Vergangene Tage lassen sich nicht zurückholen
An diesem kühlen Abend saß Johanna in der Küche und versuchte, sich mit einem heißen Tee aufzuwärmen, doch die Kälte in ihrem Innern wich nicht. Sie wusste, dass das Zittern nicht vom Wetter kam, sondern von dem schweren Gespräch mit ihrem Vater. Immer wieder ging sie die Worte im Kopf durch, die vor drei Stunden gefallen waren. Das Bild von Vaters gebeugtem Rücken ließ sie nicht los.
Wie konntest du nur, Papa? hatte sie mit tränenerstickter Stimme gesagt, war aufgesprungen und hatte das Zimmer verlassen.
Leise kam ihr Mann Andreas in die Küche.
Julian schläft jetzt, sagte er sanft.
Johanna nickte und brach in Tränen aus, sprach durch das Schluchzen hindurch: Andreas, wie konnte er nur?
Andreas strich ihr tröstend über den Rücken. Dein Vater liebt euch beide sehr. Deine Mutter hat er schon verloren er hatte Angst, dich auch zu verlieren. Du bist alles, was er noch hat, versuchte er sie zu beruhigen. Er mochte es nicht, wenn Johanna traurig war.
Für Vater Hermann war Johanna immer das Wichtigste gewesen. Er lebte für seine Tochter, verschob Termine, um zum Elternabend zu gehen, als sie noch zur Grundschule ging. Um mit ihr ans Meer zu fahren, nahm er Extraarbeit mit nach Hause und arbeitete bis spät in die Nacht. Johanna kam immer sonnengebräunt und glücklich zurück und die anderen Mädchen in der Schule waren neidisch auf sie.
Auch im Studium staunten die Kommilitoninnen: Johanna, wie kann dein Vater so tolle Lippenstifte oder Parfüm besorgen das jagen doch alle, dabei ist er ein Mann!
An Feiertagen buk Johanna mit Hermann Kuchen, und sie empfand, ihr Vater beherrsche einfach alles. Doch trotzdem fehlte ihr die Mutter immer.
Johanna erinnerte sich daran, ungefähr sechs Jahre alt gewesen zu sein, als ihre Mutter sie auf dem Arm hielt und weinte: Verzeih mir, mein Schatz, verzeih mir…
Johanna verstand nicht, warum ihre Mutter weinte und warum im Flur ein Koffer stand. Doch dann setzte die Mutter sie auf den Boden, wischte die Tränen ab, nahm den Koffer und verließ die Wohnung. Die Tür fiel krachend ins Schloss.
Mama, Mama, wohin gehst du? rief Johanna weinend an der Tür. Mama, ich will mit!
Aber sie sah ihre Mutter nie wieder. Hermann tröstete sie, lenkte sie ab. Seitdem rannte Johanna jedes Mal in den Flur, wenn die Tür ins Schloss fiel, aber ihre Mutter war nie da. Hermann tat, was er konnte, um die Lücke zu füllen sie gingen in den Park, fuhren Karussell, aßen Eis, und verbrachten die Wochenenden gemeinsam.
Als Johanna älter wurde, kam Hermann eines Tages mit einer Frau nach Hause. Johanna mochte sie auf Anhieb nicht, sie war so anders als ihre Mutter.
Liebling, das ist Tante Ingrid, meine Kollegin. Sie wird jetzt bei uns wohnen. Sieh mal, sie hat dir eine Puppe mitgebracht, sagte Hermann und hielt ihr eine Schachtel hin.
Johanna nahm die Puppe entgegen, dachte aber: Wie kann er nicht merken, dass ich weder die Puppe noch Tante Ingrid will. Ich brauche meine Mama. Sie bemerkte, dass ihr Vater schuldbewusst blickte.
Tante Ingrid und Johanna kamen nie wirklich miteinander aus. Eines Abends hörte Johanna einen Streit zwischen ihr und dem Vater. Immer häufiger stritten sie.
Man muss schon einen langen Atem haben, um mit dir und deiner Tochter auszukommen, warf Ingrid Hermann vor. Johanna hörte jedes Wort.
Schließlich bat Hermann Ingrid zu gehen, und Johanna stand voll hinter ihm. Gut so, ohne sie ist es besser.
Ingrid schimpfte laut, knallte die Tür und ging. Für immer.
Hermann blieb ruhig, besonnen, und stellte Johanna immer an erster Stelle. Ingrid ärgerte sich, weil sie fand, dass Hermann zu viel Zeit und Geld für seine Tochter aufwandte, Schokolade und neue Kleidung kaufte.
Johanna begann wieder, an ihre Mutter zu denken, und bat den Vater sogar, sie zu suchen und zurückzuholen. Sie konnte ihre Mutter nicht vergessen. Doch eines Tages platzte es aus Hermann heraus, nachdem Johanna erwachsen war.
Johanna, bitte… Deine Mutter hat uns verlassen, sie wollte nichts mehr von uns wissen. Sie ist zu einem anderen Mann gegangen, der auch eine Tochter hat…
Johanna weinte heimlich. Lange dachte sie nach.
Wenn ich meiner Mutter wichtig gewesen wäre, hätte sie sich längst gemeldet. Dass sie das nie getan hat, zeigt mir, dass ich ihr nicht wichtig bin.
Hermann blieb allein, holte keine Frau mehr ins Haus. Johanna wusste, ihre Mutter hatte sich damals in jemand anderen verliebt. Sie hatte ehrlich gestanden: Hermann, ich liebe Franz. Ich habe jetzt verstanden, was Liebe wirklich ist. Deshalb gehe ich zu ihm.
Was war dann all die Jahre zwischen uns? fragte Hermann verwundert.
Wahrscheinlich keine echte Liebe zumindest nicht von meiner Seite, antwortete sie.
Nach der Scheidung blieb Johanna beim Vater. Hermann liebte seine Frau seit der Schulzeit, sie waren lange Freunde gewesen. Es war ein Schock für ihn, solche Worte von ihr zu hören. Nach der Trennung tat Hermann alles, damit Johanna bei ihm blieb.
Johanna wurde erwachsen, erinnerte sich an die Zooausflüge und wie sie gemeinsam den kleinen Hund Bello ausgesucht und sich zusammen Trickfilme im Kino angesehen hatten. Auch daran, wie besorgt der Vater war, als Johanna sich verliebte.
Johanna erzählte ihm offen: Papa, ich glaube, ich bin verliebt. Andreas ist ein guter Mensch, wir studieren zusammen.
Du bist nun alt genug, Hauptsache du triffst die richtige Wahl. Danke, dass du offen mit mir sprichst, antwortete Hermann.
Manchmal bemerkte Johanna, wie ihr Vater heimlich aus dem Fenster Ausschau hielt, wenn sie von einer Verabredung zurückkam, um die Liebenden nicht zu stören. Gegen Ende ihres Studiums gestand sie:
Papa, Andreas hat mir einen Heiratsantrag gemacht und ich habe Ja gesagt. Ich liebe ihn, und er mich. Wir wollen heiraten.
Gut, mein Kind. Ich habe nichts dagegen Andreas ist ein richtiger Kerl, fürsorglich und ruhig. Ich denke, er wird dir ein guter Ehemann sein.
Später war Hermann sehr glücklich, als Johanna und Andreas ihm seinen Enkel Julian schenkten. Sein Augenstern! Der Tag begann wie ein typischer Sonntag. Johanna fuhr mit Mann und Sohn zu Hermann, sie frühstückten zusammen. Julian bat seinen Papa, mit ihm draußen zu spielen, und sie gingen hinaus. Johanna half dem Vater beim Abräumen.
Erst später verstand Johanna, warum ihr Vater plötzlich sprach und immer wieder stockte. Er erzählte, wie er damals Johanna Mutter nicht halten konnte. Sie war mit einem Witwer und dessen Kind weit nach Norden gezogen, ans Ende der Welt. Nach einiger Zeit bekam Hermann Briefe von seiner Ex-Frau. Sie bat ihn, Johanna vorzulesen, dass ihre Mutter sie liebte und sie nie vergessen würde, auch wenn sie nicht zusammen sein konnten.
Nach vier Jahren kam das letzte Schreiben: Ich bin schwer krank und liege im Krankenhaus. Bitte, Hermann, bring mir unsere Tochter, damit ich sie noch einmal sehen kann.
Doch Hermann antwortete mit nur einem Brief: Du hast damals für uns beide entschieden. Ich möchte nicht, dass Johanna wieder traurig wird. Du wirst sie nicht sehen.
Kurz darauf starb Johannas Mutter. Das erzählte Hermann jetzt unvermittelt seiner Tochter.
Ich weiß, das war hart von mir. Aber ich hatte Angst um dich. Ich glaubte, es wäre das Beste für dich.
Papa, ich habe mein Leben lang gedacht, meine Mutter hätte mich einfach verlassen und ich sei ihr egal, brachte die erschütterte Johanna hervor. Warum hast du das entschieden? Warum hast du alles alleine bestimmt? Papa, ich will dich nicht mehr sehen…
Johanna sprang auf, griff hastig ihre Sachen und stürmte aus der Wohnung. Die Tür fiel dröhnend ins Schloss wie damals, als die Mutter ging.
Hermann saß wie erschlagen am Tisch, den Kopf in den Händen. Er konnte seine Tochter verstehen, aber das alles länger in sich zu tragen, vermochte er nicht mehr. Er spürte, wie sich das Herz erleichterte, auch wenn der Schmerz groß war. Und er ahnte, wie alles bei Johanna durcheinander war.
So sehr er sich bemühte, die Mutter zu ersetzen und allein die Vaterrolle zu stemmen, innerlich blieb er doch ruhelos. Rückblickend erkannte Hermann, dass er damals falsch gehandelt hatte, Johanna wenigstens hätte zu ihrer Mutter bringen sollen, damit sie sich verabschieden konnten. Dafür war es nun zu spät.
Alles, was Johanna von ihrer Mutter geblieben war, war ein fast verblasstes Bild. Sie erinnerte sich kaum noch an ihr Gesicht. Hermann aber war noch da, nur eine halbe Stunde entfernt. Der pensionierte Vater, dessen Leben sich um sein Kind drehte.
Nachdenklich saß Johanna am Tisch und dachte: Er hätte heute genauso schweigen können, wie all die Jahre davor. Doch jetzt konnte ihn das Geheimnis nicht mehr loslassen. Er wollte mir die Wahrheit sagen, weil ich ihm alles bedeute. Bestimmt sitzt er jetzt da, nimmt Beruhigungstropfen, leidet und ich habe ihn verletzt, indem ich sagte, ich wollte ihn nicht mehr sehen. Oh Gott, damit habe ich ihm Unrecht getan…
Andreas, wandte sich Johanna an ihren Mann, ich muss zu Papa bitte, ruf mir ein Taxi.
Natürlich, Johanna. Es ist richtig so. Ich passe auf Julian auf, sagte Andreas verständnisvoll.
Johanna und Hermann redeten die Nacht durch. Beide waren erleichtert, dass es endlich ausgesprochen war es blieb nichts mehr geheim zwischen ihnen. Später schlief Johanna im Sessel ein und Hermann deckte sie fürsorglich mit einer warmen Decke zu, so wie früher.
Man kann die Vergangenheit nicht ändern. Doch ehrliche Gespräche geben uns die Chance auf Versöhnung. Was zählt, ist, sich gegenseitig zuzuhören und zu vergeben das macht das Leben leichter und die Herzen frei.





