Nein, Mama, du musst jetzt wirklich nicht kommen. Überleg doch mal, die Reise ist lang, du müsstest die ganze Nacht im Zug verbringen, und du bist auch nicht mehr die Jüngste. Warum solltest du dir das antun? Außerdem ist Frühling, wahrscheinlich hast du jetzt im Garten viel zu tun, sagt mein Sohn am Telefon.
Ach, mein Sohn, warum nicht? Wir haben uns schon so lange nicht mehr gesehen. Und ich würde auch gern deine Frau kennenlernen, wie man so schön sagt man muss die Schwiegertochter doch mal näher in Augenschein nehmen , antworte ich ehrlich.
Dann lass uns so verbleiben: Warte noch bis Ende des Monats, dann kommen wir alle über Ostern zu dir. Da haben wir viele Feiertage, beruhigte mich mein Sohn.
Ehrlich gesagt, hatte ich mich innerlich schon auf die Reise eingestellt, aber ich ließ mich überreden und beschloss, zu Hause zu warten.
Doch am Ende kam niemand zu mir. Ich habe meinen Sohn mehrmals angerufen, doch er hat weggedrückt. Später rief er selbst zurück und meinte, er sei sehr beschäftigt, ich solle ihn nicht erwarten.
Ich war ziemlich traurig. Ich hatte mich so gefreut, meinen Sohn und die Schwiegertochter zu empfangen. Er hatte vor einem halben Jahr geheiratet, aber ich hatte meine Schwiegertochter noch kein einziges Mal gesehen.
Meinen Sohn Sebastian habe ich quasi für mich selbst bekommen. Ich war schon 30 Jahre alt, nie verheiratet, und so entschied ich mich wenigstens für ein Kind.
Vielleicht ist das nicht ganz richtig gewesen, aber ich habe diesen Schritt nie bereut, auch wenn das Leben oft alles andere als einfach war. Geld hatten wir kaum, wir haben mehr überlebt als gelebt. Ich habe immer mehrere Jobs gemacht, nur damit mein Kind alles Notwendige hatte.
Sebastian ist dann zum Studium nach Berlin gegangen. Um ihn zu unterstützen, bin ich in den ersten Jahren sogar regelmäßig nach Polen arbeiten gefahren, damit ich ihm das Geld fürs Studium und das Leben in Berlin schicken konnte. Mein Mutterherz war glücklich, dass ich ihm helfen konnte.
Ab dem dritten Studienjahr jobbte Sebastian selbst und finanzierte sich langsam alleine. Nach dem Abschluss fand er direkt Arbeit und sorgte selbst für sich.
Nach Hause kam er selten, vielleicht einmal im Jahr. Und ich, peinlich eigentlich, war selbst noch nie in Berlin gewesen.
Ich dachte mir: Wenn mein Sohn mal heiratet, dann fahre ich unbedingt hin. Ich begann extra dafür ein bisschen Geld zur Seite zu legen. Insgesamt wurden es 1.500 Euro.
Vor einem halben Jahr rief Sebastian dann an und verkündete die lang ersehnte Nachricht er heiratet.
Mama, aber komm bitte nicht, wir machen jetzt erstmal nur Standesamt, die Feier holen wir später nach, klärte er mich vorab auf.
Ich war enttäuscht, aber was will man machen. Sebastian hat mich per Videoanruf mit seiner Frau bekannt gemacht. Sie schien ganz nett. Sehr schön auch. Und wohlhabend. Ihr Vater, mein Schwiegersohn, ist wohl ein ziemlich gutgestellter Mann. Ich konnte mich daher ehrlich freuen, dass es Sebastian gut geht.
Die Zeit verging aber weder kommt Sebastian mich besuchen, noch lädt er mich ein. Ich war schon so gespannt auf meine Schwiegertochter und wollte meinen Sohn wieder in die Arme schließen. Also habe ich mein Köfferchen gepackt, das Bahnticket gekauft, Essen vorbereitet, selbst Brot gebacken und ein paar Gläschen Marmelade eingepackt, und bin losgezogen. Ich rief Sebastian kurz vor der Abfahrt an.
Wahnsinn, Mama! Warum machst du das? Ich bin auf der Arbeit und kann dich nicht abholen. Na gut hier ist die Adresse, nimm dir ein Taxi, meinte Sebastian.
Am nächsten Morgen komme ich in Berlin an, nehme ein Taxi, und bin ziemlich erschrocken über den Preis. Aber die Stadt am frühen Morgen wunderschön. Ich genieße die Aussicht aus dem Fenster.
Die Tür öffnete mir meine Schwiegertochter. Kein Lächeln, keine Umarmung, sie bat mich nur kühl herein in die Küche. Sebastian war schon längst auf der Arbeit.
Ich packte meine Sachen aus: Kartoffeln, Rote Bete, Eier, getrocknete Äpfel, eingelegte Pilze, Gurken, Tomaten, ein paar Gläser Marmelade. Die Schwiegertochter beobachtete alles stumm und meinte schließlich, das alles hätte ich umsonst mitgebracht, sie essen so etwas nicht und überhaupt, sie kocht zu Hause nie.
Was esst ihr denn? wunderte ich mich.
Wir bekommen täglich Essen geliefert. Kochen finde ich unangenehm, weil dann die ganze Küche stinkt, der Geruch hält sich tagelang, sagt Friederike.
Kaum hatte ich mich von dieser Ansage erholt, kam ein kleiner Junge, etwa dreieinhalb Jahre alt, in die Küche.
Das ist mein Sohn, Henry, sagt sie.
Heinrich? frage ich nach.
Nein, Henry. Nicht Heinrich. Ich mag es nicht, wenn Namen verunstaltet werden.
Gut, wie du willst, Friederike.
Und ich heiße nicht Frida. Ich bin Friederike. Hier in der Stadt sagt das niemand falsch aus, aber woher sollt ihr das wissen…
Mir kamen die Tränen. Nicht, weil mein Sohn eine Frau mit Kind geheiratet hatte, sondern weil er mir das nie erzählt hat.
Aber das war noch nicht alles. Ich warf einen Blick an die Wand da hing ein großes Hochzeitsfoto.
Oh, ihr hattet doch keine Feier? Aber immerhin habt ihr schöne Fotos gemacht, versuchte ich, das Gespräch zu lenken.
Wie, keine Feier? Wir hatten eine, mit zweihundert Gästen. Nur du warst nicht da. Sebastian meinte, du wärst krank gewesen. Im Nachhinein vielleicht besser, sagte Friederike kühl und musterte mich von oben bis unten.
Möchtest du frühstücken?
Ja, gern
Sie stellte mir eine Tasse Tee und ein paar teure Käsestücke hin. Das war für sie Frühstück.
Aber ich bin das nicht gewohnt, ich brauche morgens nach der langen Reise etwas Richtiges. Ich beschloss, ein paar Spiegeleier zu braten und meinen frischen Brotlaib anzuschneiden, aber Friederike verbot mir das streng wegen des Geruchs in der Küche.
Das Brot wollte sie auch nicht essen sie und Sebastian halten doch Healthy Lifestyle.
Eigentlich hatte ich gar keinen Appetit mehr. Ich war nur noch traurig, dass Sebastian sich für mich am wichtigsten Tag seines Lebens geschämt und mich nicht eingeladen hatte. Jahrelang hatte ich mich gefreut, jahrelang gespart, und dann war alles umsonst.
Ich trank still meinen Tee. Friederike schwieg. Es war eine unheimlich angespannte Stille. Plötzlich kam der kleine Junge angelaufen und schmiegte sich an mich. Ich wollte ihn umarmen, aber Friederike fuchtelte sofort wild mit den Händen, das solle ich lassen man weiß ja nicht, was ich so mitbringe, und schließlich ist das ein Kind.
Süßigkeiten hatte ich nicht, also reichte ich dem Jungen ein Glas Himbeermarmelade da hast du was Leckeres zu Pfannkuchen, sagte ich.
Friederike riss mir das Glas förmlich aus der Hand: Wie oft soll ich es noch sagen? Wir essen keinen Zucker!
Ich spürte, wie mir gleich die Tränen kamen. Ich konnte meinen Tee nicht mal mehr austrinken, ging in den Flur und zog mich an. Friederike reagierte nicht, fragte nicht einmal, wohin ich wollte.
Draußen vor dem Haus setzte ich mich auf eine Bank und ließ meinen Tränen freien Lauf. Ich habe mich noch nie im Leben so fehl am Platz gefühlt.
Nach einer Weile sah ich, wie Friederike mit dem Jungen rauskam sie hatte meine ganzen eingemachten Sachen in den Müll geworfen.
Mir fehlten die Worte. Als sie weg war, packte ich meine Sachen zurück in die Taschen und lief zum Bahnhof. Zum Glück hatte jemand ein Ticket zurückgegeben, also konnte ich abends heimfahren.
Nahe dem Bahnhof gab es eine Gaststätte. Ich gönnte mir einen Teller Borschtsch, etwas gebratenes Fleisch, dazu Kartoffeln mit Salat. Ich hatte so einen Hunger. Gezahlt habe ich ordentlich, aber ich war es mir wert.
Meine Taschen stellte ich ins Schließfach; dann hatte ich noch ein paar Stunden, um durch Berlin zu spazieren. Die Stadt gefiel mir gut, ich vergaß ein wenig meinen Kummer.
Im Zug konnte ich nicht schlafen, ich habe nur geweint. Es tat so weh, dass mein Sohn nicht einmal angerufen und gefragt hat, wo ich bin.
Ich hätte eher mit Schnee im Juli gerechnet als damit, dass mein eigenes Kind mich so ausschließt. Er ist mein einziger Sohn, mein ganzer Stolz und am Ende bedeutet meine Mutterliebe ihm so wenig.
Jetzt überlege ich, was ich mit dem gesparten Geld fürs Hochzeitsgeschenk machen soll. Gebe ich Sebastian die 1.500 Euro, damit er weiß, dass seine Mutter immer für ihn gesorgt hat? Oder gebe ich ihm gar nichts, weil er es gar nicht verdient hat?




