Weißt du, meine Nachbarin Elke hat sich gestern mal wieder bei mir über ihre Schwiegertochter ausgelassen. Sie hat mir auf dem Treppenabsatz erzählt: Na, meine Schwiegertochter hat mir wieder die Kleine fürs Wochenende gebracht. Ich krieg das Kind einfach nicht anständig satt! Sie sagt immer: Mama hat gesagt, Prinzessinnen essen nie viel! Zieht sich dann nach zwei Löffeln zurück und man sieht richtig, wie mager sie ist! Blass und dünn, als könnte sie jeden Moment umkippen!
Elke hatte einen richtigen Groll gegen die Frau ihres Sohnes, Florian die Franziska, seit sie sie zum ersten Mal gesehen hat. Eigentlich lags nur daran, dass Franziska gleich sieben Jahre älter war als Florian. Und Florian war noch ein halbes Kind, frisch von der Realschule abgegangen.
Elke war empört: Der hatte ja vorher noch nicht mal eine feste Freundin! Na kein Wunder, dass er auf sie hereingefallen ist! Hat ihn halt mit ihrer Erfahrung eingefangen
Franziska war wirklich eine auffällige und attraktive Frau. Immer modisch gekleidet, sportlich, erfolgreich im Job und achtete extrem auf ihr Äußeres. Warum Florian sich in sie verknallt hat, war für mich übrigens klar. Männer, du weißt ja, sind auch nicht blind und Franziska war schon eine Augenweide.
Sie hat sehr auf gesunde Ernährung geachtet und war da streng mit sich selbst. Deshalb hat sie auch ihre Tochter von klein auf ans bewusste Essen gewöhnt bloß nicht zu viel, schön gesund und immer auf die Figur achtgeben.
Dann, kaum ein paar Monate nachdem sie zusammenkamen, war Franziska schwanger. Ob das jetzt gegen Elke war, die sich eh schon dauernd in die Beziehung einmischte, oder ob sie einfach unbedingt heiraten wollte, ist eigentlich egal. Jedenfalls hat Florian gar nicht lange überlegt und wollte Franziska heiraten immerhin war er gerade mal achtzehn, sie fünfundzwanzig.
Direkt nach dem Abi hat Florian eine Ausbildung angefangen, und weil sie nicht bei den Eltern wohnen wollten, haben sie sich erst eine kleine Mietwohnung gesucht und später ein Zimmer in einem Wohnheim gekauft.
Die beiden schienen echt glücklich, aber Elke hat keine Ruhe gegeben. Sie hat immer wieder Gründe gefunden, um an Franziska herumzunörgeln: Das Essen schmeckt ihr nie, die Hemden sind nicht richtig gebügelt, das Kind ist angeblich immer zu dünn oder falsch angezogen Für Elke gab es keine gute Seite an Franziska nur Mängel. Und sie hat das ihrem Sohn auch ständig unter die Nase gerieben.
Klar, dass Franziska irgendwann keine Lust mehr auf den Kontakt hatte und alles Nötige selbst erledigte: Sie hat die Kleine zum Kindergarten, zum Kinderturnen und sogar in die Schach-AG gebracht. Sie ist nach der Arbeit immer direkt los, um alles zu organisieren, und musste dann auch noch selbst zum Sport oder zum Friseur. Im Prinzip war sie fast nie zu Hause.
Wenn Florian heimkam, war oft keiner da Tochter unterwegs, Franziska beschäftigt. Eines Abends hat dann die Nachbarin im Wohnheim, Claudia eine verwitwete Mutter von zwei Teenagern , bei Florian geklopft. In der Gemeinschaftsküche war ein Wasserhahn geplatzt, und sie hat ihn gebeten, sich das mal anzuschauen, bevor alles überschwemmt wird.
Florian ist handwerklich begabt, hat also gleich das Wasser abgedreht und alles repariert. Währenddessen hat Claudia gerade Nudeln mit Frikadellen fürs Abendessen gekocht und aus lauter Dankbarkeit dem Florian direkt einen Teller angeboten. Er hat natürlich dankend angenommen zu Hause gabs solche Hausmannskost ja kaum noch, Franziska hatte nie Zeit, groß zu kochen.
Ab dem Abend hat Claudia ihn öfter mal zum Essen eingeladen, wenn niemand zu Hause war. Sie haben dann gemeinsam am Küchentisch gegessen und gequatscht, oft auch zusammen Maultaschen gemacht oder Apfelkuchen gebacken. Tja, irgendwann ist einfach der Funke übergesprungen; die beiden konnten gar nicht mehr ohne diese gemütlichen Abende.
Natürlich blieb das im Wohnheim nicht unbemerkt die Wände sind dünn, und jeder weiß alles. Irgendjemand hat dann Franziska erzählt, dass Florian regelmäßig bei Claudia sitzt. Riesenscandal: Das ganze Stockwerk hat mitgekriegt, wie Franziska ihm nach einem Streit seine Sachen gepackt und in den Flur gestellt hat.
Gehts nach Hause? War spät am Abend, also ist Florian zu Claudia gezogen, die hat ihn auch gleich aufgenommen.
Zu dem Zeitpunkt war Franziskas und Florians Tochter sechs, Florian fünfundzwanzig, Franziska zweiunddreißig, und Claudia schon neununddreißig.
Und weißt du, Elke hat gefeiert, als sie hörte, dass ihr Sohn sich getrennt hat endlich! Aber als sie merkte, dass Florian zur neuen Lebensgefährtin gezogen ist, und die war dreizehn Jahre älter und hatte schon zwei Kinder, da war sie plötzlich ganz still.
Ich war echt baff, weil sie jahrelang auf Franziska herumgehackt hat wegen des Altersunterschieds, aber jetzt hat sie sofort akzeptiert, dass Florian mit Claudia zusammenlebt. Ob sie gemerkt hat, dass sie es mit ihrer Nörgelei übertrieben hat?
Die Scheidung von Franziska und Florian ist übrigens schon Ewigkeiten her bestimmt fünfzehn Jahre. Florian lebt immer noch mit Claudia zusammen, Kinder haben sie keine mehr bekommen. Trotzdem scheint es bei ihnen zu laufen, die beiden sind total glücklich. Florian ist heute vierzig, Claudia vierundfünfzig, und wenn sie mal bei Elke zu Besuch sind, ist alles friedlich keine Sticheleien, alles harmonisch. Man sieht richtig, wie zufrieden Florian ist.
Sag mal, glaubst du, dass so ein Altersunterschied wirklich eine Rolle spielt oder geht am Ende doch einfach das Herz vor?





