Ich bin die älteste Schwester in einer großen Familie. Ich habe immer alle versorgt, aufgepasst und sie morgens in den Kindergarten oder die Schule gebracht. Unsere Eltern fragten mich nie, ob ich das wirklich will oder nicht.
Freunde hatte ich eigentlich gar keine zum einen fehlte mir die Zeit, zum anderen wurde ich von meinen Mitschülern nur verspottet. Sie meinten, ich könne bloß Babywindeln wechseln. Es tat weh und ich habe oft deswegen geweint. Mein Vater bekam es mit und schlug mich mit seinem Ledergürtel. Er sagte, ich solle mir diese Dummheiten aus dem Kopf schlagen lassen.
Kindheit? Für mich gab es das nicht. Nach der zehnten Klasse ging ich auf eine Berufsschule hier in München. Die Entscheidung trafen meine Eltern sie wollten, dass ich Köchin werde. Angeblich, damit die ganze Familie später gut versorgt wäre.
Drei Jahre später fing ich in einem Café in München an zu arbeiten. Mein Vater wollte mich dazu bringen, Essen mitgehen zu lassen. Ich habe mich geweigert. Meine Mutter warf mir daraufhin Egoismus vor, behauptete, alle hätten meinetwegen Hunger. Sie nahmen mir meinen ersten Monatslohn weg. Als ich den zweiten Gehalt bekam, packte ich meine Sachen und stieg einfach in den nächsten Zug. Es war mir egal, wohin ich fuhr Hauptsache weg aus diesem Albtraum. Ich wusste, wenn ich bleibe, zerstöre ich mein Leben.
Klar, war das schwer. Aber das ewige Gehorchen, das Gefühl, ein Diener der Eltern zu sein, war schlimmer. Ich habe beschlossen, mein Ziel zu verfolgen, egal was es kostet. Ich habe Böden geschrubbt und gefegt, mit der Zeit durfte ich endlich in der Küche arbeiten.
Selbst als mein Gehalt in Euro stieg, habe ich jeden Cent gespart. Ich träumte davon, endlich eine eigene kleine Wohnung zu haben mein eigenes Reich. So lange wohnte ich bei einer älteren Dame, Frau Schmitt. Sie verlangte nur eine symbolische Miete, ich half ihr im Haushalt. Für mich war sie wie eine Ersatzfamilie. Sie wartete nach meiner Spätschicht immer mit einer Tasse Kräutertee und Apfelkuchen. In diesen Momenten war ich so glücklich.
Kurz darauf lernte ich meinen späteren Mann kennen Thomas Köhler. Wir heirateten ganz schlicht im Standesamt, kein großes Fest. Ich zog zu seinen Eltern in Augsburg. Wenige Monate später kam unsere Tochter, Lieselotte, und ein Jahr danach unser Sohn, Emil, zur Welt.
Da fingen meine Gedanken wieder an zu kreisen. Ich sprach mit Thomas und wir beschlossen, meine Eltern zu besuchen. Ich kaufte Taschen voll mit Geschenken, wir setzten uns ins Auto und fuhren los. Doch als sie mich sahen, schrien sie mich direkt an. Meine Brüder saßen trinkend herum, meine Schwester ebenso.
Meine Eltern schienen gar nicht zu bemerken, dass ich nicht allein gekommen war. Sie sahen die Enkel nicht einmal an. Mama und Papa warfen mir die Tür vor der Nase zu. Vielleicht klingt es kleinlich, aber ich drehte mich einfach um und ging. Die Taschen mit den Geschenken nahm ich wieder mit. Und als sie gestorben sind, bin ich nicht einmal zur Beerdigung gegangen.





