Vielleicht will sie mich doch wieder zurück. Seit Neuestem schickt sie mir unsere Tochter jedes Wochenende vorbei.
Mit meiner Ex-Frau, Corinna, habe ich etwa neun Jahre zusammengewohnt. Die letzten vier davon sogar ganz offiziell als Eheleute. Kennengelernt haben wir uns in Heidelberg während des Studiums. Nach einem halben Jahr Kaffee trinken und langen Spaziergängen am Neckar habe ich ihr vorgeschlagen, zusammenzuziehen. Aber mit dem Heiratsantrag habe ich mich nicht gerade überschlagen, schließlich war Corinnas Temperament doch etwas anspruchsvoll.
Erst als wir meinten, jetzt wäre mal Zeit an Nachwuchs zu denken, haben wir den Schritt vor den Standesbeamten im schönen Rathaus gewagt. Ich dachte, das Mutterwerden würde ihr Gemüt etwas besänftigen, sie wäre vielleicht flexibler und weniger stur. Ich bildete mir ein, sie wollte unser ganzes Leben an meiner Seite verbringen.
Aber Pustekuchen, Träume und Wirklichkeit passen eben nicht immer in den gleichen Schuhkarton. Als unsere Tochter Emma dann da war, wurde Corinnas Laune eigentlich nur noch rauer. Es hat sie nicht gestört, dass ich damals als einziger das Brötchengeld verdient habe im Gegenteil: Sie hat mich regelmäßig mitten aus dem Büro telefoniert, weil sie mit Emma überfordert war oder dringend irgendwas gebraucht hat.
Geld war bei uns so knapp wie Schnee im Juli, trotzdem hat sie eisern darauf bestanden, dass ich jeden Abend zu Hause bin, statt vielleicht einen Nebenjob anzunehmen, um unsere Kasse ein bisschen aufzubessern.
Als Emma zwei geworden ist, stand Corinna das erste Mal mit gepackten Taschen in der Tür und war schwupps weg zu ihren Eltern ins Schwarzwaldidyll. Es hat mich einen Haufen Überzeugungsarbeit gekostet, sie wieder ins Stuttgarter Reihenhaus zu lotsen. Noch ein Jahr später waren wir wieder getrennt mit Emmas Eintritt in den Kindergarten flatterte mir eine Scheidungsklage ins Haus.
Es hat knapp ein Jahr gebraucht, bis ich wieder halbwegs auf den Beinen war. In meiner Familie wird eigentlich nur einmal geheiratet, und zwar für immer so wie gutes Vollkornbrot eben. Am Anfang wollte ich von Frauen erstmal nichts wissen. Aber wie das in diesem Bananenleben so läuft, meldet sich die Natur irgendwann, und ich fing an, wieder mit deutschen Damen Café trinken zu gehen.
Das war am Anfang sogar recht entspannt ein bisschen Flirten am Wochenende, kein Stress. Doch nachdem meine Ex spitzbekommen hat, dass ich nach einer neuen Partnerin Ausschau halte, schickt sie mir Emma plötzlich jedes Wochenende von Freitag bis Sonntag. Clemens, du weißt doch, dass ich unter der Woche nie Zeit für Dates habe! Da kann sie mir doch ruhig vorwerfen, ich würde das mit Absicht machen, um ihr die Freizeit zu klauen. Früher bin ich nach Feierabend halt zu Emma gefahren, jetzt heißt es: Entweder du holst sie das ganze Wochenende ab, oder du siehst sie gar nicht mehr!
Mir ist schleierhaft, warum Corinna so einen Aufwand betreibt, um mich am Kennenlernen anderer Frauen zu hindern, wo sie doch damals unbedingt die Scheidung wollte. Vielleicht sucht sie die große Versöhnung? Aber bei mir sind längst alle Gefühle auf Kühlschranktemperatur abgekühlt. Klar, wir haben unsere Tochter, und ich liebe Emma wie deutsche Schokolade, aber ich würde lieber noch mal einen neuen Versuch mit einer anderen Frau startenAber vielleicht ist genau das der Punkt. Zwischen all dem Gezeter und den kalten Absprachen um Emmas Besuchszeiten habe ich gemerkt, dass das eigentliche Drama längst vorbei ist. Was bleibt, sind Erinnerungen wie Schuhe, die nicht mehr so recht passen, aber man sie trotzdem im Schrank stehen lässt.
Am Sonntagabend, kurz bevor ich Emma wieder zu Corinna bringe, sitzen wir beim letzten Pfannkuchen am Küchentisch. Emma malt eine Sonne aufs Butterbrot und lacht über einen albernen Witz, den ich mir ausgedacht habe. In ihrem Blick ist nichts von dem Tauziehen zwischen den Eltern. Für sie ist dieses Wochenende einfach nur Papa-Zeit, und vielleicht ist das alles, was wirklich zählt.
Ich gebe Corinna Emma zurück, nicke kurz und spüre, dass meine eigene Rolle neu geschrieben wird. Kein Zurück in alte Muster, keine Eifersucht, kein Grübeln mehr. Stattdessen ein bisschen Stolz, ein bisschen Ruhe und die Hoffnung, dass es für uns alle ein schönes Morgen geben kann.
Es macht erstaunlich frei, wenn man akzeptiert, dass nicht jeder Schuhkarton für Träume gedacht ist. Manche eignen sich viel besser für das ganz normale Leben.





