Ich habe echt keine Lust mehr, deinen Sohn zu bemuttern, hat die Schwiegertochter gesagt und ist ans Meer gefahren.
Also, pass auf, meine liebe Freundin. Bei Waltraud Hohenberg gabs einen Sohn: Martin. Netter Kerl, fleißig aber die Frau, die er sich ausgesucht hat, Nicolette, die war ein Fall für sich. Einmal kocht sie tagelang nichts, dann weigert sie sich zu putzen, und in letzter Zeit wars richtig schlimm. Gestern hat sie wieder so einen Krach angefangen.
Martin!”, schreit sie, Ich kann das einfach nicht mehr! Du bist doch ein erwachsener Mann und benimmst dich wie ein Kind!”
Martin war vollkommen verdattert. Er hatte doch nichts Großes verlangt er wollte nur, dass Nicolette ihm ein Paar Socken rauslegt, das Hemd bügelt und ihn daran erinnert, dass er einen Arzttermin hat.
Meine Mama hat mir immer geholfen,” hat er leise gesagt.
Dann fahr doch zu deiner Mama!”, ist Nicolette förmlich explodiert.
Am nächsten Tag hat sie ihren Koffer gepackt.
Martin,” sagt sie ruhig, Ich fahre nach Sylt. Für mindestens einen Monat. Vielleicht auch länger.”
Wie, länger?”
Ganz genau so. Ich bin es leid, dich zu bemuttern wie ein Kleinkind.
Martin wollte sich noch aufregen, aber Nicolette war schon dabei, ihre Sachen zu packen. Sie hat ihr Handy rausgeholt und Waltraud angerufen:
Frau Hohenberg? Hier ist Nicolette. Falls er ohne Nanny nicht klarkommt, kommen Sie doch bitte vorbei und bleiben etwas bei uns. Ersatzschlüssel liegt unter der Fußmatte!
Und weg war sie.
Martin saß allein in der Wohnung. Kühlschrank leer, Socken dreckig, Geschirr türmt sich im Spülbecken.
Nach ein paar Tagen ruft er seine Mama an:
Mama, Nico ist durchgedreht! Einfach verschwunden. Was soll ich denn jetzt tun?
Waltraud hat tief durchgeatmet. Schon wieder Ärger mit der Schwiegertochter.
Ich komm gleich vorbei, Martinchen. Wir kriegen das hin.
Nach einer Stunde stand sie da, mit einer Tasche voller Lebensmittel und dem typischen Mama-Ton: das kriegen wir gewuppt!
Aber als sie die Tür öffnet fast ein Schock.
Alles Unordnung. Im Schlafzimmer Wäschehaufen auf dem Boden. Die Küche versinkt im schmutzigen Geschirr. Das Bad voll mit Dreckwäsche.
Und beim Anblick wird Waltraud plötzlich klar: Ihr 30-jähriger Sohn kann im Grunde nichts alleine. Gar nichts.
Ihr Leben lang hat sie alles für ihn gemacht. Und jetzt… sitzt ein großer Junge vor ihr.
Mama…”, jammert Martin, Was gibts zu Abendessen? Wo sind meine Hemden? Wann kommt Nico wieder?”
Waltraud hat einfach angefangen zu räumen. Aber in ihrem Kopf drehte sich nur ein Gedanke: Was habe ich bloß angerichtet?
Sie hat ihren Sohn vor allem beschützt. Vor dem Alltag. Vor Schwierigkeiten. Vor dem richtigen Leben.
Und jetzt steht er ganz ohne Frauen hilflos da.
Und Nicolette? Sie ist einfach geflüchtet vor diesem großen hilflosen Kind. Wer kann ihr das verübeln?
Drei Tage blieb Waltraud bei Martin.
Und jeden Tag wurde ihr klarer: Ihr Sohn ist ein großes Kind geblieben.
Morgens stand Martin auf und begann zu jammern:
Mama, was gibts zum Frühstück? Wo ist mein Hemd? Hast du noch saubere Socken?”
Waltraud hat einfach weiter gebügelt, gekocht, geputzt und ihn beobachtet.
Stell dir vor: Ein erwachsener Mann mit dreißig weiß nicht, wie die Waschmaschine funktioniert! Er kennt nicht einmal den Preis für ein Brot! Selbst Tee macht er unbeholfen entweder verbrüht er sich oder schüttet den Zucker daneben.
Mama,” beklagte er sich abends, Nico ist echt nervig geworden! Früher hat sie wenigstens so getan, als ob sie mich liebt. Jetzt benimmt sie sich wie eine Fremde!”
Wie benimmst du dich denn?”, fragt Waltraud vorsichtig.
Ganz normal! Ich verlange doch nichts Besonderes. Ich will nur, dass meine Frau meine Frau ist und nicht so eine griesgrämige Tante!”
Waltraud schaut ihn an. Ach du meine Güte. Er versteht es wirklich nicht!
Martinchen, hilfst du Nicolette denn auch mal?”
Wie soll das denn gehen?”, stutzt er ehrlich. Ich geh doch arbeiten! Bring Geld heim! Reicht das nicht?”
Und Zuhause?”
Was soll Zuhause? Ich bin doch K.O. von der Arbeit! Ich will entspannen. Und sie will immer was mal Geschirr spülen, mal einkaufen gehen. Aber das sind doch Frauentätigkeiten!”
Und plötzlich hört Waltraud sich selbst. Ihre eigenen Worte, die sie ihm seit seiner Kindheit gepredigt hat:
Lass das, Martinchen Mama macht das schon!” Du musst nicht einkaufen ich bin schneller!” Du bist ein Junge, du hast wichtigeres zu tun!”
Sie hat sich ihren eigenen Monster erzogen.
Je mehr sie ihn ansah, desto beklemmender wurde ihr Gefühl.
Martin kommt von der Arbeit heim und plumpst aufs Sofa. Wartet auf das Abendessen, erwartet, dass jemand ihm die Nachrichten erzählt, sich um seine Unterhaltung kümmert.
Und wenn das Essen nicht von allein auf den Tisch kommt, wird er genervt:
Mama, wann gibts denn endlich was? Ich verhungere!”
Wie ein Kind.
Am schlimmsten waren seine Kommentare über Nicolette.
Die ist neuerdings total gereizt,” beschwert er sich. Immer motzig und grantig. Soll sie vielleicht mal zum Arzt, Hormone checken?”
Oder sie ist einfach nur erschöpft,” mutmaßt die Mutter.
Wovon denn, bitte? Wir arbeiten beide! Aber den Haushalt, das soll immer die Frau machen.”
SOLL? plötzlich platzt es aus Waltraud heraus. Wer sagt denn, dass sie soll?
Martin ist ganz aus der Fassung. Seine Mama hat ihn noch nie angeschrien.
Am vierten Abend hält Waltraud es nicht mehr aus.
Martin sitzt am Sofa, daddelt am Handy herum, stöhnt manchmal ihm ist eben langweilig ohne Frau. Die Küche voller schmutziger Teller, Socken am Boden, Bett ungemacht.
Mama…”, nölt er, Was gibts zu essen?”
Waltraud steht am Herd und kocht wie immer ihre Kartoffelsuppe, wie die letzten dreißig Jahre.
Plötzlich denkt sie: Jetzt reicht’s.
Martin mach dein Handy weg. Wir reden.
Ja, ja, ich hör dir ja zu, ohne hinzugucken.
Leg das Handy hin. Schau mich an.
Da war etwas in ihrer Stimme, das ihn aufspringen ließ.
Sohn, weißt du eigentlich, warum Nicolette dich verlassen hat?
Ach, die ist halt mal ausgerastet. Frauen sind eben so emotional. Die muss mal ausruhen, kommt schon wieder.
Sie wird nicht wiederkommen.
Wie, nicht wiederkommen?!
So ist es. Sie ist es leid, sich wie eine Mutter um dich zu kümmern.
Martin springt auf: Mama! Was soll denn das? Ich arbeite, bring Geld!
Na und?, entgegnet Waltraud und richtet sich auf. Was ist denn Zuhause damit? Sind dir die Arme abgefallen? Die Augen ausgefallen?
Martin wird blass.
Wie kannst du so was sagen? Ich bin doch dein Sohn!
Genau deswegen!, sagt sie und lässt sich schwer auf den Stuhl sinken, die Hände zittern.
Mama, gehts dir nicht gut?, fragt er erschrocken.
Mir gehts schlecht!, lacht sie bitter. Ich bin krank vor lauter Liebe. Blinder Mutterliebe. Ich dachte immer, ich beschütze dich und hab dich dabei zum Egoisten erzogen. Jetzt bist du ein Mann, der ohne Frauen völlig hilflos ist! Der glaubt, die Welt schuldet ihm was!”
Aber…, will er einwenden.
Gar nichts!, unterbricht ihn Waltraud. Du glaubst, Nicolette muss für dich alles tun? Waschen, kochen, hinterherräumen? Warum denn?”
Ich arbeite!
Sie arbeitet auch! Und schmeißt dazu noch den Haushalt! Was machst du? Liegt auf dem Sofa und wartest, dass jemand dich versorgt!”
Martin sieht plötzlich ganz weich aus in den Augen.
Mama, alle machen das so …
Nein!, ruft Waltraud. Normale Männer helfen ihren Frauen! Die spülen, kochen, kümmern sich um die Kinder! Du kennst ja nicht mal, wo das Waschpulver steht!
Martin starrt ins Nichts, die Hände vors Gesicht.
Nicolette hat recht, sagt Waltraud leise. Sie war deine Mama. Und ich auch. Aber ich bin es leid.
Wie meinst du das du bist es leid?
Ganz genau so. Sie geht in den Flur, greift die Tasche. Ich fahre jetzt nach Hause. Du bleibst hier. Allein. Werd endlich erwachsen.
Mama, was soll das?!, ruft Martin und springt hoch. Wie allein? Wer kocht denn? Wer putzt?
Du!, ruft sie. Du machst das! Wie jeder normale Erwachsene!
Ich kann das nicht!
Dann lernst du es! Oder bleibst eben ein einsamer, infantiler Versager!
Waltraud zieht den Mantel an.
Mama, bleib doch! Was soll ich denn allein anfangen?
Das, was du vor zwanzig Jahren hättest anfangen müssen selbstständig leben.
Dann geht sie.
Martin bleibt zurück, allein in der dreckigen Wohnung. Zum ersten Mal in seinem Leben ganz allein.
Nur mit der Wahrheit.
Er sitzt bis Mitternacht auf dem Sofa.
Magen knurrt. Das Geschirr stinkt. Socken überall.
Mist, murmelt er und steht zum ersten Mal in dreißig Jahren auf, um selber das Geschirr zu spülen.
Ganz unbeholfen. Die Teller sind rutschig, die Hände brennen vom Spülmittel aber er schafft es.
Dann versucht er sich an Spiegeleiern. Er verbrennt sie. Zweiter Versuch essbar.
Am Morgen kommt ihm der Gedanke: Mama hatte Recht.
Eine Woche vergeht.
Jeden Tag lernt Martin was dazu: Waschen, kochen, putzen. Einkaufen und die Preise kennen. Den Tag planen, damit alles passt.
Das ist wirklich Arbeit.
Und plötzlich begreift er, wie Nicolette sich gefühlt hat.
Am Samstag, er ruft sie an.
Nico?, sagt er.
Was gibts?, ihre Stimme ist kalt.
Du hast Recht, sagt er direkt. Ich habe mich wie ein großes Kind benommen.
Nicolette schweigt.
Ich lebe jetzt eine Woche allein. Und ich habs kapiert, schluckt er. Ich weiß jetzt, wie anstrengend das ist. Es tut mir leid.
Lange Stille.
Weißt du was? Deine Mutter hat mich gestern angerufen. Sie bat auch um Verzeihung. Weil sie dich falsch erzogen hat.
Nach vier Wochen kommt Nicolette zurück.
Sie kommt in eine aufgeräumte Wohnung. Martin erwartet sie mit selbstgekochtem Essen und einem kleinen Blumenstrauß.
Willkommen Zuhause, sagt er.
Waltraud ruft jetzt jede Woche mal an. Fragt nach, aber bleibt aus dem Alltag raus.
Und als Martin eines Abends das Geschirr nach dem Abendessen spült und Nicolette den Tee macht, sagt sie:
Weißt du, ich mag unser neues Leben richtig gern.
Ich auch, sagt er und trocknet sich die Hände am Geschirrtuch. Schade, dass es so lange gedauert hat.
Aber immerhin sind wir angekommen, lächelt Nicolette.
Und das stimmt wirklich.





