aber schließlich und nahm sich drei Tage Urlaub. Ich war richtig glücklich, denn nach zwei Jahren fast ausschließlich mit Kind hatte ich mir wirklich mal eine kurze Auszeit verdient…
Doch dann platzten meine Sehnsüchte, als mein Mann mir eröffnete, dass ich zu Hause bleiben sollte.
Für mich war diese Reise ein großes Ereignis. Ich hatte ein Jahr lang gestillt und war kaum aus dem Haus gekommen. Nun zeigte sich wieder, dass keiner auf das Kind aufpassen wollte. Mein Mann dagegen fuhr regelmäßig zu Firmenevents und Geschäftsreisen.
Den Bruder meines Mannes kannte ich kaum, seine Verlobte Leonie hatte ich bloß auf Fotos gesehen.
Der Kummer war groß, doch mein Mann blieb stur: Schatz, deine Mutter will Klara nicht zu sich nehmen. Lass sie ein paar ruhige Tage haben und bleib du zu Hause. Mach ihr keinen Stress. Und wozu solltest du überhaupt auf eine Hochzeit, auf der du kaum jemanden kennst? Du solltest lieber auf unser Kind aufpassen.
In dem Moment habe ich für mich entschieden: Niemand geht wohin. Warum sollte mein Mann über mein Leben verfügen?
Wer hat eigentlich recht ich, mein Mann oder meine Mutter?
Meiner Erfahrung nach sind meine Mutter und mein Gatte in dieser Situation ziemlich rücksichtslos. Sicher, eine Großmutter ist nicht verpflichtet, ihre Enkelin zu hüten. Aber ein bisschen an die Tochter denken und ihr etwas Unterstützung gönnen, das kann man erwarten.
Und mein Mann versteht mich kein bisschen. Ich habe so viel Zeit unserer Tochter gewidmet auch Mütter müssen mal durchschnaufen!
Ein Mann, der seine Frau wirklich liebt, sollte das begreifen…
Die Frau in dieser Geschichte natürlich spreche ich von meiner Frau fühlt sich ziemlich hilflos. Sie ist vollkommen von ihrem Mann abhängig und hat niemanden, der ihr den Rücken stärkt.
Mich würde interessieren, wie andere dazu stehen. Ich hoffe, meine Frau findet einen Weg, sich Gehör zu verschaffen und auch ihre Meinung zu vertreten.
Als Mann habe ich eines daraus gelernt: Respekt ist das Wichtigste in der Beziehung, Freiräume ebenso. Deutschland ist ein freies Land, und jeder sollte das Recht haben, seine Meinung zu äußern, ohne Angst vor Konsequenzen. Selbst wenn eine Beziehung daran scheitern sollte, ist es ein Zeichen, dass die Liebe nicht stark genug war. Gegenseitige Wertschätzung ist, was am Ende wirklich zählt.




