Ich will so gerne nach Hause, mein Junge
Petermann trat auf den Balkon, zündete sich eine Zigarette an und setzte sich auf den niedrigen Hocker. Ein bitterer Kloß stieg in seiner Kehle hoch; er versuchte sich zu fassen, doch seine Hände begannen unkontrolliert zu zittern. Wer hätte je gedacht, dass der Tag kommen würde, an dem er in seiner eigenen Wohnung keinen Platz mehr finden würde…
Papa! Du brauchst doch nicht eingeschnappt sein, rief seine älteste Tochter, Gundula, und stürmte auf den Balkon. Ich verlange doch nicht viel… Überlass uns dein Zimmer, das ist alles! Wenn du mich nicht bedauerst, dann denk wenigsten an deine Enkel. Die Kinder gehen bald zur Schule und müssen mit uns in einem Zimmer hausen…
Gundi, ich werde nicht ins Altersheim gehen, sagte Petermann ruhig. Wenn ihr mit den Kindern hier zu wenig Platz habt, dann zieht zu Miriams Mutter. Sie lebt alleine in ihrer großen Wohnung da hätten ihr und die Kinder alle ein eigenes Zimmer.
Du weißt, mit ihr könnte ich nie unter einem Dach leben! schimpfte Gundula und schlug die Balkontür zu.
Petermann streichelte seinen alten Hund Max, der ihm und seiner verstorbenen Frau über all die Jahre treu gedient hatte. Bei dem Gedanken an seine Hilde traten ihm die Tränen in die Augen. Immer, wenn er an sie dachte, musste er weinen. Fünf Jahre sind vergangen, seit sie ging und ihn zurückließ. Seitdem fühlte er sich wie ein Vollwaise, obwohl Tochter und Enkel um ihn waren. Das ganze Leben waren sie Seite an Seite gegangen wer hätte glauben können, dass ihn gerade im Kreise der Familie ein einsames Alter erwartete?
Gundula hatten sie mit Fürsorge und Liebe großgezogen und versucht, ihr das Beste mitzugeben. Aber wohl haben sie doch irgendwo versagt… Die Tochter war eigensinnig und rücksichtslos geworden.
Max winselte leise und legte sich zu seinen Füßen. Der Hund spürte den Gram seines Herrn und litt mit ihm.
Opa! Liebst du uns eigentlich gar nicht? fragte sein achtjähriger Enkel, Moritz, der ins Zimmer kam.
Quatsch, wie kommst du denn darauf? wundert sich Petermann.
Warum willst du nicht ausziehen? Ist es dir etwa zu schade, mir und Konrad das Zimmer zu überlassen? Warum bist du immer so geizig? Der Junge blickte ihn voller Wut und Missmut an.
Petermann wollte dem Enkel eigentlich etwas erklären, aber begriff schnell, dass Gundula ihm das eingeredet hatte.
Gut. Ich gehe, sagte er mit falscher Ruhe. Ihr bekommt mein Zimmer.
Er konnte diese bedrückende Atmosphäre nicht länger ertragen. Es war ihm klar, dass niemand im Haus ihn mehr wollte angefangen bei seinem Schwiegersohn, der nie mit ihm redete, bis hin zum Enkel, dem man eingebläut hatte, Opa würde ihm das Zimmer stehlen.
Papa! Ist das wirklich wahr? strahlte Gundula, als sie auf den Balkon stürmte.
Ja, sagte er leise. Aber bitte, tu Max nichts. Ich fühle mich wie ein Verräter…
Hör auf! Wir sorgen für ihn, gehen mehrfach am Tag mit ihm raus. Und am Wochenende besuchen wir dich im Heim und bringen Max mit, versprach die Tochter. Ich habe den besten Pflegeplatz für dich ausgesucht, du wirst sehen, dort gefällt es dir.
Zwei Tage später zog Petermann ins Altenheim. Die Tochter hatte alles längst arrangiert und wartete nur darauf, dass er endlich nachgab. Schon beim Betreten des muffigen, feuchten Zimmers bereute er seine Entscheidung. Gundula hatte die Wahrheit verdreht er war nicht in einem privaten Pflegeheim, sondern in einer staatlichen Einrichtung gelandet, gemeinsam mit anderen unglücklichen, verarmten Senioren.
Nachdem er sein Weniges eingeräumt hatte, ging er nach unten. Als er auf der Bank Platz nahm, war er den Tränen nahe. Der Anblick der alten Leute, die da hilflos vor sich hinwarfen, ließ ihn die armselige Zukunft erahnen, die ihm bevorstand.
Neu hier? sprach ihn eine freundliche ältere Dame von der Bank an.
Ja…, seufzte Petermann schwer.
Nicht so traurig… Ich hab auch am Anfang viel geweint. Aber dann gewöhnt man sich. Ich heiße Friederike.
Ich bin Petermann, stellte er sich vor. Sind Sie auch von Ihren Kindern hierher geschickt worden?
Nein. Mein Neffe. Gott hat mir keinen Nachwuchs geschenkt, also wollte ich ihm die Wohnung vermachen war wohl zu voreilig. Er hat sie behalten und mich abgeschoben. Immerhin nicht auf die Straße…
Sie unterhielten sich bis spät in den Abend, erinnerten sich an ihre Jugendjahre und ihre Partner. Am nächsten Morgen spazierten sie gleich nach dem Frühstück wieder gemeinsam hinaus.
Diese Frau brachte wenigstens ein bisschen Freude und Abwechslung in Petermanns düsteres Leben. Er hielt es im Heim kaum aus, verbrachte jede Stunde draußen. Das Essen war aus der Großküche und miserabel; er aß wenig, nur um Kraft zu haben.
Petermann wartete noch auf Gundula. Er hoffte, dass sie ihre Meinung ändern, Sehnsucht nach ihm bekommen und ihn wieder heimholen würde. Doch sie kam und kam nicht. Eines Tages versuchte er, zuhause anzurufen, um nach Max zu fragen doch niemand nahm den Hörer ab.
Einmal sah Petermann, als er vor dem Eingang stand, seinen alten Nachbarn, Stephan Müller, vorbeikommen. Stephan erblickte ihn, zeigte Überraschung und eilte zu ihm.
Da bist du ja! Die Gundula erzählt, du wärst aufs Land gezogen. Aber ich wusste, da stimmt was nicht du würdest Max niemals einfach auf die Straße setzen.
Wovon sprichst du? Petermann verstand nicht. Was ist mit meinem Hund?
Keine Sorge, er ist im Tierheim gelandet. Ich wusste auch nicht, was aus dir wurde. Plötzlich sitzt Max tagelang vor eurem Haus und du bist verschwunden. Gundula meinte, du wolltest ins Grüne und sie gäbe die Wohnung auf. Sie sagte, der Hund sei alt und du hättest keine Lust mehr auf ihn. Petermann, was ist wirklich passiert? fragte Stephan, als er sah, wie bleich Petermann wurde.
Petermann berichtete ihm alles. Er erzählte davon, dass er für einen Neuanfang alles geben würde nur um das Rad zurückzudrehen und seinen Fehler nicht zu machen. Nicht nur, dass seine Tochter ihm eine würdige Existenz nahm, sie hatte auch Max vor die Tür gesetzt.
Ich will so gerne nach Hause, mein Junge, flüsterte Petermann.
Deswegen bin ich heute hier. Ich bin Anwalt und setze mich oft für ältere Menschen ein. Ich habe gerade einen Fall eines alten Mannes, dem die Nachbarn sein Haus abgenommen haben. Aber in deinem Fall: Du bist nicht abgemeldet, oder?
Nein. Es sei denn, Gundula hat das hinter meinem Rücken gemacht. Ehrlich gesagt, traue ich ihr mittlerweile alles zu.
Pack deine Sachen, ich warte draußen im Wagen, entgegnete Stephan. Das geht so nicht! Was ist das überhaupt für eine Tochter…
Petermann rannte zu seinem Zimmer, warf alles in die Tasche und stürzte nach unten. Am Eingang begegnete er Friederike.
Friedl, ich fahre weg. Ich habe meinen Nachbarn getroffen; er sagt, meine Tochter hat Max auf die Straße gesetzt und verkauft bald die Wohnung. So ist das.
Was soll denn jetzt aus mir werden? fragte Friederike verzweifelt.
Keine Sorge. Sobald ich alles geregelt habe, komme ich wieder und hole dich, versprach Petermann.
Wer braucht mich denn noch? murmelte die alte Dame traurig.
Tut mir leid, ich muss jetzt los. Kopf hoch, ich halte mein Wort.
Petermann kam nicht mehr zurück in seine Wohnung. Die Tür war zu und er hatte keinen Schlüssel. Stephan nahm ihn bei sich auf. Bald stellte sich heraus, dass Gundula bereits zur Schwiegermutter gezogen war und die Wohnung an Fremde vermietet hatte.
Dank Stephans Hilfe konnte Petermann sein Recht auf die Wohnung durchsetzen.
Danke dir, sagte er zu Stephan. Aber ich weiß nicht, wie es jetzt weitergeht. Gundula hört nicht einfach auf, bevor sie mich endgültig los ist…
Es gibt nur eine Lösung, meinte Stephan. Wir verkaufen die Wohnung, zahlen Gundula ihren Anteil und kaufen dir von dem Rest ein kleines Haus auf dem Land.
Großartig! freute sich Petermann. Das ist die beste Lösung.
Nach drei Monaten zog Petermann in sein neues Haus. Stephan half ihm überall selbst jetzt bot er an, ihn und Max aufs Land zu fahren.
Wir machen noch einen kleinen Umweg, bitte, bat Petermann.
Aus der Ferne sah er Friederike auf ihrer Bank sitzen, traurig ins Nirgendwo blickend.
Friedl! Wir, Max und ich, kommen dich holen. Jetzt haben wir ein Häuschen draußen im Grünen: frische Luft, Angeln, Beeren, Pilze alles gleich ums Eck. Kommst du mit? fragte Petermann mit einem Lächeln.
Wie soll ich denn mitkommen? stutzte sie.
Steh einfach von der Bank auf und geh mit uns, lachte er. Entscheide dich! Uns hält hier nichts mehr.
Gib mir zehn Minuten, ja? sagte Friederike, die vor Freude kaum die Tränen zurückhalten konnte.
Natürlich warte ich! versicherte Petermann und lächelte.
Trotz aller Widrigkeiten fanden die beiden ihr eigenes kleines Glück. Sie lernten, dass die Welt nicht nur aus schlechten Menschen besteht. Und am Ende gibt es mehr Gutes als Schlechtes davon haben Petermann und Friederike sich selbst überzeugt. Das Leben lehrte mich: Man darf nicht aufgeben, muss für sein Glück kämpfen und manchmal wartet es am wenigsten erwarteten Ort.





