„Ich möchte endlich mal an mich denken und richtig ausschlafen“, sagte mein Mann beim Abschied Drei Monate dauerte dieses Chaos. Drei Monate schlafloser Nächte, in denen Max laut schrie und die Nachbarn an die Wand klopften. Drei Monate, in denen Marina wie ein Zombie mit roten Augen und zitternden Händen durchs Leben stapfte. Igor hingegen schlurfte miesgelaunt durch die Wohnung – wie ein Gewitter auf zwei Beinen. „Kannst du dir vorstellen, wie ich auf der Arbeit mittlerweile aussehe? Wie ein Penner!“, warf er eines Morgens einen Blick in den Spiegel. „Ich habe Augenringe bis zu den Kniescheiben.“ Marina schwieg. Fütterte ihren Sohn, schaukelte ihn, fütterte wieder – ein endloser Kreislauf. Und irgendwo in der Nähe tapste Igor umher, ihr Mann, der statt Unterstützung nur Beschwerden lieferte. „Sag mal, könnte deine Mutter mal einspringen?“, fragte er an einem Abend entspannt nach einer heißen Dusche. Frisch und ausgeruht. „Ich hab überlegt, ob ich vielleicht eine Woche zu einem Kumpel aufs Land fahre…“ Marina erstarrte mit dem Fläschchen in der Hand. „Ich brauche dringend eine Pause, Marina. Ganz ehrlich.“ Igor begann, seine Sachen in eine Sporttasche zu packen. „Ich habe schon ewig nicht mehr richtig geschlafen.“ Und sie? Schlafen?! Ihre Augen fallen zu, aber kaum liegt sie, fängt Max wieder an zu schreien. Und das ist in dieser Nacht schon das vierte Mal. „Mir ist auch alles zu viel…“, flüsterte sie. „Klar ist es schwer“, winkte Igor ab, während er sein Lieblingshemd in die Tasche stopfte. „Aber ich hab halt einen anspruchsvollen Job, Verantwortung – so kann ich nicht zu den Kund:innen.“ Und plötzlich sah Marina sich aus der Distanz: Sie im ausgebeulten Bademantel, mit zerzausten Haaren und schreiendem Kind auf dem Arm. Und er, der seine Tasche packt und vor allem wegrennt. „Ich möchte endlich mal für mich leben und schlafen“, murmelte Igor, ohne sie anzusehen. Die Tür fiel ins Schloss. Marina stand mit ihrem weinenden Sohn mitten in der Wohnung und spürte, wie innen alles zerfiel. Eine Woche verging. Dann noch eine. Igor meldete sich dreimal – fragte nach dem Rechten. Sein Ton war distanziert, als würde er mit einer entfernten Bekannten reden. „Komme am Wochenende.“ Kam nicht. „Bin morgen definitiv da.“ Wieder nichts. Marina wiegte den schreienden Sohn, wechselte Windeln, machte Fläschchen. Schlaf nur in halben Stunden zwischen den Fütterungen. „Bei dir alles gut?“ fragte eine Freundin. „Klar“, log Marina. Warum lügt sie? Es ist doch zum Schämen – der Mann hat sie verlassen. Sie allein mit dem Baby. Schlimmer kann’s doch kaum werden! Aber das Überraschendste passierte im Supermarkt – sie traf Lenas Kollegin, die mit Igor im Büro arbeitet. „Und wo steckt deiner?“, fragte Lena. „Arbeitet viel.“ „Klar. Männer sind alle gleich – sobald Kinder da sind, stecken sie nur noch im Büro.“ Lena rückte näher: „Sag mal, ist Igor oft auf Geschäftsreisen?“ „Welche Geschäftsreisen?“ „Na, nach Hamburg ist er doch gerade erst gefahren! Seminar. Hat uns die Fotos gezeigt.“ Hamburg? Wann das denn?! Marina erinnerte sich: Igor hatte letzte Woche drei Tage nicht angerufen. Sagt, er sei beschäftigt gewesen. Gelogen, nicht beschäftigt. In Hamburg entspannt. Igor kam schließlich am Samstag vorbei. Mit Blumen. „Entschuldige, dass ich länger nicht da war. Viel Arbeit.“ „Warst du in Hamburg?“ Er erstarrte mit dem Strauß in der Hand. „Wer hat das gesagt?“ „Egal. Wichtig ist: Warum lügst du?“ „Ich lüge nicht. Wollte nur nicht, dass du traurig bist, weil ich allein gefahren bin.“ Allein?! Mit Baby hätte sie sowieso nicht reisen können! „Igor, ich brauche Hilfe, verstehst du? Ich habe wochenlang nicht geschlafen.“ „Dann bezahlen wir halt eine Nanny.“ „Wovon? Du gibst doch kein Geld.“ „Wie kein Geld? Ich bezahle doch unsere Wohnung und die Nebenkosten.“ „Und für Essen? Windeln? Medikamente?“ Schweigen. Dann: „Vielleicht gehst du wieder arbeiten? Wenigstens in Teilzeit? Warum hockst du zuhause? Dann nehmen wir eine Nanny.“ Zu Hause hocken. Als wäre das Erholung! Marina nahm Max, sah Igor an und wusste plötzlich: Dieser Mann liebt sie nicht. Nie geliebt. „Geh.“ „Was?“ „Raus. Und komm nicht wieder, solange du nicht für dich selbst entschieden hast: Familie oder Freiheit.“ Igor nahm die Schlüssel und ging. Zwei Tage später schrieb er: „Denke nach.“ Marina schlief weiterhin nicht. Und dachte ebenfalls nach. Stellen Sie sich vor, Sie sind zum ersten Mal seit Monaten mit Ihren eigenen Gedanken allein. Mutter rief an: „Marina, wie geht’s? Igor nicht daheim?“ „In Geschäftsreise.“ Wieder gelogen. „Soll ich mal vorbeikommen? Helfen?“ „Ich schaffe das.“ Aber Mutter kam einfach von selbst. „Was ist denn hier los?“, schaute sich um. „Ach du meine Güte, sieh dich mal an!“ Marina sah in den Spiegel. Ja, famos. „Und Igor?“ „Arbeitet.“ „Um acht Uhr abends?“ Marina schwieg. „Was ist los?“ Da brach Marina in Tränen aus. Richtig – laut, verzweifelt, wie ein Kind. „Er ist weg. Sagt, er will für sich leben.“ Mutter schwieg. Dann: „So ein Mistkerl. Ein ganz seltener.“ Marina war überrascht. Ihre Mutter schimpfte nie. „Ich hab immer gedacht, Igor ist schwach. Aber so schwach hätte ich nicht erwartet.“ „Mama, vielleicht hab ich ja Schuld? Hätte ich mehr Verständnis zeigen müssen?“ „Marina, ist dir das alles nicht zu viel?“ Diese Einfachheit traf Marina – die ganze Zeit hatte sie nur an Igor gedacht. An seine Müdigkeit, seinen Komfort. Nie an sich selbst. „Was soll ich jetzt tun?“ „Leben. Ohne ihn. Lieber alleine, als mit so einem.“ Igor kam am Samstag zurück. Gebräunt. Wahrscheinlich hat er „nachgedacht“ auf dem Land. „Können wir reden?“ „Ja.“ Sie setzen sich: „Hör mal, Marina, ich weiß, es ist für dich hart. Aber für mich auch nicht leicht. Vielleicht einigen wir uns: Ich zahle Geld, besuche euch, wohne aber erstmal getrennt.“ „Wie viel?“ „Was?“ „Geld. Wie viel?“ „Naja, vielleicht tausend Euro.“ Tausend Euro. Fürs Kind, Essen, Medikamente. „Igor, verschwinde.“ „Was?!“ „Du hast mich schon verstanden. Und bleib weg.“ „Marina, ich meine es ernst!“ „Das meine ich auch. Freiheit wolltest du? Und wo bleibt meine?“ Und dann sagte Igor den Satz, der alles klärte: „Was willst du denn mit Freiheit? Du bist doch Mutter!“ Marina sah ihn an: Da war er, der echte Igor. Ein kindischer Egoist, der Mutterschaft für ein Urteil hält. „Morgen gebe ich den Antrag auf Unterhalt ab. Ein Viertel deines Gehalts. So steht’s im Gesetz.“ „Das traust du dich nicht!“ „Doch, das tu ich.“ Er ging und schlug die Tür zu. Und Marina spürte zum ersten Mal: Es wird leichter zu atmen. Max weinte. Aber jetzt wusste sie: Sie schafft das. Ein Jahr verging. Igor versuchte zweimal zurückzukommen. „Marina, wollen wir es probieren?“ „Zu spät.“ Igor bezeichnete Marina als zickig. Überhaupt nicht überzeugend. Marina fand eine Nanny, fing als Krankenschwester an. Auf der Arbeit lernte sie Arzt Andreas kennen. „Haben Sie Kinder?“ „Einen Sohn.“ „Und der Vater?“ „Lebt für sich.“ Sie stellte Andreas vor. Er brachte Max ein Spielzeugauto mit. Die beiden spielten und lachten zusammen. Bald spazierten sie oft gemeinsam durch den Park. Igor erfuhr davon. Rief an: „Das Kind ist ein Jahr, und du schon mit anderen Männern!“ „Und du? Soll ich warten?“ „Du bist Mutter!“ „Ja, bin ich. Und was ist?“ Er rief nie wieder an. Andreas war anders. Wenn Max krank wurde – kam sofort. Wenn Marina völlig erschöpft war – nahm sie mit zu seinem Häuschen aufs Land. Jetzt ist Max zwei. Nannte Andreas „Opa“. Igor erinnert er sich nicht. Igor hat wieder geheiratet. Unterhalt zahlt er. Marina ist nicht wütend. Auch sie lebt jetzt für sich selbst. Und das ist wunderbar.

Ich will mal nur an mich denken und endlich ausschlafen, verkündete mein Mann beim Gehen.

Drei Monate so lange ging dieses Chaos. Drei Monate ohne Schlaf, in denen der kleine Max so brüllte, dass die Nachbarn durch die Wand klopften. Drei Monate, in denen Marina wie ein Zombie durch die Wohnung stiefelte, mit roten Augen und zitternden Händen.

Und Igor zog mit Gewittermiene durch die Wohnung.

Kannst du dir vorstellen, wie ich auf der Arbeit aussehe? Wie ein Penner!, nölte er einmal vor dem Spiegel. Augenringe bis fast zu den Füßen.

Marina schwieg. Fütterte den Sohn, wiegte ihn, fütterte wieder. Endlosschleife. Und irgendwo tappte Igor herum ihr Ehemann, der statt zu helfen lieber jammerte.

Sag mal, kann deine Mutter vielleicht mal einspringen?, schlug Igor eines Abends vor, frisch und duftend nach dem Duschen. Ich hab da drüber nachgedacht vielleicht fahr ich mal für eine Woche zu einem Kumpel aufs Land?

Marina erstarrte mit der Flasche in der Hand.

Ich brauch echt mal Pause, Marina. Wirklich., begann Igor, packte schon seine Sportsachen. In letzter Zeit schlafe ich kaum eine Nacht durch.

Ach, sie etwa doch? Kaum legt Marina sich hin, fängt Max schon wieder an zu brüllen. Das war diese Nacht bereits das vierte Mal.

Mir gehts auch nicht gut, flüsterte Marina.

Na klar ist das hart, winkte Igor ab und quetschte noch sein Lieblingshemd in die Tasche. Aber meine Arbeit ist nun mal wichtig, viel Verantwortung. Da kann ich nicht wie ein Zombie vor die Kunden treten.

Und plötzlich sah Marina sich selbst von außen: Sie mit zerzausten Haaren, abgewetztem Bademantel, brüllendem Baby auf dem Arm. Und er am Kofferpacken, auf dem Sprung nach draußen.

Ich will mal nur für mich leben und schlafen, brummte Igor, ohne sie wirklich zu beachten.

Die Tür flog ins Schloss.

Marina stand da, mitten im Wohnzimmer, mit dem schreienden Sohn, und fühlte sich innerlich wie ein eingefallener Altbau in Berlin.

Eine Woche verging. Dann noch eine.

Igor rief drei Mal an Hows it going? Sein Ton war so distanziert, man hätte meinen können, er fragt den Nachbarn nach dem Wetter.

Komm am Wochenende vorbei.

Kam nicht.

Morgen ganz sicher.

Wieder Fehlanzeige.

Marina wiegte das brüllende Kind, wechselte Windeln, mixte Milchpulver. Schlaf: mal 30 Minuten zwischen den Schichten.

Alles gut bei dir?, textete ihre Freundin.

Super, log Marina.

Warum eigentlich die Lüge? Es war ihr peinlich. Peinlich, dass der Mann weg war. Dass sie mit dem Baby allein war.

Und dann, als wäre es nicht genug, traf sie beim Rewe Igors Kollegin.

Wo hast du denn deinen Mann versteckt, Marina?, fragte Lena.

Hat viel Arbeit.

Ach, typisch! Kaum kommt ein Kind, hängen die Männer nur noch im Büro rum. Sag mal, hat Igor jetzt öfter Dienstreisen?

Welche Dienstreisen denn?

Na, er war doch letztens auf Seminar in Hamburg! Hat Fotos rumgezeigt!

Hamburg? Wann das?

Marina erinnerte sich: Letzte Woche hatte Igor drei Tage nicht angerufen. War angeblich beschäftigt.

Beschäftigt am Elbstrand chillend.

Am Samstag erschien Igor, sogar mit Blumen.

Sorry, war lange nicht da. Viel Arbeit.

Bist du nach Hamburg gefahren?

Er erstarrte noch mit dem Strauß in der Hand.

Wer hat was gesagt?

Egal, warum belügst du mich?

Das ist kein Lügen ich wollte dich nicht ärgern, weil ich ohne dich gefahren bin.

Ohne sie! Als hätte sie die Wahl gehabt, irgendwohin zu fahren, während Max brüllt.

Igor, ich brauch Hilfe. Ich hab seit Wochen kaum geschlafen.

Wir nehmen eine Tagesmutter.

Wovon? Du gibst mir ja kein Geld.

Wie, kein Geld? Miete zahl ich doch, Strom und Wasser auch.

Und was mit Windeln, Essen, Babynahrung? Medikamente?

Igor schwieg. Dann:

Geh vielleicht wieder arbeiten? Wenigstens Teilzeit? Zuhause sitzen bringt ja auch nix. Tagesmutter zahlen wir zusammen.

Zuhause sitzen. Als säße sie da und lackiere sich die Nägel!

Da nahm Marina Max, sah Igor an und begriff: Der liebt sie nicht.

Nie geliebt.

Raus mit dir.

Wohin denn?

Weg. Bis du weißt, was dir wichtiger ist: Familie oder dein Singleleben.

Igor schnappte die Schlüssel und verschwand. Zwei Tage später schickte er: Ich denk nach.

Marina schlief eh nicht. Zeit zum Nachdenken hatte sie auch.

Das erste Mal seit Monaten allein mit ihren Gedanken.

Die Mutter meldete sich:

Marina, wie läufts denn? Ist Igor daheim?

Auf Dienstreise.

Schon wieder eine Lüge.

Will ich vorbeikommen? Helfen?

Ich schaffe das schon.

Aber Mutti kam trotzdem.

Wie siehts denn bei euch aus? Sie guckte sich um. Ach du meine Güte, Marina, sieh dich mal an!

Im Spiegel sah sie: ganz ehrlich, frisches Grauen.

Und Igor?

Arbeitet.

Abends um acht?

Marina schwieg.

Was ist los?

Und da fing sie an zu heulen. Richtig, wie ein Kind laut, verzweifelt.

Er ist weg. Sagt, er will mal für sich leben.

Mutter schwieg. Dann:

So ein Mistkerl.

Marina staunte. Ihre Mutter fluchte sonst nie.

Ich dachte immer, Igor ist schwach. Aber so feige hätte ich nicht erwartet.

Mama, bin ich falsch? Hätte ich Rücksicht nehmen sollen?

Marina, bist du etwa nicht fix und fertig?

Von diesem Satz ging ein Licht auf: Sie dachte dauernd nur an Igor und sein Befinden.

Nie an sich.

Was soll ich tun?

Leben. Ohne ihn. Lieber allein als mit so einem.

Igor stand Samstag wieder vor der Tür. Sonnengebräunt. Scheint, das Nachdenken fiel ihm am Badesee leicht.

Wollen wir reden?

Ja.

Sie setzten sich an den Küchentisch:

Marina, ich weiß, für dich ist das schwer für mich ists auch nicht leicht. Vielleicht finden wir ne Lösung. Ich zahle, komme vorbei. Aber jetzt erstmal getrennt.

Wie viel denn?

Wie wie viel? Geld?

Na ja, wie viel?

Vielleicht tausend Euro?

Tausend Euro. Für Kind, Essen, Medikamente.

Igor, verpiss dich.

Was?!

Du hasts gehört. Und komm nicht wieder.

Aber, Marina, ich will doch

Was? Freiheit? Und was ist mit meiner?

Da ließ Igor die Spruchbombe platzen:

Was für Freiheit? Du bist doch Mutter!

Da sah Marina ihn richtig: Der echte Igor, ewiges Riesenbaby, das Mutterschaft für lebenslänglich hält.

Morgen beantrage ich Unterhalt. Ein Viertel vom Gehalt. Gesetz ist Gesetz.

Du traust dich nicht!

Aber sicher.

Wieder knallte die Tür. Und zum ersten Mal konnte Marina durchatmen.

Max brüllte, aber jetzt wusste sie: Sie packt das.

Ein Jahr ging vorbei.

Igor versuchte zweimal zurückzukommen.

Marina, sollen wirs nochmal wagen?

Zu spät.

Jetzt maulte Igor rum, Marina sei zickig. Klingt nicht überzeugend.

Marina organisierte eine Tagesmutter, arbeitete wieder als Krankenschwester.

Und lernte am Klinikum einen Arzt namens Andreas kennen.

Hast du Kinder?

Einen Sohn.

Und der Papa?

Lebt nur für sich.

Sie stellte die beiden vor. Andreas brachte Max ein Spielzeugauto. Sie spielten, lachten zusammen.

Oft gingen sie jetzt als Trio spazieren, im Park.

Igor erfuhr davon. Rief an:

Das Kind ist ein Jahr alt und du läufst mit anderen Männern rum!

Was hast du erwartet? Dass ich auf dich warte?

Aber du bist Mutter!

Eben. Was dann?

Danach kam nichts mehr.

Andreas war anders. Wenn Max krank war, kam er sofort. Wenn Marina völlig platt war, nahm er sie und Max mit aufs Land.

Jetzt ist Max zwei. Sagt Onkel zu Andreas. An Igor erinnert er sich nicht mehr.

Igor hat geheiratet. Zahlt brav Unterhalt.

Marina ist nicht wütend.

Sie lebt jetzt auch endlich mal für sich. Und es ist wundervoll.

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Homy
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„Ich möchte endlich mal an mich denken und richtig ausschlafen“, sagte mein Mann beim Abschied Drei Monate dauerte dieses Chaos. Drei Monate schlafloser Nächte, in denen Max laut schrie und die Nachbarn an die Wand klopften. Drei Monate, in denen Marina wie ein Zombie mit roten Augen und zitternden Händen durchs Leben stapfte. Igor hingegen schlurfte miesgelaunt durch die Wohnung – wie ein Gewitter auf zwei Beinen. „Kannst du dir vorstellen, wie ich auf der Arbeit mittlerweile aussehe? Wie ein Penner!“, warf er eines Morgens einen Blick in den Spiegel. „Ich habe Augenringe bis zu den Kniescheiben.“ Marina schwieg. Fütterte ihren Sohn, schaukelte ihn, fütterte wieder – ein endloser Kreislauf. Und irgendwo in der Nähe tapste Igor umher, ihr Mann, der statt Unterstützung nur Beschwerden lieferte. „Sag mal, könnte deine Mutter mal einspringen?“, fragte er an einem Abend entspannt nach einer heißen Dusche. Frisch und ausgeruht. „Ich hab überlegt, ob ich vielleicht eine Woche zu einem Kumpel aufs Land fahre…“ Marina erstarrte mit dem Fläschchen in der Hand. „Ich brauche dringend eine Pause, Marina. Ganz ehrlich.“ Igor begann, seine Sachen in eine Sporttasche zu packen. „Ich habe schon ewig nicht mehr richtig geschlafen.“ Und sie? Schlafen?! Ihre Augen fallen zu, aber kaum liegt sie, fängt Max wieder an zu schreien. Und das ist in dieser Nacht schon das vierte Mal. „Mir ist auch alles zu viel…“, flüsterte sie. „Klar ist es schwer“, winkte Igor ab, während er sein Lieblingshemd in die Tasche stopfte. „Aber ich hab halt einen anspruchsvollen Job, Verantwortung – so kann ich nicht zu den Kund:innen.“ Und plötzlich sah Marina sich aus der Distanz: Sie im ausgebeulten Bademantel, mit zerzausten Haaren und schreiendem Kind auf dem Arm. Und er, der seine Tasche packt und vor allem wegrennt. „Ich möchte endlich mal für mich leben und schlafen“, murmelte Igor, ohne sie anzusehen. Die Tür fiel ins Schloss. Marina stand mit ihrem weinenden Sohn mitten in der Wohnung und spürte, wie innen alles zerfiel. Eine Woche verging. Dann noch eine. Igor meldete sich dreimal – fragte nach dem Rechten. Sein Ton war distanziert, als würde er mit einer entfernten Bekannten reden. „Komme am Wochenende.“ Kam nicht. „Bin morgen definitiv da.“ Wieder nichts. Marina wiegte den schreienden Sohn, wechselte Windeln, machte Fläschchen. Schlaf nur in halben Stunden zwischen den Fütterungen. „Bei dir alles gut?“ fragte eine Freundin. „Klar“, log Marina. Warum lügt sie? Es ist doch zum Schämen – der Mann hat sie verlassen. Sie allein mit dem Baby. Schlimmer kann’s doch kaum werden! Aber das Überraschendste passierte im Supermarkt – sie traf Lenas Kollegin, die mit Igor im Büro arbeitet. „Und wo steckt deiner?“, fragte Lena. „Arbeitet viel.“ „Klar. Männer sind alle gleich – sobald Kinder da sind, stecken sie nur noch im Büro.“ Lena rückte näher: „Sag mal, ist Igor oft auf Geschäftsreisen?“ „Welche Geschäftsreisen?“ „Na, nach Hamburg ist er doch gerade erst gefahren! Seminar. Hat uns die Fotos gezeigt.“ Hamburg? Wann das denn?! Marina erinnerte sich: Igor hatte letzte Woche drei Tage nicht angerufen. Sagt, er sei beschäftigt gewesen. Gelogen, nicht beschäftigt. In Hamburg entspannt. Igor kam schließlich am Samstag vorbei. Mit Blumen. „Entschuldige, dass ich länger nicht da war. Viel Arbeit.“ „Warst du in Hamburg?“ Er erstarrte mit dem Strauß in der Hand. „Wer hat das gesagt?“ „Egal. Wichtig ist: Warum lügst du?“ „Ich lüge nicht. Wollte nur nicht, dass du traurig bist, weil ich allein gefahren bin.“ Allein?! Mit Baby hätte sie sowieso nicht reisen können! „Igor, ich brauche Hilfe, verstehst du? Ich habe wochenlang nicht geschlafen.“ „Dann bezahlen wir halt eine Nanny.“ „Wovon? Du gibst doch kein Geld.“ „Wie kein Geld? Ich bezahle doch unsere Wohnung und die Nebenkosten.“ „Und für Essen? Windeln? Medikamente?“ Schweigen. Dann: „Vielleicht gehst du wieder arbeiten? Wenigstens in Teilzeit? Warum hockst du zuhause? Dann nehmen wir eine Nanny.“ Zu Hause hocken. Als wäre das Erholung! Marina nahm Max, sah Igor an und wusste plötzlich: Dieser Mann liebt sie nicht. Nie geliebt. „Geh.“ „Was?“ „Raus. Und komm nicht wieder, solange du nicht für dich selbst entschieden hast: Familie oder Freiheit.“ Igor nahm die Schlüssel und ging. Zwei Tage später schrieb er: „Denke nach.“ Marina schlief weiterhin nicht. Und dachte ebenfalls nach. Stellen Sie sich vor, Sie sind zum ersten Mal seit Monaten mit Ihren eigenen Gedanken allein. Mutter rief an: „Marina, wie geht’s? Igor nicht daheim?“ „In Geschäftsreise.“ Wieder gelogen. „Soll ich mal vorbeikommen? Helfen?“ „Ich schaffe das.“ Aber Mutter kam einfach von selbst. „Was ist denn hier los?“, schaute sich um. „Ach du meine Güte, sieh dich mal an!“ Marina sah in den Spiegel. Ja, famos. „Und Igor?“ „Arbeitet.“ „Um acht Uhr abends?“ Marina schwieg. „Was ist los?“ Da brach Marina in Tränen aus. Richtig – laut, verzweifelt, wie ein Kind. „Er ist weg. Sagt, er will für sich leben.“ Mutter schwieg. Dann: „So ein Mistkerl. Ein ganz seltener.“ Marina war überrascht. Ihre Mutter schimpfte nie. „Ich hab immer gedacht, Igor ist schwach. Aber so schwach hätte ich nicht erwartet.“ „Mama, vielleicht hab ich ja Schuld? Hätte ich mehr Verständnis zeigen müssen?“ „Marina, ist dir das alles nicht zu viel?“ Diese Einfachheit traf Marina – die ganze Zeit hatte sie nur an Igor gedacht. An seine Müdigkeit, seinen Komfort. Nie an sich selbst. „Was soll ich jetzt tun?“ „Leben. Ohne ihn. Lieber alleine, als mit so einem.“ Igor kam am Samstag zurück. Gebräunt. Wahrscheinlich hat er „nachgedacht“ auf dem Land. „Können wir reden?“ „Ja.“ Sie setzen sich: „Hör mal, Marina, ich weiß, es ist für dich hart. Aber für mich auch nicht leicht. Vielleicht einigen wir uns: Ich zahle Geld, besuche euch, wohne aber erstmal getrennt.“ „Wie viel?“ „Was?“ „Geld. Wie viel?“ „Naja, vielleicht tausend Euro.“ Tausend Euro. Fürs Kind, Essen, Medikamente. „Igor, verschwinde.“ „Was?!“ „Du hast mich schon verstanden. Und bleib weg.“ „Marina, ich meine es ernst!“ „Das meine ich auch. Freiheit wolltest du? Und wo bleibt meine?“ Und dann sagte Igor den Satz, der alles klärte: „Was willst du denn mit Freiheit? Du bist doch Mutter!“ Marina sah ihn an: Da war er, der echte Igor. Ein kindischer Egoist, der Mutterschaft für ein Urteil hält. „Morgen gebe ich den Antrag auf Unterhalt ab. Ein Viertel deines Gehalts. So steht’s im Gesetz.“ „Das traust du dich nicht!“ „Doch, das tu ich.“ Er ging und schlug die Tür zu. Und Marina spürte zum ersten Mal: Es wird leichter zu atmen. Max weinte. Aber jetzt wusste sie: Sie schafft das. Ein Jahr verging. Igor versuchte zweimal zurückzukommen. „Marina, wollen wir es probieren?“ „Zu spät.“ Igor bezeichnete Marina als zickig. Überhaupt nicht überzeugend. Marina fand eine Nanny, fing als Krankenschwester an. Auf der Arbeit lernte sie Arzt Andreas kennen. „Haben Sie Kinder?“ „Einen Sohn.“ „Und der Vater?“ „Lebt für sich.“ Sie stellte Andreas vor. Er brachte Max ein Spielzeugauto mit. Die beiden spielten und lachten zusammen. Bald spazierten sie oft gemeinsam durch den Park. Igor erfuhr davon. Rief an: „Das Kind ist ein Jahr, und du schon mit anderen Männern!“ „Und du? Soll ich warten?“ „Du bist Mutter!“ „Ja, bin ich. Und was ist?“ Er rief nie wieder an. Andreas war anders. Wenn Max krank wurde – kam sofort. Wenn Marina völlig erschöpft war – nahm sie mit zu seinem Häuschen aufs Land. Jetzt ist Max zwei. Nannte Andreas „Opa“. Igor erinnert er sich nicht. Igor hat wieder geheiratet. Unterhalt zahlt er. Marina ist nicht wütend. Auch sie lebt jetzt für sich selbst. Und das ist wunderbar.
Das Juweliergeschäft stand kurz vor Ladenschluss, als das Mädchen völlig durchnässt vom Regen durch die Tür stürmte.