Ich weiß alles über sie

Ich weiß alles über sie

Wer hat angerufen?

Maxim erschrickt, beinahe fällt ihm das Handy aus der Hand.

Niemand. Nur irgendein Betrüger…

Viktoria schneidet weiter Gurken für den Salat, hebt nicht einmal den Kopf. Dritter Betrüger an diesem Abend. Interessante Statistik für jemanden, der früher immer geklagt hat, dass nur seine Mutter und Paketboten bei ihm durchklingeln.

Maxim steckt das Handy in die Jeans und schlendert zum Kühlschrank, ohne ersichtlich zu wissen, was er dort will. Er steht vor der offenen Tür, blickt ratlos in die Regale, als würden sich dort Antworten auf existenzielle Fragen verstecken. Dann schließt er sie ohne Ergebnis.

Das Abendessen ist in zwanzig Minuten fertig, sagt Viktoria.
Hmhm.

Er verschwindet ins Wohnzimmer, und sofort ertönt der Fernseher. Laut. Viel zu laut für ihre kleine Wohnung. Viktoria lächelt spöttisch und kocht unbeirrt weiter.

Eine Woche nach den seltsamen Anrufen fangen die Überstunden an. Erst ein Abend, dann zwei nacheinander. Am Monatsende kommt Maxim fast täglich erst um neun heim.

Ein neues Projekt, alles brennt, erklärt er sich im Flur beim Schuheausziehen. Der Kunde dreht durch, der Chef macht Druck.
Verstehe.

Viktoria stellt ihm das erwärmte Abendessen auf den Tisch und setzt sich mit einem Buch gegenüber. Sie fragt nicht nach Details. Fragt nicht, welches Projekt das ist und warum es so viele Überstunden braucht. Maxim scheint auf Fragen zu warten übt Antworten auf dem Heimweg, bereitet sich vor. Aber da kommt nichts, und er wird unsicher, weiß nicht wohin mit den sorgsam vorbereiteten Ausreden.

Bist du nicht böse? fragt er einmal, piekst mit der Gabel in die Frikadelle.
Worauf?
Na… dass ich so spät nach Hause komme.

Viktoria blättert seelenruhig um.

Arbeit ist Arbeit.

Maxim nickt, aber richtig zufrieden ist er nicht. Menschen, die lügen, fühlen sich nie wohl, wenn ihnen jemand blind vertraut.

Im Dezember tauchen Geschenke auf. Erst Ohrringe kein Anlass. Dann ein Seidentuch aus der Boutique um die Ecke, an der sie schon hundertmal vorbeigegangen waren, ohne dass Viktoria je Interesse gezeigt hätte.

Es passt bestimmt toll zu deinem beigen Mantel, meint Maxim lächelnd und reicht ihr das Päckchen.

Viktoria öffnet es, streicht mit den Fingern über den feinen Stoff.

Schön.
Echt? Du magst es?
Natürlich.

Sie legt das Tuch zu anderen Sachen in den Schrank, die sie selten trägt. Maxim schaut zufrieden aus dieses ungesunde Glück eines Menschen, der für etwas Vergebung bekommt, das er nicht einmal ausgesprochen hat.

Er gibt Geld aus, großzügig und gedankenlos. Ein neuer Fernseher, obwohl der alte noch einwandfrei läuft. Eine teure Kaffeemaschine bloß mal beiläufig erwähnt von Viktoria. Theaterkarten für die erste Reihe.

Viktoria nimmt alles mit Dank und einem kleinen Lächeln an. Aber in ihr sortiert sich das Puzzle weiter: Der fremde Parfümduft am Hemdkragen. Die Nachrichten, die Maxim im Bad liest, während das Wasser läuft. Die neue Angewohnheit, das Handy immer mit dem Bildschirm nach unten abzulegen.

…Die Weihnachtsfeier findet im Restaurant an der Isar statt. Viktoria trägt den beigen Mantel und das Seidentuch Maxim strahlt, als er sie sieht. Seine Kollegen wuseln um das Büffet, und die ersten Trinksprüche werden schon ausgebracht.

Anna kommt herüber, als Maxim Getränke holen ist.

Haben Sie mal eine Minute?

Sie treten ans Fenster, fern vom Lärm.

Wir kennen uns kaum, beginnt Anna, nestelt nervös am Taschenriemen. Mein Mann arbeitet mit Maxim in einer Abteilung.
Ja, ich weiß.

Anna holt ihr Handy raus, zeigt eine Galerie.

Letzte Woche war ich in der Innenstadt. Ich habs zufällig gesehen und… Entschuldigen Sie. Ich wusste nicht, ob ich Ihnen das zeigen soll.

Auf dem Bildschirm sieht man Maxim, wie er eine Frau mit dunklen Haaren umarmt. Auf dem nächsten Foto küsst er sie vor einem Restaurant.

Viktoria betrachtet die Bilder. Ihr Gesicht bleibt ausdruckslos.

Ich weiß, wie das aussieht, schiebt Anna schnell nach. Vielleicht geht mich das nichts an. Aber ich fand, Sie sollten Bescheid wissen.
Danke.
Geht es Ihnen gut?
Ja.

Anna nickt zögernd.

Ich werde es niemandem zeigen, ehrlich. Auch mein Mann erfährt nichts.
Das weiß ich zu schätzen.

Maxim kommt zurück mit zwei Gläsern Sekt. Viktoria nimmt ihres entgegen, lächelt wie gewohnt. Er merkt nichts zu beschäftigt mit dem Suchen nach einem Kellner mit Häppchen.

Die Heimfahrt verläuft schweigend. Maxim schaltet das Radio ein und summt leise vor sich hin. Viktoria schaut nach draußen, sieht die Lichter der Straßenlaternen vorbeiziehen, und denkt darüber nach, wie merkwürdig die Menschen sind: Sie fürchten die Entlarvung, aber hinterlassen doch überall Spuren.

War ein schöner Abend, sagt Maxim beim Einparken. Hat es dir gefallen?
Sehr.

Sie lässt sich Zeit. Die nächsten Wochen laufen ihren gewohnten Gang: Frühstück, Abendessen, bedeutungslose Gespräche. Maxim kommt weiter spät heim. Viktoria fragt weiterhin nichts.

Die Geschenke hören nicht auf. Ein goldenes Armband zu Silvester. Ein Wellness-Gutschein. Sie darf so viel für die geplante Küchenrenovierung ausgeben, wie sie möchte.
Viktoria stimmt allem zu.

Im Januar fangen die Überweisungen an. Kleine Beträge, die nicht auffallen: Fünfhundert Euro für Massage, siebenhundert für Kosmetikerin, eintausend für neue Stiefel.

Mama, ich habe dir wieder was überwiesen.
Ich sehs, Liebling. Waltraud fragt nicht wofür. Viktorias Stimme am Telefon sagt genug. Es wird alles gut.
Ich weiß.

Viktoria erzählt Maxim von Ausgaben für Beauty-Salons, Boutiquen, Kliniken. Er nickt abwesend, schaut sich nicht die Summen an. Was spielt das schon für eine Rolle, was die x-te Behandlung kostet, wenn sich das Gewissen sowieso mit Geld beruhigen lässt?

Teure Tasche, bemerkt er einmal, als in der Garderobe eine Papiertüte steht.
Italienisches Leder.
Die ist wirklich schön.

Die Tasche war im Sale nur 90 Euro. Die übrigen 1410 schickte Viktoria ihrer Mutter. Maxim merkt den Unterschied nicht er bemerkt sowieso kaum mehr etwas außer seinem Handy und dauernden Meetings.

Waltraud sammelt das Geld auf einem separaten Konto, das auf ihren Namen läuft. Die Tochter sagt nichts, aber das Herz einer Mutter versteht. Da bringt sich etwas in Position. Etwas Ernstes.

Vielleicht kommst du mal am Wochenende vorbei? fragt sie.
Noch nicht, aber bald.

Viktoria räumt methodisch alle gemeinsamen Ersparnisse ab. Englischkurse, zu denen sie sich nie anmeldet. Fitnessstudio, das in Wahrheit nicht existiert. Teurer Zahnarzt, den sie gar nicht braucht.

Maxim willigt in jede Ausgabe ein, in der Erleichterung eines Menschen, der seine Schulden vorsorglich begleicht. Jede Überweisung eine kleine Beichte, noch ein Ziegelstein an der Mauer seines Seelenfriedens.

Brauchst du irgendwas? fragt er abends.
Ich bestelle morgen Bettwäsche, da gibt es gerade eine Aktion.
Klar.

Er fragt nicht mal nach, welcher Shop, welche Aktion. Viktoria schmunzelt innerlich. Es ist so einfach, jemanden zu täuschen, der sich selbst schon längst belügt.

Ende Februar sind nur noch acht Euro und 43 Cent auf dem gemeinsamen Konto. Viktoria prüft am frühen Morgen, während Maxim unter der Dusche steht, noch einmal den Kontostand. Sie schließt die App.

Abends macht sie seine Lieblingsfrikadellen und deckt den Tisch im Wohnzimmer statt in der Küche.

Gibts was zu feiern? wundert sich Maxim.
Setz dich.

Er setzt sich. Viktoria bleibt stehen.

Ich weiß von ihr.

Maxims Gabel bleibt in der Luft hängen. Sein Gesicht wechselt in Sekunden dreimal die Farbe: von rot über blass zu grau.

Von wem?
Lass es, Maxim.

Die Gabel klirrt auf den Teller.

Woher… wie hast du…
Das ist egal.

Er probiert aufzustehen, aber seine Beine gehorchen nicht. Viktoria sieht ruhig zu, fast emotionslos. Sie hat sich so lange auf diesen Moment vorbereitet, dass sie nun nur noch Erschöpfung fühlt.

Vika, ich kann alles erklären…
Lass gut sein.
Es war ein Fehler, ich…
Den Scheidungsantrag reiche ich morgen ein.

Maxim klammert sich an den Tischrand.

Warte, lass uns reden. Wir können doch…
Nein.

Viktoria dreht sich um und geht ins Schlafzimmer, um Koffer zu packen. Maxim bleibt allein bei den erkaltenden Frikadellen sitzen und starrt ins Leere. Das Spiel ist vorbei, und er hat verloren.

Waltraud öffnet die Tür noch bevor Viktoria klingeln kann.

Die Suppe steht auf dem Herd. Zimmer ist fertig.

Viktoria umarmt ihre Mutter in der Tür. Zum ersten Mal seit Monaten entspannen sich ihre Schultern, die Anspannung fällt von ihr ab.

Danke, Mama.
Iss erst mal. Reden können wir später.

Die Scheidung ist still und schnell durchgezogen. Maxim macht keinen Aufstand, keine Diskussion. Das gemeinsame Konto ist leer, die Wohnung bleibt ihm, es gibt nichts zu teilen.

Viktoria unterschreibt die Unterlagen mit einem ruhigen Herzen. Kein Groll, keine Rache. Nur Erleichterung.

Ein halbes Jahr bei der Mutter vergeht rasend. Arbeit, Bücher, lange Spaziergänge durch die Straßen ihrer Kindheit. Dann ruft die Maklerin mit guten Nachrichten an.

Eine kleine Wohnung in einem Neubau. Passt perfekt in Ihr Budget. Möchten Sie sie ansehen?

Das möchte Viktoria.

Der Bankkredit ist in einer Woche bewilligt. Einwandfreie Schufa, festes Einkommen, Anzahlung das war das Geld, das sie noch vom gemeinsamen Konto abgehoben hat.

Die Schlüssel bekommt sie am sonnigen Augusttag. Der schwere Bund zieht wohlwollend an der Jackentasche.

Die erste Nacht in ihrer neuen Wohnung verbringt Viktoria auf einer Luftmatratze mitten im leeren Raum. Die Möbel kommen erst morgen, aber warten will sie nicht.
Sie liegt da, betrachtet die Decke und denkt daran, welch langen Weg sie dieses Jahr gegangen ist.

Keine Reue. Kein was wäre wenn. Nur Stille, nach frischem Putz und Neuanfang duftend.

Viktoria lächelt ins Dunkel…

Morgen brüht sie sich Kaffee in der neuen Kanne und genießt ihn am Fenster. Dann beginnt sie, ihr Zuhause einzurichten gemächlich, Stein auf Stein, genauso geduldig, wie sie ihren Weg aus der trügerischen Ehe gebaut hat.

Geduld und Berechnung. Sie haben sie hierhergeführt. Und sie werden sie weiterführen.

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Homy
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Ich weiß alles über sie
Grenzen der Liebe