Ich lebe mit einem Mann zusammen, der behauptet, Geld sei niedrige Energie.
Wir sind seit fast zwei Jahren ein Paar, und bis vor drei Monaten lief alles ganz normal. Er hatte einen Job, brachte seinen Beitrag ein, hatte sogar einen geregelten Tagesablauf. Doch eines Tages kam er nach Hause und erklärte mir mit leuchtenden Augen, er habe ein spirituelles Erwachen gehabt und spüre nun, dass sein Beruf nicht mehr mit seinem inneren Zweck in Einklang sei. Schon in der nächsten Woche kündigte er.
Anfangs stand ich natürlich voll hinter ihm. Er hatte mir erklärt, er brauche jetzt Zeit für sich, sei müde vom Hamsterrad und wolle lieber aus dem Bewusstsein heraus leben. Ich ging weiterhin arbeiten, stand früh auf, hetzte durch München, kam abends abgekämpft zurück in unsere Wohnung. Er blieb zuhause, meditierte stundenlang, schaute sich Videos über Selbstfindung an und räucherte alles mit Salbei und Lavendel, was nicht bei drei wieder draußen war. Das nannte er Heilung.
Nach zwei Wochen hatte er noch nicht mal einen Cent zur Miete beigetragen. Fragte ich danach, sagte er entspannt, ich solle mir keine Sorgen machen das Universum sorge immer für einen. Tja, von wegen Universum irgendwie fühlte ich mich plötzlich gemeint. Ich fing an, Essen, Strom, Internet, den Nahverkehr, einfach alles alleine zu bezahlen. Er genoss Kühlschrank und Streamingdienste, aber erklärte, Rechnungen seien für ihn Ausdruck eines Angstdaseins.
Eines Abends kam ich nach einem langen Tag völlig kaputt heim und fand ihn tiefenentspannt auf dem Sofa, mit Kopfhörern zu irgendeinem Audiokurs über Fülle im Leben. Ich bat ihn, ernsthaft mit mir über unser Geld zu sprechen. Er warf mir vor, ich wäre im Mangelmodus, meine Sorgen würden nur negative Schwingungen anziehen, und ich solle endlich die Kontrolle loslassen. Da platzte mir der Kragen. Ich sagte, das sei kein Kontrollwahn, sondern Verantwortungsbewusstsein. Er blickte mich mit milder Nachsicht an und meinte, ich sei halt noch nicht erwacht.
Großspurig versprach er dann, bald von seinem Wissen leben zu wollen. Beratung, Coaching-Sessions, alles Mögliche. Nur die Tage verstrichen, es passierte rein gar nichts. Das Einzige, was sich wirklich veränderte: Er begann alles an mir zu optimieren. Wie ich rede, wie ich denke, wie meine Energie angeblich zu niedrig sei. War ich erschöpft, diagnostizierte er gleich einen Schwingungsabfall. Kam ich übel gelaunt heim, war ich angeblich emotional blockiert.
Einen Moment werde ich nie vergessen: Ich kam schwer bepackt vom Einkaufen zurück, stellte die Tüten auf den Küchentisch und bat ihn, beim Einräumen zu helfen. Da meinte er nur, er sei gerade in tiefer Meditation und wolle seine Energie nicht unterbrechen. Ich schwieg, räumte alleine aus und dachte: Ich habe keinen Partner, sondern einen Erwachsenen, der konsequent auf Verantwortung verzichtet.
Vor kurzem schlug ich ihm vor, sich IRGENDEINEN Job zu suchen. Er antwortete, er werde sich kein zweites Mal dem System unterwerfen, das ihn krank mache nur, um Rechnungen zu zahlen. Dass ich ihn verstehen und unterstützen müsse, als bewusste Partnerin. Ich erklärte ihm, dass es einen Unterschied macht, ob man unterstützt oder einfach einen Menschen durchfüttert, der zu allem Nein sagt. Er war beleidigt. Warf mir vor, ich hätte kein Vertrauen in ihn.
Also arbeite ich weiter, bezahle alles alleine und frage mich langsam, ab wann es vom Verliebtsein nahtlos zum Sponsor eines spirituellen Praktikums im eigenen Wohnzimmer wurde. Keine Ahnung, ob ich jetzt Freundin oder einfach nur seine Förderin auf dem Weg zur Erleuchtung bin. Sicher weiß ich: Egal, wie viel Räucherwerk ich noch verteilt habe, die Miete wird trotzdem nicht vom Rauch bezahlt.
Wie komme ich da bloß wieder raus?





