Tagebucheintrag Tante auf Besuch, Ehefrau in Tränen
Letzte Nacht wurde ich von der Klingel geweckt. Neben mir wälzte sich meine Frau Annemarie schlaftrunken unter der Decke. Sanft strich ich ihr übers Haar und flüsterte:
Schlaf weiter, Liebling, ich mache schon auf.
Müde tappte ich in den Flur. Wer klopft denn um diese Uhrzeit an unsere Tür?
Als ich öffnete, stand meine Tante Helga mit einer riesigen Reisetasche da. Hinter ihr scharrte Onkel Dieter nervös von einem Bein aufs andere.
Mein lieber Neffe! rief Tante Helga freudig. Freust du dich nicht, mich zu sehen? Mit einer Umarmung, die mich fast erdrückte, zog sie mich ins Vorzimmer.
Leb wohl, ruhige Nacht, dachte ich seufzend, während ich ihr Gepäck in den Flur schleppte.
Die Nacht verlief chaotisch. Tante Helga weigerte sich strikt, auf dem Sofa zu schlafen, das sei ihr viel zu unbequem. Schließlich behauptete sie grinsend, vielleicht könne ihr Lieblingsneffe sie doch ins Bett bringen.
Annemarie beobachtete das Ganze fassungslos. Keine Stunde nachdem Tante Helga eingetroffen war, hatte sie unsere ganze Wohnung auf links gedreht. Schließlich legte sich die Familie schlafen: Tante Helga und Onkel Dieter nahmen unser Bett, Annemarie und ich das Sofa.
Am Morgen bereitete Annemarie Frühstück und stellte mir den Kaffee hin.
Wie lange, meinst du, bleiben die noch? flüsterte sie ängstlich.
Ich weiß es nicht ich frage heute Abend nach der Arbeit.
Nervös lauschte sie dem Schnarchen aus dem Schlafzimmer.
Robert, ich habe Angst vor den beiden. Könntest du nicht heute früher heimkommen?
Ich gebe mein Bestes, versprach ich und machte mich auf den Weg ins Büro.
Als ich abends zurückkam, war der Tisch liebevoll gedeckt.
Komm rein, Robert! Heute feiern wir ein Wiedersehen, rief Tante Helga aus der Küche.
Annemarie flüsterte leise:
Ich bin so froh, dass du wieder da bist.
Wir setzten uns zu Tisch.
Tante, wie lange wollt ihr bleiben? fragte ich schließlich.
Willst du uns etwa schon loswerden? murrte Helga beleidigt Richtung Dieter.
Aber nein, wie kommst du darauf? Ihr könnt gern bleiben, so lange ihr mögt!
Robert, wir bleiben für immer. Unsere Wohnung ist schon verkauft. Du bist unsere einzige Familie. Wir können ja nicht auf der Straße enden! Du wirst deine Tante doch nicht rauswerfen, oder? Bitte, ein wenig kannst du uns doch noch ertragen… Sie wischte sich dramatisch eine Träne vom Auge.
Mir fiel die Kinnlade herunter, Annemarie verließ weinend das Zimmer. Betretenes Schweigen. Onkel Dieter kaute seelenruhig weiter an seinem Salat.
Sag doch auch mal was! fauchte Tante Helga ihren Mann an. Immer muss ich alles entscheiden. Was bist du denn für ein Kerl? Und du, Robert, bist du glücklich?
Ihr bleibt, so lange ihr wollt, presste ich hervor da hörte ich Annemaries stille Tränen im Flur.
Ohne Appetit stocherte ich weiter im Essen. Helga und Dieter löffelten alles so geräuschvoll, dass ich Ohrenschmerzen bekam.
Nachdem Helga den letzten Bissen verschlungen hatte, ließ sie sich in den Stuhl zurückfallen:
Ich bin pappsatt! Robert, natürlich war das ein Scherz. Wir bleiben nur drei Tage, wir haben einen Arzttermin im Krankenhaus. Aber, mein Lieber, du hast dich tapfer geschlagen. Ich habe gesehen, dass du erschrocken warst, aber du hast es dir nicht anmerken lassen. Denn Familie ist schließlich das Wichtigste. Und wenn ich einmal nicht mehr bin, gehörst du unsere Wohnung wir haben ja keine Kinder. Du bist mein Erbe.
Mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen.
Bleib du uns hundert Jahre erhalten, Tante Helga! sagte ich fröhlich.
Doch in diesen drei Tagen wurde aus Annemarie ein Häufchen Elend: Ihre Suppe war angeblich zu fade, die Frikadellen zu hart, sie wusch die Blusen falsch, der Boden war unzureichend geschrubbt. Man konnte ihr offenbar nichts recht machen.
Beim Abschied raunte Tante Helga mir noch ins Ohr:
Wie kommst du bloß mit so einer Heulsuse zurecht? Ist sie etwa schwanger, oder warum weint sie ständig?
Kaum hatten wir die Tür geschlossen, tanzte Annemarie ausgelassen durch die Wohnung:
Vielleicht kommen sie nie wieder! rief sie hoffnungsvoll.
Wer weiß Tante Helga scheint es hier ja gefallen zu haben!
Ich kann nicht mehr! stöhnte sie.
Plötzlich klingelte es erneut.
Oh nein, schon wieder? Ich fuhr zusammen aber dann lachte ich erleichtert auf: Es war nur der Wecker! Ein neuer Tag voller Möglichkeiten wartete auf mich.





