Ein leicht zerknittertes Blatt Papier lag in der Schublade ihres Schreibtisches, zusammen mit ihrer Kündigung. Ich nahm es, und irgendetwas sagte mir, dass diese Nachricht für mich bestimmt war. Plötzlich erinnerte ich mich an ein Kinderspiel aus alten Tagen. Wir Jungs spielten damals Spione und schrieben uns geheime Botschaften. Wir pressten Zitronensaft in eine Untertasse oder benutzten Milch als Tinte. Mit einem Zahnstocher oder Wattestäbchen schrieben wir unsere Nachrichten. Dann hielten wir das Blatt über eine Gasflamme, um die Geheimschrift zu entziffern. Und sogar mit ihr, mit Lina, hatte ich einmal über diese Kinderspiele gesprochen.
Kaum konnte ich die Mittagspause abwarten. Ich eilte nach Hause und führte, wie ein verliebter Junge, mit zitternden Händen und voller Ungeduld die gleiche Prozedur über dem Gasherd durch. Und ich hatte recht wie so oft! Es war ihr Brief! Sie war genauso verrückt wie ich!
Wenn du diesen Text in Händen hältst, dann habe ich mich nicht getäuscht, schrieb Lina. Du hast erraten, was mit diesem Blatt zu tun war. Alles hätte anders sein können! Eins will ich dir sagen indem du mich erniedrigt hast, hast du alles zerstört, was ich für dich empfand. Ich glaube, du hast sogar Genuss daran gefunden, mich zu demütigen. Vielleicht ist das alles, wozu du fähig bist. Nur weil dir jemand einmal wehgetan hat, gibt dir das nicht das Recht, dich über die lustig zu machen, die nicht zurückschlagen können oder wollen. Glaubst du, ich hätte es dir nicht heimzahlen können? Aber dann wäre ich nicht ich selbst gewesen.
Man kann eine Schlacht gewinnen und dennoch den Krieg verlieren. Such mich nicht. Leb wohl!
Warum?, frage ich mich immer wieder wieso habe ich sie so schrecklich, so intensiv und so leidenschaftlich gehasst?
Sie betrat den Raum, als brächte sie einen Strahl Sonnenschein, Mondlicht, den Duft des Meeres und das Rauschen der Wellen in einem mit. Vögel begannen, märchenhafte und völlig unwirkliche Lieder zu singen. Rosen, Tulpen, Pfingstrosen und Gladiolen blühten auf einmal. Ich bin kein Romantiker, aber das habe ich wirklich gespürt.
Mir wurde stickig. Unerträglich heiß. Ich brannte.
Lina war keine Schönheit, aber sie hatte etwas, das mich wahnsinnig machte etwas, das ich nicht einmal benennen konnte.
Denkt ihr, ich hätte bis dahin keine schönen Frauen gesehen?
Ihr irrt euch. Ich kannte viele persönlich. Man könnte sagen, ich war übersättigt. Alles, was ich wollte und mir leisten konnte, hatte ich im Überfluss.
Ich verstand mich auf Frauen. Blondinen, Brünette, Rothaarige. Am meisten mochte ich Brünette mit kurzen Haaren. Blumen, Pralinen, Parfüm, Verabredungen alles war dabei. Ich liebte und wurde geliebt. Brannte schnell lichterloh. Wenn ich abgewiesen wurde, ging ich ohne Bedauern und fand willigere Partnerinnen.
Ich erinnere mich an meine erste Liebe. Eine schmerzhafte Trennung. Ich litt sehr. Dann begriff ich es war viel bequemer, Herr der Lage zu sein, als der Bittsteller.
Doch hier hier wollte ich einfach mein Gesicht in ihre warmen Knie vergraben, meine Finger über ihre zarte, seidige Haut streichen lassen, mit ihren üppigen blonden Locken spielen, ihren Hals und ihre Taille berühren und sie einatmen grenzenlos, ohne Zeit, ohne Abstand, ohne Verbote
Lina war meine Mitarbeiterin. Nicht, dass sie die beste Angestellte gewesen wäre. Aber ich konnte mich auf sie verlassen sie erledigte alle Aufgaben pünktlich, und ich vertraute ihr sogar die schwierigsten Projekte an, die sie meisterte.
Ich konnte sie anschreien, sie ansehen und mich an meiner Macht berauschen. Warum habe ich das getan? Sie zog sich zusammen, wirkte in diesen Momenten so verletzlich, und ich wollte sie nur noch weiter demütigen, um sie noch schwächer zu machen. Doch sie gab nicht auf. Hätte sie nur geweint! Das wäre mein Sieg gewesen! Ich hätte ihre Tränen getrocknet und sie getröstet. Vielleicht hätte sich dann alles geändert. Vielleicht hätte ich mich geändert.
Ich versuchte auf jede erdenkliche Weise, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Schenkte ihr Pralinen, Schokolade. Machte Komplimente. Sah sie so an, dass sie es auch ohne Worte verstehen musste.
Ich wollte sie berühren. Nicht nur körperlich. Ich träumte davon, ihre Gedanken und Wünsche zu lesen. Und es gelang mir fast ich spürte, dass auch sie Interesse an mir hatte.
Wenn Lina in meiner Nähe war, fühlte ich mich, als würde man mich mit kochendem Wasser übergießen.
Einmal umarmte ich sie. Sie stieß mich entschlossen zurück. Sah mir schweigend in die Augen.
Wie konnte sie das tun?
Sie war mir ebenbürtig, doch ich wollte das nicht wahrhaben. Ich fürchtete mich sogar davor, es zuzugeben sie war die Frau für mich aber sie gehörte mir nicht. Das machte mich wütend.
Es faszinierte mich, sie in verschiedenen Situationen zu beobachten. Zu sehen, wie sie Probleme löste. Und sie löste sie.
Meine Kollegen grinsten verstohlen, wenn sie mich ansahen, und leckten sich die Lippen, in der Annahme, ich hätte sie bereits an der Angel. Sie träumten davon, sie ebenfalls zu erobern. Das ärgerte mich, denn es stimmte nicht.
Sie war unerreichbar.
In ihrer Gegenwart telefonierte ich mit anderen Frauen, um ihre Eifersucht zu wecken. Ich lachte und flirtete, verabredete mich mit ihnen.
Sie sah mich in diesen Momenten nicht einmal an. Sie schwieg einfach.
Ich dachte, sie würde genauso von mir schwärmen ich fühlte es mit jeder Faser meines Körpers. Sie konnte doch nicht nichts für mich empfinden, unmöglich! Ich wollte nicht nur daran glauben, ich wusste es!
Ich war mir sicher, dass sie diesen Job brauchte und nirgendwohin verschwinden würde sie würde alles ertragen und sich mir eines Tages zu Füßen werfen, und ich würde sie mit Liebe überschütten. Das wollte ich so sehr!
Doch Stolz zerstört nicht nur unüberwindbare Mauern. Er vernichtet alles auf seinem Weg.
Am Freitag kam sie nicht. Ihr Telefon war ausgeschaltet, ihre E-Mail blockiert. Ja, diese kleine Schlange hatte das Projekt nicht fertiggestellt. Sie hatte mich reingelegt!
Die Nymphe verschwand in Luft, wie eine Wolke. Sie war diese Wolke fern und doch zum Greifen nah
Und ich dachte, so etwas gäbe es nicht.
Wie ich mich täuschte!
Doch es gibt sie





