8. März
Ich kann nicht fassen, wie sehr sich mein Leben in weniger als einem Jahr verändert hat. Manchmal kommt es mir vor wie ein böser Traum, aus dem ich jeden Moment aufwache aber ich wache nicht auf.
Wo ist mein Abendessen, Annemarie? Ich frage dich, wo ist das Essen?!
Ich drehte Ben nicht einmal den Kopf zu. Saß auf dem Rand des Sofas und wiegte das kleine Bündel in meinen Armen, aus dem leises Quengeln drang.
Ben, sei bitte ruhiger, flüsterte ich. Sie hat endlich geschlafen! Ich war heute stundenlang beim Kinderarzt, danach in der Apotheke und dann…
Mir ist egal, wo du warst! Ben stampfte ins Wohnzimmer, zog nicht mal die Jacke aus. Ich arbeite, ich ernähre dich und das Kind!
Wenn ich von der Arbeit heimkomme, will ich was Warmes essen, nicht dein mürrisches Gesicht und das ewige Gebrüll!
Was genau hast du heute gemacht?
Ich habe mich um deine Tochter gekümmert, sah ich ihn an. Sie hat wieder einen Ausschlag auf den Wangen.
Die Ärzte wissen nicht weiter, ich habe selbst nach Cremes gesucht.
Hast du dich überhaupt mal erkundigt, wie es ihr geht?
Wozu? Wenn sie schreit, lebt sie wohl noch. Du bist die Mutter also kümmer dich.
Das ist deine Aufgabe: dass es mir zuhause gut geht. Wofür habe ich sonst geheiratet?
Um Fertigklöße aus der Tüte zu essen und keine Nacht mehr durchzuschlafen?
Du hast geheiratet, weil es dir angenehm war, schoss ich zurück. Und ich habe ja gesagt, weil alle um mich herum getrommelt haben: Es ist Zeit, Annemarie. Du bist siebenundzwanzig!
Na, und jetzt? Ist es das wert?
Ben verzog das Gesicht, ging zum Kinderwagen in der Ecke und stieß so kräftig dagegen, dass er gegen die Kommode krachte.
Die Kleine in meinen Armen fing sofort wieder an zu weinen. Ich versuchte, sie zu beruhigen.
Bring sie endlich zum Schweigen! brüllte Ben. Oder ich weiß nicht, was ich tue!
Vor einem Jahr war mein Leben noch völlig anders.
Ich war diejenige, nach der sich die Leute auf der Straße umdrehten: immer gut gekleidet, scharfzüngig, Pläne fürs Wochenende.
Ben schien perfekt: gutaussehend, ehrgeizig, wusste, was er wollte.
Wir führten eine diese Dramen-Beziehungen: mal zusammen, mal getrennt, dramatische Szenen und noch dramatischere Versöhnungen.
Als er mir den Ring gab, zögerte ich. Doch meine Eltern drängten.
Annemarie, du bist keine Zwanzig mehr! sagte meine Mutter und schob mir ihren berühmten Quarkauflauf auf den Teller. Ben ist zuverlässig, aus gutem Hause. Ihr plant doch eine eigene Wohnung. Was ist mit Kindern? Denk mal an die Zukunft!
Mama, ich mag meinen Job; ich habe gerade ein neues Projekt angenommen!
Arbeit ist Sinnlosigkeit, schaltete sich mein Vater von hinter seiner Zeitung ein. Eine Frau ohne Familie ist wie ein Baum ohne Wurzeln. Verwelkt, bevor sie’s merkt.
Ben liebt dich, einen Charakter haben wir doch alle. Das ruckelt sich zurecht.
Ich gab nach. Diese Schwäche werde ich noch in jeder schlaflosen Nacht verfluchen.
Die Hochzeit war prunkvoll, die Wohnung gepachtet, die Schwangerschaft kam aus heiterem Himmel.
Alles ging zu schnell. Kaum Ehefrau, schon Gefäß für neues Leben.
Ich hatte mir einen Sohn gewünscht. Im Kopf hatte ich die Bilder von uns auf dem Fußballplatz, ein nachdenkliches, ruhiges Kind, wie ich.
Dann beim Ultraschall: Es wird ein Mädchen. Etwas in mir riss.
Die Geburt wurde zum Albtraum: Komplikationen, Infusionen, der Klinikgeruch immer Desinfektionsmittel und Resignation.
Als ich endlich heimdurfte, fühlte ich mich wie eine notdürftig geflickte Vase schief zusammengehalten.
Ich sah auf das kleine Wesen im Gitterbett und spürte… nichts als dumpfe Gereiztheit.
Warum schreit sie ständig? fragte ich meine Mutter, die zum Helfen kam.
Koliken, du armes Ding. Halte durch. Das haben wir alle durchstanden. Nun bist du dran.
Sie trinkt nicht richtig! Alles tut weh, Mama!
Dann machst du es nicht richtig. Du musst dich anstrengen. Vergiss das Wort will, jetzt gibt es nur noch muss.
Ben hatte sich längst aus dem Staub gemacht. Die ersten zwei Wochen tat er engagiert, dann wich er aus.
Der Geruch des Babys nervte ihn, die zerstreuten Wickeltücher erst recht und am meisten, dass ich nicht mehr für ihn alles stehen und liegen ließ.
***
Mama hat angerufen, sagte Ben in der Küche, während ich mit einer Hand versuchte, Brühe zu rühren und mit der anderen die quengelnde Tochter zu wiegen. Sie meint, Claudia weint schon wieder.
Claudia, Bens Schwester, ist drei Jahre älter, seit fünf Jahren verheiratet, kinderlos.
Nach jedem Social Media-Post von mir oder bei jeder Erwähnung ihrer Nichte bekommt sie einen Anfall.
Was soll ich machen? Mich entschuldigen, dass ich Mutter geworden bin? Ich schleuderte den Löffel ins Waschbecken.
Du solltest dich etwas zurücknehmen. Mama meint, du stellst dich mit deiner Mutterschaft immer demonstrativ zur Schau.
Im Übrigen ist Mama der Ansicht, du wärst eine schlechte Hausfrau. Staub auf den Fußleisten, Annemarie.
Deine Mutter war seit zwei Wochen nicht hier, Ben. Woher weiß sie das?
Sie hat so ein Gefühl! Ben schlug auf den Küchentisch. Und sie hat Recht. Hast du dich mal angeguckt? Fleckige Jogginghose, rote Augen.
Eine richtige Bauersfrau!
Wenn du hin und wieder geholfen hättest, nachts mal aufgestanden wärst…
Ich arbeite! schrie er. Kapiere das endlich, mit deinem Hühnerhirn. Ich bring das Geld.
Du machst den Haushalt und kümmerst dich ums Kind.
Übrigens: Wir fahren am Samstag zu deinen Eltern aufs Land. Die meinen, frische Luft tut dem Kind gut. Meine Eltern kommen auch.
Ich will nicht raus aufs Land. Da ist es kalt, kein anständiges Wasser zum Waschen, und deine Mutter quatscht dann wieder mit meiner hinter meinem Rücken.
Mir egal, was du willst. Die Eltern haben es gesagt dann ist es so. Pack die Sachen bis acht Uhr, und ohne zu meckern.
***
Auf dem Land wurde es nur schlimmer. Meine Eltern, selig vor Großelternstolz, rissen mir das Baby förmlich aus den Armen.
Annemarie, so hält man sie doch nicht! rief meine Mutter von der Terrasse. Kopf stützen! Gott, wie hast du sie eingewickelt? Lass mich das machen!
Lasst mich bitte in Ruhe… zischte ich und verzog mich in den abgelegenen Teil des Gartens.
Ben ignorierte mich und unsere Tochter. Saß mit meinem Vater beisammen, redete über den Autowechsel, und stichelte dann, wenn seine Mutter mal wieder spitze Bemerkungen in meine Richtung machte.
Ach Annemarie, ist das da wieder ein Ausschlag? Du passt eben nicht richtig auf. Wahrscheinlich isst du was Falsches.
Die Claudia wäre in jeder Hinsicht viel sorgfältiger wenn sie denn mal ein Kind hätte, die Gute…
Dann soll Claudia doch eins bekommen, wo ist das Problem? warf ich zurück.
Bens Mutter, Gudrun, sog theatralisch die Luft ein.
Ben! Hast du das gehört? Sie macht sich lustig über Claudias Kummer!
Ben sprang zu mir, packte meinen Arm und drückte zu.
Entschuldige dich sofort bei Mama. Schnell!
Lass mich los, das tut weh!
Sofort entschuldigen! Hast du keinen Anstand mehr?
Meine Eltern standen daneben, aber anstatt mich zu verteidigen, blaffte mein Vater: Annemarie, sprich gefälligst respektvoll mit Bens Mutter. Ben hat recht. Zeig ein bisschen Respekt.
Da wurde mir klar: Ich bin allein. Sie alle sind gegen mich.
Mein Mann, der mich als Dienstbotin sieht, die Eltern, für die ein gesellschaftliches Bild wichtiger ist als mein Leben, die Schwiegermutter, die unsere Ehe zerredet.
***
Der Zusammenbruch kam eine Woche nach der Rückkehr vom Land.
Die Kleine hatte Krämpfe, ich schlief schon die zweite Nacht kaum.
Als sie endlich erschöpft eingeschlafen war, sackte ich einfach auf dem Küchenboden zusammen, die Augen zu.
Die Tür knallte. Ben kam heim, scheinbar in besonders schlechter Laune.
Warum steht der Müll im Flur? bellte er, anstatt Grüße zu murmeln.
Ich antwortete nicht mal. Keine Kraft.
Rede ich etwa mit mir selbst? Er kam in die Küche, streifte mein Bein. Steh auf und bring den Müll runter. Los!
Machs bitte selbst… Ich kann nicht mehr. Mein Rücken tut weh, ich will nur eine Stunde schlafen, Ben. Bitte.
Kannst du nicht, ja? Er packte mich am Kragen meines Pullovers und riss mich hoch.
Der Stoff riss.
Sieh an, die Prinzessin ist müde. Andere bekommen fünf, schuften auf dem Feld und du gibst schon auf?
Im Schlafzimmer begann die Kleine zu schreien. Ben, wütend, stürmte rüber.
Schon wieder dieses Gekreische! Er riss am Gitterbett. Halt endlich den Mund!
Das Kind stockte vor Schreck.
Ich stürzte ins Zimmer, versuchte Ben wegzustoßen.
Lass sie! Geh weg von ihr!
Sie hat mein Leben ruiniert! Ben holte aus und schlug mir ins Gesicht.
Ich knallte mit dem Hinterkopf an den Schrank.
Mir wurde schwarz vor Augen. Doch Ben hörte nicht auf.
Er ging wieder zum Babybett und kniff mein Mädchen absichtlich so fest in das Bein, dass sie in Panik schrie.
Da war plötzlich nichts mehr von Selbstmitleid, müder Gleichgültigkeit, auch meine Ablehnung dem Kind gegenüber war auf einen Schlag fort. Da war nur noch Wut.
Ich griff nach der schweren Porzellanfigur auf dem Regal ein bescheuertes Geschenk von Gudrun, meiner Schwiegermutter und trat auf ihn zu.
Noch einmal, zischelte ich, die Figur erhoben. Wenn du sie auch nur wieder anfasst, schlage ich dir den Schädel ein.
Verschwinde.
Ben stockte.
Willst du handgreiflich werden? Ich erinnere dich daran: Das ist meine Wohnung!
Die Wohnung wurde während unserer Ehe gekauft, erwiderte ich, jedes Wort klar. Die Raten liefen über meine Elternzeit und deine Provisionen; schneller abzahlen konntest du nur mit dem Geld meiner Eltern. Sie gehört zur Hälfte mir.
Aber das ist mir inzwischen egal. Geh einfach raus, bevor ich die Polizei rufe und die Verletzungen festhalten lasse.
Ich habe deinen Abdruck auf meiner Wange, Ben. Und das Kind hat jetzt blaue Flecken.
Du kommst vielleicht nicht ins Gefängnis, aber ich mach dein Leben vor Gericht zur Hölle.
Ich verließ das Schlafzimmer und rief die Polizei.
***
Die Behörden waren eine Ewigkeit mit dem Fall beschäftigt. Ben hetzte Mutter und Schwester auf mich, sie drohten, beschimpften mich am Telefon. Aber ich ging nicht auf Versöhnung ein ich blockierte ihre Nummern.
Als meine Eltern kamen, um zu schlichten, ließ ich sie nicht mal rein.
Entweder ihr steht zu mir, oder ihr könnt meine Adresse vergessen.
Euer Schwiegersohn hat euer Enkelkind angegriffen. Wenn das für euch okay ist, haben wir nichts mehr zu reden.
Mein Vater schwieg, meine Mutter heulte, doch als sie den blauen Fleck auf dem Bein der Kleinen sah, sagten beide kein Wort mehr.
Beides gestand schließlich ein, dass Brutalität gegen ein Baby nicht entschuldigt werden kann.
Ich reichte nicht nur die Scheidung ein; ich brachte die gesamten Unterlagen mit zu Bens Büro. Ruhig, sachlich, Aktenmappe auf dem Arm.
Kein Drama. Ich zeigte dem Sicherheitsleiter ein alter Freund meines Vaters das Video von der Babykamera, die Ben selbst besorgt hatte.
Man sah alles. Auch die Szene im Kinderzimmer.
Ben wurde gebeten, freiwillig zu gehen. Der Ruf war alles in der Firma. So einen Skandal wollte da niemand.
Als Gudrun hörte, dass ihr Sohn arbeitslos war, fiel sie prompt mit Herzproblemen ins Bett. Claudia fürchtete, ich würde das Video veröffentlichen (viele gemeinsame Bekannte mit ihrem Ehemann) und verstummte plötzlich.
***
Jetzt leben wir ruhig, meine Tochter und ich. Ja, manchmal ist das Geld knapp, jammern tue ich trotzdem nicht.
Bens Wohnungsanteil gab er mir komplett im Tausch gegen den Verzicht auf Unterhalt das war mir recht.
Die Familie meines Exmannes tut so, als gäbe es meine Tochter nicht. Der Vater schaut nicht vorbei.
Und Frauen, denen Ben begegnet, erzählt er, er sei nie verheiratet gewesen.
Ich schaue abends manchmal in den Spiegel und sehe nicht mehr das Mädchen von damals. Aber ich bin nach wie vor Annemarie. Auferstanden aus den Scherben, für meine Tochter.




