„Bist du jetzt eingeschnappt?“ – Über das Muttersein am Limit, enttäuschte Erwartungen und den Mut, endlich eigene Grenzen zu setzen: Wie Viktoria im Dauerstress mit Baby zwischen unausgesprochener Mutterliebe und zurückgewiesener Hilfe plötzlich erkennt, wer wirklich für sie da ist – und warum ein ehrlicher Neuanfang an Silvester mit der Schwiegermutter manchmal der bessere Weg ist

Bist du etwa beleidigt?

Ich bereue es schon zum dreihundertsten Mal, dass ich das alles durchgezogen habe. Ich kann nicht mehr, Mama, rief Katharina mit verzweifelter Stimme, während sie versuchte, durch das Schreien ihrer kleinen Tochter zu dringen. So sieht es bei uns aus, von früh bis spät. Und nachts genauso. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie richtiger Schlaf sich anfühlt. Gestern habe ich den Wasserkocher aufgesetzt und bin auf dem Stuhl eingeschlafen…

Ach, mein Kind, was willst du machen, seufzte Ursula Weber. Alle Kleinen schreien.

Ursula verstand die Andeutung nicht, und Katharina entschied sich, es offen auszusprechen.

Mama… Bitte, nimm sie doch wenigstens für zwei Stündchen. Oder komm vorbei und bleib bei ihr, damit ich wenigstens ein bisschen schlafen kann. Ich bin völlig durch. Alles läuft nur noch wie in einem Nebel.

Kathi… Die Stimme der Mutter wurde plötzlich süßlich. Sei mir nicht böse, ja? Für wen hast du denn ein Kind bekommen? Für dich, nicht wahr? Dann kümmer dich auch. Es wird mit der Zeit leichter. Ich hab dich auch großgezogen, ganz ohne Windeln und diesen ganzen Schnickschnack, den ihr heute habt, und habe trotzdem durchgehalten. Außerdem, mein Blutdruck spielt mit dem Wetter verrückt. Da kann ich nicht auch noch ständig bei euch auf der Matte stehen.

Katharina runzelte die Stirn. Mit dieser Antwort hatte sie nicht gerechnet und wusste einen Moment lang nichts zu erwidern.

Na gut. Ich mach dann weiter…, murmelte sie und legte auf.

Eine stille Kälte zog in ihre Brust. Das kindliche Gefühl, dass die Mama alles richtet, wenn es nur schlimm genug wird, war verschwunden. Katharina konnte sich nicht einmal dagegen wehren. Oder vielleicht doch?

…Immer wieder hatte Katharina ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse für ihre Mutter hintangestellt. Besonders zu Silvester. Früher, als Freunde sie einluden. Später, als sie einfach Zeit zu zweit mit ihrem Mann verbringen wollte.

Na dann weiß ich Bescheid…, seufzte Ursula, wenn Katharina ihre Pläne erwähnte. Ich wünsche dir viel Spaß. Ich bleib hier, ganz allein. Da zieht man Kinder groß, und am Ende feiert man die Feiertage doch allein…

Mama… bitte. Ich komme doch am Neujahrsmorgen sofort zu dir!

Ach, macht nichts… Ich warte auf dich, werde gar nicht richtig feiern wozu denn? Habe ja niemanden. Gehe um neun schlafen, stehe morgens auf, das wars dann mit Silvester.

Und jedes Mal gab Katharina nach und fuhr zu ihrer Mutter. Wie sollte sie die alte Frau denn allein lassen? Sollen die Freundinnen ruhig feiern, Wunderkerzen zünden, singen. Und die Zweisamkeit, die musste eben warten. Hauptsache, Mama war nicht traurig.

Doch das war nicht das Einzige. Ursula beschwerte sich auch gern über ihr gesundheitliches Befinden. War etwas nicht in Ordnung, mied sie den Arzt, machte stattdessen Lärm bei Katharina.

Mein Blutdruck ist bei zweihundert. Ich glaube, das wars für mich. Kathi, komm sofort vorbei!, jammerte sie dann.

Mama, ich komme, aber ruf unbedingt einen Notarzt! Das ist kein Spaß!

Was sollen die denn machen?! Die schleppen mich ins Krankenhaus? Da gibts keine guten Ärzte mehr! Probieren wirs erstmal selbst. Gib mir die Spritze, wenns gar nicht geht, kannst du immer noch den Notdienst rufen.

Ursula hatte nie Vertrauen zu Ärzten, wurde direkt ungehalten, wenn Katharina einen Notarzt vorschlug. Dafür glaubte sie fest daran, dass alles sich mit kalten Wickeln, Fußmassage und der Aufmerksamkeit der Tochter wieder regeln ließe.

Katharina saß dann neben ihr und zitterte. Verantwortung für Spritzen, Unruhe wegen der dickköpfigen Mutter, aber sie konnte nichts tun. Bloß warten und hoffen.

Jedes Mal fand Katharina Zeit. Sagte Termine ab, verschob Pläne, riss sich von der Arbeit los. Auch wenn sie wusste, dass sie eigentlich nichts bewirken konnte und sich nur selbst fertig machte. Sollte sie die Mutter etwa im Stich lassen? Ihr Gewissen ließ das nicht zu.

Doch das Gewissen von Ursula Weber blieb still. Und das, obwohl sie immer eine Enkelin gewollt hatte.

Bei Gudrun läuft die Enkelin schon zur Schule!, klagte sie bei jedem Familienfest. Und bei Petra gibts bald das zweite Enkelkind. Ich bin hier wie ein einsames Waisenkind. Wann werdet ihr endlich Eltern? Ich würd zu gern nochmal Babysitten!

Aber jetzt… Jetzt, wo das Baby kein hübscher Schnappschuss mehr war, sondern ein echtes Menschlein mit Ecken und Kanten, zog Ursula sich zurück.

Katharina war verletzt. Für dich geboren…, dachte sie. Das würde sie so schnell nicht vergessen.

Die nächsten sechs Monate vergingen wie in einer Zeitschleife. Katharina wusste manchmal nicht mehr, ob Montag oder Donnerstag war. Alles wiederholte sich: Füttern, Schreien, Wiegen, ein kurzes Wegdämmern, wieder Schreien.

Ursula Weber blieb zwar in ihrem Leben, aber höchstens noch wie eine alte Bekannte. Einmal in der Woche meldete sie sich.

Na, wie läuft es? Wächst sie?

Lautete die Antwort im Hintergrund: ein Schrei, war die Oma sofort wieder verschwunden.

Ach Kathinka, tut mir leid. Ich hab Kopfweh. Bei euch ist es ja so laut… Halt die Ohren steif, mein Schatz. Muttersein ist nunmal harte Arbeit, sagte sie und legte auf.

Katharina lernte, ohne Mutter zu überleben.

Ihre Schwiegermutter, Renate Bauer, eine strenge, aber herzliche Frau, versprach keine Wunder. Doch als sie bemerkte, dass ihre Schwiegertochter wie ein Panda mit Augenringen aussah, kam sie einfach jeden Samstag vorbei, ihrem freien Tag.

Ab ins Bett mit dir, bestimmte Renate. Wir gehen mit Anna in den Stadtpark. In drei Stunden sind wir zurück.

In den Park? Sie wird doch weinen…

Sie ist doch kein Zuckerguss, ich schmelze schon nicht. Und du schläfst jetzt.

Renate schlug auch vor, ab und zu eine Tagesmutter zu engagieren auch wenn nur für zwei Stündchen Schlaf im Nebenraum. Außerdem war sie die erste, die Alarm schlug.

Sie schreit zu viel, das Kind, stellte sie fest. Jetzt reichts. Hör nicht auf die Leute vom Gesundheitsamt die schieben immer alles auf Zahnen und Blähungen. Das ist nicht normal.

Sie organisierte einen Termin beim Kinderarzt ihres Vertrauens, bezahlte die Untersuchungen, ohne Proteste vom Sohn anzuhören. Der Arzt fand sofort die Ursache.

Um es einfach zu sagen: Sie hat nach jeder Mahlzeit Sodbrennen. Aber das bekommen wir in den Griff, sagte er.

Nach zwei Wochen kehrte endlich Ruhe bei Katharina und Thomas ein. Anna schrie nicht mehr, bog sich nicht mehr im Rücken, sie schlief ruhig.

Auch für Katharina war die Welt nicht mehr grau. Die Zeit raste dahin. Anna wurde zum Traum aller Omas: Grübchen in den Wangen, große Schleife im Haar.

Unbemerkt kam der Dezember. Ursula, die Anna bislang nur per Videoanruf gesehen hatte, bemerkte die Veränderung. Die Enkelin spielte mit Bauklötzchen, kicherte, vertiefte sich in ihre Puppen.

Da wollte sie plötzlich wieder dazugehören.

Kathi, was soll ich euch kochen?, fragte sie schmeichelnd, eine Woche vor Silvester. Ihr kommt doch zu mir feiern, oder?

Aber Anna ist doch dabei. Das ist doch anstrengend für dich mit den Kleinen.

Ach was! Sie ist doch schon groß, ganz brav. Ich hab ihr schon ein Geschenk gekauft. Wir schmücken den Baum, ich koche Sülze. Thomas liebt doch Sülze.

Früher hätte sich Katharina sehr gefreut. Sie hätte mit ihrer Mutter gemeinsam Menüpläne geschmiedet, froh, dass Mama sie wieder liebte. Doch jetzt war es merkwürdig still in ihr. Keine Wut, kein Schmerz, nur etwas Kaltes, Klebriges.

Mama, wir kommen nicht.

Wie bitte? Ursula war entsetzt. Und wohin wollt ihr dann? Oder bleibt ihr etwa zu Hause sitzen?

Wir feiern bei Renate. Bei ihr.

Bei Renate?! rief die Mutter empört. Du gehst zu einer fremden Frau, und deine eigene Mutter sitzt allein an Silvester?

Mama… Sei nicht böse. Aber Renate war da, als Anna Tag und Nacht schrie. Als ich am Ende war. Sie hat uns sogar dann gemocht, als wir kaum auszuhalten waren und du… Du hast gesagt, ich hätte für mich selbst ein Kind bekommen. Dann kann ich auch entscheiden, wo meine Tochter Silvester verbringt.

Für einen Moment herrschte Stille in der Leitung.

Du bist beleidigt? Willst du dich rächen oder was?, fragte Ursula. Schäm dich! Alte, kranke Mutter… Ich hab dich großgezogen, schlaflose Nächte für dich durchgemacht… und so dankst du es mir?!

Nein, Mama. Ich räche mich nicht. Ich entscheide nur, was für mich besser ist. Und weißt du, das hab ich von dir gelernt.

Ursula begann wieder zu klagen, aber Katharina beendete das Gespräch, mit dem Hinweis, sie müsse jetzt los. Sie wollte sich keine Vorträge über Undankbarkeit mehr anhören.

Katharina seufzte, legte ihr Handy weg und ging ins Schlafzimmer. Dort, auf dem Teppich, saß Thomas mit Anna und baute konzentriert mit Bauklötzchen. Anna lachte herzlich und schubste lachend den Turm um. Katharina blieb im Türrahmen stehen und lächelte.

Es war ein wenig traurig, aber es war eine gute Traurigkeit. Wie nach einer gründlichen Entrümpelung, wenn man alte Stofftiere aus dem Haus schafft und Platz für Neues gewinnt.

Katharina hatte nicht vor, alle Brücken zu ihrer Mutter endgültig abzubrechen. Sie hörte nur endlich auf, sich selbst zu verleugnen. Sie würde nicht mehr beim ersten Anruf zu jenen eilen, die nur bei Sonnenschein für sie da waren. Ab jetzt entschied sie sich für diejenigen, die ihr auch dann zur Seite stehen, wenn das Leben im Sturm steht.

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Homy
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„Bist du jetzt eingeschnappt?“ – Über das Muttersein am Limit, enttäuschte Erwartungen und den Mut, endlich eigene Grenzen zu setzen: Wie Viktoria im Dauerstress mit Baby zwischen unausgesprochener Mutterliebe und zurückgewiesener Hilfe plötzlich erkennt, wer wirklich für sie da ist – und warum ein ehrlicher Neuanfang an Silvester mit der Schwiegermutter manchmal der bessere Weg ist
„Ich möchte endlich mal an mich denken und richtig ausschlafen“, sagte mein Mann beim Abschied Drei Monate dauerte dieses Chaos. Drei Monate schlafloser Nächte, in denen Max laut schrie und die Nachbarn an die Wand klopften. Drei Monate, in denen Marina wie ein Zombie mit roten Augen und zitternden Händen durchs Leben stapfte. Igor hingegen schlurfte miesgelaunt durch die Wohnung – wie ein Gewitter auf zwei Beinen. „Kannst du dir vorstellen, wie ich auf der Arbeit mittlerweile aussehe? Wie ein Penner!“, warf er eines Morgens einen Blick in den Spiegel. „Ich habe Augenringe bis zu den Kniescheiben.“ Marina schwieg. Fütterte ihren Sohn, schaukelte ihn, fütterte wieder – ein endloser Kreislauf. Und irgendwo in der Nähe tapste Igor umher, ihr Mann, der statt Unterstützung nur Beschwerden lieferte. „Sag mal, könnte deine Mutter mal einspringen?“, fragte er an einem Abend entspannt nach einer heißen Dusche. Frisch und ausgeruht. „Ich hab überlegt, ob ich vielleicht eine Woche zu einem Kumpel aufs Land fahre…“ Marina erstarrte mit dem Fläschchen in der Hand. „Ich brauche dringend eine Pause, Marina. Ganz ehrlich.“ Igor begann, seine Sachen in eine Sporttasche zu packen. „Ich habe schon ewig nicht mehr richtig geschlafen.“ Und sie? Schlafen?! Ihre Augen fallen zu, aber kaum liegt sie, fängt Max wieder an zu schreien. Und das ist in dieser Nacht schon das vierte Mal. „Mir ist auch alles zu viel…“, flüsterte sie. „Klar ist es schwer“, winkte Igor ab, während er sein Lieblingshemd in die Tasche stopfte. „Aber ich hab halt einen anspruchsvollen Job, Verantwortung – so kann ich nicht zu den Kund:innen.“ Und plötzlich sah Marina sich aus der Distanz: Sie im ausgebeulten Bademantel, mit zerzausten Haaren und schreiendem Kind auf dem Arm. Und er, der seine Tasche packt und vor allem wegrennt. „Ich möchte endlich mal für mich leben und schlafen“, murmelte Igor, ohne sie anzusehen. Die Tür fiel ins Schloss. Marina stand mit ihrem weinenden Sohn mitten in der Wohnung und spürte, wie innen alles zerfiel. Eine Woche verging. Dann noch eine. Igor meldete sich dreimal – fragte nach dem Rechten. Sein Ton war distanziert, als würde er mit einer entfernten Bekannten reden. „Komme am Wochenende.“ Kam nicht. „Bin morgen definitiv da.“ Wieder nichts. Marina wiegte den schreienden Sohn, wechselte Windeln, machte Fläschchen. Schlaf nur in halben Stunden zwischen den Fütterungen. „Bei dir alles gut?“ fragte eine Freundin. „Klar“, log Marina. Warum lügt sie? Es ist doch zum Schämen – der Mann hat sie verlassen. Sie allein mit dem Baby. Schlimmer kann’s doch kaum werden! Aber das Überraschendste passierte im Supermarkt – sie traf Lenas Kollegin, die mit Igor im Büro arbeitet. „Und wo steckt deiner?“, fragte Lena. „Arbeitet viel.“ „Klar. Männer sind alle gleich – sobald Kinder da sind, stecken sie nur noch im Büro.“ Lena rückte näher: „Sag mal, ist Igor oft auf Geschäftsreisen?“ „Welche Geschäftsreisen?“ „Na, nach Hamburg ist er doch gerade erst gefahren! Seminar. Hat uns die Fotos gezeigt.“ Hamburg? Wann das denn?! Marina erinnerte sich: Igor hatte letzte Woche drei Tage nicht angerufen. Sagt, er sei beschäftigt gewesen. Gelogen, nicht beschäftigt. In Hamburg entspannt. Igor kam schließlich am Samstag vorbei. Mit Blumen. „Entschuldige, dass ich länger nicht da war. Viel Arbeit.“ „Warst du in Hamburg?“ Er erstarrte mit dem Strauß in der Hand. „Wer hat das gesagt?“ „Egal. Wichtig ist: Warum lügst du?“ „Ich lüge nicht. Wollte nur nicht, dass du traurig bist, weil ich allein gefahren bin.“ Allein?! Mit Baby hätte sie sowieso nicht reisen können! „Igor, ich brauche Hilfe, verstehst du? Ich habe wochenlang nicht geschlafen.“ „Dann bezahlen wir halt eine Nanny.“ „Wovon? Du gibst doch kein Geld.“ „Wie kein Geld? Ich bezahle doch unsere Wohnung und die Nebenkosten.“ „Und für Essen? Windeln? Medikamente?“ Schweigen. Dann: „Vielleicht gehst du wieder arbeiten? Wenigstens in Teilzeit? Warum hockst du zuhause? Dann nehmen wir eine Nanny.“ Zu Hause hocken. Als wäre das Erholung! Marina nahm Max, sah Igor an und wusste plötzlich: Dieser Mann liebt sie nicht. Nie geliebt. „Geh.“ „Was?“ „Raus. Und komm nicht wieder, solange du nicht für dich selbst entschieden hast: Familie oder Freiheit.“ Igor nahm die Schlüssel und ging. Zwei Tage später schrieb er: „Denke nach.“ Marina schlief weiterhin nicht. Und dachte ebenfalls nach. Stellen Sie sich vor, Sie sind zum ersten Mal seit Monaten mit Ihren eigenen Gedanken allein. Mutter rief an: „Marina, wie geht’s? Igor nicht daheim?“ „In Geschäftsreise.“ Wieder gelogen. „Soll ich mal vorbeikommen? Helfen?“ „Ich schaffe das.“ Aber Mutter kam einfach von selbst. „Was ist denn hier los?“, schaute sich um. „Ach du meine Güte, sieh dich mal an!“ Marina sah in den Spiegel. Ja, famos. „Und Igor?“ „Arbeitet.“ „Um acht Uhr abends?“ Marina schwieg. „Was ist los?“ Da brach Marina in Tränen aus. Richtig – laut, verzweifelt, wie ein Kind. „Er ist weg. Sagt, er will für sich leben.“ Mutter schwieg. Dann: „So ein Mistkerl. Ein ganz seltener.“ Marina war überrascht. Ihre Mutter schimpfte nie. „Ich hab immer gedacht, Igor ist schwach. Aber so schwach hätte ich nicht erwartet.“ „Mama, vielleicht hab ich ja Schuld? Hätte ich mehr Verständnis zeigen müssen?“ „Marina, ist dir das alles nicht zu viel?“ Diese Einfachheit traf Marina – die ganze Zeit hatte sie nur an Igor gedacht. An seine Müdigkeit, seinen Komfort. Nie an sich selbst. „Was soll ich jetzt tun?“ „Leben. Ohne ihn. Lieber alleine, als mit so einem.“ Igor kam am Samstag zurück. Gebräunt. Wahrscheinlich hat er „nachgedacht“ auf dem Land. „Können wir reden?“ „Ja.“ Sie setzen sich: „Hör mal, Marina, ich weiß, es ist für dich hart. Aber für mich auch nicht leicht. Vielleicht einigen wir uns: Ich zahle Geld, besuche euch, wohne aber erstmal getrennt.“ „Wie viel?“ „Was?“ „Geld. Wie viel?“ „Naja, vielleicht tausend Euro.“ Tausend Euro. Fürs Kind, Essen, Medikamente. „Igor, verschwinde.“ „Was?!“ „Du hast mich schon verstanden. Und bleib weg.“ „Marina, ich meine es ernst!“ „Das meine ich auch. Freiheit wolltest du? Und wo bleibt meine?“ Und dann sagte Igor den Satz, der alles klärte: „Was willst du denn mit Freiheit? Du bist doch Mutter!“ Marina sah ihn an: Da war er, der echte Igor. Ein kindischer Egoist, der Mutterschaft für ein Urteil hält. „Morgen gebe ich den Antrag auf Unterhalt ab. Ein Viertel deines Gehalts. So steht’s im Gesetz.“ „Das traust du dich nicht!“ „Doch, das tu ich.“ Er ging und schlug die Tür zu. Und Marina spürte zum ersten Mal: Es wird leichter zu atmen. Max weinte. Aber jetzt wusste sie: Sie schafft das. Ein Jahr verging. Igor versuchte zweimal zurückzukommen. „Marina, wollen wir es probieren?“ „Zu spät.“ Igor bezeichnete Marina als zickig. Überhaupt nicht überzeugend. Marina fand eine Nanny, fing als Krankenschwester an. Auf der Arbeit lernte sie Arzt Andreas kennen. „Haben Sie Kinder?“ „Einen Sohn.“ „Und der Vater?“ „Lebt für sich.“ Sie stellte Andreas vor. Er brachte Max ein Spielzeugauto mit. Die beiden spielten und lachten zusammen. Bald spazierten sie oft gemeinsam durch den Park. Igor erfuhr davon. Rief an: „Das Kind ist ein Jahr, und du schon mit anderen Männern!“ „Und du? Soll ich warten?“ „Du bist Mutter!“ „Ja, bin ich. Und was ist?“ Er rief nie wieder an. Andreas war anders. Wenn Max krank wurde – kam sofort. Wenn Marina völlig erschöpft war – nahm sie mit zu seinem Häuschen aufs Land. Jetzt ist Max zwei. Nannte Andreas „Opa“. Igor erinnert er sich nicht. Igor hat wieder geheiratet. Unterhalt zahlt er. Marina ist nicht wütend. Auch sie lebt jetzt für sich selbst. Und das ist wunderbar.