Als die Hosen im Haus wichtiger waren: Wie Varvara von ihrer Mutter im Stich gelassen wurde und ihren eigenen Weg fand

Hosen hatten im Haus mehr Gewicht

Franzi… warum machst du das… flüsterte meine Mutter. Vielleicht solltest du wirklich… zu Oma fahren? Für eine Woche. Bis sich alles beruhigt hat.

Für eine Woche? Franzi lächelte bitter. Mama, er will mich rausschmeißen. Jetzt sofort. Hörst du das?

Ach Kindchen, der Matthias ist einfach aufgebracht, Lydia wich meinem Blick aus. Geh und pack deine Sachen. Ich rufe dich dann.

Ich sah meine Mutter an und erkannte sie kaum wieder vor mir stand eine fremde Frau, für die Hosen am Tisch wichtiger waren als das eigene Kind.

Ich drückte meinen alten Stoffhasen an mich, dem schon seit Jahren ein Ohr fehlte.

Im Flur standen Taschen, notdürftig mit Paketband zusammengebunden.

Ich war zehn, und die Welt, die früher nur aus mir und Mama bestand, dehnte sich plötzlich aus bis zur fremden Wohnung, in der ein unangenehmer Mann das Sagen hatte.

Ach Franzi, steh nicht so rum, Mutter war nervös und zupfte sich eine Strähne aus dem Gesicht. Hilf dem Matthias mal, die Kiste mit dem Geschirr reinzutragen.

Jetzt sind wir eine große Familie. Ist doch schön, oder?

Ich sah meinen Stiefvater an. Er war stämmig, mit wuchtigen Brauen und kurzen Fingern.

Seine Kinder, der dreizehnjährige Anton und die vierzehnjährige Maike, saßen im Wohnzimmer auf dem Sofa und beäugten mich mit unverhohlenem Widerwillen.

Ey, du Zwerg, sagte Maike. Stell deine Sachen da vorne in die Ecke. Mein Kram bleibt, wo er ist, ich räume nichts weg.

Maike! Lydia zwang sich zu einem Lächeln. Wir haben doch abgemacht, dass Franzi auf dem zweiten Bett schläft.

Drauf gepfiffen, was ihr abgemacht habt, brummte Anton und stieß mich demonstrativ mit der Schulter, als er vorbeiging. Immer alles zu eng hier…

Da mischte sich auch schon das Familienoberhaupt ein.

So, jetzt ist mal Ruhe hier, donnerte er. Lydi, mach endlich das Essen fertig. Ich hab Hunger!

Gleich, Matthias, gleich, ich beeil mich, und meine Mutter stürzte sich in die Küche.

So blieb ich im Flur stehen. In meinem Inneren zog sich alles zusammen irgendwie spürte ich, dass ich hier nicht lange bleiben würde.

***

Nach einem Jahr brachte Lydia einen Sohn zur Welt, Paul, und nun verbrachte sie ihre ganze Zeit mit Windelwechseln und dem Versuch, das ständig schreiende Baby zu beruhigen.

Geld fehlte an allen Ecken. Matthias arbeitete auf dem Bau, doch irgendwo versickerte sein Lohn immer schon, bevor er überhaupt ins Haus kam.

Schon wieder nur Nudeln ohne alles? Matthias schob wütend den Teller weg.

Matthias, du weißt doch Lydia wiegte Paul mit einer Hand und rührte mit der anderen im Topf. Die Miete ist gestiegen, Maike hat neue Stiefel gebraucht…

Das ist mir egal! Matthias griff nach der Jacke. Ich schufte, und zuhause gibts nicht mal ein Stück Fleisch.

Ich geh zu Andi, da gibts wenigstens was Gescheites.

Bleib doch, Matthias, Lydia war den Tränen nah. Paul ist so quengelig, ich bin fix und fertig…

Dann sieh zu, wie du klarkommst, war seine Antwort, dann war er weg.

Lydia lief ihm in den Flur hinterher, der Streit ging weiter.

Ich saß am Küchentisch im Eck und versuchte, an meinen Hausaufgaben zu arbeiten. Kaum war Mutter weg, stürzten sich Maike und Anton auf den Kühlschrank.

Das ist für morgen, sagte ich leise und sah zu, wie sie das Frühstück für den nächsten Tag wegfuttern. Für alle…

Halt die Klappe, knurrte Maike mit vollem Mund. Hat keiner nach deiner Meinung gefragt. Freu dich, dass du überhaupt hier wohnen darfst.

Ich wohne hier, weil es auch Mamas Haus ist!

Na, das wollen wir mal sehen, lachte Anton. Mal schauen, wie lange du noch bleibst. Papa meint, du bist nur Ballast.

Ich schwieg. Wozu streiten? Es würde nichts bringen…

***

Gerade hatte ich meinen dreizehnten Geburtstag hinter mir, und trotzdem hatte ich schon keine Lust mehr aufs Leben. Matthias kam oft tagelang nicht heim, und wenn, dann immer mit glasigem Blick und gereizt.

Wo ist das Geld, Matthias? fragte Mutter dauernd. Paul braucht einen Winteranzug, Franzi läuft immer noch in einer alten Jacke…

Ist keins mehr da, warf Matthias sich aufs Sofa, ohne die Schuhe auszuziehen. Lass mich in Ruhe. Ich bin müde.

Wie, keins mehr? Du hast doch Vorschuss bekommen!

Hab ich schon ausgegeben. Musste einem Kumpel helfen. Hör auf, mich anzunörgeln!

Vor Weihnachten gab es wieder einen Riesenkrach. Um nicht im Weg zu sein, schlich ich ins Zimmer, das ich mit Maike teilte.

Auf meinem Schreibtisch herrschte ein heilloses Durcheinander. Meine Schulhefte lagen überall, und mein geliebter Zeichenblock, den ich von Opa geschenkt bekommen hatte, lag zerfetzt am Boden.

Warst du das? fragte ich fassungslos.

Maike saß vorm Spiegel und schmierte sich Lippenstift auf.

Ja, und? Deine Bilder sind sowieso doof. Gefallen mir nicht.

Du hattest kein Recht, an meine Sachen zu gehen! Ich packte den Block. Ich sag’s Mama!

Na, jetzt hab ich aber Angst, Maike drehte sich um. Du bist hier doch eh niemand. Und deine Mutter auch nicht. Ihr seid beide nur Mitläufer, sagt Papa. Fress nur unser Brot.

Halt den Mund! Ich machte einen Schritt auf sie zu.

Oder was? Willst du zuschlagen? Trau dich! Papa macht dich platt.

Maike stand auf, stellte sich dicht vor mich und stieß mich mit voller Wucht.

Ich prallte gegen den Schrank, schlug mir den Ellenbogen. Mir wurde ganz schwindlig, aber plötzlich schlug ich Maike ins Gesicht.

Sie schrie, als hätte sie ein Bügeleisen verbrannt. Warf sich aufs Bett und heulte.

Papa! Sie will mich umbringen! Papaaaa!

Nach einer Minute stürmte Matthias ins Zimmer.

Was geht hier vor?! brüllte er.

Sie hat mich gehauen! schluchzte Maike und hielt sich das Gesicht. Einfach so! Ich hab nur da gesessen, dann kam sie!

Matthias drehte sich langsam zu mir um. Ich stand an der Wand, atmete schwer und krallte mich an meinem zerrissenen Block fest.

Du hast meine Tochter geschlagen? fragte er plötzlich ganz ruhig.

Sie macht ständig meine Sachen kaputt! Sie mobbt mich die ganze Zeit! rief ich verzweifelt.

Was sie macht, ist mir egal, kam Matthias auf mich zu. In meinem Haus hältst du den Mund und fällst nicht auf. Wer das nicht kapiert, kann gehen.

Was? Ich war wie erstarrt.

Du hast schon richtig gehört! Pack deinen Kram und verschwinde. Ich brauch keinen Ärger.

Matthias, bitte, Lydia erschien in der Tür, blass wie Kreide. Es ist schon spät… und sie ist doch noch ein Kind…

Lydia, Schluss jetzt! donnerte Matthias. Entweder geht sie, oder ich. Ich hab die Nase voll.

Ich habe sie nur wegen dir ausgehalten, aber jetzt reichts.

Lydia sah mich an:

Pack deine Sachen, Franziska. Geh zu Oma, bleib da ein paar Wochen. Überleg dir mal dein Verhalten. Wenn du dich entschuldigst, kannst du vielleicht wiederkommen…

Ich sagte nichts mehr. Nahm meinen Rucksack, stopfte das Nötigste hinein: Hefte, Schulsachen, ein paar Blusen und meinen alten Hasen.

Ich ging in der Dunkelheit, und meine Mutter tat nicht einmal die Tür auf, um mich zu verabschieden…

Als ich heulend vollgepackt vor Omas Tür stand, ballte Opa nur die Fäuste, und Oma zog mich sofort in die Küche und kochte Tee.

Du gehst da nicht mehr hin, schnitt Opa das Thema ab, als er alles hörte. Wenn die was wollen, zeige ich denen schon, wer am längeren Hebel sitzt!

Ich bin nicht zurückgekehrt.

Ich wuchs zu einer anständigen Frau heran, machte Abitur, studierte, fand einen guten Job bei einem großen Unternehmen und mietete mir meine eigene Wohnung.

Mit Mutter sah ich mich nur selten großes Bedürfnis hatte ich nicht.

Ab und zu rief sie an, klagte über ihr Leben, aber es berührte mich nicht.

Franzi, Matthias gibt gar kein Geld mehr ab, schluchzte sie am Telefon. Paul läuft dieses Jahr schon in alten Sachen zur Schule, nicht mal nen richtigen Rucksack hat er.

Maike hat geheiratet, aber lebt immer noch bei uns, ihr Mann taugt auch nichts…

Mama, das ist deine Entscheidung, sagte ich ruhig. Ich unterstütze Oma und Opa. Ich habe mein eigenes Leben.

Aber wir sind doch Familie!

Das waren wir nicht mehr, seit du mir damals die Tür vor der Nase zugemacht hast.

Unsere Gespräche liefen meistens darauf hinaus.

***
Zu meinem siebenundzwanzigsten Geburtstag rief Lydia mich nicht an erst einen Monat später meldete sie sich und bestand auf einem Treffen.

Lange zögerte ich, doch dann wollte ich wissen, was sie wollte.

Wir trafen uns in einem kleinen Café, auf neutralem Boden. Sie brachte Paul mit.

Ich habe wenig Zeit, stellte ich klar. Sag, worum es geht.

Matthias… schluchzte sie. Er ist jetzt völlig durchgedreht. Hat Schulden gemacht. Die Wohnung verpfändet, kannst du dir das vorstellen?

Letzte Woche hat uns das Amtsgericht aus der Wohnung geworfen. Maike ist zu den Schwiegereltern, aber Paul und ich haben nirgends einen Platz.

Ich schwieg. Würde sie es wagen, um Hilfe zu bitten?

Franzi, mein Schatz, Lydia griff nach meiner Hand. Hilf uns. Gib uns wenigstens etwas Geld für die erste Zeit! Oder lass uns bei dir wohnen.

Du hast doch eine große Wohnung, wir würden dir nicht zur Last fallen.

Paul hilft dir im Haushalt, er kann alles! Ich hab ihm alles beigebracht!

Mama, und dein Matthias? Also Pauls Vater?

Ach, Matthias… sie verzog das Gesicht. Kaum waren die Gerichtsvollzieher da, hat er seine Sachen gepackt und ist abgehauen.

Er meinte, wir gehen ihm nichts mehr an. Er hat uns sitzenlassen, Franzi. Als wären wir Müll…

Tja, das ist halt die Gerechtigkeit, sagte ich leise. Genauso ist er damals auch mit mir umgesprungen. Und du hast mitgemacht.

Franzi, ich konnte ja nicht wissen, dass das so endet! Ich hatte doch Angst vor ihm! Damals musste ich an Paul denken ich bin doch seine Mutter

Für mich warst du keine.

Wie kannst du sowas sagen?! Hast du kein Herz?! sie wurde laut, alle im Café sahen zu uns rüber. Wir stehen auf der Straße! Dein Bruder hat seit gestern nichts gegessen!

Ich stand ruhig auf, holte ein paar große Scheine aus meinem Portemonnaie und legte sie auf den Tisch.

Das ist für Essen und ein paar Nächte in einem Hostel. Mehr kann ich nicht tun.

Franzi! meine Mutter griff nach meiner Hand. Du kannst uns doch nicht einfach sitzenlassen!

Warum nicht? Ich zog meine Hand weg. Du hast mich damals auch sitzenlassen, als ich dreizehn war. Da hast du auch den bequemeren Weg gewählt.

Ich brauche dich jetzt auch nicht. Ich habe gelernt, alleine zu leben…

Ich drehte mich um und ging.

Franzi! Franzi, komm zurück! schrie sie noch. Undankbar! Wir haben dich großgezogen! Ich hab dir das Leben geschenkt, du herzlose Tochter!

Ich drehte mich nicht um.

***

Eine Woche später rief Opa an.

Franzi, deine Mutter stand hier vor der Tür, brummte er. Wollte bei uns wohnen. Ich hab sie gar nicht erst reingelassen.

Hab ihr gesagt, sie soll ihren Matthias suchen und bei dem unterkriechen!

Was hat sie gesagt?

Geschrien hat sie, uns mit Gericht und Unterhalt gedroht. Alberne Frau, ehrlich…

Der Paul stand auch da und guckte traurig… Das tut mir leid, das Kerlchen ist ja unschuldig. Aber so eine Schlange nehm ich nicht mehr ins Haus. Sie hat uns früher auch nur beschimpft, als du damals zu uns kamst.

Ich weiß, Opa. Mach dir keinen Kopf. Sie wird uns jetzt in Ruhe lassen.

So war es auch. Matthias landete, wie ich später erfuhr, in irgendeinem Kaff und hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, wohnte in einer Ruine ohne Heizung.

Lydia putzte als Reinigungskraft und bekam ein Zimmer im Wohnheim vom Sozialamt.

Maike und Anton schafften es nie, auf eigenen Beinen zu stehen, sondern versanken im Dauerstreit und Schulden.

Und ich bereue nichts. Ich habe nur zu Paul noch Kontakt denn er kann nichts dafür.

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Homy
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Als die Hosen im Haus wichtiger waren: Wie Varvara von ihrer Mutter im Stich gelassen wurde und ihren eigenen Weg fand
Von ihren Kindern verlassen, entdecken sie ein Haus, das tief in den bayerischen Alpen verborgen liegt… und was sie darin finden, verändert ihr Schicksal für immer