Der Tag, an dem ich im Brautkleid zur Scheidung ging.
Als mein Ehemann mir eröffnete, dass er sich scheiden lassen möchte, öffnete ich gemächlich den Kleiderschrank und zog mit theatralischer Geste mein Brautkleid heraus.
Sag mal, was machst du denn da?, fragte er mit jener Mischung aus Panik und Verwirrung, die Männer so sympathisch macht.
Na was schon, ich ziehe DAS an, wenn wir vor Gericht gehen, erklärte ich, während ich das Kleid kräftig ausschüttelte, damit der Staub der Jahre wenigstens stilvoll durch die Wohnung schwebte.
Du bist doch verrückt! Du kannst doch nicht zur Scheidung im Brautkleid!
Natürlich kann ich das. Und du ziehst bitte deinen Hochzeitsanzug an. Wenn du mir schon ewige Liebe in dem Fummel geschworen hast, dann darfst du mir und dem Familiengericht auch die ewige Trennung darin zusichern.
Er suchte nach Gegenargumenten, doch da war nichts seine Gehirnzellen liefen Marathon, aber kamen als Letzte ins Ziel. Zwanzig Minuten später kramte er brummelnd am Boden des Schranks herum, um seinen Anzug zu finden.
Als wir beim Amtsgericht in München aufkreuzten, herrschte im Foyer regelrechte Schockstarre. Eine ältere Dame rief begeistert: Herzlichen Glückwunsch!, woraufhin ihre Freundin sie kopfschüttelnd anstieß: Spinnst du? Die lassen sich doch scheiden!
Der Richter drohte fast rückwärts vom Stuhl zu kippen, als wir eintraten. Ich rundum in Weiß, mit Schleier, Glitzer und dem ganzen Programm. Er im Smoking, Fliege und frisch polierte Oxfords. Wir hätten auch zu den Bayreuther Festspielen können.
Frau, setzte der Richter an, sichtlich bemüht, sich ein Grinsen zu verkneifen, darf ich fragen, warum Sie im Brautkleid erschienen sind?
Aber selbstverständlich, Euer Ehren, sagte ich stolz. Dieser Mann hier hat mir einst exakt so angezogen ewige Treue geschworen. Da der Tod noch nicht dazwischengefunkt hat und er trotzdem davon will, soll er wenigstens Tschüss sagen, während er die Wahrheit sieht mich im Original-Look, als er mir das Blaue vom Himmel versprach.
Mein Noch-Ehemann sah mich mit glänzenden Augen an. Tja, bayerisches Herz und so.
Ich habe dich nie angelogen. Am Hochzeitstag habe ich dich wirklich geliebt.
Und jetzt?, fragte ich, und spürte, wie mir die Stimme fast wegrutschte.
Der Richter räusperte sich theatralisch.
Wissen Sie was? Ich gebe Ihnen eine halbe Stunde Pause. Gehen Sie raus, atmen Sie bayerische Frischluft, reden Sie miteinander. Und falls Sie dann noch immer verkleidet und fest entschlossen zurückkehren, mache ich weiter. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, bei Ihnen ist noch Gesprächsstoff offen.
Wir trotteten auf den Flur. Er rückte meinen Schleier zurecht, der leicht schief hing.
Du bist wunderschön, murmelte er. Wie damals.
Du bist auch ganz ansehnlich, gab ich zu. Trotz deiner Sturheit.
So standen wir da, mitten im Münchner Amtsgericht, festlich wie die Einladungen zur Silberhochzeit, ohne Plan, was wir tun sollten.
Und weißt du was, schlug er zögerlich vor, wie wärs, wenn wir stattdessen eine richtig fette Hochzeitstorte essen gehen und uns daran erinnern, warum wir überhaupt geheiratet haben?
Vielleicht ist das ja die wahre Liebe wenn man selbst für die Scheidung das Hochzeitsoutfit aus dem Schrank holt. Oder wir sind einfach zwei waschechte Drama-Queens aus Schwabing, die nie gelernt haben, die Dinge halblang zu machen.




