Heiraten werde ich, aber ganz sicher nicht diesen Schönling. Ja, er ist ein wunderbarer Junge, in jeder Hinsicht. Aber er ist nicht der Richtige für mich.
Schon wieder kommt meine Mutter mit ihrem Lebensgefährten und noch einem anderen Mann. Sie haben schon getrunken, dachte ich und zog mich in die Ecke hinter den Schrank zurück.
Und wohin soll ich mich sonst verkriechen, draußen liegt bereits Schnee. Ich habe von allem genug. Im Sommer mache ich meinen Realschulabschluss und fahre nach Stuttgart. Dort will ich auf die Pädagogische Hochschule und Lehrerin werden. Zehn Kilometer sind es bis zur Stadt, aber ich werde im Wohnheim leben.
Meine Mutter und ihre Gäste machten es sich in der Küche bequem. Ich hörte das Gluckern von Schnaps, roch Fleischwurst in der Luft. Mein Magen knurrte und ich schluckte unwillkürlich.
Wart mal, du! rief meine Mutter.
Warum stellst du dich denn so an?
Ihr seid zu zweit
Als wärs das erste Mal zu zweit, murmelte Jürgen, der Lebensgefährte meiner Mutter.
Plötzlich klirrte Geschirr, es raschelte und keuchte. Ich drückte mich fester in die Ecke, doch plötzlich wurde es ruhig.
Hör mal, Klaus, sie schläft! meinte Jürgen.
Du hast doch gesagt, sie ist ein tolles Mädchen, aber irgendwie habe ich heute entgegnete Klaus.
Sie hat doch eine Tochter
Welche Tochter?
Anna, die ist schon groß. Sitzt bestimmt im Zimmer.
Hol sie her, hörte ich Klaus freudige Stimme.
Anna! Wo bist du? Jürgen trat ins Zimmer, sah mich und grinste unangenehm. Komm, setz dich zu uns!
Ich fühle mich hier ganz wohl.
Stell dich nicht so an! Jürgen packte mich am Arm.
Ich schnappte nach der Vase auf dem Schränkchen und schlug sie ihm auf den Kopf.
Glasscherben klirrten auf den Boden. Ich riss mich los und rannte aus dem Zimmer.
Halt sie! hörte ich Jürgen schreien.
Aber ich war schon an der Haustür. Für Schuhe blieb keine Zeit ich rannte auf Socken, in alten Shorts und T-Shirt hinaus auf die Straße.
Die Männer rannten hinter mir her. Die Straße im Dorf war verlassen. Wohin sollte ich laufen, abends im Schnee? Hinter mir Schreie. Neben einem großen Haus, an dem ich vorbeirannte, bellte ein Hund. Dann hörte ich jemanden mit dem Hund schimpfen.
Ich stürzte zum Tor und hämmerte dagegen. Ein Mann um die vierzig öffnete.
Bitte helfen Sie mir, flüsterte ich, flehend und blickte ihn an.
Komm rein! Er zog mich ins Haus und schloss die Tür.
Matthias, wer ist da? kam eine Frau auf die Veranda.
Da, zeigte der Hausherr auf mich. Männer sind hinter ihr her.
Schnell ins Haus! Die Frau zog mich hinein. Drinnen kannst du alles erzählen.
Anna, komm raus! rief Jürgen draußen.
Matthias, lass dich nicht drauf ein! schrie die Hausherrin. Geh rein!
Draußen hörte man noch Schreie und das Bellen des Hundes.
Wir sollten die Polizei rufen, sagte die Frau und nahm das Handy.
Karin, warte. Ich kläre das selbst. Die beiden sind wohl aus dem Dorf.
Was willst du denn machen?
Auf ruhige Art. Beruhige das Mädchen!
Der Hausherr nahm eine Tüte, ging zum Kühlschrank, steckte eine Flasche Bier und ein Stück Wurst hinein.
Im Hof streichelte er den Hund und trat dann raus. Matthias begegnete Jürgen und Klaus:
Gib Anna raus!
Hier, nimm das und zieht ab!
Was hast du da? Klaus öffnete die Tüte und grinste zufrieden, nickte Jürgen zu. Komm, lass uns gehen.
***
Ja, ich heiße Karin Siebert, sagte die Frau und stellte den Wasserkessel auf den Herd. Setz dich. Erzähl, wer bist du und was ist passiert?
Ich heiße Anna, stotterte ich, die Zähne klapperten. Ich wohne hier im Dorf, am Rand.
Du bist die Tochter von Inga?
Ja.
Wir sind noch nicht lange hier, aber von deiner Mutter hat man schon gehört.
Ich senkte den Kopf und begann zu weinen.
Ist schon gut, nicht weinen!
Die Frau kam, nahm mich in den Arm. Die Umarmung war ungewohnt für mich. Ich klammerte mich an sie und weinte noch mehr.
Ist schon gut, ist schon gut! Jetzt trinken wir erstmal Tee!
Der Hausherr kam herein:
Sie sind weg.
Und was machen wir mit diesem hübschen Mädchen? Karin blickte auf mich und lächelte plötzlich.
Darüber reden wir morgen! Jetzt gibts Tee und danach ab in die Badewanne.
Hast du Hunger? Karin stellte mir eine Tasse Tee hin und lächelte wieder. Ich sehs dir an.
Brote mit Butter und Käse, Reste von Kuchen wurden auf den Tisch gestellt.
Iss ruhig! lächelte auch Matthias, als ich hungrig auf das Essen starrte.
Sie stellten keine Fragen mehr, achteten darauf, mich nicht noch mehr zu beschämen.
Nach dem Essen brachte Karin mich ins Badezimmer.
Wasch dich; hier, zieh diesen Bademantel an!
***
Ich wollte nur eines: Heute nicht wieder zurück auf die Straße müssen. Wie angenehm es ist, in einer warmen Badewanne zu liegen, draußen eisige Kälte. Aber die Gastgeber warten.
Ich kam raus. Das Ehepaar saß auf dem Sofa. Ich lächelte schüchtern:
Danke!
Hör zu, Anna, begann Karin. Ich glaube, dich wird heute niemand suchen. Nach Hause willst du sowieso nicht zurück.
Ich senkte den Kopf.
Morgen müssen wir früh raus
Ich verstehe, ich ließ den Kopf noch tiefer sinken.
Du bist allein. Öffne niemandem die Tür! Unser Hund Max lässt keinen ins Haus. Ist das klar?
Ja! rief ich unbeherrscht.
Du kannst uns einen Borschtsch kochen, schlug Matthias grinsend vor. Kannst du das?
Natürlich, antwortete ich schnell, noch immer mit der Angst, doch rausgeworfen zu werden. Ich kann gut kochen und auch sauber machen.
Dann räum unten auf, stimmte Karin zu.
***
Ich wachte am Morgen mit den Gastgebern auf. Lag ganz still, in der Angst, auch heute vertrieben zu werden. Dann hörte ich das Auto im Hof. Nach einer Weile war es still.
Ich stand auf, wusch mich. In der Küche standen Kanne mit Tee, Brot, Käse, Wurst. Auf dem Schneidebrett Schweinerippchen.
Ich frühstückte, räumte alles ab. Wischte alles sauber und putzte den Boden.
Im Flur sah ich den Staubsauger. Ich schaltete ihn ein und begann zu saugen.
Als ich gerade fertig war …
Was soll das hier? hörte ich hinter mir.
Ich fuhr herum. Ein großer, gutaussehender Junge, vielleicht achtzehn, mit braunen Augen voller Neugier.
Ich mache sauber, murmelte ich. Und du bist?
Hm, er schüttelte den Kopf, zog sein Handy hervor:
Mama, ich bin daheim. Und wer ist das hier?
Lass das Mädchen einfach eine Weile bei uns wohnen.
Mir ist das egal.
Er steckte das Handy weg. Musterte mich von oben bis unten und ging in die Küche.
Soll ich dir Tee machen? fragte ich.
Komm schon, ich mach mir selbst.
***
Ich räumte den Staubsauger weg, begann Staub zu wischen, horchte auf jedes Geräusch aus der Küche.
Der Junge frühstückte, ging ins Bad.
Nachher stand er rasiert und nach Rasierwasser duftend da.
Da klang ein Ruf von draußen:
Hey, gib mir noch eine Flasche!
Was ist denn das? Der Junge blickte aus dem Fenster.
Öffne nicht! rief ich ängstlich.
Er schaute neugierig zu mir, lächelte seltsam und ging zur Tür.
Ich sprang zum Fenster. Draußen am Zaun standen Jürgen und Klaus, brüllten etwas. Mir wurde mulmig.
Da trat der Sohn der Gastgeber hinaus. Die Männer gingen auf ihn los. Doch plötzlich … lagen sie beide im Schnee, als wären sie gleichzeitig gefallen.
Der Junge sagte irgendetwas zu ihnen, sie erhoben sich und gingen mit gesenkten Köpfen in Richtung des Hauses meiner Mutter.
***
Der Junge kam zurück. Sein Blick blieb an mir hängen. Er kam näher:
Hast du Angst?
Ich konnte mich kaum beherrschen, stemmte den Kopf an seine Brust und begann zu weinen.
Wie heißt du? fragte er plötzlich.
Anna.
Ich bin Lukas. Hör auf zu weinen. Sie kommen nicht wieder.
***
Lukas ging nach oben in sein Zimmer, blieb bis zum Abend dort. Ich kochte Borschtsch und saß nachdenklich in der Küche.
Natürlich, ich wollte am liebsten hierbleiben, bei diesen lieben Menschen, aber ich wusste, dass ich eigentlich zu weit gegangen war.
Die Gastgeber kamen heim. Karin Siebert schüttelte überrascht den Kopf und begutachtete meine Ordnung. Matthias lobte meinen Borschtsch.
Ich sollte wohl lieber gehen, sagte ich leise. Danke für alles!
Anna, bleib doch ein paar Tage bei uns!
Danke, Karin Siebert. Ich gehe lieber nach Hause, wiederholte ich.
Ich trat einen Schritt Richtung Tür und hielt inne. Seit gestern trug ich fremde Kleidung.
Komm! Karin nahm mich am Arm und führte ins Wohnzimmer.
Sie öffnete den Schrank, suchte lange, holte Jeans, einen Pulli, eine warme Sportjacke heraus.
Zieh dich an! Wir sind fast gleich groß.
Das ist doch nicht nötig
Du kannst doch nicht halbnackt gehen. Zieh das an! Mir schadet das nicht.
Ich zog mich um. Im Spiegel schielte ich auf mich so schöne Sachen hatte ich nie zuvor gehabt.
Im Flur zwang sie mich, Mütze und Winterstiefel anzuziehen.
Anna, trag es ruhig!
Danke, Karin Siebert!
***
Das Leben kehrte in alte Bahnen zurück. Na ja, nicht ganz alt. Meine Mutter arbeitete jetzt auf einem Hof. Ihr Lebensgefährte war verschwunden, zusammen mit seinem Kumpel.
Es wurde Frühling. An einem Tag saß ich zu Hause, lernte, als jemand am Tor klopfte. Ich blickte aus dem Fenster und traute meinen Augen nicht: Lukas stand am Zaun. Als er mich sah, nickte er auffordernd.
Ich rannte hinaus.
Hallo! Lukas lächelte.
Hallo!
Mama wollte dich etwas fragen.
***
Und so stand ich wieder im Haus, in dem ich einen glücklichen Tag erlebt hatte.
Willkommen, Anna! begrüßte mich Karin Siebert und nahm mich in den Arm.
Hallo, Karin Siebert!
Komm rein! Wir trinken Tee!
Sie setzte sich zu mir an den Tisch, schenkte Tee ein.
Ich habe eine Bitte: Mein Mann und ich fliegen einen Monat nach Antalya, auf ihrem Gesicht lag ein Hauch von Träumerei. Lukas ist selten daheim. Kannst du auf das Haus aufpassen? Max muss gefüttert werden und die Katze ebenso. Die Blumen brauchen Wasser ich habe viele davon.
Natürlich, Karin Siebert!
Gut, sie zog einen Umschlag mit Geld hervor. Hier sind zweitausend Euro.
Warum denn?
Nimms ruhig! Wir kommen klar. Komm, ich zeige dir alles!
Ich prägte mir ein, wo überall in dem Haus die unzähligen Töpfe und Kübel mit Blumen standen. Wo das Katzenfutter lag und das Fleisch für den Hund. Dann rief Karin:
Lukas! Er kam gleich aus seinem Zimmer. Zeig Anna Max!
Komm mit! Lukas legte mir sanft die Hand auf die Schulter.
Wir gingen in den Hof, lösten Max von der Leine und spazierten los.
Den ganzen Weg erzählte Lukas von seinem Studium, von Karate und von seinem Geschäft mit dem Vater.
Ich aber dachte über ganz andere Dinge nach. Mir wurde klar: Zwischen mir und Lukas liegt ein tiefer Graben, wie zwischen meiner Mutter und Lukas Eltern. Ja, sie sind gute Menschen, aber das hier ist keine Märchenstunde, sondern das Leben.
In zwei Monaten mache ich meine Prüfungen an der Hochschule, und ich schaffe das. Ich werde lernen, arbeiten, mich durchkämpfen ich werde meinen Weg gehen. Heiraten werde ich, aber bestimmt nicht diesen Schönling. Ja, er ist ein toller Junge, aber nicht für mich!
Ich bin Karin Siebert dankbar für die Kleidung und diese zweitausend Euro. So kann ich wenigstens im ersten Monat in der Stadt durchhalten.
Mit einem inneren Gefühl wusste ich, dass jetzt, in diesem Moment, meine schwere Kindheit vorbei war. Jetzt beginnt das Erwachsenenleben nicht leichter, aber jetzt hängt alles von mir ab.
Wir kamen am Haus an. Ich streichelte Max am Hals, lächelte Lukas zu und ging nach Hause. Morgen beginnt meine Arbeit im Haus. Nur die Arbeit mehr nicht.




