Meine Nachbarin heißt Frieda. Ihre Tochter, die einzige, heißt Lotte. Friedas Mutter lebt schon seit vielen Jahren allein. Früher konnte sie hervorragend kochen. Sie bereitete voller Freude Gerichte und Kuchen für die ganze Familie zu und lud immer die Nachbarn zum Probieren ein.
Lotte hat sich jedoch oft für ihre Mutter geschämt, weil sie eine einfache Frau vom Land war, die ihr Leben lang auf dem Hof gearbeitet hat. Nach dem Tod ihres Mannes blieb Frieda allein zurück. Lotte besuchte ihre Mutter selten. Frieda begann immer öfter Dinge zu vergessen, manchmal erzählte sie sogar komische Sachen, die keinen Sinn ergaben.
Eines Tages besuchte Lotte ihre Mutter und bemerkte sofort den beißenden Geruch von Angebranntem im Haus. Frieda hatte vergessen, den Backofen auszuschalten.
Was machst du denn da? Du bekommst ja nicht einmal das Essen warm! Du verbrennst noch das ganze Haus! schrie Lotte.
Entschuldige, mein Schatz! Das ist mir zum ersten Mal passiert! versuchte sich Frieda zu rechtfertigen.
Mit der Zeit verschlechterte sich Friedas Gesundheitszustand. Selbst das Gehen, sogar im eigenen Haus, wurde immer beschwerlicher.
An einem Tag rief sie Lotte an und sagte schwach:
Lotte, mir geht es nicht gut! Mein Blutdruck ist gestiegen! Kannst du bitte zu mir kommen?
Bin ich etwa Arzt? Ruf den Notarzt! antwortete Lotte und legte einfach auf.
Nach und nach verließ Frieda überhaupt nicht mehr das Haus. Lotte musste nun wöchentlich zu ihr fahren. Sie kaufte die günstigsten Lebensmittel im Supermarkt, erledigte ein wenig Hausarbeit und brachte den Müll raus. Dabei war sie stets gereizt und sagte:
Ich verstehe das nicht! Du wohnst allein und trotzdem ist hier alles so chaotisch! Schämst du dich gar nicht?
Meistens knallte sie die Tür hinter sich und verließ das Haus schnell. Am Ende konnte Frieda nicht einmal mehr aus dem Bett aufstehen. Lotte kam nun alle zwei Tage vorbei, stellte ihr Wasser und etwas zu essen neben das Bett und ging direkt wieder. Eines Tages kam sie und Frieda war bereits verstorben. Nach der Beerdigung begann Lotte immer öfter das Grab ihrer Mutter zu besuchen.
Sie sagte immer wieder:
Wie sehr vermisse ich meine liebe, wunderbare Mutter! Sie war für mich das Wertvollste und Liebste auf der Welt!
Denke ich oft darüber nach, ob sie wirklich nur das Gute erinnert und ob sie vergessen hat, wie sie ihre Mutter vernachlässigt hat, ihr nicht helfen oder sich um sie kümmern wollte? Wie kann das sein?





