**JUNI**
Sie sollte jeden Tag werfen. Eine dreijährige, stattliche Rottweiler-Dame namens Emma. Doch für ihre Lieben war sie einfach nur Juni. Ich weiß nicht mehr, wem zuerst dieser kauzig-liebevolle Name über die Lippen kam. Aber er blieb ihr haften, fest und für immer. So lebte der Hund mit zwei Namen: einer für die Familie, der andere für alle anderen. Und sie hatte nichts dagegenJuni war Juni. Es schadete ihr nicht.
Tante Lina, ihre Besitzerin, war eine Frau von herzlichster Güte, gastfreundlich und sanftmütig, die ihr geliebtes Tier abgöttisch verehrte. Die Rottweilerin wusste das und nutzte diese Nachsicht schamlos aus. Obwohl Emma bei mir den “Grundgehorsamskurs” absolviert und sogar eine Prüfung bestanden hatte, erlaubte sie sich bei nachlässigen Besitzern allerlei Freiheiten. Sie schlief ausschließlich im Bett ihrer Herrschaften, oft ohne Rücksicht auf Gastfreundschaft: Morgens schubste sie Onkel Klaus mit ihren kräftigen Pfoten einfach aus dem Bett, breitete sich auf dem freien Platz aus und schnarchte laut, während sie ihren Traum weiterträumte. Sie aß wie ein vollwertiges Familienmitglied in der Küche, ihren schweren Kopf auf Tante Linas Schoß gelegt. Manchmal stahl sie auch einfach ein Stück vom Teller, ganz ohne Gewissensbisse.
Die Besitzer erlaubten ihr alles, und beim leisesten Anzeichen von Unwohlsein alarmierten sie halb die Stadt. So war es auch diesmal.
Dabei gab es in jenen Jahren noch kein Handy, aber wenn man wusste, wo jemand wohnte, konnte man mit einem Taxi aus der Patsche kommen. Als Tante Lina mich zu meiner Patientin brachte, versuchte sie wie immer, sich zusammenzureißen. Juni empfing uns an der Wohnungstürkräftig an Umfang zugenommen, aber kerngesund, wenn auch schwer atmend. Kein Wunder, die Hündin war hochträchtig, und nach meiner schnellen Schätzung würde sie ihre Besitzer mit einem Dutzend Welpen beglücken. Nicht weniger.
“Na?”, fragte die Besitzerin mit zitternder Stimme. “Kommt es bald?” Ihr besorgter Blick wanderte zum Hund.
“Tante Lina”, sagte ich leicht verlegen, “lassen Sie mich einmal Jacke und Schuhe ausziehen und mir die Hände waschen, bevor ich Ihre Hündin untersuche.”
Juni, die schon die ganze Aufmerksamkeit spürte, jaulte freudig, wedelte mit dem Schwanz und grinste mit ihrem mächtigen Fang. Bis zur Geburt waren noch mindestens zwölf bis vierzehn Stunden. Es gab keine Anzeichen für Komplikationen, die meine Anwesenheit erforderten, was ich der Besitzerin auch versicherte.
“Wie?!”, rief Tante Lina entsetzt. “Du lässt uns heute Nacht allein? Was, wenn die Geburt früher beginnt? Wenn ein Welpe steckenbleibt oder erstickt?” Ihre Augen erstarrten vor Angst. Der Hund spürte die Panik seiner Herrin und starrte mich flehend an.
“Ich wiederhole: Der Hund geht es gut. Sie wird morgen gegen Mittag werfen.”
“Larissa”, flehte die ältere Frau, “wenn Juni etwas passiert, überlebe ich das nicht. Du weißt noch, wie krank sie war?” Ich nickte.
“Erinnerst du dich, wie sie fast gestorben wäre?” Wieder nickte ich. “Ich wäre damals fast mit ihr gegangen. Willst du das wieder erleben?” Sie hob die Augenbrauen und sah mich fragend an. Damals hatte mich ihre Hysterie erschrecktwie sie neben dem an Parvovirose erkrankten Welpen auf dem Teppich lag. So eine panische Reaktion auf einen Hund hatte ich noch nie erlebt. Es hatte große Mühe gekostet, sie zu beruhigen, damit ich dem hilfsbedürftigen Tier helfen konnte. Eine Wiederholung wollte ich nicht.
“Na also”, sagte die jetzt beruhigte Tante Lina und ging, froh mich so leicht überredet zu haben, in die Küche, um Tee zu machen.
Plötzlich schien Juni sich zu erinnernein ausgebildeter Hund gehörte nicht in die Küche, sondern in den Flur.
“Wo ist Juni?”, rief Tante Lina besorgt, als der Hund nicht neben ihr erschien. Sie stand auf und ging in den Flur. Dort lag die Hündin auf ihrem Platz, den Kopf auf die Pfoten gelegt.
“Juni”, rief die Besitzerin. Der Hund sah sie verständnisvoll an, rührte sich aber nicht.
“Ach”, begriff Tante Lina, “du hast Angst vor Larissa? Sie lässt dich nicht in die Küche, die strenge Lehrerin.” Sie lachte fast kindlich.
Ich staunte immer wieder über die Klugheit der Hunde. Obwohl sie hier jeden Tag verwöhnt wurde und alles durfte, erinnerte sie sich plötzlich an die Regeln. So eine Schlaubergerin, diese Juni.
Die Wohnung meiner Bekannten war für die damaligen Verhältnisse geräumigzwei helle Zimmer nach Süden, im zweiten Stock eines warmen Holzhauses. Nach einem kleinen Abendessen (das ich widerwillig zu mir nahm) wurde mir das Gästezimmer gezeigt. Nebenan ein separates Bad mit warmem Wasserein Luxus, denn in manchen Häusern der Stadt floss im Winter kaum kaltes Wasser. So lehnte ich das Angebot nicht ab.
Frisch geduscht und entspannt, trat ich aus dem Badezimmerund traf auf Juni.
“Belauerst du mich?”, fragte ich ernst. Sie zögerte. “Und was will die werdende Mutter?”, fragte ich weiter, während sie mich mit treuen Augen ansah.
Plötzlich raste sie ins Wohnzimmer, wo ihre Besitzer saßen, drehte sich an der Tür um und sah mich fragend anals bat sie um Erlaubnis, bei ihnen zu bleiben. Ein schlauer Hund. Doch im letzten Moment kehrte sie in den Flur zurück.
Später kam Onkel Klaus von der Arbeit. Wieder Tee, wieder Gespräche. Doch diesmal weigerte sich Juni, im Schlafzimmer zu übernachtenzu ihrem Erstaunen.
Draußen kündigte sich ein Schneesturm an. Wolken verhüllten den Himmel, bereit, eine weiße Flut herabzuschütten. Der Mond zeigte sich kaum, bevor er wieder verschwand. Kurz gesagtWinter.
Gegen Mitternacht gingen alle schlafen. Doch ich, eine Nachteule, lag wach. Statt Schäfchen zu zählen, griff ich zu einer Zeitschrift auf dem Nachttisch. Als meine Lider schwer wurden, löschte ich das Licht. Die Tür ließ ich offenfalls Juni mich brauchte.
Doch dann traf es mich. Ein stechender Schmerz durchfuhr meinen Nacken, griff nach dem Herzen. Meine Medikamente lagen im anderen Zimmer. Die Schmerzen wuchsen rasendaufstehen war unmöglich. Die Luft fehlte mir, Schwindel und Schwäche kamen hinzu. Ich rief nach Tante Lina, doch meine Stimme versagte.
Dann kam Juni. Sie sah meinen Zustand, wurde unruhig.
“Juni”, flüsterte ich, “hol Lina.”
Der Hund starrte mich an, überlegteund raste los. Ich hörte, wie sie an der Schlafzimmertür kratzte. Vergebens. Sie kam zurück, unruhig.
“Juni, mach die Tür auf!”, keuchte ich. Der Schmerz wurde unerträglich. Wenn ich ohnmächtig wurde, war ich verloren.
Beim dritten Versuch stemmte sie ihr Gewicht gegen die Tür, drückte sie auf. Sie weckte Tante Lina, die schlaftrunken murmelte: “Juni, musst du raus? So früh?”
Doch der Hund gab nicht auf. Endlich stand die Besitzerin aufdoch statt zu mir zu kommen, zog sie sich an, schnallte Juni an die Leine und wollte mit ihr vor die Tür. Ich hörte das Gerangel im Flur, war aber zu schwach, um zu rufen.
Mit einem Ruck riss Juni sich los und zerrte die verdutzte Tante Linanoch in Mantel und Schuhenzu mir ins Zimmer.
“Larissa, gehts dir nicht gut?”, fragte sie verwirrt.
“Nein, verdammt, ich scherze nur”, dachte ich sarkastisch. Doch der Druck auf der Brust war real.
“Meine Tasche”, brachte ich mühsam hervor.
Ohne Fragen zu stellen, holte Tante Lina sie. “Soll ich einen Krankenwagen rufen? Die Nachbarin unten hat Telefon.”
Ich ignorierte sie, griff nach der Ampulledoch meine Hände versagten. Glücklicherweise half sie mir, brach die Ampulle auf, zog die Spritze auf. Ich spritzte mir das Mittel in den Oberschenkel, ohne mit der Wimper zu zucken.
“Wenn ich überlebe, lasse ich mich gründlich untersuchen.”
Bald ließ der Schmerz nach. Tante Lina, die nicht lügen konnte, sagte, meine Wangen hätten sich gerötet. Wir tranken Tee, und ich dankte meiner Retterin. Hunde besitzen wahrhaftig Verstand.
Der Schlaf war vorbei. Juni meldete sich noch mehrmals zum Gassiund Tante Lina trug jedes Mal Schnee herein.
Gegen elf Uhr morgens setzten die Wehen ein. Nun war ich an der Reihe zu helfen. Kräftige, breitköpfige Welpen kamen, einer nach dem anderen. Emma starrte auf ihren Nachwuchsund war sichtlich baff. Dieser verdutzte Blick der frischgebackenen Mutter blieb mir unvergessen.
Sie ist längst nicht mehr unter uns, lebte aber ein langes, glückliches Leben bei liebevollen Menschen. Doch manchmal, ganz unvermittelt, erinnere ich mich an meine Retterin. Tiere können dankbar sein.
Und wir Menschen? Erinnern wir uns oft an die, die uns retteten?





