Ich wurde von etwas Warmem und Feuchtem an meiner Wange geweckt.
Als ich die Augen öffnete, sah ich eine Hundeschnauze mit freundlichen Augen und einer nassen Nase. Das Tier schnupperte vorsichtig an meinem Gesicht, als wolle es prüfen, ob ich noch am Leben sei.
Wo kommst du denn her?, flüsterte ich, während sich wohltuende Wärme durch meinen Körper ausbreitete, ausgelöst von dem lebendigen Wesen neben mir.
Lange Zeit blieb diese Geschichte das Gesprächsthema in unserem kleinen Ort im Bayerischen Wald. Bei uns hatte man Hunde nie übermäßig verwöhnt die meisten Streuner gingen ihren eigenen Weg, und wir Menschen unseren. Maximal warf man ihnen ein Stück Brot zu oder schüttete ein wenig Suppenreste aus.
Ich, Hermann Bauer, war das Paradebeispiel eines altmodischen Dorfbewohners. Mein Leben lang war ich überzeugt: Tiere gehören zur Arbeit Kühe geben Milch, Hühner legen Eier, und Hunde Tja, die nehmen nur Platz weg und fressen, ohne Nutzen zu bringen.
Das Schicksal hatte jedoch eine Lektion für mich vorbereitet, die alles verändern sollte, was ich über vierbeinige Wesen dachte.
An jenem herbstlichen Morgen wachte ich mit einem ungewohnten Gefühl auf. Seit meinem Schlaganfall vor drei Jahren kam ich nur selten aus dem Haus die Beine wollten nicht mehr richtig und meine Kräfte schwanden. Doch heute zog es mich in den Wald, zu den Pilzstellen, die ich seit Kindertagen kannte.
Vielleicht wird das mein letzter Gang?, dachte ich bei mir, als ich den alten Weidenkorb aus dem Schrank holte.
Meine Nachbarin, die ich am Gartentor traf, schaute erstaunt:
Hermann, wo willst du denn hin?
Ein paar Maronen holen, Elfriede. Was soll ich denn den ganzen Tag herumhocken?
Den Weg in den Wald kannte ich samt jeder Unebenheit. Trotz meiner wackeligen Beine fühlte ich mich lebendiger als seit langer Zeit. Der Wald empfing mich mit Stille und kühler Luft, und die Pilze wuchsen mir praktisch direkt in den Korb.
Die Stunden vergingen, der Korb füllte sich, und ich streifte von Stelle zu Stelle ganz den Alltag, mein Alter und meine Beschwerden vergessend. Doch dann, als ich mich nach einem Steinpilz bückte, spürte ich, wie mir plötzlich der Boden unter den Füßen wegrutschte. Mir wurde schwindlig, die Welt wurde schwarz.
Ich versuchte mich noch an einem Baum festzuhalten, doch ich war zu schwach. Langsam sank ich ins taufeuchte Gras und lehnte meinen Rücken gegen einen Birkenstamm.
Ich ruhe mich nur kurz aus, redete ich mir ein, doch die Beine fühlten sich wie Blei an und meine Hände zitterten vor Schwäche.
Die Zeit verstrich quälend langsam. Jeder Versuch aufzustehen schlug fehl mein Körper gehorchte mir nicht mehr. Die Sonne senkte sich, es wurde spürbar kälter.
Soll das hier mein Ende sein?, schoss es mir durch den Kopf. Mit geschlossenen Augen versuchte ich, nicht ans Schlimmste zu denken.
Irgendwann in der Nacht spürte ich Wärme. Irgendein Tier lag dicht neben mir und wärmte mich mit seinem Körper. In der Dunkelheit erschrak ich: Ein Wolf? Doch das Tier schlief ruhig und schnaufte sanft, zeigte keine Spur von Aggression.
Mit dem ersten Morgengrauen sah ich: Es war eine Hündin. Vorsichtig beschnupperte sie mich und lief dann, mit plötzlicher Entschlossenheit, Richtung Dorf davon.
Im Ort begann der Tag wie immer. Vor dem Gemeindehaus versammelten sich die Männer und besprachen die Arbeit. Plötzlich kam eine keuchende Mischlingshündin angerannt, bellte laut und drehte sich aufgeregt im Kreis.
Was soll der Krach?, brummte der Bürgermeister,
Ach, das ist nur ein Köter, winkte Franz, der Landwirt, ab.
Doch Alfred, unser Mechaniker, sah genauer hin. Die Hündin bellte nicht einfach sie hatte einen bestimmten Blick, abwechselnd auf die Männer und dann Richtung Wald.
Schaut mal, sie will uns wohin führen, bemerkte er.
Ach was, Alfred, seit wann können Hunde reden?, lachte einer.
Trotzdem ließ Alfred der Gedanke nicht los. Die Hündin blieb unruhig, lief ein paar Meter voraus und drehte sich immer wieder um.
Was, wenn doch was passiert ist?, sagte er leise. Ich schau mal nach.
Erst als er ihr folgte, wedelte die Hündin erfreut mit dem Schwanz, lief voraus und sah sich immer wieder um, ob er noch da war.
Sie brauchten etwa eine halbe Stunde durchs Feld und den Wald. Alfred zweifelte schon an seinem Vorhaben, da blieb die Hündin plötzlich an einer großen Birke stehen und wimmerte leise.
Hermann, bist dus? Lebst du noch?, rief Alfred plötzlich, als er die bekannte Gestalt am Baum sah. Ich öffnete die Augen und raffte ein schwaches Lächeln zusammen:
Ich hatte schon gedacht, mich findet niemand mehr.
Mich ins Dorf zurückzubringen war kein Problem. Alfred rief seine Kollegen mit der Funkgerät, und kurz darauf wurde ich auf einer Trage ins Dorf gebracht, wo mich der Sanitäter untersuchte.
Die ganze Strecke lief die Hündin unermüdlich nebenher. Als ich ins Auto gelegt wurde, schaute sie noch in die Fahrerkabine, als wollte sie sicher gehen, dass alles in Ordnung war.
Da ist deine Lebensretterin, sagte Alfred und wies auf die vierbeinige Heldin. Ohne sie wer weiß, wie das sonst ausgegangen wäre.
Von diesem Tag an hatte sich mein Leben verändert. Die braungescheckte Hündin, die ich Liesel nannte, wurde zum Mittelpunkt meines Hauses. Nun verbrachten wir die Abende gemeinsam ich im Sessel mit einem Buch, die Hündin auf einem alten Teppich zu meinen Füßen.
Wenn die Nachbarn mich fragten, was mit mir passiert sei, schüttelte ich nur den Kopf und sagte:
Diese Hündin hat mir das Leben gerettet. Wie könnte ich das je vergessen?
Im Ernst wie könnte man einen vierbeinigen Engel vergessen, der in der dunkelsten Stunde zur Seite steht?
Manchmal brauchen wir Menschen erst einen Schubs von einem treuen Tier, um zu erkennen, was wirklich zählt: Dankbarkeit, Gemeinschaft und die Wärme, die ein offenes Herz schenken kann.





