„Entweder ich oder deine Katzen!“ – Mein Ehemann stellte mir ein Ultimatum, also half ich ihm beim Kofferpacken

Mein Mann stellte mir das Ultimatum: Entweder ich oder deine Katzen. Also half ich ihm, seinen Koffer zu packen.

Wieder Haare! Schau dir das Sakko an, Annemarie! Gestern erst von der Reinigung abgeholt, heute sieht es aus, als hätte ich in einem Katzenheim übernachtet. Wie lange soll ich das noch ertragen?

Seine Stimme hatte diesen spitzen, anklagenden Ton angenommen, der seit Monaten bei jeder Kleinigkeit aufblitzte. Ich stand am Herd, drehte die Kartoffelpuffer um, seufzte schwer, schaltete den Herd ab und drehte mich zu ihm. Matthias stand mitten im Flur, hielt das dunkelblaue Sakko weit von sich weg; auf dem Revers leuchteten ein paar weiße Katzenhaare.

Matthias, musst du gleich so schreien? fragte ich ruhig, während ich mir die Hände am Küchentuch abwischte. Ich hab dich doch mehrmals gebeten, deine Sachen nicht über den Stuhl im Wohnzimmer zu hängen. Du weißt, Leopold liebt es, dort zu schlafen. Wenn du die Sachen gleich in den Schrank hängst, hast du auch keine Haare drauf. Gib her, ich machs sauber.

Ich nahm die Fusselrolle aus dem Schränkchen im Flur, die wir extra für solche Fälle dahin gelegt hatten, und ein paar Mal drübergerollt war das Sakko wieder wie neu. Aber mein Mann blieb angespannt, zog die Schulter weg, als hätte ich ihm weh getan, und klopfte sich angestrengt ab.

Darum gehts gar nicht, Annemarie! Es geht darum, dass man in dieser Wohnung kaum noch atmen kann. Überall deine… Viecher. Auf dem Sofa kann man nicht sitzen, auf dem Teppich nicht stehen. Ich komm nach Hause, um mich zu erholen, und muss ständig zwischen Näpfen, Klos und Kratzbäumen Slalom laufen. Du hast unsere Wohnung in einen Zoo verwandelt!

Ich schwieg, spürte, wie sich wieder dieser Klumpen im Bauch formte. Unsere Wohnung dachte ich nur. Die großzügige Altbau-Dreizimmerwohnung in Hamburg-Winterhude hatte ich von meiner Oma geerbt, lange bevor ich Matthias kennenlernte. Er war mit einem Koffer und einem Laptop hier eingezogen, vor fünf Jahren, als wir heirateten. Damals während der ersten Monate machte ihm mein gemütlicher Kater Leopold und meine schüchterne, dreifarbige Katze Minna überhaupt nichts aus im Gegenteil, er streichelte Leopold hinterm Ohr und sagte, die Tiere machen es heimelig.

Aber die rosarote Brille hielt nicht lange. Bald zeigte Matthias, wie sehr er Wert auf sterilste Ordnung und vor allem auf Zuwendung nur für sich legte.

Matthias, wir haben zwei Katzen, erinnerte ich, während ich ihm einen Kaffee einschenkte. Und die leben hier schon länger als du. Sie sind Teil meiner Familie.

Familie! hämisch lachte er und ließ sich an den Tisch fallen. Das sind Tiere, Annemarie. Nutzlose Parasiten, die nur schlafen und fressen. Hast du mal geguckt, was ihr Futter kostet? Ich hab gestern deinen Kassenbon gesehen: Hundertvierzig Euro! Und dann sagst du, wir müssen beim Urlaub sparen!

Das ist Spezialfutter, Leopold hat Nierenprobleme, du weißt das. Und ich bezahle das von meinem Gehalt. Deine Euros rühre ich nicht an.

Wir haben eine gemeinsame Haushaltskasse! fuhr er dazwischen und schlug mit der Hand so hart auf den Tisch, dass die Kaffeelöffel klimperten. Wenn du dein Geld für das Katzenfutter ausgibst, fehlt es bei unserem Essen! Dann muss ich Fleisch und Gemüse kaufen. Kannst ja mal rechnen!

Ich betrachtete ihn lange; den Mann, der mir früher Gedichte vorlas und Blumen schenkte. Jetzt saß da ein kleinlicher, nörgelnder Griesgram. Klar, im Job lief es bei ihm nicht rund seine Abteilung wurde umstrukturiert, er fürchtete die Kündigung aber seinen Frust ließ er nur noch an mir und an den Katzen aus.

In diesem Moment kam Leopold in die Küche; ein stattlicher, langhaariger Kater mit sanften grünen Augen. Er schmiegte sich um meine Beine und miaute leise nach Frühstück.

Weg da! fauchte Matthias und trat aus.

Leopold sprang erschrocken zurück, rutschte auf dem Parkett aus und hakelte sich beim Herunterfallen mit der Kralle an Matthias Hosenbein fest. Es knirschte verdächtig.

Für den Bruchteil einer Sekunde war es still. Matthias blickte auf seine Hose an der teuren grauen Wolle prangte nun ein ordentlicher Riss.

Jetzt reichts! flüsterte er mit Stimme, bei der mir eiskalt wurde. Das war das letzte Mal!

Er sprang auf, schob den Stuhl zurück, das Gesicht bereits fleckig rot.

Seit fünf Jahren ertrage ich das! Haare in der Suppe, Katzenklo im Flur, nächtliches Getrampel! Aber mir die Sachen zu ruinieren? Annemarie, du hast die Wahl!

Ich hielt die Hände ans Herz gepresst. Leopold hatte sich längst unter das Sofa in Sicherheit gebracht. Minna, die auf der Fensterbank ruhte, war aufgesprungen.

Was meinst du, Matthias? flüsterte ich.

Entweder ich oder diese Viecher! entschied er eiskalt, mit Blick direkt in meine Augen. Bis heute Abend sind die weg. Verschenk sie, setz sie aus, bring sie ins Tierheim, ist mir egal! Aber ich lebe nicht mehr mit denen zusammen. Ich bin ein Mensch, ich bin ein Mann, ich bestehe auf meinen Respekt!

Meinst du das ernst? Stellst du mir wirklich ein Ultimatum? Wegen einer Hose?

Nicht wegen der Hose, sondern weil du diese Tiere offensichtlich mehr liebst als deinen eigenen Ehemann. Beweis mir das Gegenteil. Heute Abend sehen wir, was du wählst.

Er schnappte sich seine Aktentasche, ließ den Kaffee stehen und schlug die Tür so laut zu, dass der Kalender von der Wand fiel.

Ich blieb im Küchenstuhl sitzen, nahm den Kalender auf und hängte ihn zurück. Dann setzte ich mich und weinte. Nicht aus Trauer sondern aus Ohnmacht und Wut. Wie kann man verlangen, die Lebewesen zu verraten, die einem so sehr vertrauen? Leopold ist zwölf, braucht Medikamente. Minna fürchtet schon ihren Schatten, draußen würde sie keinen Tag überstehen.

Leopold lugte unter dem Sofa hervor, kam dann vorsichtig zu mir, stellte sich auf die Hinterbeine und legte seine Vorderpfoten in meinen Schoß. Dabei schnurrte er beruhigend. Ich vergrub mein Gesicht in seinem Fell.

Euch geb ich nicht her, flüsterte ich. Niemals.

Der Tag zog wie durch Nebel an mir vorbei. Ich rief bei der Arbeit an und nahm spontan einen Tag Urlaub. Ich schlich rum, goss die Blumen, räumte Sachen um, dachte nach, erinnerte mich.

Zum Beispiel daran, wie Matthias Minna letztes Jahr nachts absichtlich getreten hatte später behauptete, er habe sie übersehen. Oder daran, wie er die Katzen aus dem Schlafzimmer ausschloss, sodass sie die ganze Nacht an der Tür kratzten. Oder seine ewigen Vorwürfe übers Geld, obwohl ich genauso viel verdiente die Wohnung gehörte sowieso mir, und die Miete zahlte ich allein.

Mittags wurde mir plötzlich klar: Das war kein Ausraster. Das war ein Test. Wer einen derart erbarmungslosen Vergleich zieht Tier oder Mensch der wird immer andere Gründe finden: heute sinds die Katzen, morgen vielleicht meine alte Mutter, übermorgen ich selbst, falls ich mal Hilfe brauche.

Ich schaute auf die Uhr. Vier. Noch drei Stunden. Genug Zeit.

Ich ging ins Schlafzimmer, holte den großen Koffer mit Rollen vom Schrank den, mit dem wir letztes Jahr in die Alpen fuhren. Ich wischte den Staub ab, öffnete ihn. Leer, bereit, ein Leben zu verschlucken.

Ich fing an, seine Sachen einzupacken. Systematisch, ruhig: Sakkos, Hosen, Hemden. Ordentlich gefaltet in die vorgesehene Kleiderölfächer. Dann Pullover, Jeans, Unterwäsche sortiert in die Seitentasche.

Zwischendurch überkam mich ein kurzer Zweifel ob das richtig war? Ob man nicht doch hätte reden, nachgeben, einen Kompromiss finden sollen? Aber ich erinnerte mich an seinen Blick morgens eiskalt, voller Verachtung: nutzlose Parasiten. Mit Egoismus kann man keinen Kompromiss schließen.

Ich packte weiter, war gerade beim Badezimmerregal Rasierer, Zahnbürste, Aftershave als es klingelte. Ich zuckte zusammen. War Matthias etwa schon zurück? Aber er hatte ja den Schlüssel. Vorsichtig sah ich durch den Spion. Draußen stand Frau Bergmann, unsere Nachbarin, die oft auf ein Schwätzchen vorbei kam.

Annemarie, alles in Ordnung? Hab vorhin deinen Mann gehört, wie er rausgestapft ist. Ich dachte, es ist was Schlimmes passiert du siehst heute so blass aus…

Alles in Ordnung, Frau Bergmann, versicherte ich ruhig. Wir klären gerade eine Wohnungsfrage.

Na dann, du weißt, ich hab immer einen Kuchen auf Lager wenn du magst, komm nachher rüber!

Danke, gern, wenns heute Abend passt.

Ich schloss die Tür und packte zu Ende. Seine Schuhe, Mütze, Schals, die Pflegeprodukte alles in Taschen, in den Flur gestellt.

Um sechs stand alles bereit. Zwei Koffer, eine Sporttasche an der Tür. Die Wohnung wirkte plötzlich geräumig aber gleichzeitig auch leichter, als hätte sie eine Last abgestreift.

Ich stellte mir Pfefferminztee und füllte den Katzen ihre Näpfe bis zum Rand. Leopold rollte sich zu meinen Füßen zusammen, Minna hüpfte neugierig auf die Sofalehne.

19:15, der Schlüssel drehte sich im Schloss. Ich blieb sitzen und hörte, wie Matthias hereinkam, schnaufend sicherlich war der Aufzug wieder kaputt.

Na? erscholl sein sicherer, triumphierender Tonfall. Hast du dich richtig entschieden? Wo sind die haarigen Plagegeister? Ich hoffe, du hast sie heute weggebracht!

Er kam ins Wohnzimmer, zog nicht mal die Schuhe aus, und stockte. Ich saß ganz ruhig mit meiner Teetasse, die Katzen bei mir. Leopold öffnete träge ein Auge, dann schloss er es wieder, völlig unbeeindruckt.

Was soll das? knurrte Matthias und wurde rot. Kapierst du nicht? Ich hab gesagt: Entweder ich oder die! Willst du Streit?

Ich hab dich sehr wohl verstanden, erwiderte ich ruhig, die Tasse abstellend. Und ich habe mich entschieden.

Und? Warum sind die Viecher noch hier?

Weil das hier ihr Zuhause ist. Deine Entscheidung steht im Flur.

Er drehte sich verwirrt um, kam sprachlos zurück. Was… du hast meine Sachen gepackt? Wirfst du mich raus? Wegen der Katzen?!

Nicht wegen der Katzen. Sondern weil du mich vor die Wahl stellst. Jemand, der liebt, setzt keine Ultimaten. Wer Lösungen sucht, liebt. Wer Macht beweisen will, hat Angst oder ist schwach ganz egal ob gegenüber einer Frau oder Tieren.

Du bist ja komplett irre! schrie er, fuchtelte mit den Armen. Wer will denn so eine Frau mit Katzenanhang? Ich hab dich durchgefüttert! Du wirst angekrochen kommen!

Die Wohnung gehört mir, ich habe einen guten Job, verdiene genug. Ich muss niemanden bedienen oder bemuttern. Ich fürchte, mir wirds eher zu ruhig.

Ach ja? Er stürmte auf mich zu. Doch Leopold sprang auf, stellte seinen Fellkragen auf und fauchte leise. Matthias stutzte.

Dann schrie er nur noch: Bleib hier allein und geh zugrunde! Ich finde eine richtige Frau! und rauschte ab.

Aus dem Flur hörte ich noch seinen Ärger über die Koffer und die hastige Suche nach seinem Laptop.

Der ist im Seitenteil der Tasche, rief ich nur, und die Unterlagen im Ordner obendrauf. Deine Lieblingstasse hab ich auch eingepackt.

Er schimpfte weiter, wartete vielleicht, dass ich ihm nachlief. Aber ich blieb ruhig. Schließlich knallte die Tür endgültig zu und das Geräusch der Kofferrollen hallte durch den Hausflur.

Ich saß in der plötzlichen Stille da. Erwartete Schmerz, Angst oder Reue aber stattdessen erfüllte mich eine angenehme, satte Erleichterung. Als hätte ich einen Rucksack voller Steine abgesetzt.

Leopold kam zu mir, schmiegte sich und schnurrte. Na, mein Retter, lächelte ich, als Minna es wagte, sich auf meinen Schoß zu rollen.

Kurze Zeit später klingelte das Handy: Matthias Liebling stand da. Ich drückte auf stumm, änderte den Namen auf Matthias Ex und löschte die Nummer.

Ich holte mir ein Glas Riesling, machte mir ein Käsebrot. Mir war wunderbar ruhig ums Herz. Mir war klar, dass Matthias sicherlich versuchen würde, Kontakt aufzunehmen. Vielleicht würde es noch ein paar Diskussionen geben, aber ich wusste: Alles, was mir gehörte, war schon vor unserer Ehe da gewesen.

Abends klingelte es nochmals. Diesmal war es Frau Bergmann mit einem duftenden Blech Zwiebelkuchen. Annemarie, hab gehört, dass dein Mann mit den Koffern raus ist. Ist er dienstlich unterwegs?

Nein, Frau Bergmann, er ist ausgezogen. Für immer. Möchten Sie reinkommen? Es ist jetzt sehr still bei uns und ich habe endlich Zeit.

Der Abend wurde wunderschön. Wir tranken Tee, aßen Kuchen, die Katzen schnurrten, und ich habe zum ersten Mal seit Jahren richtig tief Luft geholt. Mir wurde klar: Einsamkeit ist nicht, mit Katzen allein zu sein. Einsamkeit ist, mit jemandem zu leben, der dich dazu bringt, dich selbst zu verraten.

Am nächsten Tag meldete ich Leopold und Minna zum Tierfriseur an. Sie sollten hübsch aussehen schließlich waren sie es, die mir geholfen hatten, den größten Ballast meines Lebens loszuwerden.

So endet dieser Tag. Und ich habe gelernt: Wer dich vor eine Wahl stellt zwischen Liebe und Gewissen, hat beides nicht verdient.

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Homy
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Ein Stück vom Glück