Die eigene Stille Um sieben Uhr fünf vibrierte sein Bett, als hätte jemand es sanft angestoßen, und eine Bohrmaschine fraß sich in die Wand am Kopfende. Erst ruckartig, dann langgezogen und wütend. Alexej Petrowitsch fuhr hoch. Das Kissen rutschte zu Boden. Das Herz sackte tief, begann dort hastig, unregelmäßig zu schlagen. Er blieb sitzen, klammerte sich an die Matratzenkante, bis der Lärm zum diffusen Hintergrund wurde. In der Ecke flackerte das Display des alten Radioweckers: 7:06 Uhr. „Was sind das für Leute… Schon morgens so früh…“ murmelte er, suchte mit den Füßen nach seinen Hausschuhen. Der linke blieb unter dem Sessel liegen, also schlurfte er mit einem nackten Fuß in die Küche. Wasserhahn auf, Glas drunter, zwei große Schlucke – das Wasser war warm, von der Nacht. Im Brustkorb wurde es ein bisschen leichter. Die Bohrmaschine verstummte. Alexej Petrowitsch entspannte die Schultern, da begann drüben dumpfer Lärm – jemand schlug mit dem Vorschlaghammer oder brach Fliesen heraus. Dann ein Ausbruch von Gelächter, Ruf: „Kostja, halt gerade!“ Die Stimmen waren jung, männlich. Vermutlich die neuen Mieter aus Nummer 105, zwei Jungs in Sportjacken, die vor einem Monat eingezogen waren, mager, mit Kisten und Teppichrollen unter dem Arm. Auf dem Treppenabsatz hatte einer höflich gesagt: „Hallo Opa.“ Alexej Petrowitsch murmelte irgendwas Verlegenes, irritiert von diesem „Opa“. Danach überlegte er lange, wann ihn zuletzt jemand mit Namen und Vatersnamen angesprochen hatte und nicht so, als wäre er nur Kulisse im Treppenhaus. Seit zwei Jahren war er Rentner. Dreißig Jahre hatte er als Konstrukteur im Werk gearbeitet, war Stille und Zeichnungen gewohnt – Gedanken hört man am besten, wenn ansonsten nur das Summen der Lampen und das Rascheln von Papier zu vernehmen ist. Nach dem Zusammenbruch der Fabrik hielt er sich hier und da über Wasser. Zuletzt zeichnete er Konstruktionen am Computer für eine kleine Firma – zu Hause, am Fenster, am Schreibtisch. Die Neun-Zimmer-Wohnung gefiel ihm früher wegen der Ruhe besonders gut. Unten: ein kleiner Hof, Bank, zwei Pappeln. Die Straße hinter den Häusern filterte den Autolärm zu einem fernen, gleichmäßigen Brummen, das ihm längst vertraut war. Im letzten Monat wurde alles anders. Erst wurden in Nummer 103 die Fenster ausgetauscht – eine Woche lang Flexen und Bohren. Dann in 101 Fliesen im Bad, wo der Staub im Flur so stark war, dass man sich am liebsten die Nase ausgewaschen hätte. Jetzt 105. Er hatte das Gefühl, die Bohrmaschinen reichten sich im Haus die Staffel weiter. Er versuchte zu ertragen, tröstete sich damit, dass der Renovierungslärm irgendwann aufhört. Das Radio auf volle Lautstärke, Nachrichten auf dem Tablet. Doch die Bohrmaschine schwieg und jaulte, in seinem Kopf wuchs dumpfer Schmerz. Der Blutdruck spielte verrückt, die Tabletten für den Kreislauf nahm er jetzt öfters. Nachts, wenn scheinbar alles ruhig war, begann bei den Jungen über ihm das Leben: Lachen, Musik, Bässe, die durch die Wände donnerten. Eines Abends hielt er es nicht mehr aus. Fast elf, der Lärm von unten ließ die Gläser im Schrank klirren. Alexej Petrowitsch stand auf, zog die alten Schlafhosen an, schlüpfte in Turnschuhe ohne Socken und ging zur Tür. Kette ab, Tür auf, auf den Flur. Die Wände vibrierten, in den Briefkästen klapperten die Klappen. Hinter Tür 105 das hohe Jaulen des Trennschleifers. Er ballte die Faust, klopfte dreimal laut an die Tür. Sofort Stille. Nach ein paar Sekunden öffnete sich die Tür einen Spalt. Ein junger Mann im grauen T-Shirt, zerzaust, mit Schutzbrille auf der Stirn und weißen Spachtelspuren auf der Brust stand da. „Was?“ fragte er, verbesserte sich: „Oh, guten Abend. Ist was passiert?“ „Ja, ist“, brachte Alexej Petrowitsch heraus. „Es ist spät, es ist Nacht.“ Er merkte, wie seine Stimme zitterte, was ihn umso wütender machte. „Ach so, ja“, der Junge sah zurück in die Wohnung. „Wir hören gleich auf, wir haben wirklich null Zeit, nur noch heute bis…“ „Bis morgen früh?!“ fuhr Petrowitsch dazwischen. „Ist Ihnen egal, dass die Wände hier wackeln? Dass hier Alte und Kranke wohnen? Dass ich morgen zum Arzt muss und nicht schlafen kann?“ Die eigenen Worte klangen fremd, schrill, wie von TV-Krawallmachern. Der Junge sackte zusammen, als hätte ihn eine echte Faust getroffen. „Okay, okay“, murmelte er. „Passiert nicht mehr. Entschuldigung.“ Die Tür schloss sich vorsichtig. Der Lärm kehrte tatsächlich nicht zurück. In der Stille klappte oben die Lifttür. Alexej Petrowitsch blieb noch einen Moment stehen, spürte, wie der heiße Knoten in ihm langsam schwand. Auf dem Heimweg spähte er auf den Türspion von 103 – leer, doch ihm war, als beobachtete man ihn. In seiner Wohnung sah er sich im Spiegel im Flur. Müde, gealtert. „Auf Jungs losgehen… Super. Held“, dachte er und verzog innerlich das Gesicht. In dieser Nacht schlief er nicht wegen des Lärms schlecht, sondern aus Scham. Er erinnerte sich daran, wie in Sowjetzeiten über ihm in der Kommunalka nachts das Holz fürs den Ofen gehackt wurde. Damals dachte er, dass er nie einer sein würde, der mit dem Besenstiel gegen die Decke hämmert. Am nächsten Morgen weckte ihn kein Bohrer, sondern das Klingeln an der Tür. Es war zehn vor neun. Hemd drüber, in den Flur getrottet. Im Spion: der Junge von gestern, jetzt in sauberem Shirt, mit Tüte. „Guten Tag“, sagte er, als Petrowitsch öffnete. „Wir gestern, naja… War blöd. Hier, Schokolade. Und… wenn wir noch mal laut sind, einfach Bescheid sagen. Wir können reden.“ In der Tüte lag eine Tafel dunkle Schokolade und eine Packung Tee. Petrowitsch war verlegen, murmelte Dank, nickte. Dann standen sie noch kurz unbeholfen im Türrahmen, verabschiedeten sich. Bis zum Abend blieb es ruhig, aber das Gefühl ging nicht weg – als hätte er einen kleinen Kampf gewonnen, aber etwas in sich selbst verloren. Schon beim Gedanken, bald wieder zu klopfen, zog sich alles in der Brust zusammen. Am nächsten Tag ging die Bohrerei wieder los. Wenigstens erst ab zehn, nicht ab sieben. Dafür zog es sich bis neun Uhr abends. In den Pausen begann oben wieder Musik – Bässe, die ihn neuerdings nachts aufweckten. Da hatte er sich noch nie beschwert. Stattdessen steckte er sich Ohrstöpsel in die Ohren, doch auch durch sie drang das dröhnende Brummen. Am Ende der Woche bemerkte er, dass er schon eine Stunde vor dem Wecker wach wurde, lauschend auf die Stille wie auf ein Minenfeld. Jeder Schlag klang wie der Beginn der nächsten Hölle. In der Hausapotheke war die Blisterpackung leer, er musste in die Apotheke. Auf dem Heimweg stieg er ins Hausmeisterbüro, wo die bekannte Verwalterin saß – klein, Brille an der Kette. „Alexej Petrowitsch, wie geht‘s?“ fragte sie, sortierte Papier. „Zu laut“, sagte er. „Eine Baustelle nach der anderen. Ist das eigentlich erlaubt, so viel zu bohren?“ Sie seufzte. „Laut Gesetz zur Mittagsruhe darf montags bis freitags von 9 bis 13 Uhr und 15 bis 19 Uhr gebaut werden. Am Wochenende kürzer. Wir können nur bitten. Eine Erinnerung ans schwarze Brett hängen. Wollen Sie ein Aushang, ich schreibe einen?“ Er verzog das Gesicht. Aushänge hängen seit Jahren: „Keine Fahrräder im Flur“, „Müll rausbringen“, „Nicht rauchen“. Die Leute lesen’s, seufzen, machen ihr Ding. „Danke, nicht nötig“, sagte er. Überlegte kurz. „Gibt es noch eine aktive Nachbarschaftsvorsitzende bei uns?“ „Natalja Sergejewna? Aber klar. Sie hält alle auf Trapp“, sagte die Frau respektvoll. „Ist auch im Hauschat.“ Hauschat. Auf Alexej Petrowitschs Handy: nur das alte Tastenmodell. Doch die Enkelin hatte ihm vor einem halben Jahr ein Smartphone geschenkt und eingerichtet. Messenger installiert, aber bisher nur zum Verschicken von Smileys an die Enkeltochter benutzt. Zuhause suchte er im Zettel mit Passwörtern, fand auf dem Handy „Haus 14, Eingang 3“. Der Chat tauchte sofort auf. Rund vierzig Leute: Katzenfotos, Meldung über kaputten Lift, Beschwerden über den Hof. Er zögerte lange, bevor er schrieb. Die Finger tippelten ungeschickt übers Display. Erst wollte er schreiben: „Liebe Nachbarn, bitte hört auf mit endlosem Lärm!“, löschte es wieder. Setzte stattdessen neutraler an. „Guten Tag. Hier spricht Alexej Petrowitsch aus 97. Es gibt viele Renovierungen und laute Musik im Haus. Ich schlafe schlecht, Kreislaufprobleme. Vielleicht können wir uns über feste Zeiten fürs Lärmen einigen?“ Antwort kam schneller als erwartet. „Alexej Petrowitsch, hallo, hier ist Natalja Sergejewna, die Vorsitzende. Sie haben recht. Lassen Sie uns das gemeinsam besprechen.“ Dann hagelte es Nachrichten. Manche klagten über den Bohrer in 105, andere verteidigten die Handwerker: „Die müssen auch leben.“ Eine junge Mutter aus 109 schrieb: „Mein Kleiner schläft mittags. Wenn gebohrt wird, wacht er auf und schreit. Bitte genaue Zeiten festlegen.“ Petrowitsch las und spürte seltsame Erleichterung. Offenbar nervte der Lärm auch andere. Große Forderungen wollte er nicht stellen. Stattdessen schrieb er: „Es gibt ein Gesetz zur Mittagsruhe. Lärmarbeiten sind von 9 bis 13 und 15 bis 19 Uhr erlaubt. Nachts nicht. Vielleicht einigen wir uns darauf für unseren Hausflur? Und wer bohren muss, gibt vorher hier im Chat Bescheid.“ Im Chat wurde zwei Stunden diskutiert. Natalja Sergejewna schlug ein Treffen der Hausbewohner vor. Der Junge aus 105 meldete sich endlich: „Hier Kostja aus 105. Wir renovieren. Halten uns ans Zeiten. Diskutieren wir gern gemeinsam ab.“ Am Abend rief Natalja Sergejewna Petrowitsch persönlich an. Ihre Stimme war energisch und herzlich. „Alexej Petrowitsch, so läuft das. Statt im Chat zu streiten – mit den Leuten reden. Morgen um sieben bin ich am Hauseingang. Gehen wir zusammen zu den Musikern oben und den Renovierern aus 105. Einverstanden?“ Überrascht legte er auf: So schnell wandelt sich Chat in echte Begegnung. Die Angst blieb, doch an Rückzug war nicht mehr zu denken. Die Nacht überlegte er, was er sagen würde – dass er früher selbst jung war, Wyssozki laut gehört hatte, aber jetzt Herz und Tabletten; dass man Rücksicht nehmen sollte. Die Rede zerfiel jedes Mal. Am Folgetag räumte er im Flur, wischte Staub, hing die Jacke um. Fünf vor sieben stand er bereit an der Tür, lauschte auf den Flur. Der Aufzug klingelte, eine kräftige Frau in hellem Mantel erschien mit Aktenmappe. „Na dann, los geht’s?“ sagte Natalja Sergejewna. Er nickte. Hoch zum zehnten, zu den „Musikern“ oben – eine junge WG, die Petrowitsch bislang nur aus Lärm kannte: abends Musikboxen, Lachen. Jetzt standen eine blasse Frau mit blonden Haaren und ein nerdiger Typ im Türrahmen. „Guten Tag“, begann Natalja Sergejewna, „wir sind vom Haus. Keine Angst, wird kein Streit.“ Der junge Mann war verkrampft, die Frau hielt ihr Handtuch fester. „Es ist so, dass Ihre Musik spät abends sehr laut ist“, machte sie weiter. „Wir haben Rentner, Kinder. Es gibt einen Zeitplan. Schauen Sie.“ Aus der Mappe holte sie eine Tabelle: Wochentage, Stunden fürs Lärmen und Stille. Petrowitsch hatte die am PC gebastelt, Abschnitte extra deutlich. „Wir sind doch eh nicht nach elf laut“, sagte der Typ unsicher. „Meistens nur Filme. Wir sind jung, brauchen das einfach.“ Er blickte Petrowitsch suchend an; der wusste, jetzt sollte auch er etwas sagen. „Ich versteh euch“, begann Petrowitsch. „Wir haben früher auch die Platten auf Anschlag gehabt. Aber mir fällt’s jetzt schwer; Herz. Bässe wecken mich, als wär’s auf der Baustelle. Wenn ihr nach zehn leiser macht, kann ich schon besser schlafen. Die Kinder auch. Und vorab kurz in den Hauschat schreiben, wenn’s mal lauter wird – dann nehme ich die Tablette vorher, schließe das Fenster. Es ist ein Unterschied, ob man weiß, dass es gleich vorbei ist.“ Er war selbst erstaunt: Die Stimme war ruhig. Die junge Frau lockerte das Handtuch. „Ehrlich gesagt, wir wussten nicht, dass man alles so hört“, gestand sie. „Vorher haben die Nachbarn noch lauter gebrüllt als die Musik. Okay. Nach zehn Kopfhörer, Film leise. Und wenn Party, sagen wir Bescheid. Und Sie auch – klopfen, äh, schreiben.“ „Abgemacht“, lachte Natalja Sergejewna. Noch ein Stock tiefer zu Nummer 105. Frischer Spachtel und Grundierung sprangen einem an der Tür entgegen. Auf den Klingelton öffnete Kostja, noch ein Kumpel lugte hervor. Innen alles abgehängt mit Folie, Kabelreste auf dem Boden. „Ah, bekannte Gesichter“, sagte Kostja, sah Petrowitsch. „Wir stören schon wieder?“ „Keine Sorge, wir wollen reden“, wiederholte Natalja Sergejewna ihr Mantra. Die Jungs sahen sich den Plan an, hörten von Mittagsschlaf des Kindes aus 109, Petrowitschs Blutdruck, dem Gesetz der Stadt. „In zwei Wochen muss alles fertig sein“, gestand der Kumpel. Die Hand zitterte, als er den Schraubendreher wegsteckte. Man merkte, die Verantwortung für den Auftrag war schwer. „Hat jemand gesagt, dass bis Mitternacht gebohrt werden muss?“ fragte Petrowitsch freundlich. „Machen wir so: werktags von zehn bis eins und von drei bis sieben Krach, sonst ruhigere Arbeiten. Spachtel oder Tapete – sind doch keine Unmenschen, wissen ja, dass niemand aus Spaß Löcher bohrt.“ Kostja grinste schief. „Wäre komisch, aus Spaß“, sagte er. „Okay. Machen wir. Im Prinzip läuft’s eh so. Wenn’s mal länger dauert, sagen wir vorher im Chat Bescheid. Heute bis acht, z.B.“ „Und am Wochenende bitte nur bis vier!“, schaltete sich Natalja Sergejewna ein. „Die Leute brauchen Pause.“ Händeschütteln, Tür zu. Im Treppenhaus nur noch das Schimpfen eines Kindes aus dem zweiten, das nicht Hände waschen will. „Na, sehen Sie“, sagte Natalja Sergejewna. „Wichtig ist: ruhig bleiben. Wer nicht will, mit dem reden wir anders.“ Petrowitsch nickte. Innen wie nach bestandenem Examen: leer und befreit. Gleichzeitig eine seltsame Achtung vor sich selbst. Kein Held, kein Polizist, nur ein Nachbar, der das Gespräch gesucht hat. Und am nächsten Tag: Bohrmaschine erst ab zehn, Schluss um halb eins, nachmittags drei bis sieben, dann Chatnachricht: „Heute bis 20 Uhr, ist dringend. Sorry. Kostja, 105.“ Es folgten ein paar kritische Smileys und ein Like von den Jungen. Petrowitsch sah aufs Handy, schrieb: „Dann morgen Mittag eine Stunde extra Ruhe? Grüße, 97.“ Kostja schickte ein Herz zurück. Abends oben Musik, aber leiser. Die Bässe kaum mehr zu spüren, nur dumpfer Rhythmus. Um neun eine Hauschat-Nachricht von der Frau oben: „Liebe Nachbarn, heute kommen Freunde, wir sitzen bis 23 Uhr ruhig beisammen. Falls es doch laut wird – bitte melden.“ Petrowitsch entspannte sich im Sessel. Es war merkwürdig zu merken, wie alles, was früher bedrohlich und amorph war, zu Uhrzeiten und kurzen Nachrichten wurde. Manchmal drang der Lärm doch durch die Wände. Mal schrie das Kind unten, mal fiel oben etwas Schweres. Mal bohrte Kostja doch fünfzehn Minuten länger, und das Haus vibrierte wieder. Aber jetzt hatte der Lärm ein Gesicht, einen Namen, eine Wohnungsnummer. Man konnte schreiben, anrufen. Auch einmal selbst die Grenzen verschieben, wenn es nötig war. Das Gefühl, Teil von Verhandlungen zu sein und nicht Opfer einer rauen Stadt – das war für Alexej Petrowitsch wichtiger geworden als absolute Stille. Eines Tages saß er am Schreibtisch über einem Plan, das Fenster offen, draußen schlug jemand auf Metall. Früher hätte er das Fenster zugeknallt. Jetzt dachte er: Es ist Arbeitszeit – und wandte sich wieder den Linien zu. Keine Hektik im Herzen, keine schwitzenden Hände. Eines Abends holte er ein altes Radio aus dem Schrank, stellte es in der Küche auf, drehte auf seine Stammfrequenz. Acht Uhr, Nachrichten. Er bemerkte, dass er den Ton lauter stellte als sonst. Früher war er extrem leise gewesen, aus Sorge, selbst zu stören. Jetzt dachte er: Um sieben Uhr abends hat er genauso das Recht darauf wie Kostja auf seine Bohrmaschine um drei. Im Nebenraum lachte jemand. Vermutlich die Jungen oben beim Serienabend. Unten jaulte die Bohrmaschine kurz auf und schwieg – als hätte der Handwerker auf die Uhr geschaut und abgeschaltet. Alexej Petrowitsch schenkte sich schwarzen Tee ein, brach von der Schokolade, die noch vom peinlichen Besuch übrig war, ein Stück ab. Im Chat tauchte derweil ein Foto vom neuen Fußabstreifer am Lift auf. Jemand fragte, ob das Kind seinen Roller verloren hätte. Der Lärm zerfiel in einzelne Stimmen und Bildchen. Die Stille, die nun zwischen Nachrichten und dem Klirren des Teelöffels in der Küche herrschte, erschien ihm nicht mehr fragil oder zufällig – sondern wie ein ausgehandelter, besprochener Raum, in dem jeder Nachbar einen Schritt machte. Weniger laut ist es nicht geworden. Aber morgens am Fenster weiß Alexej Petrowitsch, dass er jederzeit im Chat schreiben, telefonieren, anklopfen kann – nicht schreiend, sondern mit einer Zeitabsprache. Und allein dieses Wissen macht die Nächte fester und das Alter spürbar weniger hilflos.

Seine Ruhe

Um sieben Uhr und fünf Minuten wird Johann Albrecht unsanft geweckt. Ein dumpfer Ruck geht durch das Bett, wie nach einem kleinen Erdbeben, und eine Bohrmaschine frisst sich mit einem schrillen Jaulen durch die Wand am Kopfende. Erst ruckartig, dann in einem wütenden, langgezogenen Kreischen.

Johann setzt sich auf, die Decke rutscht auf den Boden. Sein Herz sackt in den Magen und beginnt dort zu pochen, schnell und unregelmäßig. Eine Weile sitzt er, klammert sich an den Rand der Matratze, bis der Lärm zu einem programmierten Hintergrundgeräusch wird. Im dunklen Zimmereck leuchtet das alte Radiowecker-Display: 7:06 Uhr.

Was sind das für Leute, um diese Uhrzeit denkt er, während er die Pantoffeln sucht. Der linke steckt wie immer unter dem Sessel, darum schlurft er mit nur einem an den Füßen in die Küche, während die nackte Ferse über das Linoleum schabt. Er dreht den Wasserhahn auf, füllt ein Glas und trinkt zwei große Schlucke. Das Wasser ist lauwarm und schmeckt nach Nacht es beruhigt seine Brust ein wenig.

Die Bohrmaschine schweigt. Johann entspannt die Schultern, doch statt des Bohrens beginnt nun dumpfes Hämmern irgendwo werden Fliesen abgeschlagen oder Wände eingerissen. Da bricht jemand in Gelächter aus, ein Rufen:

Felix, halt die Latte gerade!

Die Stimmen sind jung, männlich. Vermutlich die neuen Nachbarn aus Wohnung 205. Er sah sie ein, zwei Mal: Zwei Jungs in Sportjacken, dünn, Kartons und Teppichrollen unter dem Arm. Am Treppenabsatz sagte einer damals höflich:

Guten Tag, Opa!

Johann murmelte verlegen etwas Unverständliches, irritiert vom Opa. Danach konnte er sich nicht erinnern, wann ihn jemand zuletzt beim Namen genannt und nicht nur als Teil der Hauskulisse behandelt hatte.

Johann ist seit zwei Jahren Rentner. Dreißig Jahre arbeitete er als Konstrukteur im Maschinenbau, gewohnt an Zeichentische und Stille. Er glaubt: Gedanken entfalten sich nur bei leisem Lampenbrummen und dem Rascheln von Papier. Nach der Schließung der Fabrik jobbte er mal hier, mal da. Die letzten Jahre zeichnet er mit CAD für eine kleine Firma daheim, am Fenster, wo sein Tisch steht. Seine Wohnung im neunten Stock mochte er immer vor allem wegen der Ruhe. Nur Innenhof, Bank und zwei Pappeln vorm Fenster. Der Verkehr wird von den Häusern so gedämmt, dass sein Rauschen wie ein ferner Fluss klingt, ganz gleichmäßig.

Seit ein paar Wochen ist alles anders. Erst wurden in 203 die Fenster gewechselt, eine Woche lang schnitt man Profile, stemmte Beton. Dann wurde in 201 das Bad saniert: Staubgeruch hing tagelang im Treppenhaus, man konnte kaum mehr durchatmen. Jetzt eben 205. Es kommt Johann vor, als würden die Bohrmaschinen sich den Staffelstab weiterreichen.

Er versuchte es mit Geduld. Sagte sich, irgendwann ist die Sanierung vorbei. Er stellte das Radio laut, las Nachrichten auf dem alten Tablet. Doch das Kreischen hörte nie auf, mal war es leiser, dann wieder bohrte es los, und mit der Zeit bekam er einen dumpfen Kopfschmerz. Sein Blutdruck stieg, die Tabletten dagegen braucht er jetzt jeden Tag. Und wenn nachts endlich Ruhe ist, feiern die Jungen über ihm auf dem zehnten Stock: Lachen, Musik und Bässe, die durch die Wände pochen wie Trommelschläge.

Eines Abends kann Johann nicht mehr. Es ist fast elf, unten scheppert es so sehr, dass die Gläser im Schrank vibrieren. Also steht er auf, zieht seine alten Jogginghosen an, steckt die nackten Füße in Turnschuhe und geht zur Wohnungstür.

Er nimmt die Sicherheitskette ab, öffnet und tritt auf den Flur. Die Wände zittern, die Briefkastentürchen schlagen. Hinter der Tür von 205 jaul die Flex.

Johann ballt die Faust, klopft dreimal kräftig.

Sofort verstummt der Lärm. Ein paar Sekunden später öffnet sich die Tür einen Spalt. Im Rahmen steht ein junger Mann in grauem T-Shirt, zerzauste Haare, Schutzbrille auf der Stirn, weiß verschmiert mit Spachtelmasse.

Was gibts? fragt er erst, dann erinnert er sich: Ach, guten Abend. Ist was passiert?

Ja, atmet Johann schwer, Es ist Zeit. Es ist Nacht.

Er spürt, wie seine Stimme zittert das macht ihn noch wütender.

Ah, schon, der Junge schaut zurück in die Wohnung. Wir machen gleich Schluss. Uns läuft echt die Zeit weg, nur noch heute

Bis morgens? fährt Johann ihn an. Ist euch egal, dass hier alles wackelt? Dass es hier Senioren gibt, Kranke? Ich muss morgen zum Arzt, und ich kann nicht schlafen!

Ihm kommen die eigenen Worte fremd vor, laut und schrill, wie bei einer Fernsehdebatte. Der Junge schaut bedrückt, als hätte ihn eine Hand getroffen.

Okay, okay, murmelt er. Wir hören auf. Entschuldigung.

Die Tür schließt sich vorsichtig. Es bleibt still. Aus dem Obergeschoss fällt die Fahrstuhltür ins Schloss.

Johann bleibt noch einen Moment stehen, bis der heiße Ball in seinem Körper verschwindet. Auf dem Heimweg sieht er durch den Spion der Wohnung 203 dahinter ist niemand, trotzdem fühlt er sich beobachtet. In seinem Flur begegnet ihm sein eigenes Spiegelbild: Müde, älter geworden.

Nun krakeelst du schon mit den Jungen Toll gemacht. Held. denkt er ironisch über sich.

In der Nacht kann er kaum schlafen nicht wegen Lärm, sondern vor Scham. Er erinnert sich, wie in den Nachkriegsjahren über seiner Mietwohnung Holz für den Ofen gehackt wurde, manchmal bis zum Morgen. Damals schwor er, nie zu jemandem zu werden, der mit dem Besenstiel gegen die Decke hämmert.

Am Morgen wird er nicht von der Bohrmaschine geweckt, sondern vom Klingeln. Neun Uhr zehn zeigt sein Radiowecker. Johann wirft das Hemd über, schlurft zum Flur. Durch den Spion sieht er den Jungen von gestern diesmal in sauberem Shirt, einen Beutel in der Hand.

Guten Morgen, sagt er, als Johann öffnet. Gestern war echt zu viel. Hier, für Sie. Schokolade. Und wenn wir wieder laut sind, sagen Sie bitte Bescheid. Wir können uns absprechen.

Im Beutel liegen eine Tafel Zartbitterschokolade und schwarzer Tee. Johann wird verlegen, stammelt seinen Dank, nickt. Sie stehen unsicher zwischen Tür und Angel, dann gehen beide ihrer Wege.

Bis zum Abend bleibt es ruhig, doch das Gefühl bleibt: Als hätte er einen kleinen Kampf gewonnen, aber etwas in sich verloren. Sobald er daran denkt, wieder bei jemandem klopfen zu müssen, schmerzt die Brust.

Am nächsten Tag geht die Bohrmaschine wieder los wenigstens erst um zehn, nicht um sieben. Dafür wieder bis neun am Abend. Dazwischen feiern die Jungen oben Bässe, von denen Johann nachts erwacht. Bisher hat er sich nicht getraut, sie zu bitten er steckt sich nur Ohrstöpsel ins Ohr, doch das Brummen ist immer noch zu hören.

Am Ende der Woche merkt er, dass er schon eine Stunde vor dem Wecker aufwacht, horcht in die Stille wie auf ein Minenfeld. Jeder Schlag wirkt wie das Anfangssignal für einen andauernden Alptraum. Die Blisterpackung mit Tabletten ist leer, er muss neue in der Apotheke holen.

Auf dem Heimweg geht er im Hausmeisterbüro vorbei. Die Verwalterin sitzt dort klein, mit Brille an einer Goldkette.

Herr Albrecht, wie gehts Ihnen? fragt sie, sortiert Briefe.

Zu laut, antwortet Johann. Renovierung an Renovierung. Darf man eigentlich so viel bohren?

Sie seufzt.

Das Landesgesetz erlaubt werktags Baulärm von 9 bis 13 und 15 bis 19 Uhr. Am Wochenende kürzer. Wir können nur bitten. Zettel an die Tür hängen. Soll ich eine Mitteilung formulieren?

Johann zuckt ab. Zettel über Fahrräder, Müll, Rauchen hängen seit Jahren im Flur keiner hält sich dran.

Danke, lassen Sie, sagt er. Gibt es noch eine Haussprecherin bei uns?

Frau Natalie Schumann? Ja, die ist noch aktiv, antwortet sie achtungsvoll. Die organisiert alles auch unsere Hauschatgruppe.

Hauschat. Johann hat einen uralten Knopf-Handy, aber vor einem halben Jahr hat ihm die Enkelin ein Smartphone geschenkt und eingerichtet. Darauf ist schon ein Messenger installiert, aber er nutzt den kaum nur für ein Emoji an sie.

Zuhause kramt er den Zettel mit Passwörtern heraus, sucht Haus Nummer 14, Eingang 3. Schnell findet er die Gruppe: Vierzig Mitglieder, Katzenbilder, Nachrichten über den kaputten Fahrstuhl, Beschwerden über die Putzfrau.

Lange überlegt er, was er schreibt. Seine Finger tippen unsicher. Erst will er tippen: Liebe Nachbarn, bitte hört auf, immer Krach zu machen. Doch dann löscht er alles, schreibt vorsichtiger:

Guten Tag, ich bin Johann Albrecht aus der 97. Im Haus ist viel Baulärm und laute Musik. Ich schlafe schlecht, habe Druck. Können wir uns auf Zeiten einlassen, wann Lärm okay ist und wann nicht? dabei vertippt er sich sogar bei seinem Namen.

Antwort kommt, bevor er den Blick vom Bildschirm nimmt.

Herr Albrecht, hier spricht Natalie Schumann, die Haussprecherin. Da haben Sie recht. Lassen Sie uns das besprechen.

Dann folgen andere Nachrichten. Einigen ist die Bohrerei in 205 auch zu viel. Andere verteidigen die Handwerker, die müssen halt auch fertig werden. Eine junge Mutter aus der 209 schreibt: Mein Baby schläft mittags. Bei Bohrlärm wacht er auf und schreit. Wir brauchen einen klaren Rhythmus.

Johann liest und ist erleichtert. Nicht nur ihn stört alles. Aber scharfe Forderungen will er nicht stellen. Stattdessen schlägt er vor:

Das Landesgesetz sagt: Lärm von 9 bis 13 und von 15 bis 19 Uhr. Nachts nicht. Sollen wir uns das für den Eingang als Regel setzen? Und wer laut sein will, sagt vorher Bescheid.

Zwei Stunden brodelt der Chat. Natalie Schumann schlägt ein Treffen der Hausbewohner vor. Schließlich meldet sich Felix aus 205:

Hi, hier ist Felix. Wir renovieren. Lässt sich nach Uhrzeit absprechen. Sagt Bescheid.

Frau Schumann ruft abends bei Johann an. Ihre Stimme ist energisch und herzlich.

Herr Albrecht, wissen Sie was? Man muss nicht nur chatten man muss reden. Morgen um sieben bin ich am Eingang, dann gehen wir zusammen zu den Musikern oben und den Handwerkern in 205. Einverstanden?

Er legt überrascht auf: Dass das so schnell zur echten Begegnung kommt, hat er nicht erwartet. Er zögert, aber entscheidet, er kann jetzt nicht mehr zurück.

Die ganze Nacht übt er das Gespräch: Wie er sagt, dass er auch mal jung war, Platten laut hörte, jetzt aber Herzprobleme und Tabletten hat, wie er um Rücksicht bittet. Doch jedes Mal zerfallen die Sätze in Stücke.

Am nächsten Tag macht er den Flur sauber, wischt die Regalfläche ab, hängt die Jacke um alles wirkt wie Vorbereitung. Fünf vor sieben steht er schon an der Tür und lauscht. Der Fahrstuhl klingelt, eine kleine, kräftige Frau im hellen Mantel taucht auf, eine Mappe unter dem Arm.

Na, dann los, sagt Natalie Schumann energisch.

Johann nickt. Sie fahren zu den Musikern im zehnten Stock ein junges Paar, er kennt sie nur vom Lärm. Beim Aufmachen steht ein blasser Typ in Brille und eine blonde junge Frau im Bademantel vor ihnen.

Guten Abend, beginnt Frau Schumann freundlich. Wir kommen vom Haus, bitte nicht erschrecken, wir wollen reden, nicht schimpfen.

Der junge Mann wirkt angespannt, die Frau hält das Handtuch fester.

Es geht um eure Musik. Die Bässe sind spät abends laut hier wohnen Rentner und kleine Kinder. Wir haben einen Vorschlag:

Sie zieht eine Tabelle aus der Mappe: Wochentage, Stunden für Lärm, Stunden für Ruhe. Johann hat das gestern am PC selbst vorbereitet und extra groß gedruckt.

Wir machen ja nicht nach elf, sagt der junge Mann unsicher. Manchmal nur ein Film. Wir sind halt jung, brauchen na ja

Er schaut zu Johann als ob er Verständnis erhofft. Johann spürt, dass er nun etwas sagen muss.

Ich verstehe euch, sagt Johann. Meine Frau und ich haben früher selbst Platten gehört. Aber jetzt geht es mir schlecht. Das Herz schlägt, ich wache bei eurem Bass auf, als wäre Baustelle. Wenn ihr ab zehn leiser seid, wirds für mich leichter. Kinder schlafen ja auch. Und wenn ihr mal lauter feiern wollt, sagt vorher im Chat Bescheid. Dann nehme ich meine Tablette und mache Fenster zu. Es ist einfacher, wenn man weiß, es ist für eine Stunde.

Er wundert sich selbst über seine ruhige Stimme.

Das Mädchen entspannt sich, lässt das Handtuch los.

Ehrlich gesagt, wir wussten nicht, dass man alles so hört, gibt sie zu. Unsere früheren Nachbarn waren lauter als jede Musik. Okay wir nutzen nach zehn Kopfhörer, Filme laufen leise. Und wenn was ist, schreibe ich vorher. Und Sie, klopfen Sie ruhig also schreiben Sie.

Abgemacht, lacht Frau Schumann.

Sie gehen eine Etage runter zu Felix in 205 frischer Putzgeruch liegt im Treppenhaus. Felix öffnet, noch ein Junge taucht hinter ihm auf. Drinnen liegt überall Baustellenfolie, Kabelreste am Boden.

Die kennt man doch schon, scherzt Felix. Wegen Lärm?

Nicht schimpfen, wiederholt Frau Schumann. Wir wollen absprechen.

Die Jungs hören aufmerksam zu. Ihnen wird die Tabelle gezeigt, dazu Geschichten über das schlafende Baby in 209, Johann Albrechts Blutdruck und die gesetzliche Stadtordnung.

In zwei Wochen muss das fertig werden, sagt Felix Kollege ihm. Würde ja gerne leiser machen, aber Auftraggeber sitzt im Nacken.

Johann sieht, wie dessen Hand zittert, als er den Schraubenzieher weglegt. Versteht, dass auch für ihn viel auf dem Spiel steht.

Hat Ihnen jemand gesagt, Sie müssen bis Mitternacht arbeiten? fragt Johann sanft. Wie wäre es: Sie bohren werktags von zehn bis eins und von drei bis sieben. Rest der Zeit arbeiten Sie ohne Lärm spachteln, tapezieren. Wir sind keine Unmenschen, wissen, dass Sie nicht zum Spaß Staub machen.

Felix grinst schief.

Zum Spaß wäre das wirklich komisch, sagt er. Machen wir. So ist es eh meistens, nur ein paar Mal wars mehr. Wir unterschreiben das. Falls wir länger brauchen, geben wir im Chat Bescheid: heute ausnahmsweise bis acht, sorry.

Und am Wochenende höchstens bis vier, ergänzt Schumann. Leute brauchen Pause.

Sie reichen sich die Hände. Hinter der Tür von 205 breitet sich Stille aus. Man hört nur, wie auf Etage zwei jemand mit seinem Kind wegen Händewaschen schimpft.

Siehst du, sagt Schumann. Das Wichtigste, Herr Albrecht, wir haben nicht geschimpft, sondern gesprochen. Wer sich dann trotzdem nicht hält, den rufen wir zur Ordnung.

Johann nickt. In ihm ist es leer, wie nach einer bestandenen Prüfung, doch zugleich fühlt er ein leises Respekt für sich selbst kein Held, kein Polizist, nur ein Mensch, der einfach ein Gespräch geführt hat.

Am nächsten Tag geht die Bohrmaschine tatsächlich erst um zehn los, und um halb eins wird es still. Nachmittags bearbeitet sie noch einmal die Wand bis sieben. Im Chat steht dann eine kurze Nachricht: Heute dringend bis 20:00, Sorry. Felix, 205.

Darunter tauchen einige missmutige Emojis und ein Like von den Jungen auf. Johann blickt aufs Handy, überlegt, schreibt: Dann morgen eine Extra-Stunde Ruhe am Mittag? Viele Grüße, 97. Felix antwortet mit einem Herz.

Am Abend läuft Musik von oben, aber wesentlich leiser. Die Bässe sind kaum noch zu hören. Um neun schreibt die Frau aus Etage zehn: Nachbarn, heute haben wir Freunde zu Besuch, bis 23 Uhr sitzen wir ruhig zusammen. Bei Krach: einfach melden.

Johann lehnt sich zurück. Eigenartig, wie sich alles Fremde von früher plötzlich in Zeitpläne und kurze Sätze auf dem Handy zerlegt.

Lärm setzt sich dennoch manchmal durch die Wände. Mal schreit das Baby aus 209 unentwegt, mal fällt jemand ein schweres Objekt oben, mal bohrt Felix doch fünfzehn Minuten länger und die Vibrationen gehen durch das Haus.

Aber jetzt hat der Lärm Name, Gesicht, Wohnung. Man kann schreiben oder klingeln. Man kann auch großzügig sein, wenn andere es dringend brauchen. Dieses Gefühl, Teil eines zarten Verhandlungsprozesses zu sein, ist Johann wichtiger geworden als absolute Stille.

Eines Tages sitzt er am Zeichentisch, das Fenster offen, draußen hämmert jemand auf Metall. Früher hätte er sofort das Fenster zugeschlagen. Jetzt merkt er: Es ist Arbeitszeit, und er zeichnet weiter. Seine Hände schwitzen nicht, sein Herz bleibt ruhig.

An einem Abend kramt er sein altes Radio hervor, stellt es in die Küche und hört auf der gewohnten Welle Nachrichten. Es ist acht Uhr, der Sprecher liest vor. Johann merkt, dass er den Ton lauter aufdreht als früher. Früher war er so leise, aus Angst, andere zu stören. Jetzt denkt er: Um sieben verspreche ihm das Recht auf eigene Geräusche, wie Felix auf seine Bohrmaschine um drei.

Hinter der Wand lacht jemand vermutlich das junge Paar, das eine neue Serie diskutiert. Unten grummelt kurz die Bohrmaschine, verstummt augenblicklich, als hätte der Besitzer auf die Uhr gesehen und abgeschaltet.

Johann gießt sich einen starken Tee, bricht ein Stück von der Schokolade ab, die er nach dem Besuch verstaubt im Schrank liegen ließ, und legt sie auf eine Schale.

Im Hauschat werden gerade Fotos vom neuen Fahrstuhlteppich gepostet, jemand fragt, ob der Roller des Kindes gefunden wurde. Der Lärm zerfällt in einzelne Stimmen und Zeichen.

Die Stille in seiner Küche, zwischen Nachrichten und dem Klirren des Teelöffels an der Tasse, wirkt jetzt nicht mehr zerbrechlich oder zufällig. Es ist keine passive Abwesenheit von Geräuschen, sondern ein Raum, um den man verhandelt und bittet, in dem jeder Nachbar einen kleinen Schritt macht.

Der Lärm im Haus ist nicht weniger geworden. Aber wenn Johann morgens ans Fenster tritt, weiß er: Er kann jederzeit schreiben, telefonieren oder anklopfen nicht mit Geschrei, sondern mit dem Zeitplan in der Hand. Und durch diese Gewissheit werden die Nächte langsam ruhiger, und das Alter fühlt sich ein wenig weniger hilflos an.

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Homy
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Die eigene Stille Um sieben Uhr fünf vibrierte sein Bett, als hätte jemand es sanft angestoßen, und eine Bohrmaschine fraß sich in die Wand am Kopfende. Erst ruckartig, dann langgezogen und wütend. Alexej Petrowitsch fuhr hoch. Das Kissen rutschte zu Boden. Das Herz sackte tief, begann dort hastig, unregelmäßig zu schlagen. Er blieb sitzen, klammerte sich an die Matratzenkante, bis der Lärm zum diffusen Hintergrund wurde. In der Ecke flackerte das Display des alten Radioweckers: 7:06 Uhr. „Was sind das für Leute… Schon morgens so früh…“ murmelte er, suchte mit den Füßen nach seinen Hausschuhen. Der linke blieb unter dem Sessel liegen, also schlurfte er mit einem nackten Fuß in die Küche. Wasserhahn auf, Glas drunter, zwei große Schlucke – das Wasser war warm, von der Nacht. Im Brustkorb wurde es ein bisschen leichter. Die Bohrmaschine verstummte. Alexej Petrowitsch entspannte die Schultern, da begann drüben dumpfer Lärm – jemand schlug mit dem Vorschlaghammer oder brach Fliesen heraus. Dann ein Ausbruch von Gelächter, Ruf: „Kostja, halt gerade!“ Die Stimmen waren jung, männlich. Vermutlich die neuen Mieter aus Nummer 105, zwei Jungs in Sportjacken, die vor einem Monat eingezogen waren, mager, mit Kisten und Teppichrollen unter dem Arm. Auf dem Treppenabsatz hatte einer höflich gesagt: „Hallo Opa.“ Alexej Petrowitsch murmelte irgendwas Verlegenes, irritiert von diesem „Opa“. Danach überlegte er lange, wann ihn zuletzt jemand mit Namen und Vatersnamen angesprochen hatte und nicht so, als wäre er nur Kulisse im Treppenhaus. Seit zwei Jahren war er Rentner. Dreißig Jahre hatte er als Konstrukteur im Werk gearbeitet, war Stille und Zeichnungen gewohnt – Gedanken hört man am besten, wenn ansonsten nur das Summen der Lampen und das Rascheln von Papier zu vernehmen ist. Nach dem Zusammenbruch der Fabrik hielt er sich hier und da über Wasser. Zuletzt zeichnete er Konstruktionen am Computer für eine kleine Firma – zu Hause, am Fenster, am Schreibtisch. Die Neun-Zimmer-Wohnung gefiel ihm früher wegen der Ruhe besonders gut. Unten: ein kleiner Hof, Bank, zwei Pappeln. Die Straße hinter den Häusern filterte den Autolärm zu einem fernen, gleichmäßigen Brummen, das ihm längst vertraut war. Im letzten Monat wurde alles anders. Erst wurden in Nummer 103 die Fenster ausgetauscht – eine Woche lang Flexen und Bohren. Dann in 101 Fliesen im Bad, wo der Staub im Flur so stark war, dass man sich am liebsten die Nase ausgewaschen hätte. Jetzt 105. Er hatte das Gefühl, die Bohrmaschinen reichten sich im Haus die Staffel weiter. Er versuchte zu ertragen, tröstete sich damit, dass der Renovierungslärm irgendwann aufhört. Das Radio auf volle Lautstärke, Nachrichten auf dem Tablet. Doch die Bohrmaschine schwieg und jaulte, in seinem Kopf wuchs dumpfer Schmerz. Der Blutdruck spielte verrückt, die Tabletten für den Kreislauf nahm er jetzt öfters. Nachts, wenn scheinbar alles ruhig war, begann bei den Jungen über ihm das Leben: Lachen, Musik, Bässe, die durch die Wände donnerten. Eines Abends hielt er es nicht mehr aus. Fast elf, der Lärm von unten ließ die Gläser im Schrank klirren. Alexej Petrowitsch stand auf, zog die alten Schlafhosen an, schlüpfte in Turnschuhe ohne Socken und ging zur Tür. Kette ab, Tür auf, auf den Flur. Die Wände vibrierten, in den Briefkästen klapperten die Klappen. Hinter Tür 105 das hohe Jaulen des Trennschleifers. Er ballte die Faust, klopfte dreimal laut an die Tür. Sofort Stille. Nach ein paar Sekunden öffnete sich die Tür einen Spalt. Ein junger Mann im grauen T-Shirt, zerzaust, mit Schutzbrille auf der Stirn und weißen Spachtelspuren auf der Brust stand da. „Was?“ fragte er, verbesserte sich: „Oh, guten Abend. Ist was passiert?“ „Ja, ist“, brachte Alexej Petrowitsch heraus. „Es ist spät, es ist Nacht.“ Er merkte, wie seine Stimme zitterte, was ihn umso wütender machte. „Ach so, ja“, der Junge sah zurück in die Wohnung. „Wir hören gleich auf, wir haben wirklich null Zeit, nur noch heute bis…“ „Bis morgen früh?!“ fuhr Petrowitsch dazwischen. „Ist Ihnen egal, dass die Wände hier wackeln? Dass hier Alte und Kranke wohnen? Dass ich morgen zum Arzt muss und nicht schlafen kann?“ Die eigenen Worte klangen fremd, schrill, wie von TV-Krawallmachern. Der Junge sackte zusammen, als hätte ihn eine echte Faust getroffen. „Okay, okay“, murmelte er. „Passiert nicht mehr. Entschuldigung.“ Die Tür schloss sich vorsichtig. Der Lärm kehrte tatsächlich nicht zurück. In der Stille klappte oben die Lifttür. Alexej Petrowitsch blieb noch einen Moment stehen, spürte, wie der heiße Knoten in ihm langsam schwand. Auf dem Heimweg spähte er auf den Türspion von 103 – leer, doch ihm war, als beobachtete man ihn. In seiner Wohnung sah er sich im Spiegel im Flur. Müde, gealtert. „Auf Jungs losgehen… Super. Held“, dachte er und verzog innerlich das Gesicht. In dieser Nacht schlief er nicht wegen des Lärms schlecht, sondern aus Scham. Er erinnerte sich daran, wie in Sowjetzeiten über ihm in der Kommunalka nachts das Holz fürs den Ofen gehackt wurde. Damals dachte er, dass er nie einer sein würde, der mit dem Besenstiel gegen die Decke hämmert. Am nächsten Morgen weckte ihn kein Bohrer, sondern das Klingeln an der Tür. Es war zehn vor neun. Hemd drüber, in den Flur getrottet. Im Spion: der Junge von gestern, jetzt in sauberem Shirt, mit Tüte. „Guten Tag“, sagte er, als Petrowitsch öffnete. „Wir gestern, naja… War blöd. Hier, Schokolade. Und… wenn wir noch mal laut sind, einfach Bescheid sagen. Wir können reden.“ In der Tüte lag eine Tafel dunkle Schokolade und eine Packung Tee. Petrowitsch war verlegen, murmelte Dank, nickte. Dann standen sie noch kurz unbeholfen im Türrahmen, verabschiedeten sich. Bis zum Abend blieb es ruhig, aber das Gefühl ging nicht weg – als hätte er einen kleinen Kampf gewonnen, aber etwas in sich selbst verloren. Schon beim Gedanken, bald wieder zu klopfen, zog sich alles in der Brust zusammen. Am nächsten Tag ging die Bohrerei wieder los. Wenigstens erst ab zehn, nicht ab sieben. Dafür zog es sich bis neun Uhr abends. In den Pausen begann oben wieder Musik – Bässe, die ihn neuerdings nachts aufweckten. Da hatte er sich noch nie beschwert. Stattdessen steckte er sich Ohrstöpsel in die Ohren, doch auch durch sie drang das dröhnende Brummen. Am Ende der Woche bemerkte er, dass er schon eine Stunde vor dem Wecker wach wurde, lauschend auf die Stille wie auf ein Minenfeld. Jeder Schlag klang wie der Beginn der nächsten Hölle. In der Hausapotheke war die Blisterpackung leer, er musste in die Apotheke. Auf dem Heimweg stieg er ins Hausmeisterbüro, wo die bekannte Verwalterin saß – klein, Brille an der Kette. „Alexej Petrowitsch, wie geht‘s?“ fragte sie, sortierte Papier. „Zu laut“, sagte er. „Eine Baustelle nach der anderen. Ist das eigentlich erlaubt, so viel zu bohren?“ Sie seufzte. „Laut Gesetz zur Mittagsruhe darf montags bis freitags von 9 bis 13 Uhr und 15 bis 19 Uhr gebaut werden. Am Wochenende kürzer. Wir können nur bitten. Eine Erinnerung ans schwarze Brett hängen. Wollen Sie ein Aushang, ich schreibe einen?“ Er verzog das Gesicht. Aushänge hängen seit Jahren: „Keine Fahrräder im Flur“, „Müll rausbringen“, „Nicht rauchen“. Die Leute lesen’s, seufzen, machen ihr Ding. „Danke, nicht nötig“, sagte er. Überlegte kurz. „Gibt es noch eine aktive Nachbarschaftsvorsitzende bei uns?“ „Natalja Sergejewna? Aber klar. Sie hält alle auf Trapp“, sagte die Frau respektvoll. „Ist auch im Hauschat.“ Hauschat. Auf Alexej Petrowitschs Handy: nur das alte Tastenmodell. Doch die Enkelin hatte ihm vor einem halben Jahr ein Smartphone geschenkt und eingerichtet. Messenger installiert, aber bisher nur zum Verschicken von Smileys an die Enkeltochter benutzt. Zuhause suchte er im Zettel mit Passwörtern, fand auf dem Handy „Haus 14, Eingang 3“. Der Chat tauchte sofort auf. Rund vierzig Leute: Katzenfotos, Meldung über kaputten Lift, Beschwerden über den Hof. Er zögerte lange, bevor er schrieb. Die Finger tippelten ungeschickt übers Display. Erst wollte er schreiben: „Liebe Nachbarn, bitte hört auf mit endlosem Lärm!“, löschte es wieder. Setzte stattdessen neutraler an. „Guten Tag. Hier spricht Alexej Petrowitsch aus 97. Es gibt viele Renovierungen und laute Musik im Haus. Ich schlafe schlecht, Kreislaufprobleme. Vielleicht können wir uns über feste Zeiten fürs Lärmen einigen?“ Antwort kam schneller als erwartet. „Alexej Petrowitsch, hallo, hier ist Natalja Sergejewna, die Vorsitzende. Sie haben recht. Lassen Sie uns das gemeinsam besprechen.“ Dann hagelte es Nachrichten. Manche klagten über den Bohrer in 105, andere verteidigten die Handwerker: „Die müssen auch leben.“ Eine junge Mutter aus 109 schrieb: „Mein Kleiner schläft mittags. Wenn gebohrt wird, wacht er auf und schreit. Bitte genaue Zeiten festlegen.“ Petrowitsch las und spürte seltsame Erleichterung. Offenbar nervte der Lärm auch andere. Große Forderungen wollte er nicht stellen. Stattdessen schrieb er: „Es gibt ein Gesetz zur Mittagsruhe. Lärmarbeiten sind von 9 bis 13 und 15 bis 19 Uhr erlaubt. Nachts nicht. Vielleicht einigen wir uns darauf für unseren Hausflur? Und wer bohren muss, gibt vorher hier im Chat Bescheid.“ Im Chat wurde zwei Stunden diskutiert. Natalja Sergejewna schlug ein Treffen der Hausbewohner vor. Der Junge aus 105 meldete sich endlich: „Hier Kostja aus 105. Wir renovieren. Halten uns ans Zeiten. Diskutieren wir gern gemeinsam ab.“ Am Abend rief Natalja Sergejewna Petrowitsch persönlich an. Ihre Stimme war energisch und herzlich. „Alexej Petrowitsch, so läuft das. Statt im Chat zu streiten – mit den Leuten reden. Morgen um sieben bin ich am Hauseingang. Gehen wir zusammen zu den Musikern oben und den Renovierern aus 105. Einverstanden?“ Überrascht legte er auf: So schnell wandelt sich Chat in echte Begegnung. Die Angst blieb, doch an Rückzug war nicht mehr zu denken. Die Nacht überlegte er, was er sagen würde – dass er früher selbst jung war, Wyssozki laut gehört hatte, aber jetzt Herz und Tabletten; dass man Rücksicht nehmen sollte. Die Rede zerfiel jedes Mal. Am Folgetag räumte er im Flur, wischte Staub, hing die Jacke um. Fünf vor sieben stand er bereit an der Tür, lauschte auf den Flur. Der Aufzug klingelte, eine kräftige Frau in hellem Mantel erschien mit Aktenmappe. „Na dann, los geht’s?“ sagte Natalja Sergejewna. Er nickte. Hoch zum zehnten, zu den „Musikern“ oben – eine junge WG, die Petrowitsch bislang nur aus Lärm kannte: abends Musikboxen, Lachen. Jetzt standen eine blasse Frau mit blonden Haaren und ein nerdiger Typ im Türrahmen. „Guten Tag“, begann Natalja Sergejewna, „wir sind vom Haus. Keine Angst, wird kein Streit.“ Der junge Mann war verkrampft, die Frau hielt ihr Handtuch fester. „Es ist so, dass Ihre Musik spät abends sehr laut ist“, machte sie weiter. „Wir haben Rentner, Kinder. Es gibt einen Zeitplan. Schauen Sie.“ Aus der Mappe holte sie eine Tabelle: Wochentage, Stunden fürs Lärmen und Stille. Petrowitsch hatte die am PC gebastelt, Abschnitte extra deutlich. „Wir sind doch eh nicht nach elf laut“, sagte der Typ unsicher. „Meistens nur Filme. Wir sind jung, brauchen das einfach.“ Er blickte Petrowitsch suchend an; der wusste, jetzt sollte auch er etwas sagen. „Ich versteh euch“, begann Petrowitsch. „Wir haben früher auch die Platten auf Anschlag gehabt. Aber mir fällt’s jetzt schwer; Herz. Bässe wecken mich, als wär’s auf der Baustelle. Wenn ihr nach zehn leiser macht, kann ich schon besser schlafen. Die Kinder auch. Und vorab kurz in den Hauschat schreiben, wenn’s mal lauter wird – dann nehme ich die Tablette vorher, schließe das Fenster. Es ist ein Unterschied, ob man weiß, dass es gleich vorbei ist.“ Er war selbst erstaunt: Die Stimme war ruhig. Die junge Frau lockerte das Handtuch. „Ehrlich gesagt, wir wussten nicht, dass man alles so hört“, gestand sie. „Vorher haben die Nachbarn noch lauter gebrüllt als die Musik. Okay. Nach zehn Kopfhörer, Film leise. Und wenn Party, sagen wir Bescheid. Und Sie auch – klopfen, äh, schreiben.“ „Abgemacht“, lachte Natalja Sergejewna. Noch ein Stock tiefer zu Nummer 105. Frischer Spachtel und Grundierung sprangen einem an der Tür entgegen. Auf den Klingelton öffnete Kostja, noch ein Kumpel lugte hervor. Innen alles abgehängt mit Folie, Kabelreste auf dem Boden. „Ah, bekannte Gesichter“, sagte Kostja, sah Petrowitsch. „Wir stören schon wieder?“ „Keine Sorge, wir wollen reden“, wiederholte Natalja Sergejewna ihr Mantra. Die Jungs sahen sich den Plan an, hörten von Mittagsschlaf des Kindes aus 109, Petrowitschs Blutdruck, dem Gesetz der Stadt. „In zwei Wochen muss alles fertig sein“, gestand der Kumpel. Die Hand zitterte, als er den Schraubendreher wegsteckte. Man merkte, die Verantwortung für den Auftrag war schwer. „Hat jemand gesagt, dass bis Mitternacht gebohrt werden muss?“ fragte Petrowitsch freundlich. „Machen wir so: werktags von zehn bis eins und von drei bis sieben Krach, sonst ruhigere Arbeiten. Spachtel oder Tapete – sind doch keine Unmenschen, wissen ja, dass niemand aus Spaß Löcher bohrt.“ Kostja grinste schief. „Wäre komisch, aus Spaß“, sagte er. „Okay. Machen wir. Im Prinzip läuft’s eh so. Wenn’s mal länger dauert, sagen wir vorher im Chat Bescheid. Heute bis acht, z.B.“ „Und am Wochenende bitte nur bis vier!“, schaltete sich Natalja Sergejewna ein. „Die Leute brauchen Pause.“ Händeschütteln, Tür zu. Im Treppenhaus nur noch das Schimpfen eines Kindes aus dem zweiten, das nicht Hände waschen will. „Na, sehen Sie“, sagte Natalja Sergejewna. „Wichtig ist: ruhig bleiben. Wer nicht will, mit dem reden wir anders.“ Petrowitsch nickte. Innen wie nach bestandenem Examen: leer und befreit. Gleichzeitig eine seltsame Achtung vor sich selbst. Kein Held, kein Polizist, nur ein Nachbar, der das Gespräch gesucht hat. Und am nächsten Tag: Bohrmaschine erst ab zehn, Schluss um halb eins, nachmittags drei bis sieben, dann Chatnachricht: „Heute bis 20 Uhr, ist dringend. Sorry. Kostja, 105.“ Es folgten ein paar kritische Smileys und ein Like von den Jungen. Petrowitsch sah aufs Handy, schrieb: „Dann morgen Mittag eine Stunde extra Ruhe? Grüße, 97.“ Kostja schickte ein Herz zurück. Abends oben Musik, aber leiser. Die Bässe kaum mehr zu spüren, nur dumpfer Rhythmus. Um neun eine Hauschat-Nachricht von der Frau oben: „Liebe Nachbarn, heute kommen Freunde, wir sitzen bis 23 Uhr ruhig beisammen. Falls es doch laut wird – bitte melden.“ Petrowitsch entspannte sich im Sessel. Es war merkwürdig zu merken, wie alles, was früher bedrohlich und amorph war, zu Uhrzeiten und kurzen Nachrichten wurde. Manchmal drang der Lärm doch durch die Wände. Mal schrie das Kind unten, mal fiel oben etwas Schweres. Mal bohrte Kostja doch fünfzehn Minuten länger, und das Haus vibrierte wieder. Aber jetzt hatte der Lärm ein Gesicht, einen Namen, eine Wohnungsnummer. Man konnte schreiben, anrufen. Auch einmal selbst die Grenzen verschieben, wenn es nötig war. Das Gefühl, Teil von Verhandlungen zu sein und nicht Opfer einer rauen Stadt – das war für Alexej Petrowitsch wichtiger geworden als absolute Stille. Eines Tages saß er am Schreibtisch über einem Plan, das Fenster offen, draußen schlug jemand auf Metall. Früher hätte er das Fenster zugeknallt. Jetzt dachte er: Es ist Arbeitszeit – und wandte sich wieder den Linien zu. Keine Hektik im Herzen, keine schwitzenden Hände. Eines Abends holte er ein altes Radio aus dem Schrank, stellte es in der Küche auf, drehte auf seine Stammfrequenz. Acht Uhr, Nachrichten. Er bemerkte, dass er den Ton lauter stellte als sonst. Früher war er extrem leise gewesen, aus Sorge, selbst zu stören. Jetzt dachte er: Um sieben Uhr abends hat er genauso das Recht darauf wie Kostja auf seine Bohrmaschine um drei. Im Nebenraum lachte jemand. Vermutlich die Jungen oben beim Serienabend. Unten jaulte die Bohrmaschine kurz auf und schwieg – als hätte der Handwerker auf die Uhr geschaut und abgeschaltet. Alexej Petrowitsch schenkte sich schwarzen Tee ein, brach von der Schokolade, die noch vom peinlichen Besuch übrig war, ein Stück ab. Im Chat tauchte derweil ein Foto vom neuen Fußabstreifer am Lift auf. Jemand fragte, ob das Kind seinen Roller verloren hätte. Der Lärm zerfiel in einzelne Stimmen und Bildchen. Die Stille, die nun zwischen Nachrichten und dem Klirren des Teelöffels in der Küche herrschte, erschien ihm nicht mehr fragil oder zufällig – sondern wie ein ausgehandelter, besprochener Raum, in dem jeder Nachbar einen Schritt machte. Weniger laut ist es nicht geworden. Aber morgens am Fenster weiß Alexej Petrowitsch, dass er jederzeit im Chat schreiben, telefonieren, anklopfen kann – nicht schreiend, sondern mit einer Zeitabsprache. Und allein dieses Wissen macht die Nächte fester und das Alter spürbar weniger hilflos.
Ich habe mich geweigert, die kranke Mutter meines Mannes zu pflegen, und habe ihm eine Entscheidung abverlangt