Ferien ohne Zeitplan
In der Küche brummte der Dunstabzug, und Andreas las zum dritten Mal die Nachricht im Familien-Chat.
Na, wie läuft es bei euch? Bereitet ihr schon vor? Wir sind mal wieder im Salat erstickt, schrieb die Cousine seiner Frau und ergänzte ein lächelndes, schwitzendes Emoji.
Er legte das Handy neben das Schneidebrett. Darauf lag einsam eine Möhre. Mehr wollte er nicht schälen.
Schon wieder Statusmeldungen zum Schnippeln? fragte Klara, die mit einer Wäscheklammer im Mund hereinschaute. Sie hängte die frisch gewaschenen Handtücher über die Heizung, damit sie zu Weihnachten trocken waren.
Andreas nickte und deutete auf den Bildschirm:
Die haben schon drei Schüsseln Salat und gefüllten Karpfen. Fotos inklusive.
Klara zog die Klammer aus dem Mund, warf einen kurzen Blick und schmunzelte:
Nun, jeder hat so seine Freuden.
Sie sprach gelassen, doch Andreas hörte die Spannung in ihrer Stimme. Kein Wunderes war der 28. Dezember, sieben Uhr abends, und auf ihrem Tisch fehlte der übliche Stapel Listen: Menüs, Einkaufspläne, Zeitpläne, wen man wann abholt und wohin fährt.
Letztes Jahr rannten sie um diese Zeit schon mit dem Einkaufswagen durch den Supermarkt, stritten darüber, ob sie noch eine Roulade mitnehmen sollten und waren sauer, weil Andreas das Taxi für die Tante vergessen hatte. Vorletztes Jahr verschwammen die Feiertage in einer endlosen Schlange aus Warteschlangen, Trinksprüchen und bis zwei Uhr morgens Spülberge. Jedes Jahr sagte Klara, dass im nächsten alles anders werden sollte, und doch blieb alles beim Alten.
In diesem Dezember fand das Gespräch im Auto auf dem Parkplatz vor dem Haus statt. Andreas erinnerte sich daran, wie sie im ausgekühlten Wagen saßen, während vom Rücksitz leises Schnarchen der müden Dackeldame ertönte.
Ich will das nicht mehr, sagte Klara und legte die Stirn ans Lenkrad. Ich habe keine Lust, die Feiertage wieder in der Küche zu verbringen.
Andreas schwieg, betrachtete die fadenscheinigen Lichterketten im Treppenhausfenster. Er war auch müdevon den Pflichtanrufen, von Gästen, die nur auf einen Sprung kamen und bis zum Morgen blieben, davon, dass sie immer die Gastgeber des Frohlockens anderer waren.
Lass es uns einfach lassen, sagte er. Diesmal ohne Marathon.
Erst tasteten sie sich langsam vor. Vielleicht die Gästeliste kürzen? Vielleicht das Essen bestellen? Schließlich seufzte Klara:
Oder wir laden gar niemanden ein? Außer Greta natürlich. Und meine Eltern für einen Tag, nicht mehr.
Er war weniger von der Idee überrascht als davon, wie sie es sagtefast entschuldigend, als würde sie etwas Unerhörtes vorschlagen.
Oder eben gar keinen, entgegnete er. Den Eltern bringen wir Geschenke am 31. vorbei, bleiben ein, zwei Stunden. Und feiern zu dritt.
Klara schwieg lange, dann nickte sie. Damals fühlte sich das wie ein Spiel an.
Heute, drei Tage vor dem Fest, wurde das Spiel zur Wirklichkeit.
Mama, Papa, klang die Stimme von Greta, ihrer zwanzigjährigen Tochter, aus dem Flur. Ich finde meine Stiefel nicht.
Schau unter die Kommode, entgegnete Andreas. Da hast du sie gestern hingeworfen.
Greta erschien in der Küchentür, einem Wollsocken am Fuß, das Handy in der Hand.
Stimmt, hab sie!, grinste sie. Also, kommt wirklich niemand an Silvester? Ich hab meiner Freundin abgesagt, da wir Familienfest machen.
Ja, Familienfest, sagte Klara, aber eben ohne Überfall.
Heißt das, ich bin allein mit euch zwei? Greta schielte. Ihr zwingt mich doch nicht, Dinner for One zu gucken?
Wir schauen selbst nichts davon, meinte Andreas. Unser Programm für Silvester: Nichts tun. Sehr anspruchsvoll.
Greta schnaubte, warf sich die warme Jacke über und fragte beim Schal-Binden:
Weiß Oma, dass ihr niemanden einladet?
Sie weiß es, seufzte Klara. Und Opa auch. Sie finden es komisch, aber akzeptieren es.
Und Tante Sabine? hakte Greta nach.
Sabine schreibt gerade über ihren Karpfen, erwiderte Andreas düster.
Greta lachte, winkte ab und verließ das Haus mit lautem Türknall. Die Dackeldame, die auf dem Teppich döste, hob den Kopf, seufzte und schlief weiter.
Wir machen das jetzt wirklich, meinte Andreas und wandte sich der Möhre zu.
Klara antwortete nicht sofort. Sie trat ans Fenster, zog die Gardine zurück. Im Hof hingen Lampions, Kinder sausten vom Schneehügel, Eltern standen in Daunenjacken und wechselten von einem Fuß auf den anderen.
Wirklich, wiederholte sie leise. Es macht mir sogar ein bisschen Angst.
Der 31. Dezember begann nicht mit dem Wecker. Andreas wachte von selbst auf, als schon Tageslicht durch die Fenster drang. Die Stille erstaunte ihn. Früher klapperte zu dieser Zeit das Geschirr, der Suppentopf brodelte, jemand rief an und fragte nach der Uhrzeit zum Kommen.
Jetzt tickte nur die Uhr in der Küche. In Gretas Zimmer war es dunkel, die Tür zu. Klara schlief, das Gesicht ins Duvet gedrückt.
Andreas streckte sich und blickte aufs Handy. Arbeitsmails, nicht dringlich. Die Kollegen hatten sich gestern gegenseitig Erholt euch wenigstens etwas! gewünscht, tatsächlich würde jeder bis zur letzten Minute berichten tippen.
Er zog den Morgenmantel an, ging in die Küche. Kaffee, Toast, Gouda. Klara hatte gestern ein Menü auf einen Zettel geschrieben: Kartoffelsalat, Heringshäppchen, etwas Einfaches als Hauptspeise. Fertig. Der Zettel hing am Kühlschrank, gehalten von einem Magneten Ostsee.
Andreas kochte die Eier, schnitt Wurst und Gurke. Das dauerte weniger als sonst allein die Einkaufsliste.
Als er alles in die große Schüssel gab, traf ihn der Gedanke: Die Schüssel war fast leer. Die Jahre zuvor hatten sie die große genommen, damit genug da ist und Reste bleiben. Nun bedeutete alle nur drei.
Er ertappte sich dabei, eine zweite Packung Wurst zu nehmen, stoppte sich aber.
Nein, sagte er laut. Uns reichts.
Wem reichts? fragte Klara verschlafen, im Morgenmantel, das Haar zerzaust, als sie die Küche betrat.
Uns. Kartoffelsalat. Ich hab mir vorgenommen kein Notvorrat für eine Armee anzulegen.
Sie schaute in die Schüssel, runzelte die Stirn.
Schon wenig.
Wir sind zu dritt.
Ja, schon, sie strich mit dem Löffel am Rand entlang, als prüfte sie die Tiefe. Und wenn doch jemand spontan kommt?
Wir haben es fest abgemachtkeiner kommt.
Sie zuckte mit den Schultern, füllte sich Kaffee ein.
Weißt du, meinte sie und lehnte sich an die Arbeitsplatte, ich habe die ganze Nacht gedacht, dass Mama bestimmt doch noch anruft und sagt, dass sie spontan kommen. Und ich kann nicht nein sagen.
Bestimmt ruft sie an, sagte Andreas. Dann sagst du, dass wir morgen vorbeikommen. Genau wie vereinbart.
Klara seufzte und schlürfte einen Schluck.
Na gut. Wir versuchen es.
Am Mittag stiegen sie ins Auto, auf dem Rücksitz Geschenktaschen und eine Apfelstrudel-Box, die Klara für alle Fälle gebacken hatte. Die Fahrt zu den Eltern dauerte vierzig Minuten. Andreas witzelte über den Verkehr, Greta scrollte am Handy und zeigte gelegentlich Memes über Festtagsstress.
Bei den Eltern verschwand Klara doch wieder in die Küche zu helfen, obwohl sie sich das versprochen hatte. Andreas stieß mit seinem Schwiegervater an, sie unterhielten sich über Politik und den Benzinpreis. Klaras Mutter schimpfte alles nicht mehr wie früher, und schaute immer wieder zur Uhr, wenn Klara daran erinnerte, dass sie bald gehen müssten.
Ihr wollt also zu dritt feiern? Und Sabine mit den Kindern?, fragte sie beim Jackeanziehen.
Sabine feiert dieses Mal für sich, sagte Klara und knöpfte den Schal zu. Wir machen es anders.
Anders, anders, murmelte die Mutter. Früher waren wir alle zusammen, das war lustig.
Klara spürte das altbekannte Schuldgefühl aufsteigen. Sie wollte schon sagen OK, kommt doch einfach heute zu uns, doch Andreas legte ihr, als habe er es geahnt, die Hand auf die Schulter.
Wir kommen morgen wieder, versicherte er. Ganz ruhig. Heute möchten wir einmal zu Hause bleiben.
Die Mutter sah ihn an, dann die Tochter, seufzte.
Macht, wie ihr meint. Aber beschwert euch nicht später, dass ihr ohne uns feiert.
Im Auto auf dem Rückweg schwieg Klara. Greta schrieb im Chat mit ihren Freundinnen und lachte über Sprachnachrichten.
Mama?, fragte sie und legte das Handy weg. Die streiten gerade, was besser ist: Zuhause oder im Club. Eine sagt, Familie ist heilig, die andere will Party machen, solange sie jung ist. Was denkt ihr?
Ich meine, heilig ist, wenn man nicht halbtot vor dem Salat einschläft, brummte Klara.
Ich finde, ergänzte Andreas, du kannst nächstes Jahr machen, was du möchtestwir kommen klar.
Greta schnaubte:
Mal sehen. Diesmal bin ich bei euch, dann sieht mans.
Um acht Uhr abends war die Wohnung still und seltsam geräumig. Drei Gedecke auf dem Tisch, bescheidene Schüssel Salat, Hering, Brathähnchen, eine Flasche Sekt. Die Lichterkette am Fenster blinkte, aber nicht so grell wie bei den Eltern, wo sonst alle Verwandten zusammensaßen.
Schon etwas leer, murmelte Klara und ordnete die Servietten.
Passt schon, meinte Andreas. Wir sind einfach Krach gewohnt.
Greta kam ohne Kleid in Jeans und Pullover aus dem Zimmer. Klara hatte sonst immer feierliche Sachen gekauft.
Gibts bei uns einen Dresscode? Sie drehte sich im Kreis. Ich dachte, ihr schickt mich noch zum Umziehen.
Dresscode: Wie dus magst, sagte Andreas.
Ihr seid verdächtig entspannt, staunte Greta.
Sie setzten sich. Der Fernseher lief leise im Hintergrund, aber ohne das übliche Show-Gedröhne. Andreas suchte einen alten Film, den er und Klara damals im Studium gerne sahen.
Lassen wir die Shows weg, schlug er vor. Mir ist nach was Ruhigem.
Die Glocken aber schon?, wollte Greta wissen.
Die bleiben, sagte Klara. Ganz so radikal bin ich nicht.
Sie aßen, tauschten sich aus. Greta erzählte von dem Professor, der über die Ferien über die Zukunft nachdenken als Hausaufgabe gab; ihre Kommilitonen rätselten, was das bedeuten sollte. Klara bemerkte, dass sie nicht ständig aufspringt, um etwas zu wärmen. Andreas schätzte, wie bequem es war, wenn nicht dauernd jemand Platz brauchte.
Um neun rief Sabine an.
Na, wie siehts bei euch aus? Bei uns ist schon volles Haus, die Kids toben, der Salat passt nicht mehr in den Kühlschrank. Schade, dass ihr nicht da seid. Richtig Action hier.
Klara sah auf ihren kleinen Tisch, auf Greta, die gerade dem Vater ein witziges Video zeigte, und spürte ein unangenehmes Stechen im Innern.
Uns gehts auch gut, sagte sie. Dieses Mal machen wirs anders.
Ach ja, hab ich gehört, Sabine klang ein wenig gekränkt. Na dann, ich störe nicht länger. Feiert schön.
Nach dem Gespräch kehrte Klara an den Tisch zurück, war aber weniger gesellig. Die Worte Schade, dass ihr nicht da seid gingen ihr im Kopf herum.
Alles ok?, fragte Andreas, als Greta in die Küche ging.
Klar, antwortete Klara zu schnell. Irgendwie komisch.
Um halb elf vibrierte Klaras Handy erneut. Diesmal der Familien-Chat. Fotos von gedeckten Tischen, Kinder mit Lametta, Sprüche wie Schade, ihr seid nicht gekommen, Ohne euch ists anders. Ein altes Bild, auf dem Andreas und Klara erschöpft, aber lächelnd hinter den Verwandten stehen.
Klara starrte auf das Foto. Ihr wurde eng ums Herz, die Augen brannten.
Ich hab alles kaputt gemacht, entfuhr es ihr. Die sind zusammen, und wir
Wir sind auch zusammen, sagte Andreas leise.
Aber es ist nicht dasselbe, sie fuhr auf. Sieh dir den Spaß an dort. Und wir drei sitzen hier, als hätte uns niemand eingeladen.
Hat man schon, aber wir wollten anders, erinnerte er.
Vielleicht war’s falsch, fuhr Klara fort, strich nervös über den Tisch. Vielleicht hätten wir es wie immer machen sollen. Ich schreibe ihnen schnell, dass wir doch kommen. Es ist noch Zeit.
Mama? Greta kam mit Saft zurück und blieb im Türrahmen. Was ist los?
Nichts, sagte Klara, doch die Stimme zitterte.
Sie griff zum Handy, öffnete den Chat, tippte: Wir kommen doch noch vorbei, falls es nicht zu spät ist Die Finger zitterten.
Andreas sah sie an und wusste, jetzt konnte alles kippen. Morgen würden sie erschöpft aufwachen, mit dem Gefühl, erneut fürs Vergnügen anderer gelebt zu haben.
Klara, er stand auf, fasste vorsichtig ihr Handgelenk. Warte kurz.
Lass mich, bat sie und blickte nicht auf. Nur kurz fragen, ob wir noch erwartet werden.
Sie erwarten uns jedes Jahr, sagte er. Aber was erwarten wir?
Greta drückte die Saftpackung ans Herz und schwieg. In ihren Augen lag Verwirrung, dann Entschlossenheit.
Mama, trat sie näher. Ich bin ehrlich froh, dass wir zu Hause sind. Ich wollte Oma nicht verletzen, aber mir sind diese langen Tischrunden auch anstrengend. Jedes Jahr sitze ich da und warte drauf, wann ich gehen darf.
Klara sah sie an.
Wirklich?
Ja, Greta zuckte die Schultern. Ich habe euch lieb, Oma auch. Aber wenn es nur noch Pflicht ist, will ich weglaufen. Heute heute ist es ruhig.
Klara legte ihr Handy hin. Auf dem Bildschirm blinkte die halbe Nachricht.
Ich habe halt Angst, dass wir aussteigen, sagte sie. Dass uns dann keiner mehr einlädt und wir allein bleiben.
Wir werden nicht fremd, versicherte Andreas. Wir müssen nicht überall sein. Man darf manchmal einfach daheim sein.
Er sprach ruhig, aber auch ihm war das Gefühl fremdam Rand der Familienroutine zu stehen. Doch er hatte das schon akzeptiert.
Abgemacht, schlug er vor. Heute bleiben wir wie geplant. Morgen fahren wir, wenn wir wollen. Nicht, weil wir müssen.
Greta nickte.
Und ab jetzt entscheiden wir immer gemeinsam, bevor wir alles einfach übernehmen, fügte sie hinzu.
Klara fuhr sich durchs Gesicht, atmete tief.
Gut, sagte sie. Heute bleiben wir hier.
Sie löschte die Nachricht, legte das Handy weg.
Ich fühl mich trotzdem schuldig, gestand sie. Als hätten wir alle im Stich gelassen.
Das geht nicht nach einem Tag weg, tröstete Andreas. Wir leben schon so lange anders.
Darf ich was Ketzerisches sagen?, warf Greta ein. Vielleicht habt ihr die Familie gar nicht immer eingeladen, sondern sie euch, und ihr hättet schon vor zehn Jahren Stopp sagen können.
Klara lächelte durch die Tränen:
Danke, Frau Schlaumeier.
Gern, entgegnete Greta ernst.
Sie gingen zurück zum Tisch. Noch eine Stunde zu Mitternacht. Im Fernseher wechselten die Programme, aber niemand hörte hin.
Spielen wir was?, schlug Andreas vor. Sonst starren wir auf die Uhr.
Kartenspielen? Greta wurde lebhaft.
Karten sind ok.
Sie mischten das Deck, diskutierten Regeln, lachten, wenn Greta schummelte. Klara fiel auf, dass ihr Lachen echt klang, nicht gezwungen, wie oft am großen Familientisch.
Die Glocken hörten sie sich dann doch an. Beim Klang der Uhr stießen sie an, wünschten Gesundheit und Erholung. Das klang ungewohnt, aber passend.
Ich wünsche euch, dass ihr dieses Jahr das Entspannen lernt, sagte Greta, und hob das Glas Saft. Und ich auch.
Einverstanden, sagte Andreas.
Wagen wir es, ergänzte Klara.
Die ersten Ferientage verstrichen langsam. Sie schliefen tatsächlich bis zehn, manchmal bis elf. Andreas las endlich das Buch, das seit Monaten lag, im Trainingsanzug auf dem Sofa. Klara schaute alte Fotos am Laptop an, ohne daraus einen Neujahrspost zu bastelneinfach so.
Greta ging mal mit Freunden spazieren, mal blieb sie daheim, schaute Serien, kritzelte am Tablet. Manchmal gingen sie zu dritt in den Park, sahen den Kindern beim Rutschen zu und den Erwachsenen mit Coffee-to-go-Bechern in der Hand.
Eines Tages merkte Andreas, wie ihm langweilig wurde. Anders als bei Meetingses war einfach ruhig, wenig zu tun.
Er trat ans Fenster, beobachtete auf dem Hof Jugendliche, die tagsüber Raketen zündeten, und verspürte Unruhe. Als mache er etwas falsch, als müsste Zeit gefüllt werden.
Klara, rief er. Wollen wir mal raus? Einkaufszentrum, Kino Sonst hängen wir nur herum.
Klara blickte vom Laptop auf.
Ich will nicht ins Center, da ist jetzt alles voll. Kino vielleicht, aber nicht heute. Ich genieße es einfach gerade.
Einfach so, wiederholte er. Und wenn wir gar nichts Sinnvolles machen?
Was ist sinnvoll für dich? fragte sie.
Naja, Balkon aussortieren. Oma besuchen. Bad renovieren , zählte er auf.
Renovieren über Silvester ist sportlich, lachte sie. Zu deinen Eltern fahren wir gern. Ich mag Menschen ja, nur nicht den Dauerstress.
Andreas spürte aufkommenden Ärger.
Ich kann nicht einfach rumliegen. Es fühlt sich faul an.
Du arbeitest doch das ganze Jahr ohne Pause, sagte sie sanft. Eine Woche Pause geht doch.
Leicht gesagt, brummte er und ging in die Küche.
Dort sortierte er Plastiktüten nach Größe, merkte nach fünf Minuten, wie sinnlos das war, und musste grinsen. Doch die Unruhe blieb.
Abends scrollte er durch Social Media. Skiurlaub, Thermen, Auslandsreisen, Posts mit Aktiv feiern, nicht auf dem Sofa.
Er ärgerte sichüber sie, über sich, über den Drang mitzuhalten.
Warum so muffig? wollte Greta wissen und linste aufs Display.
Sieh mal, wie die feiern. Und wir
Und wir? unterbrach sie. Wir feiern auch. Nur anders.
Sie überlegte einen Moment und meinte dann:
Willst du lernen, nicht immer zu vergleichen?
Er grinste:
Jetzt redest du wie zu einem alten Mann.
Ihr bringt uns ja auch was bei, schulterzuckte Greta. Zum Beispiel, dass Kaffee nach sechs Schlaf kostet.
Sie nahm ihm das Handy, scrollte hoch und runter.
Schau, sagte sie. Da, einer in den Alpen. Schön, aber anstrengend. In der Sauna: zu heiß. Du bist warm zu Hause, in Jogginghose, musst nirgendwohin. Das ist auch was wert.
Du tust, als wäre das eine Errungenschaft, lachte er.
Für euch schon, sagte sie ernst. Ihr müsst Pause erst lernen.
Er wollte widersprechen, hatte aber kein wirkliches Argument.
Am nächsten Tag gab es Streit. Andreas glotzte stundenlang Serien, Klara räumte die Wohnung, sortierte Kleinkram. Irgendwann platzte sie heraus:
Du hängst den ganzen Tag vorm Bildschirm, kriegst viereckige Augen!
Du verräumst Zeug, ist das produktiver?
Ich tue wenigstens was.
Ich auch: entspannen.
Das ist keine Erholung, das ist Flucht!
Er stoppte das Programm und wandte sich ihr zu.
Ist dein Aufräumen nicht auch Flucht? Du hältst es keine Minute aus und suchst direkt Arbeit.
Sie verstummten, jeder sah im anderen sich selbst.
Na gut, sagte Klara und ließ die Schultern sinken. Halbtagserholung, halbtags nichts tun und keiner meckert.
Abgemacht, sagte er. Und mindestens einmal täglich was gemeinsam. Egal was.
Spaziergang, schlug sie vor. Oder Film.
Oder ein Brettspiel, rief Greta aus dem Flur. Sie hatte (fast) alles mit angehört. Ich bin dabei.
So entstanden die ersten Ferienregeln. Sie änderten nicht alle Gewohnheiten, schufen aber Rahmen. Andreas schaute Serien ohne Schuldgefühl, Klara ließ sich mit auf das Sofa fallenohne To-Do-Liste in der Hand.
Nach ein paar Tagen fuhren sie zu Andreas Eltern. Auch dort war es ruhiger als früherdie Eltern älter, Gäste seltener. Sie aßen Strudel, redeten über Wetter und Gesundheit.
Warum seid ihr so entspannt dieses Jahr? fragte Andreas Vater beim Tee. Sonst hattet ihr immer einen Fahrplan.
Wir lassen uns mal Luft, entgegnete Andreas.
Richtig so, bestätigte die Mutter überraschend. Ihr schleppt immer die ganze Familie. Genießt doch die Pause.
Andreas staunte. Er hatte Vorwürfe erwartet, erhielt Zustimmung. Im Auto erzählte er es Klara.
Siehst dunicht alle finden unsere neuen Wege schlimm.
Vielleicht bin ich selbst der größte Kritiker, gestand sie. Es ist schwer, das Gewohnte loszulassen.
Man muss ja nicht gleich alles. Schritt für Schritt.
Sie nickte.
Die restlichen Tage lebten sie tatsächlich in Schritten. Ein ganzer Tag zu Hause, lesen, simples Kochen. Ein anderer: Stadtabenteuerzum Rathausplatz, Lichter anschauen, ins Café, wo man niemanden traf oder verabschieden musste.
Weißt du, sagte Klara, als sie am Fenster des Cafés saßen, den Kakao in Händen, es gefällt mir, dass wir keinen Terminplan mehr haben. Morgens frage ich nicht: Was muss ich?, sondern: Was möchte ich?
Und was möchtest du heute?
Nichts Großes. Einfach mitgehen.
Er lächelte.
Und ich möchte mich nicht vorwerfen, wenn mal nichts passiert.
Das ist schwierig, bemerkte sie.
Aber man kann üben.
Sie blickten auf die Fußgänger: Eilige, Fotografierende, Mütter mit müden Kindernjeder feierte auf eigene Weise.
Am letzten Ferientag war es knackig kalt und sonnig. Greta fuhr zur Freundin und wollte abends zurück sein. Die Wohnung war stiller als sonst.
Lust auf einen Parkspaziergang? Ohne Hund, ohne allesnur wir zwei, schlug Andreas vor.
Sehr gern, sagte Klara.
Sie zogen sich warm an, traten in den Hof. Der Schnee knirschte, die Luft war frisch. Im Park war es leerer, die meisten Feiertags-Ausflügler waren weg. Einige liefen Schlittschuh, andere schoben Kinderwagen.
Sie gingen schweigend, manchmal kurze Sätze. Die Stille war leicht. In Klaras Kopf kreisten Gedanken: Schon am nächsten Tag würden Mails, Anrufe und Anfragen wiederkommen. Doch gleichzeitig war da Frieden.
Weißt du, blieb sie an einer Bank stehen, ich dachte, wenn wir dieses Jahr keinen großen Fest machen, dann zerbricht etwas in mir. Dass ich dann keine gute Tochter und Hausfrau mehr bin.
Und?
Zerbrochen ist nichts, schmunzelte sie. Man kann auch normal leben ohne das.
Ich hatte Angst, wenn ich nicht nutzbringend bin, bin ich überflüssig, gab Andreas zu. Aber man kann einfach auf dem Sofa sitzen und gebraucht werden. Wenigstens von euch beiden.
Greta besonders, sagte Klara. Sie sieht das alles doch.
Sie gingen weiter, setzten sich auf eine Bank. Andreas zog den Handschuh aus und griff nach ihrer Hand.
Abgemacht: Nächstes Jahr entscheiden wir erst, was wir wollen. Dann schauen wir, wie es passt.
Abgemacht, meinte sie. Und wenn ich panisch alle einlade, stoppst du mich.
Und falls ich uns wieder überall eintrage, stoppst du mich.
Einverstanden.
Sie saßen noch ein wenig, dann machten sie sich auf den Heimweg. Im Treppenhaus roch es nach Tanne und Mandarinen, bei einem Nachbarn lief leise Musik.
Daheim stellte Andreas den Teekessel auf, holte Gebäck heraus. Klara zündete eine Kerze am Fenster, einfach so, wie früher an Winterabenden.
Meinst du, fragte sie beim Tee eingießen, wird das jetzt immer so sein? Ohne Marathon?
Ich weiß es nicht, antwortete er ehrlich. Vielleicht haben wir irgendwann wieder Lust auf Trubel. Aber dann aus Wahl, nicht Pflicht.
Sie nickte. Die Nervosität blieb ein wenig, aber sie beherrschte nicht mehr alles.
Abends kam Greta zurück, die Nase rot, das Gesicht fröhlich.
Bei meiner Freundin sind die Eltern ins Kurhaus gefahren, erzählte sie, zog Schuhe aus. Sie haben ihr einen Zettel hinterlassen: Wir gönnen uns Erholung. Du bist erwachsen, du schaffst das. Erst war sie beleidigt, jetzt findet sies gut.
Siehst du, meinte Andreas. Alle lernen.
Und ich lerne auch, sagte Greta. Mir gefällt, wenn ihr entschleunigt Zuhause seid. Selbst wenn ihr euch mal wegen Serien und Plastiktüten streitet.
Klara lachte.
Wir bemühen uns, öfter einfach da zu sein, versprach sie.
Zu dritt setzten sie sich auf das Sofa, schalteten einen von Greta ausgewählten Film ein. Der Tee wurde kalt, das Gebäck zerkrümelte. Draußen glitzerten vereinzelt Feuerwerke, aber ihr leises Lachen blieb unüberhörbar.
Das Fest, von dem sie dachten, es zu verpassen, war nicht da, wo es am lautesten zugeht. Es war hier, in dieser einfachen Szene: Drei Menschen, die sich erlaubten, auszuruhen, ohne es jemandem zu beweisen.
Und das war genug.




