Mama, was hast du zu meiner Frau gesagt? Sie wollte schon ihre Sachen packen.
Ich habe ihr nur die Wahrheit gesagt. Du musst doch verstehen, sie passt einfach nicht zu dir. Die Annika wäre viel besser für dich.
Welche Annika? Was hast du dir da wieder zusammengereimt?
Ich habe immer gewusst, mein Sohn ist etwas ganz Besonderes. Mein Erstgeborener ich habe ihn mehr geliebt als alles andere auf der Welt. Als er dann älter wurde und heiratete, konnte ich das einfach nicht akzeptieren. Ich wollte nicht wahrhaben, dass jemand ihn mir wegnehmen konnte niemand kann eine Mutter ersetzen. Es war so schwer, mein geliebtes Kind in die Hände einer anderen Frau zu geben.
Mein Sohn ist mein ganzes Leben. Ich würde alles für ihn tun, immer. Da mein Mann dauernd auf Montage war und fast nie zu Hause, zog ich meinen Jungen im Grunde allein groß. Ich war stets Mutter und Vater zugleich, habe gelernt, das Fahrradreifen zu flicken, mit Fußball zu spielen und Burgen aus Bauklötzen zu bauen alles nur, damit ich ihm nahe blieb. Er weiß das zu schätzen, davon bin ich überzeugt. Deshalb tue ich nach wie vor alles für ihn er ist mein größter Schatz.
Ich wusste sofort, dass seine Frau ihn nicht so liebt wie ich. Sie kümmert sich kein bisschen! Sie kocht nicht, das Geschirr steht tagelang schmutzig im Spülbecken, überall liegen ihre Sachen herum sie ist einfach keine gute Hausfrau.
Trotzdem wollte ich immer an seiner Seite sein. Ich wollte mich genauso um ihn kümmern wie früher. Also bin ich jede Woche in ihre Wohnung gegangen, habe seine schmutzige Wäsche eingesammelt und mit nach Hause genommen, gewaschen und gebügelt. Ich habe noch immer seinen Schlüssel er hat ihn mir gegeben, falls ich mal was vorbeibringen will. Meist waren die beiden eh bei der Arbeit, ich kam leise hinein, damit seine Hexe nichts mitbekommt.
Ich kann ihn so nicht einfach sich selbst überlassen, tue alles für ihn! Ich weiß, wie stressig er es hat mit Job und Fortbildung. Jetzt, nach drei Jahren Ehe, macht seine Frau immer noch seine Wäsche nicht, kann weder Socken richtig waschen, noch Hosen bügeln.
Ich bringe alles zu mir, wasche es besonders schonend, mit sensitivem Waschmittel wegen seiner Allergie und sorge dafür, dass alles frisch duftet. Wenn keiner zu Hause ist, bringe ich alles zurück und staple es ordentlich in seinen Schrank. Sie merkt gar nicht, dass normale Waschmittel ihm Ausschlag machen, sie wäscht alles durcheinander, hängt es über irgendwelche Heizungen und ruiniert den Stoff gleich mit. Den Pullover, den ich ihm letztes Jahr gestrickt habe, hat sie völlig zerstört ausgeleiert und voller Fusseln! Wolle kocht man doch nicht!
Die Schwiegertochter versteht einfach nicht, warum ich das alles für meinen Sohn tue. Sie sagt, das ist doch seine Sache, ich soll ihn zur Selbstständigkeit erziehen. Aber wie kann ich ihn allein lassen? Sie ist unordentlich, überall ist Chaos; ich liebe meinen Sohn und will, dass er gesund und zufrieden ist. Wenn ich ihm helfen kann, dann tue ich das!
Mein Mann schimpfte schon ich solle mich raushalten, unser Sohn ist erwachsen, er könne sich selbst kümmern, hat diese Frau selbst geheiratet. Ich liege aber nachts wach, wenn ich mir vorstelle, wie mein Junge ganz allein kocht, wäscht und alles erledigen muss, während sie nichts macht.
Ich beschloss, ein letztes Mal alles zu waschen und mich dann aus ihrem Leben zurückzuziehen. Ganz früh, als beide weg waren, sammelte ich sämtliche Wäsche ein, sogar ein paar stinkende Sachen seiner Frau nicht, dass sie die später zu seinen frischen Sachen legt. Mein Mann war derweil bei einem Freund, mir blieb also Ruhe zum Waschen.
Ich habe noch ein paar Decken gewaschen, alles getrocknet und gebügelt, dann einen riesigen Wäscheberg zusammengepackt, den ich zu meinem Sohn bringen wollte. Zum Glück wohnen wir im selben Viertel; der Weg war kurz, aber sein Apartment liegt im vierten Stock. Und natürlich war der Aufzug ausgerechnet an dem Tag kaputt irgendeine Wartung oder so aber jetzt oder nie!
Ich schleppte eine Stunde lang diese Wäsche: Die Knie schmerzten, aber ich dachte nur an meinen Sohn, daran, wie er sonst in Unordnung leben müsste. Tränen liefen mir übers Gesicht. Ich wünschte, ich könnte ihn weiterhin so liebevoll umsorgen oder wenigstens, dass er eine Frau fände, die ordentlich ist und sich kümmert.
Oben angekommen, schloss ich wie immer ohne zu klopfen auf. Ich deponierte schnell die Wäsche, schloss die Tür leise hinter mir der Hund des Nachbarn hätte sonst wieder kläffend Alarm geschlagen. Drinnen aber standen fremde Schuhe. Die kannte ich nicht! Vielleicht hatten sie heute früher Feierabend und waren schon da, und sie hatte wieder ihren Kram im Flur verloren.
Ich ging weiter Richtung Schlafzimmer, da lag seine Hose offenbar doch nicht gewaschen, ich wollte sie noch schnell aufbügeln. Als ich mich bückte, hörte ich Stöhnen aus dem Schlafzimmer. Ich blickte hin da lag mein Sohn im Bett mit einer fremden Frau! Seine Frau war blond, diese hier hatte dunkle Haare.
Ich stand wie angewurzelt. Dann sah er mich und rief:
Mama, raus hier! Kannst du mich nicht einmal in Ruhe lassen! Ich schämte mich und sagte ganz leise:
“Bitte, ich müsste kurz mit dir sprechen.” Nach einer Weile kam er raus im Bademantel, den ich genäht hatte.
Mama, warum bist du hier? Hast du immer noch meinen Schlüssel?
Natürlich, mein Junge, den hast du mir doch selbst gegeben für Notfälle antwortete ich kleinlaut.
Naja, sonst kündigt man an, wenn man vorbeikommt erwiderte er.
Ich wollte dir nur noch die Wäsche vorbeibringen, hatte ich doch gesagt.
Ich dachte, du würdest morgen kommen fauchte er.
Sag mal, ist das deine Frau, die sich jetzt die Haare gefärbt hat? fragte ich nach einem Moment.
Nein, Mama, das ist nicht sie das ist jemand anderes, sagte er verlegen.
Du betrügst deine Frau also?
Du wirst mich dafür wohl verurteilen.
Ach, Kind, weißt du, was auch immer du tust, ich stehe immer hinter dir.
Also, die Annika gefällt mir besser, ehrlich gesagt. Die Julia meine Frau ist Karrieretyp, im Haushalt macht sie wenig. Aber die Annika die kocht, räumt auf, ist einfühlsam. Aber trotzdem bleib’ ich bei Julia, das war wahrscheinlich nur so ein Ausrutscher, meinte er nachdenklich.
Wie du willst, mein Junge! Ich lass dir deine Wäsche hier, wie immer gewaschen mit deinem Allergie-Mittel. Ich werde dich in Ruhe lassen, wenn dich mal eine Frau so umsorgt wie Annika, sagte ich und drehte mich zum Gehen um.
Es freute mich, dass er offenbar ein anständiges Mädchen getroffen hatte. Die Küche war ordentlich, Suppe stand auf dem Herd die kannte sich aus! Ich zweifelte keinen Moment daran: Mein Sohn weiß selbst, wie es sein sollte!
Nach einer Woche fühlte ich mich ruhiger, überzeugt dass mein Kind es warm und ordentlich hat. Beim Metzger um die Ecke traf ich Julia. Wie immer steckte sie lauter teure, komische Sachen in den Korb: Avocado, irgendein grünes Obst, Knäckebrot, Buchweizen, Kefir. Ich begrüßte sie:
Julia, willst du jetzt auf Diät?
Guten Tag, Frau Bäcker. Ja, Ihr Sohn und ich wir wollen uns für den Bali-Urlaub in Form bringen, erklärte sie von oben herab.
Wie mit meinem Sohn? Ihr seid doch gar nicht mehr zusammen.
Was soll das heißen? Wer hat Ihnen das denn erzählt?
Also, er hat doch jetzt eine andere Annika.
Welche andere? Das kann nicht sein! Wir haben uns nicht gestritten.
Doch Annika war da, sie waren im Bett, dann hat sie gründlich sauber gemacht und supper gekocht ich dachte, er hätte es dir gesagt. Vielleicht suchst du dir jetzt auch mal einen ordentlichen Mann und genießt weiterhin dein Knäckebrot, sagte ich.
Welche Küche, welche Annika? Wollen Sie mich veräppeln? Erst verunsichern Sie Ihren Sohn gegen mich, jetzt schleppen Sie eine Annika ins Spiel! Lassen Sie uns bitte einfach in Ruhe irgendwann reicht’s! Julia warf den Korb hin und rauschte davon. Mir wurde klar, wie temperamentvoll sie sein kann. Aber noch mehr staunte ich, als mein Sohn Annika einfach fallen ließ und wieder bei Julia blieb.
Ein paar Tage später rief mein Sohn an:
Mama, was hast du bitte zu meiner Frau gesagt? Sie wollte fluchtartig die Wohnung verlassen!
Ich habe ihr nur die Wahrheit gesagt. Hör zu, sie passt einfach nicht zu dir. Annika wäre besser.
Welche Annika? Hast du das einfach erfunden?
Aber es war doch so Ich dachte, du wärst jetzt mit ihr zusammen.
Mama, ich habe mich von niemandem getrennt, es gibt keine Annika! Ruf mich nicht mehr an, wir wechseln jetzt die Schlösser. Für dich bin ich ab heute nicht mehr existent!
Jetzt sitze ich hier allein und frage mich: Habe ich meinem Sohn wirklich geholfen, oder habe ich ihn von mir weggetrieben? Manchmal sollte man einfach loslassen so schwer es einer Mutter auch fällt.





