„Fahr ruhig ganz zu deiner Mama, hat meine Frau gesagt: Die Geschichte einer Ehe zwischen Dorf und Stadt, um Traktoren, Immobilienkrach und Familienbande – Warum das Zuhause manchmal woanders liegt“

Fahr doch einfach auf Dauer zu deiner Mutter, sagte meine Frau

Wenn du jetzt gehst, sagte Anne leise, dann brauchst du nicht mehr zurückkommen. Überhaupt nicht. Pack deine Kanister, bleibenden Werkzeuge und die Trecker-Kataloge ein. Fahr zu deiner Mutter, und zwar ganz.

Die Wohnung ist meine, Martin. Geerbt von meinen Eltern. Und das Geld weißt du, ich komme klar.

Martin, heute ist Samstag. Wir haben Lena versprochen, ins Zirkus zu gehen. Und Essen müssen wir besorgen Der Kühlschrank ist leer.

Ich verzog das Gesicht.

Kauf halt selbst ein, der Laden ist doch gleich um die Ecke. Und zum Zirkus Nächstes Wochenende gehen wir. Ehrenwort. Aber gerade ist wirklich Ausnahmezustand Mutter friert.

Die friert seit fünf Jahren jede Woche, sagte Anne ruhig. Mal der Ofen, mal der Zaun, mal die Gurken sind komisch.

Meinst du nicht, dass du dort mehr Zeit verbringst als hier in der eigenen Wohnung?

Das ist auch mein Zuhause! entfuhr es mir. Ich bin dort aufgewachsen. Und deine Stadt Ich fühle mich hier eingesperrt. ArbeitHeim, ArbeitHeim.

Es gefällt mir einfach nicht, verstehst du? Ich will zurück aufs Land, nur dort lebe ich wirklich!

***

Seit Anne schwanger wurde, ist etwas zwischen uns gewachsen, wie eine unsichtbare Wand.

Sie wurde für mich zur Mutter meines Kindes, ein fast heiliges, geschlechtsloses Wesen, das man nicht berühren durfte.

Wir stritten seit fast fünf Jahren, regelmäßig, aber gingen nie auseinander aus irgendeinem Grund hielten wir an der Ehe fest.

Mein nächster Aufbruch ins Dorf endete natürlich mit Streit.

Du fängst schon wieder damit an! rief ich im Flur, während ich die Schuhe anzog. Bring ich Geld? Ja. Löse ich Probleme? Ja. Was willst du denn noch?

Ich will einen Mann, Martin. Und keinen Mitbewohner, der nur zum Umziehen und Essen kommt, zwischen seinen Schichten bei Mama.

So reichts. Mir reichts! Ich komme morgen spät, wartet nicht auf mich.

Ich rannte aus der Wohnung, Anne ging ans Fenster. Unser Auto, geparkt vor dem Haus, verließ den Hof mit quietschenden Reifen.

Eigentlich gings vor Lenas Geburt ganz gut, was ist nur aus ihm geworden? Sechzehn Jahre zusammen

***

Ein paar Wochen später hatte Anne ärger. Im Apartment ihrer Oma, das seit dem Umzug der alten Dame ins Heim leer stand, hatte ein entfernter Verwandter Quartier bezogen.

Jörg, ein Vetter dritten Grades, aus einem anderen Bundesland, war einfach eingezogen und meinte, er bleibe.

Woher er den Schlüssel hatte? Die Oma hat ihn mir gegeben, behauptete er. Auf jede Bitte reagierte er patzig.

Anne versuchte, das selbst zu richten, doch Jörg, kräftig und großmäulig, schlug ihr die Tür vor der Nase zu.

Martin, sagte Anne am Abend, als ich mal wieder zuhause war, wir müssen zur Oma fahren.

Dort sitzt Jörg, verhält sich unmöglich. Oma ist ganz aufgeregt, der Blutdruck geht hoch. Sie sagt, sie hätte niemanden reingelassen.

Der Idiot hat wohl das Schloss getauscht meine Schlüssel passen nicht. Der muss einfach raus.

Du bist der Mann, der hört auf dich.

Widerwillig legte ich mein Smartphone mit den Treckerfotos beiseite.

Was, einfach rauswerfen? Seine Sachen?

Von mir aus auf den Flur stellen! Der wohnt da doch widerrechtlich. Martin, ich brauche wirklich deine Hilfe. Ich habe Angst, da allein reinzugehen.

Ich seufzte und kratzte mich am Kopf.

Na gut. Ich fahre morgen nach der Arbeit hin und rede mit ihm. Aber bitte ohne Krach, Anne. Ich kann so was nicht leiden.

Am nächsten Tag fuhr ich tatsächlich hin. Im Gespräch wurde schnell klar: Jörg war gegen meine Statur machtlos, packte seine Sachen und verschwand.

Anne war erleichtert. Sie kochte sogar Abendessen, hoffte, dass das endlich ein Neuanfang für uns werden könnte.

Aber weit gefehlt! Am Abend rief meine Mutter an. Anne nahm ab, rechnete mit dem üblichen Jammern über den Blutdruck. Aber

Anne, ich weiß Bescheid.

Worüber denn, Frau Schulz? fragte Anne überrascht.

Wie du meinen Sohn einspannst! Was ist er denn für dich, son Hanswurst? Wieso muss Martin bei deinen Verwandten die Drecksarbeit machen? Regel deine Dinge selbst! Warum soll er sich so was antun?

Anne war perplex.

Frau Schulz, er ist mein Mann. Das ist auch sein Problem. Er hat doch nur einen unverschämten Typen rausgeworfen. Was ist denn daran so schlimm?

Das Schlimme ist, Anne, dass bei uns im Dorf jeder sagt: Du brauchst keinen Mann. Du behandelst ihn wie Personal!

Aber er ist zuerst mein Sohn! Also klär deinen Mist alleine und lass ihn aus deinen Sachen raus! Er hat hier ein Zuhause, hier eine Mutter, hier sein Leben! Du bist bloß Unterkunft für ihn dafür solltest du dankbar sein!

Anne hörte zu, alles verschwamm vor ihren Augen zum ersten Mal in sechzehn Jahren war meine Mutter dermaßen direkt zu ihr.

Verstehen Sie eigentlich, was Sie da sagen, Frau Schulz? Sie versuchen doch, unsere Ehe

Was für ne Ehe?, fiel meine Mutter ihr ins Wort. Ihr habt doch gar keine mehr. Martin gehört mit dem Herzen schon lange hierher.

Du hast das Kind bekommen? Gut gemacht. Aufgabe erfüllt. Jetzt lass meinen Sohn in Ruhe leben, wie er will.

Er erzählt mir alles, Anne. Dass du ihn nervst mit deinen Ansprüchen, ihn ständig antreibst. Lass ihn in Ruhe!

Anne legte langsam den Hörer weg und drehte sich zum Fenster. Ich trat ins Zimmer und verstand sofort.

Wer war dran?

Deine Mutter. Sie meint, ich hab kein Recht auf deine Unterstützung. Und dass ich dir eigentlich egal bin.

Ich hielt inne, verwirrt. Aber ich fing mich schnell.

Sie hat übertrieben, ist bloß besorgt. Du kennst sie doch, sie ist sehr emotional.

Emotional? Sie hat mich eben komplett abgeschrieben. Sie hat ganz klar gesagt: Für dich bin ich niemand.

Was hast du ihr erzählt? Hab ich dir angeblich Wagenladungen schleppen müssen?

Nein, garnicht! Hab nur gesagt, ich wär von gestern kaputt, musste extra zur Oma raus

Kaputt? Wovon? Anne sah mich fest an. Ich bin neununddreißig. Sechzehn Jahre sind wir verheiratet.

Dir muss klar werden, Martin: Du bist im Geiste längst mit deiner Mutter verheiratet, tief und hoffnungslos. Deine echte Familie ist dort im Dorf, mit deiner Mutter, die alles tut, um dich ganz abzugreifen.

Rede keinen Unsinn, gab ich unwirsch zurück, Richtung Tür gehend. Du übertreibst. Ich helfe halt den Eltern. Ist meine Pflicht.

Anne platzte heraus.

Und hier? Hier ist dein Kind! Hier ist die Frau, die mal deine Liebe war! Weißt du, warum zwischen uns schon lange nichts mehr ist? Weil du nur noch Mutter siehst, alles andere ist weg. Das ist krankhaft!

Schluss jetzt! Ich schlug mit der Faust an den Türrahmen. Ich fahr ins Dorf. Für ein paar Tage. Wir müssen beide runterkommen.

Wenn du jetzt gehst, sagte Anne leise, brauchst du nicht zurückkommen. Überhaupt nicht. Pack deine Sachen, Trecker-Zeugs, Kanister fahr zu deiner Mutter.

Renovieren, Garten, abendlicher Tee das ist doch dein Traumleben, oder?

Die Wohnung ist meine, Martin. Geerbt. Und das Geld ich komme schon klar.

Lieber allein, als sich im eigenen Zuhause überflüssig fühlen.

Ich packte schweigend meine Tasche. Sicher, Anne bluffte nur. Die Frauen in meiner Familie haben immer durchgehalten. Meine Mutter, meine Tanten immer.

***

Zwei Wochen verstrichen. Ich rief nicht an. Anne kannte mein System: Ich wartete bloß, dass sie sich entschuldigt. Früher hat sie immer zuerst nachgegeben.

Im Dorf wurde sicher gefeiert: Meine Mutter buk Pfannkuchen, feierte die Heimkehr ihres verlorenen Sohnes.

Anne saß nicht herum. Sie tauschte die Schlösser aus, forderte offiziell Unterhalt nicht den Hungerlohn, den ich für den Haushalt hingelegt hatte, sondern den richtigen Teil von meinem weißen Gehalt.

Sie suchte einen Anwalt und reichte die Scheidung ein.

Nach drei Wochen klingelte mein Handy.

Anne, hast du die Schlösser gewechselt? klang ich nervös. Ich war da, Schlüssel funktioniert nicht. Die Nachbarn gucken komisch

Anne, die bei einer Freundin in der Küche saß, erklärt ruhig.

Heute empfange ich keinen Besuch.

Anne, bist du verrückt geworden? Mach sofort auf! Ich habe doch noch meine Sachen drin, Ausweis liegt im Nachttisch

Deine Sachen sind beim Hausmeister unten. In den Kartons. Der Ausweis ebenso. Die Scheidungspapiere auch. Schau dir alles in Ruhe an.

Was für eine Scheidung? Anne, bitte Wegen meiner Mutter? Ich rede mit ihr, sie entschuldigt sich

Nicht nötig, Martin. Sie hat bekommen, was sie wollte. Sie hat dich jetzt ganz für sich. Viel Spaß.

Anne legte auf, ihre Freundin klopfte ihr auf die Schulter.

***

Anne machte sich mit Lena zum Spaziergang fertig. Die Vierjährige war ruhiger geworden, fragte nicht mehr nach Papa.

Papa tauchte jetzt alle zwei Wochen für ein paar Stunden auf, brachte Spielzeug und sah erstaunlich mitgenommen aus.

An dem Tag begegnete sie ihm vor dem Haus. Er stand am Wagen, wartete offensichtlich.

Hallo, murmelte ich. Kann Lena eine Stunde mitkommen? Ich geh mit ihr ins Café.

Hallo. Nimm sie mit. Aber Mütze aufbehalten, ist kalt.

Anne setzte sich auf die Bank und beobachtete, wie ich Lena anschnallte.

Und wie läufts im Dorf? fragte sie höflich.

Ich zuckte die Schultern.

Geht so. Ist langweilig.

Wieso? Da gibts doch Freunde, frische Luft, Natur. Deine Mutter ist auch immer da.

Ich schaue sie genervt an.

Mutter die nörgelt jetzt jeden Tag. Mal stört dies, mal das. Geld reicht ihr nicht wegen Unterhalt wird mir ja was vom Lohn abgezogen. Früher hab ich alles ihr gegeben, jetzt jeden Tag Theater. Sie meint, ich bin ein Versager, weil ich meine Frau verloren hab.

Anne konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Komisch, sie war doch so froh, als sie alles eingefädelt hat

Ich zuckte wieder die Schultern.

Sie dachte wohl, ich bleib bei ihr und mit Geld. Nun bin ich bei ihr ohne Geld.

Tja, ein Haus im Dorf braucht mehr als einen neuen Zaun pro Jahr. Da fällt alles auseinander.

Und die Kumpels die können nur saufen. Arbeiten will keiner.

Ich schwiegen, dann sah ich Anne an.

Ich dachte vielleicht könnten wir wieder anfangen? Ich miete ein Zimmer in der Stadt. Komme ab und zu vorbei

Anne richtete sich auf, band den Schal fester und sah mir fest ins Gesicht.

Nein, Martin. Wir fangen nicht wieder an. Weißt du, mir ist klar geworden, du hast das Dorf nie so geliebt, wie du immer behauptet hast.

Du bist nur davongelaufen vor Verantwortung, vor dem Erwachsensein. Dort bist du immer nur der Junge, dem alles verziehen wird.

Hier hättest du ein Mann sein müssen. Du hast es nicht geschafft.

Anne

Bring Lena in einer Stunde zurück. Und kein Eis für sie!

Sie drehte sich um und ging zum Haus. Endlich war alles klar.

Anne fiel auf, dass sie Martin sogar ein wenig bedauerte.

Dass man mit über vierzig noch immer nicht von der Schürze der Mutter loskommt

Und was hat er sich dabei erhofft, noch einmal zurückzukommen? Welche vernünftige Frau würde noch einmal exakt denselben Fehler machen?

Wenn ich aus dieser Geschichte eines lerne, dann das: Wer immer und immer wieder vor den Herausforderungen und Pflichten davonläuft, bleibt ein Leben lang ein Sohn, nie ein Mann. Man kann die Verantwortung nicht dauerhaft abgeben, ohne sich selbst zu verlieren.

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Homy
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