Könntest du nicht wenigstens mal deinen Bademantel wechseln? Es ist zum Kotzen, dich immer wieder in diesem ausgewaschenen Teil zu sehen du siehst aus wie eine Marktfrau vom Viktualienmarkt. Schau dir doch mal Claudia aus dem dritten Stock an. Die ist wie ein Wirbelwind, immer top gestylt, trägt sogar zum Müll runterbringen High Heels. Und wie die duftet nach Frühlingsblumen, nicht nach gebratenen Zwiebeln wie es bei dir ständig riecht.
Marlene legte langsam die schwere Gusseisenpfanne auf den Herd ab. Das Fett zischte zornig darin, doch das Geräusch verhallte in der erdrückenden Stille, die plötzlich in der Küche herrschte. Sie stand mit dem Rücken zu ihrem Mann, betrachtete den gefliesten Spritzschutz, dessen Fugen sie letzte Woche noch auf Hochglanz gebracht hatte. In ihr war etwas zerbrochen. Nicht krachend, sondern lautlos, so als würde eine Münze klirrend in einen tiefen Brunnen fallen.
Claudia ist fünfundzwanzig. Sie wohnt allein, arbeitet im Friseursalon als Rezeptionistin, bestellt ihr Essen jeden Tag. Und ich, Horst, bin gerade von der Schicht in der Maschinenfabrik gekommen, habe im Rewe eingekauft, zwei schwere Taschen geschleppt und stehe jetzt schon seit einer Stunde am Herd damit du morgen etwas zu Mittag hast.
Ach, fängst du wieder mit dem alten Lied an! Horst blätterte am Küchentisch auf seinem Handy durch die Nachrichten. Das Gejammer mit ich bin so müde, ich arbeite so viel. Jeder arbeitet. Meine Mutter war auch berufstätig und hat nebenher drei Kinder großgezogen, mein Vater lief immer im gebügelten Hemd herum und bei uns gabs jeden Sonntag Apfelstrudel. Es geht eben um den Willen, Marlene. Du lässt dich einfach schleifen, entspannst dich zu sehr. Denkst du, ein Ehering ist eine Lebensversicherung? Ein Mann braucht Inspiration. Gestern hat mich Claudia schon im Aufzug angelächelt da hatte ich direkt gute Laune. Und zu Hause? Da wartet du mit deiner miesen Miene und Frikadellen auf mich. Langweilig, Marlene. Fade.
Marlene drehte den Herd aus. Die Frikadellen waren noch halb roh, aber es war ihr plötzlich völlig egal. Sie rieb sich die Hände an der Schürze ab, die Horst eben noch so abfällig kommentiert hatte, und band die Schleife langsam auf.
Fade, sagst du? Sie drehte sich um. Ihr Gesicht war ruhig beängstigend ruhig. Normalerweise wurde sie jetzt laut, verteidigte sich oder fing an zu weinen. Doch diesmal Stille. Dir fehlt also Inspiration?
Ja, fehlt , brummte Horst, ohne das Handy wegzulegen. Hab ich kein Recht, auch daheim so einen gewissen Anspruch zu haben?
Natürlich, Horst. Du hast alle Rechte.
Marlene hängte die Schürze ordentlich an den Haken, verließ die Küche und ging ins Bad. Sie stand lange unter der Dusche, wusch den Geruch von Fett, die Müdigkeit und die verletzenden Worte von sich ab. Sie betrachtete ihre Hände gepflegt, so gut es der Fabrikjob eben zuließ, aber längst nicht mehr jugendlich. Siebenundzwanzig Ehejahre. Siebenundzwanzig Jahre war sie Rückhalt gewesen. Sie hatte Hemden gebügelt, Erkältungen gepflegt, an sich selbst gespart, damit er im Winter neue Winterreifen oder eine Angelausrüstung kaufen konnte.
Und jetzt Claudia. Die Schwebende. Mit den High Heels.
Nach dem Duschen trug Marlene ihre beste Nachtcreme auf, zog den seidenen Pyjama an, der sonst für besondere Anlässe reserviert war, und legte sich ins Bett, mit dem Rücken zur Wand. Horst kam später, satt und selbstzufrieden (er hatte wohl die Reste im Kühlschrank gegessen) und versuchte sie in den Arm zu nehmen, doch sie wich aus.
Nun stell dich nicht so an, maulte er. Ich sags doch nur zu deinem Besten. Das soll dir ein Ansporn sein.
Marlene schwieg. Ihre Entscheidung stand längst fest.
Am Morgen begann der Tag nicht wie sonst. Horst wurde nicht vom Duft des Kaffees geweckt, nicht vom Brutzeln der Eier in der Pfanne. In der Wohnung herrschte Totenstille. Erwartungsvoll schlich er in die Küche die Arbeitsfläche war unberührt. Kein belegtes Brot. Keine Tasse. Der Herd war kalt.
Im Schlafzimmer saß Marlene vorm Spiegel und schminkte sich. Sie trug ihr schönes Ausgehkleid das, das sie nur für die Oper anzieht und eben jene High Heels, über die Horst gestern hergezogen hatte.
Na, DAS nenn ich mal was! pfiff Horst anerkennend. Hörst eben doch noch auf deinen Mann! Siehst schick aus. Aber wo ist das Frühstück? Ich komm zu spät.
Frühstück fällt aus, sagte Marlene, prüfte den Lippenstift und küsste zur Probe die Luft. Claudia, soweit ich weiß, trinkt morgens einen Smoothie oder Café Latte im Café um die Ecke. Sie steht bestimmt nicht um sechs auf und brät Eier. Ich habe beschlossen, ihrem Vorbild zu folgen. Ästhetik, Horst, verlangt eben Opfer.
Du willst mich veräppeln? Horst runzelte die Stirn. Ich muss zur Arbeit, brauche was Richtiges. Willst du mir nicht schnell Eier machen?
Mein Make-Up ist fertig, ich will nicht, dass es verläuft. Sie griff nach der Handtasche und steuerte auf die Tür zu. Im Kühlschrank sind genug Eier. Du bist doch mein unabhängiger, inspirierter Mann du schaffst das sicher alleine.
Die Wohnungstür fiel zu. Horst blieb ratlos zurück. Er stand im Hausflur, kratzte sich am Bauch und trottete in die Küche. Die Pfanne fand er erst nach langem Suchen, das Öl spritzte ihm auf die Hand, das Ei verbrannte auf einer Seite, blieb glitschig auf der anderen. Kaffee lief beim Überkochen über den Herd. Beim Verzehr seiner verbrannten Spiegeleier kochte er vor Wut. Sie beruhigt sich wieder, redete er sich ein. Am Abend ist alles vergessen. Frauen muss man einfach mal zeigen, wo’s langgeht, dann wird man wieder freundlich.
Doch am Abend gab es kein freundlich. Horst kam vom Dienst, hungrig wie ein Wolf. Er träumte von gestern gekochtem Eintopf und den übrig gebliebenen Frikadellen. Doch die Wohnung war still. Kein Essensduft, nur der zarte Hauch von Parfüm, den Marlene gestern aufgetragen hatte.
Sie saß in der Wohnzimmerecke im Lesesessel und schlug gerade eine neue Buchseite auf. Immer noch elegant gestylt, in Schuhen (in der Wohnung!), Make-Up frisch.
Hallo, knurrte er im Vorbeigehen. Riecht hier nicht nach Abendessen?
Hallo, erwiderte sie und vertiefte sich in ihr Buch. Ich war im Café essen. Einen Salat mit einem Glas Wein. Sehr inspirierend. Fühle mich wieder wie eine Frau, nicht wie eine Küchenhilfe.
Und was soll ich essen? Horsts Stimme wurde lauter. Die Frikadellen von gestern?
Die hab ich heute Morgen weggeworfen, sie waren ja nicht durch und rochen, wie du meintest, nicht nach Blumen. Neue gibts keine.
Jetzt reichts aber! brauste Horst auf. Hab doch bloß mal was gesagt muss es denn gleich so ein Drama sein? Koch wenigstens schnell Nudeln!
Tiefkühlpizza ist im Gefrierfach, Wasser aus dem Hahn, Topf im Schrank viel Erfolg, Horst. Claudia steht sicher nicht für irgendeinen Kerl Nudeln am Herd, sie motiviert ihn zu Heldentaten. Also mach mal den Helden und koch dir selbst was.
Horst lief rot an. Er wollte einen Aufstand machen, auf den Tisch hauen, wie früher manchmal um Marlene zur Vernunft zu bringen. Doch ihr Blick stoppte ihn. Sie schaute ihn nicht mehr als Mann an, eher wie einen ungebetenen Gast. Oder wie eine lästige Fliege. Dieses Desinteresse war gruseliger als jedes Geschrei.
Er stampfte zur Küche, klirrte mit Geschirr, scheiterte an den Fertig-Knödeln, die zum Brei zerkochten, und aß dann trotzig aus dem Topf. Warten wir mal ab, wie lange sie das durchhält, dachte er halb beleidigt.
Eine Woche ging das so. Die Wohnung blieb überraschend sauber Marlene machte das Nötigste, aber alles, was Horst betraf, ignorierte sie.
Der Wäschestapel wurde immer höher, der Vorrat an Socken war aufgebraucht.
Marlene, wo sind meine Socken? rief er ins Schlafzimmer und wühlte in der Kommode.
Da, wo du sie gelassen hast im Wäschekorb, kam es aus der Küche, wo sie Tee trank und eine Serie auf dem Tablet schaute.
Sie sind schmutzig! Wieso läuft die Waschmaschine nicht mehr?
Meine Sachen hab ich gestern gewaschen. Deine wollte ich nicht anfassen. Immerhin riecht laut dir alles nach gebratenen Zwiebeln. Jetzt riechen meine Hände nach Lavendelcreme und das bleibt auch so. Ästhetik.
Machst du Witze?! Horst stand plötzlich im Flur, nur in Boxershorts und einem einzigen Socken. Ich geh arbeiten! Die Hemden sind auch nicht gebügelt!
Bügeleisen steht am Fenster, Bügelbrett hinter der Tür. Viel Spaß! Ich bin keine Waschfrau mehr. Ich bin jetzt eine Muse. Und Musen waschen keine Herrenunterhosen.
Horst musste die Wäsche alleine machen, füllte zu viel Pulver ein der Schaum drang aus der Maschine wie ein Lavastrom. Die Hemden kriegte er nur kraus gebügelt, am Kragen beinahe ein Loch eingebrannt. In der Firma guckten die Kollegen komisch, die junge Auszubildende Lisa, der er auch immer so gerne nachschaute, lachte verstohlen in die Hand.
Das nagte am Stolz. Horst beschloss, seine Taktik zu ändern. Wenn Marlene ihr eigenes Ding durchzieht, dann kann er das auch. Schließlich war er ja nicht auf sie angewiesen.
Am Freitag Abend machte er sich großspurig fertig. Sprühte sich mit Parfüm ein, zog das eine Hemd an, das Marlene vor einer Woche noch gebügelt hatte.
Ich geh raus, erklärte er an der Tür. Ins Brauhaus mit den Jungs. Wenn daheim keine Gemütlichkeit mehr ist, hol ich die mir eben woanders. Vielleicht treff ich auch Claudia die geht immer abends spazieren.
Geh ruhig, sagte Marlene. Viel Spaß. Und vergiss die Schlüssel nicht, ich geh vielleicht früh ins Bett.
Horst schlug die Tür hinter sich zu und wartete darauf, dass sie ihn aufhalten oder wenigstens fragen würde, wo er bleibt. Aber sie war es völlig egal.
Im Brauhaus wollte die Stimmung nicht aufkommen. Die Freunde beklagten sich über den Chef, über steigende Preise im Supermarkt, Politik. Horst klagte über Marlene.
Die ist total am Rad drehen, sagte er und kippte einen Kurzen. Stellt euch vor: Kocht nicht mehr, wäscht nicht mehr. Meint, sie wär jetzt beleidigt, weil ich Claudia erwähnt hab. Ich wollte sie doch nur wachrütteln.
Mensch, Horst, schüttelte Manni, sein Kumpel, den Kopf. Das macht man nicht. Mit Vergleichen ist bei Frauen Feierabend. Meine hätte mir längst die Pfanne übergezogen. Und deine hält noch gut durch. Bring Blumen, entschuldige dich lieber.
Kommt ja gar nicht in Frage! Horst schnaubte. Ich bin doch nicht der Fußabtreter. Wenn ich jetzt einlenke, sitzt sie mir auf der Nase. Nein, ich bleib stur. Wenn bei ihr das Geld knapp wird, krabbelt sie schon zurück. Ich hab die EC-Karte ja auch gesperrt.
Der Gedanke erschien ihm genial. Marlene verdiente zwar selbst, aber deutlich weniger als er. Die großen Einkäufe und Miete zahlte bisher er. Wenn sie am Erbseneintopf knabbert, erinnert sie sich schnell daran, wie schön es war, als ich noch alles bezahlt hab, dachte er.
Im Hausflur traf er, etwas beschwipst, auf Claudia. Sie kam gerade mit einem Taxi zurück, ein stattlicher junger Mann an ihrer Seite. Er trug Claudias Tasche, öffnete ihr die Tür, schaute sie verliebt an.
Guten Abend, Herr Steiner! rief Claudia fröhlich. Alles klar?
Jaja, murrte Horst. Waren Sie unterwegs?
Ja, im Kino. Das ist übrigens mein Verlobter, Tom.
Tom schüttelte Horsts schlaffe Hand mit einem festen, freundlichen Griff. Im Vergleich zu diesem athletischen, gepflegten jungen Mann wirkte Horst in seinem zerknitterten Hemd armselig. Claudia sah durch ihn hindurch wie durch einen Blumentopf im Treppenhaus. Kein Funke Inspiration, kein Flirt.
Zuhause war es dunkel. Marlene schlief. Horst legte sich aufs Sofa im Wohnzimmer ins eheliche Bett wollte er sich nicht begeben.
Am nächsten Morgen setzte er seinen Plan in die Tat um: er überwies das gesamte Geld vom Gemeinschaftskonto auf sein privates Konto. Nun hieß es warten.
Ein, zwei Tage später: Der Kühlschrank war leer bloß noch ein Stück alter Bergkäse und ein Glas Senf. Horst aß in der Kantine, abends gabs Döner vom Kiosk. Marlene schien gar nicht zu essen offenbar speiste sie woanders.
Mittwoch Abend brannten bei Horst die Sicherungen durch.
Marlene, ich hab Hunger. Im Kühlschrank herrscht Flaute. Gehst du nicht mal einkaufen?
Nein, antwortete sie, die Augen auf den Fernseher geheftet. Ich hab alles, was ich brauche. Joghurt und frisches Obst stehen in meinem Zimmer, im kleinen Kühlschrank, den ich aus der Schrebergartenlaube mitgenommen hab. Erinnerst du dich? Jetzt ist er nützlich.
Du hast Essen in deinem Zimmer? Horst war völlig perplex. Und ich?
Du, Horst, hast mir den Zugang zum Konto gesperrt. Wollte mir Brötchen holen, da kam die Sperrbenachrichtigung. Wenn du Wirtschaftssanktionen willst, dann führen wir eben auch getrennte Lebensmittelversorgung ein. Von meinem Gehalt kauf ich mir, was ich will. Und esse auch nur, was ich will.
Das ist unser gemeinsames Geld! brüllte Horst. Ich verdiene mehr! Ich darf das kontrollieren!
Dann kontrolliere. Du gibst es ja nicht für Essen für die Frau aus prima Sparmaßnahme. Aber denke daran: Die Wohnung gehört mir. Die hab ich von Oma schon vor der Ehe bekommen. Du bist nur hier gemeldet, aber der Eigentümer bin ich. Wenn du auf Marktwirtschaft machen willst können wir gern mal über Mietpreise sprechen.
Horst schnappte nach Luft.
Willst du mich rauswerfen? Wegen so etwas Lächerlichem? Nur weil ich gesagt hab, die Nachbarin sieht besser aus?
Nicht wegen Kleinigkeiten, Horst. Sondern weil du nicht mehr in mir siehst als eine Haushaltshilfe. Hol, mach, wasch, koch… und dann noch der Vorwurf, ich sei keine Claudia. Du willst alles haben: den Komfort, den ich schaffe, und das Bild, das Claudia vorlebt. Aber so funktioniert das nicht. Für Geborgenheit zahlt man mit Dankbarkeit und Respekt. Du zahlst mit Kritik.
Wer will denn schon ne Frau mit fünfzig! , kreischte er noch sein gemeinstes Argument raus. Glaubst du, da steht einer Schlange?
Mag sein, dass nicht. Aber ich kann auch in Ruhe leben. Essen, was ich will, tragen, was bequem ist, und mir keine Vorwürfe anhören, dass ich nach Zwiebeln rieche. Weißt du, was Einsamkeit ist, Horst? Wenn zwei Menschen in einer Wohnung sind und einem davon ist der andere egal.
Marlene stand auf, ging ins Schlafzimmer und schloss die Tür hinter sich.
Horst stand allein in der dämmrigen Wohnstube. Der Magen knurrte, aber schlimmer war das Ziehen im Herzen. Plötzlich wurde ihm klar: Sie meinte es ernst. Das war kein Spielchen mehr das war das Ende. Sie würde wirklich die Scheidung einreichen. Und dann?
Er sah sein Leben ohne Marlene vor sich: Eine gesichtslose Mietwohnung am Stadtrand, Berge schmutziger Wäsche, Fertignudeln zum Frühstück, Mittag und Abendbrot. Niemand, der fragt, wie sein Tag war, niemand, der ihm den Kragen richtet oder die verloren geglaubte Lesebrille findet. Und Claudia Claudia schaut ihn nicht mal an.
Drei weitere Tage vegetierte Horst. Er schwieg demonstrativ, doch Marlene störte das kein bisschen. Seine Versuche, selbst zu kochen, endeten in Katastrophen, und inzwischen sah die Küche aus wie nach einem Bombenangriff. Marlene ging selbstbewusst zur Arbeit gepflegt, aufrecht, fremd. Der Trotz hatte sie enorm verändert, sie erinnerte wieder an die Marlene von vor dreißig Jahren nur jetzt stärker.
Samstagmorgen weckte ihn ein Duft. Nach Vanille, nach frischem Kuchen. Sein Herz schlug höher. War jetzt endlich alles wieder gut?
Er stürzte in die Küche. Marlene stand am Herd, holte gerade einen Blechkuchen aus dem Ofen. Wunderschön, entspannt, in schlichter, gepflegter Hauskleidung.
Marlene! stieß Horst aus, frohlockend. Du hast gebacken! Ich wusste, du kannst nicht lange böse sein. Frieden?
Sie stellte den Kuchen auf den Tisch, schnitt ein großes Stück ab und legte es auf einen Teller.
Der ist für mich, sagte sie sachlich. Den Rest nehme ich mit.
Mitnehmen? Wohin denn?
Zu meinen Freundinnen. Wir treffen uns zum Kaffee.
Und ich? Seine Stimme zitterte schon.
Du darfst riechen. Du sagtest doch, es gehe um Ästhetik. Vanilleduft. Genieße das Bild. Den Kuchen bekommt der, der mich schätzt nicht der, der mich mit anderen Weibern vergleicht.
Sie verpackte den Kuchen sorgfältig und blickte Horst lange und ruhig an.
Übrigens: Ich habe gestern die Scheidung eingereicht. Das Amtsgericht gibt uns eine Frist, aber ich habe nicht vor, sie zu nutzen. Fang schon mal an, eine Wohnung zu suchen. Du hast einen Monat. Das Geld vom Konto kannst du behalten das brauchst du fürs Mieten und vielleicht für Blumen, falls du noch junge Nachbarinnen inspirieren willst. Falls sie dich überhaupt anschauen.
Marlene, warte! Horst packte sie am Arm. Verzeih mir, bitte! Ich war ein Idiot! Ich hab dich lieb, ich hab alles verstanden. Ich koche ab jetzt selbst. Ich bring dir Blumen!
Zu spät, Horst. Der Zug ist abgefahren. Und er war ein Schnellzug. Ich will keine Blumen mehr. Ich will für mich selbst leben. Siebenundzwanzig Jahre hab ich für dich existiert und alles war nichts wert. Lass mich los.
Sie zog ihren Arm weg, nahm den Kuchen und verließ die Wohnung.
Horst blieb in der Küche stehen. Vom Kuchen blieben ein paar Krümel für ihn. Aus dem Fenster schien die Sonne, und draußen unten auf dem Parkplatz lachte Claudia, stieg ins Auto ihres Verlobten. Die Wohnung war leer und still.
Er stellte sich vor den Flurspiegel und musterte sich zum ersten Mal ehrlich: Die Tränensäcke unter den Augen, die schütter werdenden Haare, der Bauch über dem Gürtel. Marlene hatte recht der König war nackt. Und außer seiner Frau wollte diesen König keiner. Und sie jetzt auch nicht mehr.
Einen Monat später waren sie geschieden. Horst zog in eine kleine Ein-Zimmer-Wohnung in München-Moosach, für mehr reichte es nicht. Alimente für seine Kinder aus erster Ehe, die Marlene ihm jahrelang organisiert hatte, musste er jetzt selbst zahlen. Kochen, waschen, bügeln? Er ließ sich gehen, wurde noch fülliger, ging ungepflegt zur Arbeit die Frauen ignorierten ihn.
Und Marlene? Sie blühte auf. Sie renovierte die Wohnung, schmiss das durchgelegene Sofa raus, begann mit Tanzkursen. Und, so sagt man, hat sie jetzt einen Verehrer einen ruhigen Mann, der sie nie mit jungen Mädels vergleicht, sondern ihr Blumen schenkt, einfach nur so und ihre Kuchen liebt! Der weiß: Eine Frau ist keine Funktion und kein Bild. Sie ist Wärme, Geborgenheit wenn du das nicht schätzt, spendet sie es irgendwann jemandem, der es verdient.





