Liebes Tagebuch,
manchmal frage ich mich, wie weit wir gekommen sind, wenn ich an die früheren Jahre zurückdenke, als mein Mann und ich uns kaum über Wasser halten konnten. Damals kaufte sich meine Schwiegermutter einen schicken Pelzmantel und einen neuen Fernseher und lebte das Leben einer Königin, während wir uns von Monat zu Monat hangelten.
Mein Leben nahm eine Wendung, als ich mit achtzehn unerwartet schwanger wurde. Meine Eltern standen nicht hinter mir sie fanden, ich sei viel zu jung für ein Kind. Zeitgleich musste mein Mann zur Bundeswehr einrücken. Die Omas auf beiden Seiten waren sich einig: Das Baby ist deine Sache. Meine Mutter sagte mir kühl ins Gesicht: Ich will jetzt nicht für dein Kind sorgen. Die Mutter meines Mannes sprach wochenlang kein Wort mit mir.
Mir blieb nichts anderes übrig, als zu meiner Tante Hildegard zu ziehen, der Schwester meines Vaters. Sie war damals 38, kinderlos und hatte ihr ganzes Leben der Arbeit gewidmet. Sie verurteilte meine Eltern nicht. Ich kann sie verstehen, sagte Tante Hildegard oft, es waren harte Zeiten, als du geboren wurdest. Sie haben viel geopfert. Es gab Nächte, da hatten wir kaum etwas zu essen. Dein Vater hat nachts Züge entladen, um irgendetwas zu verdienen.
Trotzdem, dachte ich, heute leben sie doch gut. Mein Vater verdiente endlich ordentlich, sie hatten eine schöne Zweizimmerwohnung, auch Mama arbeitete und ich war dabei, Mutter zu werden. Kümmert sie das wirklich gar nicht?, fragte ich oft. Sie wollen wohl das Leben endlich für sich genießen. Wer weiß, vielleicht bereuen sie es irgendwann, meinte Tante Hildegard.
Ihre Worte waren freundlich. Aber Unterstützung? Fehlanzeige. Also packte ich meine Sachen und blieb bei ihr.
Mein Mann kam erst zurück, als unser Sohn Lukas bereits eineinhalb Jahre alt war. Während seiner Abwesenheit sah meine Schwiegermutter ihren Enkelsohn nie. Meine Eltern kamen auch nur zweimal vorbei. Nachdem mein Mann von der Bundeswehr zurück war, arbeitete er als Kfz-Mechaniker und versuchte, sein Studium nebenbei zu schaffen, was aber einfach nicht klappte. Wir wohnten weiter bei Tante Hildegard; ohne sie hätte ich keine Ahnung, was geworden wäre.
Als Lukas in den Kindergarten kam und ich eine Teilzeitstelle im Büro fand, musste meine Tante berufsbedingt in eine andere Stadt ziehen. Nun mussten auch wir eine Wohnung mieten.
Wenig später starb die Großmutter meines Mannes. Meine Schwiegermutter verkaufte die Wohnung zügig, renovierte nach Herzenslust und gönnte sich, was sie wollte. Mein Mann überredete sie, ihr die Wohnung abzunehmen und ihr monatlich abzuzahlen, aber sie blockte rigoros ab. Warum sollte ich verzichten? Ich träume schon ewig von der Renovierung. Ihr könnt das gerne machen, aber ich lebe jetzt!, war ihre Antwort.
Fünf Jahre darauf kam unsere Tochter Anneliese zur Welt. Uns war klar: Wir brauchen dringend etwas Eigenes. Mein Mann fing an, im Ausland zu arbeiten und wir sparten, so viel es irgendwie ging was zäher war als erwartet. Ich blieb mit den Kindern weiter in einer Mietwohnung.
Meine Mutter wohnte inzwischen allein in einer großen Dreizimmerwohnung, seit mein Vater sie vor zwei Jahren verlassen hatte. Aber selbst da war für mich mit meinen Kindern angeblich kein Platz. Zur Schwiegermutter wollte ich auch nicht, bei ihr wurde ständig renoviert und Hilfe hätte ich dort nie bekommen.
Nach hartnäckigem Sparen konnten wir uns tatsächlich schließlich eine eigene Wohnung in Berlin leisten und das ganz ohne fremde Hilfe.
Jetzt ist Lukas fast mit der achten Klasse durch, Anneliese in der zweiten. Sie kennen den Wert von Geld, denn wir mussten jeden Cent zweimal umdrehen. Heute haben wir jeder ein Auto, machen jedes Jahr Urlaub an der Nordsee und die alten Sorgen sind vorbei.
Der einzige Mensch, dem wir wirkliche Dankbarkeit schulden, ist Tante Hildegard. Sie kann uns jederzeit anrufen und um Hilfe bitten wir werden immer für sie da sein, so wie sie damals für uns.
Unsere Eltern dagegen: tja. Mama wurde kürzlich entlassen und rief an, weil sie Hilfe brauchte ich habe freundlich, aber bestimmt abgelehnt. Die Schwiegermutter beansprucht ihren Lebensstandard noch immer, obwohl die Reserven längst verbraucht sind. Mein Mann hat ihr geraten, die große renovierte Wohnung zu verkaufen und eine Einzimmerwohnung zu kaufen wir werden ihr nicht finanziell aushelfen.
Ich habe das Gefühl, niemandem von ihnen etwas zu schulden. Unsere Kinder behandeln wir ganz anders, als wir selbst behandelt wurden. Wir sind immer für sie da und ich hoffe darauf, später auch auf ihre Unterstützung zählen zu können, wenn wir alt sind.
So schließt sich der Kreis.





